Krause im grauen Fell

28. Juni 2025. Der Gangsterboss Mackie Messer und der zynische Geschäftsmann Jeremiah Peachum konkurrieren um die Vorherrschaft in London-Soho. So weit, so bekannt aus Bertolt Brechts und Elisabeth Hauptmanns Klassiker. Das Open-Air-Spektakel des Magdeburger Puppentheaters wartet allerdings mit einer Überraschung auf.  

Von Tobias Prüwer

"Die Dreigroschenoper" auf der Hofbühne des Magdeburger Puppentheaters © Viktoria Kühne

28. Juni 2025. "Aber in dem zerstörten Berlin / Wird vom dritten Weltkrieg gesprochen. / Köln liegt in Scherben, / Hamburg im Sterben / Und Dresden liegt zerschellt." Als Zugabe gibts eine Überraschung: Die "Dreigroschenoper" als Figurentheaterspektakel endet am Puppentheater Magdeburg mit einer fast verschollen geglaubten Alternativ-Version des "Kanonensongs". Bertolt Brecht hatte ihn angesichts der Niederschlagung Nazi-Deutschlands und des heraufziehenden Kalten Kriegs geschrieben. Regisseur Alvaro Schoeck wählt ihn als Epilog für seinen starken Ensembleabend: "Doch wenn Amerika / Sah diese Russen da, / Vielleicht, daß die sich krachten? / Dann gibts ein neues Schlachten, / Und Krause, wieder im grauen Fell, / Kriegt doch noch die Welt!"

Jahrmarkttheater und Budenzauber

Die leere, rechts gestufte Sommerbühne wird zu Beginn mit grauen Kisten vollgestellt. Diese dienen, immer wieder neu im großen Raum verteilt, als Spielflächen. Ein aufgehängter Vorhang wirkt wie ein Eiserner. Ein bisschen erinnert die stimmige Kulisse an Jahrmarkttheater und Budenzauber. Dass das Dargebotene nicht kleinteilig ausfällt und sich verliert, liegt an der raffinierten Verschmelzung von Puppenkörpern und Spielenden – einer beliebten Methode im Figurentheaterfach.

Kistenbausystem: Das Magdeburger Ensemble im Bühnenbild von Kristopher Kempf © Anjelika Conrad

Während die bekannte Handlung von den zwei rivalisieren Unterweltkönigen in verruchten Szenen, von Mackie Messers Fall und seiner wundersamen Rettung weitgehend originalgetreu gezeigt wird, ist die Inszenierung auf wenige tragende Rollen reduziert. Die werden von Figuren gespielt und treten als Puppentheaterköpfe auf. Mackie Messer ist ein Glatzkopf mit gezwirbeltem Oberlippenbart, zudem mit riesigen Pappmaché-Händen ausgestattet; ein Messer sieht man nicht. Torsobekleidung trägt das Ehepärchen Peachum – beide in Fell –, der Polizeichef eine Uniformjacke. Beine hat keine Figur. Die acht Spielenden führen sie allein oder zu zweit und auch mal zu dritt, wenn eine Hure mit Federboa wie eine Drachenschlange durch die Luft schwebt. Ein Spieler spricht jeweils eine Figur oder singt ihren Part. Er oder sie muss die Figur dafür nicht notwendigerweise gleichzeitig führen. Auch diese Trennung von Figur/Körper und Stimme wirkt als Verdopplung oder Verdreifachung: "Ich sehe immer deinen Mund an, und dann höre ich nicht, was du sprichst", wie es treffend im Brecht-Text heißt.

Halbwelt-Touch

Die Nebenrollen werden aus dem Kollektiv heraus gegeben, mal erscheint dafür ein Puppenkopf, meist erfolgt das abstrakt. Die Bettlermenge ist ein Haufen aus Spielenden mit Prothesen und Teilen von Schaufensterpuppen. Ähnlich amorph sieht die Messer-Gang aus. Das gelingt durch die kabaretthafte Kostümierung der Spielenden: Frauen stecken zumeist in Hosen und Hemden, die meisten Männer in Strumpfhosen, Kleidern oder Korsetts. Das erzeugt ein opulentes Hintergrundgewimmel, vor dem die Figurenköpfe erscheinen, und verleiht der Inszenierung einen hübsch halbseidenen Halbwelt-Toch. Es sorgt zugleich für viel Abwechslung auf der Bühne. Viele Requisiten braucht es nicht. Für einen Autounfall etwa genügt eine der Kisten als Fahrzeug, ein hochgehaltenes Pappschild mit "Baum"-Aufschrift als Hindernis.

