Skandale der Liebe

von Daniela Strigl

Wien, 4. Mai 2007. Ein Klavier, das ist Hausmusik im Salon oder Virtuosität im Konzertsaal oder Barmusik bei Kerzenlicht. Zwölf Klaviere sind eine Lärmbelästigung. Jedenfalls, wenn fortissimo auf ihnen getrillert wird, während eine schwache Stimme vergeblich gegen sie Anlauf nimmt.

Wir ahnen: Das Klavier als das Instrument bürgerlicher Kultur deckt mit seinem Klangteppich zu, was unter denselben gekehrt wurde. Der Klavierunterricht ist ein Dressurakt, der meistens an Mädchen verübt wird, und biographische Assoziationen sind bei Elfriede Jelinek erlaubt.

Textlandschaft, musikalisch durchquert

Zwischendurch werden die Pianinos geräuschvoll umgruppiert, rücken einander und der Sprechenden bedrohlich auf den Leib. Die Stimme, die immer wieder verstummt, gehört Sylvie Rohrer, und wer sie hört und sieht (im grauen Mantelkleid à la Monroe), ist erleichtert, als sie ihren Sessel auf ein kleines Podium hievt, eine Lampe anknipst und endlich laut und vernehmlich das Wort ergreift. In das ihr die Pianisten dann aber ständig murrend und scharrend fallen.

Kann die "musikalische Durchquerung" eines Textes dessen Uraufführung sein? Ruedi Häusermann, Schweizer Komponist und Regisseur, hat solches mit Elfriede Jelineks neuem Theaterstück "Über Tiere" im Kasino am Schwarzenbergplatz, der kleinsten Burgtheater-Bühne, versucht: Klavier wurde hier in den Prunkräumen des Offizierskasinos einst gewiß auch gespielt. Anders als in Jelineks Rosamunde-Prinzessinnendrama, das Häusermann beim Steirischen Herbst 2002 ebenfalls musikalisch interpretierte, fehlt in "Über Tiere" jede Figurenrede. Von einem, der eine Textlandschaft durchquert, erwartet man, daß er so manches links liegen läßt – Ruedi Häusermann aber spart tatsächlich kein Wortmassiv und keine Sinnwüste aus. Indem er Jelineks Sprachmaterial als musikalische Stimme in ein Ganzes komponiert, das sich seinerseits der Dekomposition von Mozarts D-Moll-Fantasie verdankt, gelingt ihm eine aufregend eigenwillige Form von Werkpurismus, eine Art illustriertes Hörspiel.

Bestellt und konsumiert 

Der erste Teil, ein Monolog, zeigt die Dichterin von einer ungewohnt zarten Seite: es geht, skandalös genug, um die Liebe, die Liebe einer Frau zu einem Mann. Der zweite Teil ist das Kontrastprogramm dazu, sozusagen ein "Polylog": Gesprächsfetzen aus echten Telefonprotokollen, die vor zwei Jahren bei der polizeilichen Überwachung einer noblen Wiener Callgirl-Agentur anfielen und der Stadtzeitung Falter zugespielt wurden: Prominente Anwälte, Politiker, Manager hatten minderjährige Mädchen aus Osteuropa bestellt und konsumiert. Wien erlebte das Strohfeuer eines Society-Skandals.

Mit dem ersten Teil schreibt Elfriede Jelinek einen zwanzig Jahre alten Text fort: "Begierde und Fahrerlaubnis" hieß im Untertitel "eine Pornographie". Eine Frau in den angeblich besten Jahren spricht zu ihrem jüngeren Liebhaber, das soziale Ungleichgewicht drückt sich auch hier in einer pekuniären Forderung aus, allerdings in die andere Richtung: "Schicken Sie mir den Zahlschein!" Nicht mehr forsch, sondern renitent melancholisch klingt das Ich nun, ähnlich wie in Jelineks neuem Internet-"Privatroman" hat sich etwas rührend Bekenntnishaftes eingeschlichen: "Nichts hat mich darauf vorbereitet, auf diesen tiefen Fall der Liebe, der ein Fall ist, dem kein Arzt helfen kann." Die Autorin selbst redet hier (oder eine ihrer vielen Zungen), und sie klopft sich wegen ihrer "hohlen Scherze" mit "Kommen" und "Besorgen" auf die Finger: "Ich habe das schon so oft im Mund gehabt wie ein Alter sein Gebiß".

Weder abgeklärt noch müde

Noch öfter, als sie im ersten Teil das Wort "lieben" in den Mund nimmt, ist im zweiten vom Ficken die Rede. Hier kommt in der telefonischen Geschäftsanbahnung, im erotischen Warenverkehr der Diskurs der Geschlechter quasi zu sich: ohne "menschliche" Verbrämung, ohne Liebesblabla und Psychogeschwafel. Da werden die Objekte der Begierde verglichen und zum Gebrauch empfohlen, da werden Aufpreise verteidigt ("Ohne kostet immer mehr"), Bestellungen getätigt, Sonderleistungen vereinbart und Reklamationen vorgebracht. Im grandios gnadenlosen Arrangement dieser Gesellschaftspartikel zeigt Jelinek, daß sie weder abgeklärt ist noch müde. Diese Männer "Tiere" zu nennen wäre eine "Beleidigung der Tiere", meinte sie im Interview mit dem Falter.

