Der Vater ist immer der Gärtner...

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 11. Oktober 2014. … aber wer ist dann sein Mörder? Und wer sind die Mitwisser? Das mitwissen wir seit gestern, haben es erfahren im Schauspielhaus Wien. Geahnt haben wir es schon deutlich länger, denn Thiemo Strutzenberger (Jahrgang 1982) grast in seinem Stück "Hunde Gottes" auf einer schon mehrmals abgearbeiteten Wiese: will er ein neues Lied aufs Hollywood-Melodram singen. Besonders auf Douglas Sirk und seinen Film "All that Heaven allows". Den haben zwar auch schon Rainer Werner Fassbinder (mit "Angst essen Seele auf") und Todd Haynes (mit "Far from Heaven") paraphrasiert – aber alle paar Jahrzehnte kann man schon dem guten alten Rührstück zur Gerechtigkeit verhelfen wollen. Es hat es verdient, denn bei näherer Betrachtung steht es ideologisch nicht so ungebrochen da mit seinem mehr oder eben weniger sanften Träume-Schäumen des Kleinbürgers vom unteren Rand der Bourgeoisie.

Also: Übergroße Gefühle, denn irgendwie muss alles raus an dem Abend, an dem Dante Alighieri Besuch von Francesco Petrarca (ja, echt!) bekommt. Die florentinische Renaissance liegt freilich schon eine gute Weile zurück, deshalb ist Herr Dante Architekt und Herr Petrarca sein Chef im Unternehmen. Tut eigentlich wenig zur Sache, ermöglicht aber den einen oder anderen Gedankenausflug. Das eigene Seelengehäuse und das Haus, in dem wir wohnen, das Einladen oder Hineinlassen anderer ins jeweilige Interieur ist immer ein Thema. Kann jetzt sein oder in der Renaissance. Irgendwelche geistige Regsamkeiten braucht man schließlich, auch wenn man auf unansehnlichen Dutzend-Gartenmöbeln hockt. Bühnenbildner Johannes Weckl hat auf der Wiese einen Riesenkopf bis auf die Oberlippe einsinken und ein kleines antikisierendes Säulchen umgefallen daliegen lassen. Merk auf: Da ist ein Bildungskanon im Absaufen.

hundegottes1 560 maoz jung hoeld alexi pelekanos uAbsaufender Bildungskanon oder der Brückenschlag über die Renaissance in die Antike?
Gideon Maoz, Katja Jung, Steffen Höld © Alexi Pelekanos

Alles muss raus auf der Bühne des Wiener Schauspielhauses, wo Strutzenberger seit 2010 auch Mtglied des Schauspielensembles ist: Betty Alighieri, Frau von Dante und Filmschauspielerin, offenbart ihrem Sohn Leonardo, dass eigentlich Mr. Deagan, Gärtner des Hauses, sein Vater ist. Der wusste bis dato auch nichts von diesem Sprössling. Dem Neo-Vater wiederum ist seine Tochter Laura davongelaufen, aber da kommt sie auch schon daher, als Freundin Petrarcas. Der hat sie als Prostituierte aufgegabelt. Jetzt macht sie einen Crashkurs in Sachen Bourgeoisie durch (so in etwa beschreibt Petrarca das amourös aufgeweichte sozialpolitische Unternehmen).

Ehrgeizige Gedankenspiele

Was Thiemo Stutzenbergers Figuren alle andauernd tun: Sie heben zu Grundsatzmonologen an, die das ehrgeizige Philosophieren studentischer Achtundsechziger wie posthumen Smalltalk erscheinen lassen. Gleich nach jeder Intelligenzkotzerei verdrehen sie die Augen, ringen die Hände, und bedeutungsschwere Musikwogen heben die Emotion gattungsspezifisch passend über die nächste Welle. Die See ist bewegt, drum ist die Welt in anderthalb Stunden mitsamt melodramatischem Scheitern gediegen vermessen.

Gründliche Leser brauchen für das 16-Spalten-Interview mit dem Autor im Programmheft womöglich nur unwesentlich weniger Zeit. Dort erklärt er haarklein, wie komplex sein Gedankengebäude für das kleine Stück ist, wie viele Bezüge, Querverbindungen, Denk-Hinterhälte er eingebaut hat. Der Stücktitel "Hunde Gottes" hat mit den Dominikanern zu tun, mit ihrem Einsatz gegen alle Sünde der Welt, und sogar Savonarola kommt da ins Gedankenspiel.