Kabaretthafte Kostümierung: Die Spielenden in den Outfits von Sylvia Wanke © Viktoria Kühne

Die meisterliche Figurenführung als Ensembleleistung ist ein Markenzeichen der Magdeburger Institution. Alle Spielenden treten hinter die Figuren zurück, die sie kollektiv als die Stars des Abends animieren. Das Timing der synchronen Figurenführung ist immer wieder faszinierend. Das wird hier in zweifacher Hinsicht noch getoppt. Einerseits entfalten die Spielenden, auch wenn sie puppenlos sind, eine körperliche Präsenz auf der Bühne, die raumfüllend ist. Und dann ist da die Musik: Auf dem – mitunter elektronisch leicht verfremdeten – Akkordeon gibt die virtuose Claudia Buder die Melodien vor. Der Bänkelsang-Ansatz unterstützt den Charakter eines Volkstheaters.

Überzeugendes Amalgam

Und dann sind da die Spielenden, die sich als Gesangstalente, ähm: entpuppen. Allein und im Chor sind sie dabei präzise, ziehen die Aufmerksamkeit auf ihre Stimmen. Das führt zu einem Ganzen: Die Magdeburger "Dreigroschenoper" ist kein Figurentheater mit Gesang oder eine mit Puppen ausstaffierte Operette. Regisseur Schoeck erschafft zusammen mit dem Ensemble ein überzeugendes Amalgam aus mehreren Elementen. Skurril-humorige Momente überstrahlen nicht den sozial- und zeitkritischen Subtext, der ebensowenig krampfhaft aktualisiert wird. Dafür reicht die Alternativ-Variante des schlussendlichen "Kanonensongs", für den kurz vor der Premiere doch noch die Genehmigung der Kurt Weill Foundation nach Magdeburg ging. Wo der Abend auf wieder aufgeräumt leerer Bühne mit Brechts Worten endet: "Und Krause, wieder im grauen Fell, / Kriegt doch noch die Welt!"

Die Dreigroschenoper
von Bertolt Brecht (Text) und Kurt Weill (Musik) unter Mitarbeit von Elisabeth Hauptmann
Regie: Alvaro Schoeck, Dramaturgie: Sofie Neu, Puppen und Kostüme: Sylvia Wanke, Bühne: Kristopher Kempf, Akkordeon: Claudia Buder
Mit: Luisa Grüning, Florian Kräuter, Linda Mattern, Lennart Morgenstern, Leonhard Schubert, Kaspar Weith, Anna Wiesemeier, Freda Winter.
Premiere am 27. Juni 2025
Dauer: 2 Stunden 25 Minuten, eine Pause

www.puppentheater-magdeburg.de

Kritikenrundschau

Rundum gelungen zeigt sich das Stück, bei dem einfach alles stimmt, so Hans-Peter Voigt in der Magdeburger Volksstimme (30.6.2025). Die Puppenspieler nutzen ihr Metier gekonnt. "Ein Volltreffer" des Magdeburger Puppentheaters. Die Hofspektakel seien eine Erfolgsgeschichte ohnegleichen, die nicht mehr wegzudenken sind.

"Regisseur Alvaro Schoeck öffnet, vor allem durch das Puppenspiel, eine Tür in der Handlung, und wir sehen in den Maschinenraum des Erzählens hinein", schreibt Andreas Falentin in der Deutschen Bühne (28.6.2025) und lobt die Genauigkeit der Inszenierung. Gekonnt würden Explosionen übertriebener Ironie und lebende Bilder – mal eingefroren, oft in tänzerischer Bewegung – zur Aufheiterung eingestreut. Herausragend seien die Spieler:innen, auch als Sänger:innen.

 

Kommentare  
Dreigroschenoper, Magdeburg: Puppentheater & Kontinuität
Habe es leider nicht gesehen - aber frühere Magdeburger Hof-Spektakel.
Es ist immer lange im Voraus ausverkauft. Das zeigt doch, daß Puppentheater einfach nur Qualität und Kontinuität braucht, um NICHT als Kindertheater(ersatz) wahrgenommen zu werden.
Frau Berliner Kultursenator, beenden Sie SOFORT den permanenten Austausch von Puppenspiel(ern) gegen Performance, Installation, Objekttheater an Berlins einzigem staatlichen Puppentheater, der SCHAUBUDE.
(Interessant, daß auch nach jahrzehntelangem Puschen des "Theaters der Objekte" kaum ein Theaterinteressierter weiß, was Objekttheater ist).
Dreigroschenoper, Magdeburg: Hofspektakel
Wie kann man sowas auf die Bühne bringen ?
Es war schauderhaft!
Schlechte Spieler!!!
Schlechtes Stück!!!
Nie wieder!!!
Herr und Frau Putinella
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