Faust - Landestheater Eisenach
Das ewige Rätsel
23. Februar 2025. Großartige Bilder und fantastische Kostüme bietet Lydia Bunks radikal reduzierte Inszenierung von Goethes "Faust" in Eisenach, wo es erst seit dieser Spielzeit wieder eine Schauspielsparte gibt. Und sonst?
Von Marlene Drexler
"Faust" von Johann Wolfgang von Goethe am Landestheater Eisenach © Tobias Kromke
23. Februar 2025. Woran erkennt man einen Universalgelehrten mitten in einer veritablen Lebenskrise? Daran, dass er seine Bücher nicht mehr liest, sondern ihre Seiten heraus rupft und sich in den Mund stopft. Dieser Bücher fressende Faust (Lukas Umlauft) wirkt in seinem Bademantel und mit den strähnigen Haaren auch äußerlich verwahrlost. Schon maximal mental herabgewirtschaftet und mürbe von der mühsamen Sinnsucherei muss er für die Versuchungen des Teufels nicht erst gefügig gemacht werden.
Der Deal zwischen dem verzweifelten Wissenschaftler und Mephistopheles (Noah Alexander Wolf) lautet schließlich: ein wahrhaftig glücklicher Moment im Tausch gegen Fausts Seele. Für die Reise ins Ungewisse packt der Todessehnsüchtige ganz brav und pragmatisch zwei große Koffer. Wer weiß schon, wie lange so ein Trip mit dem Höllengesandten gehen wird?
Konzentration auf drei Figuren
In Eisenach geht der Santanstrip tatsächlich kürzer als gewöhnlich. Lydia Bunk, Schauspielchefin und Regisseurin des Abends, hat Goethes Opus Magnum, an dem er Jahrzehnte lang schrieb, radikal geschrumpft. Geschrumpft und damit für das kleine Ensemble am Eisenacher Landestheater passend gemacht, das seit dieser Spielzeit überhaupt erst wieder eine eigene, wenngleich auch kleine Schauspielsparte besitzt.
Faust geht immer, hat sich Lydia Bunk vielleicht gedacht und tatsächlich kann man konstatieren: Goethes Ur-Werk altert ziemlich gut. Vor allem, weil Fausts große Frage - "Was ist es, was die Welt im innersten zusammenhält?" - dem unaufhaltsamen Fortschritt von Technik und Wissenschaft zum Trotz das ewige Rätsel bleibt.
Beim Einkürzen war Regisseurin Lydia Bunk jedenfalls nicht zimperlich. Prolog? Nebenfiguren? Gelehrtentragödie? Alles gestrichen. Das Ergebnis: Eine Konzentration auf die drei Figuren Faust, Mephistopheles und Gretchen. Und eine gewisse Beschleunigung der Ereignisse, die sich vor allem bei Gretchens sowieso schon drastischen Absturz bemerkbar macht.
Gretchen im Glaskasten
Eben noch erlebte man eine selbstbewusste junge Frau, die Fausts einfältige Anmachsprüche im Vorübergehen frech pariert, den langen Zopf dabei temperamentvoll nach hinten wirft. Und gut gelaunt den einzigen Baum in einer ansonsten grauen und lebensfeindlichen Umgebung gießt. Nur einen gefühlten Augenschlag später wird Gretchen indes zum menschlichen Wrack und Sinnbild des Todes: eine Mutter, die ihren Säugling ertränkt hat. Unruhig sitzt sie in einem Glaskasten, juckt sich immer wieder hektisch mit der Schulter am Kopf und halluziniert, ihr Baby wäre noch am Leben.
Goyahafte Zyklopenlandschaft - Austattung: Birgit Leitzinger. Im Glaskasten: Luca Estelle Horvart © Tobias Kromke
Es ergeben sich doch Fragen aus diesem rasch erzählten Plot-Twist, bei dem auch Faust komplett aus der Verantwortung rutscht. Die zusätzliche Schwierigkeit: Bis sich die Fragen richtig geformt haben, geschweige denn Antworten darauf gefunden werden konnten, ist die Handlung schon im Schweinsgalopp um die nächste Ecke verschwunden. Wobei es Luca Estelle Horvart als Gretchen trotz des immer wieder fehlenden großen Spannungsbogen gelingt, Wendungen glaubwürdig rüberzubringen.
