Zerfallende, wirre Welt

von Verena Großkreutz

Stuttgart, 12. März 2016. Als regieführender Mensch hat man's heute nicht immer leicht: Die Autor*innen schieben einem gerne einen Haufen zunächst mal theaterfernes Prosamaterial zu, und dann muss man halt schauen, was daraus erwachsen kann. Marie Bues, Intendantin des Stuttgarter Theaters Rampe, ist das gewohnt: gemeinsam mit der Dramaturgin Martina Grohmann Material erst einmal zu bändigen und zu strukturieren. Die Rampe spielt ausschließlich Zeitaktuelles, ob als Autorentheater oder Performance. Weswegen sich ihr Publikum radikal verjüngt hat.

Identitätssuche per Google

Auch "Spam", das jetzt in Bues' Regie als deutsche Erstaufführung an der Rampe Premiere hatte, ist zunächst mal mehr Ich-Erzählung als Theater. Der Autor, der argentinische Theatermann Rafael Spregelburd, hat die Uraufführung 2013 selbst gespielt, das Stück unverbindlich eine "Sprechoper" genannt – und es sich damit recht einfach gemacht. Dem Publikum allerdings nicht, denn die 31 Szenen des Ein-Mann-Stücks werden nicht in zeitlicher Reihenfolge gespielt, sondern durcheinandergewürfelt.

Spam2 560 Felix Gruenschloss u Alltäglicher Browser-Irrsinn in Stuttgart (Niko Eleftheriadis). © Felix Grünschloß

Es geht im Stück um Mario Monti, der eines Tages ohne Erinnerung auf Malta erwacht und nun versucht, übers Googeln im Netz seine Identität zu rekonstruieren. Dass er nicht der gleichnamige, überdurchschnittlich web-präsente italienische Politiker ist, sondern ein Professor für ausgestorbene Sprachen, der die Abschlussarbeit einer attraktiven Studentin plagiiert hat, wird ihm schnell klar. Und auch, dass er offenbar auf eine Spam-Mail reagiert hat, in der ihm eine junge Frau aus Malaysia in kryptischem Google-Übersetzungsdeutsch 4,7 Millionen Dollar schenken will.

Er nimmt sie an und lagert sie von nun an auf seinem PayPal-Konto. Deretwegen klebt ihm dann allerdings die malaiische Mafia an den Fersen. Mit seinem virtuellen Vermögen kauft der Mann dann auch eine Menge merkwürdiger Dinge: den völlig überteuerten Originalsmoking, den Sean Connery im Film "James Bond jagt Dr. No" trug, außerdem eine ganze Armee "verdächtig billiger", fluchender "Schlampen"-Puppen.

Bewundernswert bunt-launig

Kaum Zusammenhang ist aber in diesem Plot zu erkennen, wenn man sich nicht zuvor die kurze Inhaltsangabe im Programmheft durchgelesen hat. Und auch Bues' Inszenierung versucht nicht, gegen die chaotische Erzählstruktur des manchmal surreal anmutenden Stücks anzukämpfen. Schließlich ist die Form ja Abbild ihres Inhalts: Es geht um Spams, als absurde "Mutation(en) menschlicher Kommunikation im World Wide Web", als "klanglose Echos der Konsumkultur", und um nichts weniger als die "Welt des Zerfalls", in der sich der virtuell kommunizierende Mensch – und somit auch der identifikationsbereite Teil des Publikums – hoffnungslos verirrt.

Aber Bues macht das einzig Richtige: Nicht nur, dass sinnvoll gekürzt wurde, sie stellt darüber hinaus Niko Eleftheriadis als monologisierenden Professor die charismatische Melina von Gagern an die Seite, die vor allem die plagiierte Studentin Cassandra leibhaftig auf die Bühne stellt. Raffiniert sprechoperesk daran: Dass Eleftheriadis' hohe, schneidende Reibestimme von einer tieferen, sonoren Frauenstimme kontrastiert wird. So wird die Monologstruktur aufgelockert, wie überhaupt der ganze Abend auf bewundernswert bunte Weise dafür sorgt, das Publikum zu unterhalten und trotz inhaltlicher Verwirrung bei Laune zu halten.

Spam1 560 Felix Gruenschloss uWer bin ich? (Niko Eleftheriadis). © Felix Grünschloß

Ein Opfer unserer Zeit?

Im Bühnenbild dominiert eine riesige Plastikplane, die mal als Kulisse aufgezogen wird, mal den Boden bedeckt – in dem ein gefährliches Loch öfter mal und überraschend die Protagonisten "verschlingt": Darauf prangt fragmentarisch das Gemälde "Die Enthauptung des Johannes" des Malta-Exilanten Caravaggio (das Monti im Inselstaat in der Kathedrale San Giovanni entdeckt).

In kurzer Taktung wechseln die Atmosphären, Bilder, Ausdruckformen. Wenn der Linguist seine Vorlesung hält über "Die Eblaiten und ihre Sprache", sitzt die besserwisserische Studentin im Publikum und korrigiert den Genervten. Wenn Monti von seiner Flucht vor den mafiosen Verfolgern berichtet, sieht man im Hintergrund Cary Grant im "Unsichtbaren Dritten" zwischen den präsidialen Porträtköpfen des Mount Rushmore National Memorial herumklettern. Wenn Monti sein erinnerungsloses Erwachen am Strand memoriert, kommt Bluescreen-Technik zum Einsatz und beamt ihn mitsamt dem Taucher, der gerade dem Meer entstieg, in eine Strandbar respektive die Unterwasserwelt. Mal überbrücken "Lustige Katzen"- und "Lemur futtert Reis"-YouTube-Videos die Umbaupause, mal performt Eleftheriadis exaltiert die von David Bowie selbst in ein melancholisches italienisches Liebeslied umgetextete "Space Oddity". Überhaupt ist Eleftheriades sensationell textsicher und gibt wirklich alles, um das Publikum für diesen verzweifelten, seiner Erinnerung nachjagenden Einsamen zu gewinnen: ein mitleiderregendes Opfer unserer Zeit.

 

Spam
von Rafael Spregelburd, deutsch von Klaus Laabs
Deutsche Erstaufführung
Regie: Marie Bues, Ausstattung: Heike Mondschein, Musik: Benedikt Brachtel, Video: Florian Rzepkowski, Dramaturgie: Martina Grohmann, Licht: Joscha Eckert.
Mit: Niko Eleftheriadis, Melina von Gagern.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.theaterrampe.de

 

Kritikenrundschau

Adrienne Braun schreibt in der Stuttgarter Zeitung (14.3.2016), Marie Bues versuche den textgewaltigen Monolog kurzweilig zu illustrieren. "Da werden Katzenvideos eingeblendet oder Passagen live aufgezeichnet und übertragen. Einzelne Szenen werden auch per Greenscreen in projizierte Fotos montiert." Niko Eleftheriadis beeindrucke als hochstaplerischer Mario allein schon, weil er die gigantischen Textmassen souverän meistere und spielfreudig mit dem Sprachmaterial hantiere. "(M)anchmal hätte die Regie ihm etwas weniger Freiheiten lassen, die sich verselbstständigenden Szenen raffen und mehr auf den Spregelburd-Text konzentrieren sollen." Am Ende des kurzweiligen Abends reibe man sich verwundert die Augen, wie alles mit jedem in diesem erzählerischen Dickicht verwoben worden sei.

 
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