Händler des Todes

27. März 2025. Mit "Eichmann in Jerusalem" schrieb Hannah Arendt eine der wirkmächtigsten Analysen des nationalsozialistischen Vernichtungsdenkens. Bei Stefano Massini treffen die Philosophin und der Organisator des Holocaust direkt aufeinander. Roger Vontobel inszeniert das Stück als gegenwärtige Studie über die geistigen Ursprünge des Massenmords.

Von Andreas Klaeui

"Eichmann – Wo die Nacht beginnt" in der Regie von Roger Vontobel an den Bühnen Bern © Yushiko Kusano

27. März 2025. Nun taucht er wieder öfter auf in den Theatern, der "Bruder" Eichmann. Der Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann, Organisator der Konzentration, Enteignung und Deportation in die Vernichtungslager von Millionen jüdischer Menschen, ist durch die Deutung Hannah Arendts zum Inbegriff der "furchtbaren Banalität des Bösen" geworden. 

Wir müssen uns heute die Frage nach der Moral unter dem totalitären Druck mit neuer Dringlichkeit stellen. Nach dem präzisen Moment, in dem der Weg umschlägt. Wie lässt sich der Punkt erkennen, an dem das Böse einsetzt? Gibt es ihn überhaupt? Es ist eine der beunruhigenden Fragen, die Hannah Arendt in ihrem Eichmann-Buch stellte, sie ist brisant wie seit Jahren nicht. Der italienische Autor und Regisseur Stefano Massini, der in seinen Zeitgeschichtsdramen wie wenige große Stoffe in leichtfassliche Formen zu gießen versteht, hängt an ihr seinen neuen Theatertext auf.

Vom Nichts zum Etwas

"Wo es beginnt – und aus welchem Grund es beginnt – das Böse. Es muss doch einen Moment, einen bestimmten Augenblick geben, in dem es Gestalt annimmt. Oder nicht? Den muss es doch geben. Alles hat einen Anfang. Diesen – kaum wahrnehmbaren – Augenblick, in dem man vom Nichts zum Etwas übergeht" – den sucht in Massinis Zweipersonenstück Hannah Arendt im Dialog mit Adolf Eichmann. Ein Dialog, der natürlich historisch niemals stattgefunden hat, das ist die explizite Prämisse, sie ist unverzichtbar als grundlegende dramaturgische Übereinkunft, die Massinis Spiel mit Nähe, Distanz und Perspektivenwechsel ermöglicht und zum Lehrstück macht.

"Sie sprechen vom 'Bösen': das Böse existiert nicht, es existiert nur die Angst davor, ihm zu begegnen", hält Eichmann Arendt entgegen. Der Schauspieler Claudius Körber als Eichmann sitzt im properen Anzug auf einem Bürosessel mittig in einer aufs Wesentliche reduzierten Gerichts-Arena, die Schauspielerin Lucia Kotikova in der Figur Hannah Arendts umkreist ihn mit ihren Fragen und ihrem Verstehenwollen. Auch das Publikum ist rundum platziert, im Reflex seiner selbst und seiner beobachtenden Rolle. Die Vorstellung findet nicht auf der Bühne statt, sondern im Foyer-Vorplatz der Vidmarhallen, einem aufgelassenen Industrieareal. Das Setting von Joanne Klopp ist schlicht und wirkungsvoll.

Wirkungsvolle Gerichts-Arena: Claudius Körber im Bühnenbild von Johanne Klopp © Yoshiko Kusano

Der Verwaltungsmassenmörder Eichmann ersteht darin einerseits als derjenige, der sich hinter dem Apparat versteckt, anderseits mit betonter Deutlichkeit auch als einer, der sich dem Rausch der neuerworbenen Macht hingibt, gern hingibt, der die Nähe zum Führer sucht, die narzisstische Gratifikation, endlich wer zu sein und was darzustellen.

Störungen im sauberen Apparat

Claudius Körber verschränkt die Arme in Abwehrhaltung, erwidert Arendt mit hochgerecktem Kinn, er verbindet kleinkarierte Rigidität mit der Street Smartness des Verkäufers, als der sich Eichmann gern sieht. Er befestigt das Totenkopf-Emblem an der SS-Mütze und rückt sie dann mit einer unscheinbaren, peniblen Geste grad. Wenn bei Erschießungen Blut spritzt, reagiert er kurz angewidert – es stört den sauberen Apparat, auf den er so stolz ist. Körber spielt das Böse als das Reguläre, er spielt nicht den Zynismus, der in der Eichmann-Figur angelegt ist, das macht den Zynismus umso größer. Immer bleibt er der kleine Junge, der einen guten Eindruck machen will, der Beste im System.