Ein fantastisches Märchen
Die dramaturgischen Ausfälle, die in der Strichfassung begründet sind, können zum Teil durch das gelungene Bühnenbild kompensiert werden. Birgit Leitzinger, die auch für die Kostüme verantwortlich ist, hat eine apokalyptische Vulkanlandschaft geschaffen, in der steile Gesteinsformationen in die Höhe ragen. In verschiedenfarbiges Licht gehüllt, entstehen atmosphärische Bilder, in die sich auch die prächtigen Kostüme wunderbar einfügen.
Seelentausch – Mephisto und Faust: Noah Alexander Wolf und Lukas Umlauf © Tobias Kromke
Ein besonderer Hingucker ist Mephistopheles mit seinen ständig wechselnden genderfluiden Outfits aus Lack-Einteilern, Ledermänteln, Haute Couture und Netzunterhemden – allesamt extravagante Styles, für die er in Berliner Clubs sicher anerkennende Blicke ergattern würde.
Sehnsucht nach Zumutung
Durch eine Verkürzung kann man eine Verdichtung erreichen, ein Destillat erzeugen. Oder aber an Tiefe verlieren und beliebig werden. Der Eisenacher Faust entfernt sich weit, sehr weit von Goethes Original. Das ist allem Anschein nach auch so gewollt. Kein Wunder, dass der Abend daher etappenweise nur noch wie eine Faust-Attrappe wirkt. Ganz offensichtlich hatte Regisseurin Lydia Bunk weder den Anspruch, dem Original genüge zu tun, noch das Interesse politische Dimensionen aufzumachen.
Aus dem Klassiker über die großen Menschheitsfragen wird so ein fantastisches Märchen auf Unterhaltungsniveau einer Fernsehserie. Ein interessantes künstlerisches Experiment. Im Ergebnis sind die knapp zweieinhalb Stunden am Ende jedoch so leicht verdaulich und wohl bekömmlich, dass die Sehnsucht nach einer gewissen Prise an Zumutung und Reibung aufkommt. Damit nicht alles in dem Moment vorbei ist, in dem der Vorhang fällt.
Faust
von Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Lydia Bunk, Bühne und Kostüme: Birgit Leitzinger
Mit: Lukas Umlauft, Noah Alexander Wolf, Luca Estelle Horvath, Sebastian Songin, Christoph Rabeneck, Lisa Störr, Friederike Fink, Tony Marossek, Nele Swanton
Premiere 22. Februar 2025
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten
landestheater-eisenach.de
Kritikenrundschau
"Lydia Bunk verwandelt den Tragödienstoff radikal in Energie, eine dunkle, (selbst-)zerstörerische," schreibt Michael Helbing in der Thüringer Allgemeinen (25. 2.2025). "Sie taucht ihn mit Ausstatterin Birgit Leitzinger in eine Endzeitstimmung und treibt Faust aus der Depression ins Delirium." Daraus werde "eine Erzählung von Zuständen: solchen, die man vorfindet oder imaginiert, solchen auch, die man dabei kriegt. Dass darunter Figuren zu Metaphern gerinnen, dass Motive eines Stückes mehr vorkommen als Motivationen, ist ein Preis, den diese Inszenierung zu zahlen hat."
"Alles in Bunks Inszenierung schreit: Faust, was hast Du angerichtet?! Die großartige Luca Estelle Horvath als Gretchen sitzt am Ende, in den Wahnsinn getrieben, in der Glaszelle – im irren Selbstgespräch versunken, das tote Kind noch neben sich. Nun rächt sich, dass Lukas Umlauft als Faust mit Blut ein großes F auf den nackten Oberkörper von Noah Alexander Wolf als Mephisto gepinselt hat. F wie Faust, aber auch F wie Fatalismus, der mit Blutzoll einhergeht. Was bei Bunk vom Fortschrittsstreben bleibt, ist ein Trümmerhaufen, bei ihr erstrahlt die vollends aufgeklärte Erde im Zeichen triumphalen Unheils, wie es an einer Stelle der 'Dialektik der Aufklärung' heißt." So berichtet Jakob Hayner in der Welt (5.3.2025).
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