"Zur Tragödie reicht es nicht hin"

So das Stück überlebt, können sich Theater-Theoretiker an so viel subkutaner Gelehrsamkeit viele Zähne ausbeißen. Fürs erste Mal hat Barbara Weber als Regisseurin recht geschickt dreingeschlagen in den Wort-Wildwuchs. Nicht durch Kahlschlag mit der Machete, durch das Knicken des Dickichts zeichnet sich ihr Zugriff aus. Für den Autor ist Humor bestenfalls ein Nebenprodukt, aber Webers szenische Umsetzung trifft ziemlich genau das Genre-Spezifische im Melodram: Je ernster und überdimensionierter die Gefühle, umso kräftiger zerren die Nervensignale in Richtung Ironie oder gar Parodie.

hundegottes3 560 kirsch alexi pelekanos uAuch das alte Rom kannte schon die Prostitution: Nicola Kirsch als Laura © Alexi Pelekanos

Saftige Typen auf der Bühne, auch wenn sie Papierenes von sich geben müssen: Katja Jung ist die alternde Schauspielerin Betty Alighieri, die das Schicksal ordentlich hin- und hergeworfen hat. Wenn sie ihr Geschick quasi selbst moderiert, ist jede Geste um das gewisse Etwas zu groß, um souverän zu wirken. Francesco Petrarca (Florian von Manteuffel) stolpert genau so über die gut einstudierten Gesten des Bonvivants. Dante (Steffen Höld), mehr Haus-Gnom als Hausvater, legt schwarze Frauenkleider an, um als "italienische Witwe" seine Nummer abzuziehen: "Meine Trauer ist wie Ernsthaftigkeit, die versagt", erklärt er. "Zur Tragödie reicht es nicht hin." Nicola Kirsch als Laura ist jene, die von draußen kommt und die Underdog-Bourgeoisie eigentlich bloßstellen sollte. Auch diese Figur monologisiert, aber da wird die Brüchigkeit der Gedankenwelten sichtbar.

Einen schönen Satz hat Thiemo Strutzenberger Francesco Petrarca in den Text geschrieben: "Die Liebe kann nur zwischen zwei Menschen hinein und viel weiter kommt sie halt nicht." So einfach könnte alles sein.      

 

Hunde Gottes
von Thiemo Strutzenberger
Regie: Barbara Weber, Bühnenbild: Johannes Weckl, Kostüme: Elke Gattinger, Musik: Arvild Baud.
Mit: Katja Jung, Nicola Kirsch, Florian von Manteuffel, Steffen Höld, Gideon Maoz, Simon Zagermann.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.at



Kritikenrundschau

Die "lebendige, stilsichere Regie" von Barbara Weber habe "sich den teils großartigen, teils überkomplizierten Text meisterhaft anverwandelt", schreibt Barbara Petsch in der Presse (13.10.2014). Katja Jung spiele die Protagonistin Betty Alighieri "phänomenal in allen dramatischen Farben schillernd". Der Abend sei im Ganzen: "Ein reiches, auch formal interessantes, vielleicht sogar zukunftsweisendes Kunstwerk".

Ein "famoses Stück" habe Thiemo Strutzenberger hier vorgelegt, schreibt Margarete Affenzeller im Standard (13.10.2014). Strutzenberger überziehe die Folie des Melodramas mit einer historischen Perspektive und lass die Figuren "ihre Subtexte gleich" mitsprechen. "Ähnlich wie bei René Pollesch sind die Dialoge mit Theorien befrachtet und oft witzig gebrochen." Regisseurin Barbara Weber habe reichlich aus seiner Vorlage "geschöpft und eine aufregende Inszenierung arrangiert", die "Stoff bietet und zu Momenten erschütternder Wahrhaftigkeit vordringt".

Der 32-jährige Thiemo Strutzenberger "dürfte der erste Schauspieler der Theatergeschichte sein, der nicht nur Stücke schreibt, sondern auch auf ein abgeschlossenes Studium in Gender Studies verweisen kann", so Wolfgang Kralicek in der Süddeutschen Zeitung (23.10.2014). Den Theorie-Background merke man seinen Texten an. "Hunde Gottes" greife nicht nur Sirks Melodramen auf, sondern verhandele auch den Sodomiebegriff im Florenz der Frührenaissance. "Das ist ein bisschen verkopft", liefere aber auch viel brauchbares Spielmaterial. In Barbara Webers "entspannt-überspannter Inszenierung ist 'Hunde Gottes' eine oft sehr vergnügliche Mischung aus Emotion und Dekonstruktion, Parodie und Hommage."

 
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