Am Ende sind es opportunistische Karriere-Manöver, an denen die Massaker von Millionen Menschen hängen. Lucia Kotikovas Arendt geht dem mit Überlegenheit auf die Spur, sie betrachtet ihr Objekt wie ein Insekt, die unangezündete Zigarette in der Hand, umkreist ihre Fallstudie dozierend wie im Hörsaal, nagelt Eichmann fest mit unerbittlicher Präzision, wenn er sich in Whataboutismus und Euphemismen flüchtet, begegnet seiner opportunistischen Willfährigkeit immer mal auch mit Ironie. Die Kontrolle verliert sie einzig bei der Frage nach dem Beweggrund. Warum ging Eichmann den entscheidenden Schritt weiter?

Eichmann-Wo die Nacht beginnt:Regie: Roger VontobelDramaturgie: Julia FahleBühne: Joanne KloppKostüme: Anouk Hufschmid HirschbühlSpiel: Claudias Körber, Lucia Kotikova.(Yoshiko Kusano)Fallstudie und Verhör: Claudius Körber als Adolf Eichmann und Lucia Kotikova als Hannah Arendt © Yoshiko Kusano

Es ist das pure Entsetzen angesichts der Unmöglichkeit von Empathie. Regisseur Roger Vontobel tritt in der Spielweise sozusagen den humanistischen Gegenbeweis an, er feiert die Einfühlung. Er lässt beiden Figuren viel Raum, bringt sie in maximale Spannung zueinander, lässt sie sich anziehen und abstoßen wie die gegensätzlichen Pole eines Magnets. Luft verschaffen die musikalischen Einwürfe des Geigers Sebastian Lötscher, die den Schmerz des Klezmer mit den Dissonanzen der Moderne verbinden. Der Rest ist Dichte, Intensität, Beklemmung.

Plädoyer in geschichtsverlogenen Zeiten

Massini hat recherchiert, neben Hannah Arendts "Bericht von der Banalität des Bösen" für den Stücktext auch Vernehmungsprotokolle und Gerichtsprotokolle herbeigezogen, er folgt dramaturgisch fortlaufend den Karriereschritten dieses willigen Ingenieurs der "Endlösung". Reflektiert werden die Episoden einerseits durch die Analysen Hannah Arendts, anderseits auch mal durch eine Gegenerzählung wie die der Geschwister Sophie und Hans Scholl und der "Weißen Rose".

Das ist anekdotisch zugespitzt, dadurch anschaulich und spannungsvoll und im großen Ganzen historisch akkurat; vermutlich ist es in unseren geschichtsvergessenen, wenn nicht -verlogenen Zeiten allein schon ein Verdienst, darauf hinzuweisen, dass es die Shoah gab und dass sie eben nicht ab einem fixen Punkt plötzlich da war. Es gibt immer eine Wahl, ist die beharrliche Position von Massinis Arendt-Figur in der sich verfinsternden Nacht. Es war nicht Eichmann, der den Holocaust erfunden hat. Eichmann hat ihn aber umgesetzt.

Eichmann – wo die Nacht beginnt
von Stefano Massini
Deutsch von Sabine Heymann
Regie: Roger Vontobel, Mitarbeit Regie: Ilinca Purică, Live-Musik: Sebastian Lötscher, Bühne: Joanne Klopp, Kostüme: Anouk Hufschmid Hirschbühl, Licht: Reto Dietrich, Dramaturgie: Julia Fahle.
Mit: Claudius Körber, Lucia Kotikova.
Premiere am 26. März 2025
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.buehnenbern.ch

 

Kritikenrundschau

Regula Fuchs von Der Bund (27.3.2025) schreibt: "Inszeniert ist das spröde, da ist kaum Bewegung, fast nur Text – was dem Stoff angemessen ist." Und weiter: "Die grosse Leistung von 'Eichmann – wo die Nacht beginnt' ist, dass der unerbittliche Erkenntnisdurst Hannah Arendts auf der Bühne lebendig wird. Man kann sich dieses ausdauernde Verstehenwollen zum Vorbild nehmen, wenn es darum geht, über das Böse unserer Tage nachzudenken."

"Der grundsätzliche, fast nüchterne Zugang der Inszenierung zum Thema Holocaust mag bezüglich Mentalität und vor allem historischer Verantwortung des Landes besonders schweizerisch sein. In jedem Fall verbindet er sich gut mit der Textvorlage", schreibt Detlev Baur in der Deutschen Bühne (27.3.2025). "Der Berner Inszenierung gelingt es, dem Bösen nachzuspüren, der Denk-Faulheit, deren Ergebnis Gewalt und Mord waren – und immer wieder werden können."

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