Haarcolorationen gegen den Grauschleier der Existenz

von Ariane von Graffenried 

Basel, 15. April 2007. "Ich muss pupsen", sagt der alte Pantoffelheld und lehnt sich in den Sessel. "Dann pups doch", antwortet seinen Frau und versinkt im Fauteuil, dicht neben ihm. Seit Jahren sitzen sie so beieinander und haben sich nichts mehr zu sagen. Sieht so die Ehe unserer Eltern aus? Müssen wir uns davor fürchten?

"Angst" heißt der Abend im Theater Basel. Ein Name wie ein Koloss, den Caro Thum für ihr Schauspiel gewählt hat, dessen Uraufführung auf der Kleinen Bühne sie gleich auch noch selbst inszeniert. Eine Dreissigjährige – erst im letzten Jahr beendete sie ihr Regiestudium an der Züricher Hochschule für Musik und Theater – ohne Scheu vor großen Themen. In der laufenden Spielzeit entwickelte sie bereits ein Ensembleprojekt für Kinder ab sieben. Zur Problematik des Schicksals!

Ängste bestimmen unser Lebensgefühl, ihre Mechanismen will Thum, so steht es in der Ankündigung, hinterfragen und theatralisieren: "Angesichts grosser Umwälzungen im ökonomischen und sozialen Gefüge scheint die Verunsicherung gross". Die "Spaßgesellschaft" sei einer "Angstgesellschaft" gewichen, die sich vor "dauerhaften Beziehungen", "Terror" oder "der Klimakatastrophe" fürchtet. "Wie benutzen Politik und Medien Ängste zu ihren Zwecken?", wird weiter gefragt. 

Nicht mit Angst, höchstens mit Bedauern erfüllt einen der Anblick des biederen, alten Paares. Einen grauen Teppichstreifen hat Beate Fassnacht in der Bühnenmitte ausgerollt. Darauf richten sich die Eheleute im warmen Schein einer Ständerlampe im klinisch-klaustrophobischen Backsteinraum subtil zugrunde. Peter Schröder in gemustertem Wollpullover und Chantal Le Moigns in braun scheckigem Kleid sind an fader Kleinbürgerlichkeit kaum zu übertreffen. "Vielleicht könnte eine Haarcoloration etwas ändern", sagt die Ehefrau. Wohl kaum. Die beiden sind gemeinsam einsam. Der alte Otto Normalverbraucher muss sich in Zeiten des Humankapitals vor der Kündigung fürchten. Mit seiner Frau Biedermann spricht er nicht darüber. Sie möchte ausgehen, wenn heute nicht heute und ihr Mann nicht ihr Mann wäre – so geht sie lieber einkaufen oder umarmt die Ständerlampe. Diese Ehe hat längst das Verfallsdatum überschritten.

Unglaubwürdig, unglaubwürdig!

Auch die junge Frau am linken Bühnenrand ist einsam: Nicole Coulibaly, ein trauriger Single in pastellfarbenem Faltenrock und Wollsocken, sitzt auf einem elektrischen Heizstrahler, stottert Konjunktive und rauft sich, aus lauter Angst vor dem Alleinsein, die Haare. Lorenz Nufer nimmt, in samtenen Schlaghosen und schwarzem Hemd, die rechte Bühnenhälfte in Beschlag, bietet marktschreierisch zweifelhafte Mode-Ratschläge und Anmach-Tipps feil. Die Sorge des jungen Mannes, nicht trendbewusst rüberzukommen, nimmt viel Raum ein. Doch seine Furcht, uncool zu scheinen, lässt einen kalt. Wer sich vor den Geboten des Lifestyle ernsthaft fürchtet, ist zurückhaltender, ist vorsichtiger. Nicht nur das Wohnzimmer der Alten trennt das junge Paar. Ihre Begegnungsversuche scheitern meist an Nufers albernen Bemühungen: "Lustig, wie sich dein Kinn kräuselt, wenn du lachst." Was bleibt Couilably da übrig? Sie lacht ihn aus.

Kein Anlass für Schlaflosigkeit 

So etwas wie Angst kommt an diesem Abend nie auf, höchstens Mitleid, etwa wenn Peter Schröder besorgt seine Katze sucht, die er später töten wird, oder Coulibaly den Heizstrahler am Kabel Gassi führt und man ihr einen echten Hund wünscht. Dabei: an den Schauspielern liegt es nicht, wenn ihnen die Autor-/Regisseurin keine größere Furcht zugesteht als die, vom anderen Geschlecht nicht ernst genommen zu werden. Auch zwischen den Paaren, den Alten und den Jungen, entsteht weder Nähe noch Hass. Sie nehmen sich schlicht nicht wahr. Nur einmal taucht Couilably neben Schröders Sessel auf, als seine Frau nach Südafrika reisen will und er schreit: "Überall Aids! Und Schwarze!" Es dauert lange, bis er die dunkelhäutige Schauspielerin neben sich registriert und verstummt. 

Der grosse Titel des Abends und seine vollmundigen Ankündigungen jedenfalls grenzen an böswillige Irreführung. Die "Angstgesellschaft" findet einzig  in Schlagzeilen statt, die Peter Schröder seiner Frau aus der Zeitung vorliest: "Klimaschock. Eisbären fressen sich auf." Thums Inszenierung ist ein zwar gelegentlich amüsantes, vor allem aber banales, statisches Kammerspiel, in dem die Angst, nicht zu gefallen, als größtmöglicher Schadensfall firmiert. Wenn das unsere einzige Sorge ist, können wir beruhigt einschlafen.

 

Angst. Variationen eines gefürchteten Gefühls (UA)
von Caro Thum
Regie: Caro Thum, Bühne und Kostüme: Beate Fassnacht, Musik: Biber Gullatz
Mit: Nicole Coulibaly, Chantal Le Moign, Lorenz Nufer, Peter Schröder

www.theater-basel.ch

Kritikenrundschau

In der Neuen Züricher Zeitung (17.4.2007) lobt Alfred Schlienger die "Szenarien der Angst", die Caro Thum entfaltet, als "so wohlvertraut wie absurd, so lachhaft wie logisch, so privat wie global". Die Autorin "mischt leichthändig zum Gesprochenen auch das Unausgesprochene und garniert das Ganze mit dem buhlerischen Angst-Groove der Medien." Die Inszenierung selbst überzeugt Schlienger weniger. Solange die Lebenswelten, in denen die Angstthemen durchgespielt werden, auf der Bühne getrennt blieben, hätte der Abend einige Mühe, in Fahrt zu kommen. Und dass das Ganze nach einer guten Stunde schon Ende sei, werde "mit Sicherheit" auch von niemandem bedauert werden.

Im Deutschlandradio (15.4.2007) stellte Michael Laages schon am Uraufführungsabend, also am 15. April in aller Freundlichkeit fest, dass der "große Anspruch" des Themas der Arbeit durchaus zur Falle geraten sei. "Da war ein großer Titel, und dann hat sich daraus ein kleines Stück ergeben." Szenen einer Ehe nämlich und andere Privatangelegenheiten. Dennoch sei das Ganze recht gut erfunden und gut gemacht. Auch gespielt werde "durchaus ansehenswert." Insgesamt: "Ein kleiner Abend auf der kleinen Bühne des im Moment durchstartenden Theaters Basel."

 
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