Wie weit wir von der Unschuld der Tiere entfernt sind, auch das verkörpert die wortgewaltige Sylvie Rohrer – wie sie da sitzt, angespannt, als wäre sie festgeschraubt, und wie sie die Textlawine vor sich her schiebt und gleichzeitig vor ihr auf der Flucht scheint, gehetzt, verletzlich, hämisch. Zu lachen traute sich nur die Souffleuse, deren Dienste kaum gebraucht wurden.

 

Über Tiere
von Elfriede Jelinek
Uraufführung
Inszenierung, Bühne, Musik: Ruedi Häusermann
Mit: Sylvie Rohrer

www.burgtheater.at

Mehr zu Elfriede Jelinek im nachtkritik-Archiv. 

 

Kritikenrundschau

Erna Lackner zeigt sich in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (6.5.2007) völlig begeistert von Ruedi Häusermanns unblutiger, zurückhaltender und ganz ohne "Rampensauereien" auskommender Jelinek-Inszenierung im Burgtheater-Kasino am Schwarzenbergplatz. "Es war ein zauberischer Theaterabend. Auch wenn es eigentlich ´nur´ ein Konzert, Licht- und Schattenspiele und eine Lesung waren, es war alles Musik. Nach dem Gluckern und Glucksen, Perlen und Gurgeln, nach a capella und Donnerhall der langsam auf die leere Bühne rückenden Klavierspieler und Klavierspielerinnen (schon hier grüßt Frau Jelinek) setzt ein Murmeln ein, und erst dann, nach zwanzig Minuten, als Ereignis: Sprache."

Einen Tag später erscheint auch im Wochentagsblatt der FAZ (7.5.2007) eine Besprechung, und zwar von Martin Lhotzky. Der ist nun offenkundig kein Jelinek-Fan und fand es nicht einfach, "den wirren und obszönen Ausführungen zu folgen". "Eine schwere, intensive Aufführung, die nach anderthalb Stunden  überstanden ist (...)." Ohnehin fragt er sich, warum dies denn überhaupt habe stattfinden müsse, obwohl die Autorin und der Regisseur gleichermaßen der Ansicht seien, "Über Tiere" sei kein Theatertext respektive brauche das Theater nicht.

Christopher Schmidt in der Süddeutschen Zeitung (7.5.2007) ist zumindest über den Text anderer Meinung. Der erste Teil von "Über Tiere" sei "in seiner Verwundbarkeit der schönste Text, den Elfriede Jelinek in letzter Zeit für das Theater geschrieben hat, ein Text, in dem sich die große Zynikerin als verstohlene Romantikerin zu erkennen gibt." Sylvie Rohrer nun mache aus beiden Teilen bei der Uraufführung ("auf einem Podest sitzend und im Verhörlicht einer Zugfederleuchte") eine "uferlose Sprachkaskade". Was Häusermann musikalisch aufbietet, nennt Schmidt einen "zauberhaft spukhaften Umzug, der alle Mozärtlichkeit Wiens buchstäblich mobilisiert gegen die Sex-Brutalismen in dieser Stadt. Auch eine Art künstlerischer Wiedergutmachung an den Opfern." Findet er das richtig? Oder hat es ihm missfallen? Man weiß es nicht.

Der österreichische Standard (7.5.2007) hält sich ähnlich bedeckt. "Zweimal", hatte Claus Philipp "am Premierenabend das Gefühl, dass diese Inszenierung tatsächlich radikal ausfallen könnte: Anfangs nämlich murmelt Rohrer als an den Bühnenrand gedrängte Nebenhauptperson nur halblaut vor sich hin. Und das hätte schon etwas gehabt: Konsequente Aufladung einer Textinstallation, hart am Rande zur Unverständlichkeit. Schließlich, am Ende, ziehen sich alle Protagonisten ins Bühnenoff zurück. Sie lassen das Publikum allein mit "Jesus!" und "gesplitterten Zähnen" – und da hätte man sich schon gewünscht, dass es für diese Zumutungen keinen konventionellen Applaus gäbe. Leider geschah das anscheinend Unvermeidliche: Vor allem Sylvie Rohrer wurde für ihre Leistung bejubelt – mit gewissem Recht, wenn auch etwas gedankenlos."

Auch Paul Jandl von der schweizer NZZ (7.5.2007) beurteilt den Abend zweispältig. "Über Tiere" sei ein "böser und zugleich zarter Text, der, wie fast alles bei Elfriede Jelinek, von der Liebe handelt." Er werde von Sylvie Rohrer zwar "atemlos und bravourös vorgetragen". Indes: "Häusermann überwölbt die immer eindringlicher werdenden Satzkaskaden mit seinen Mozartparaphrasen, doch was sich sonst auf der Bühne tut, muss Alibi bleiben."

Mit etwas Verspätung begeistert sich Stephan Hilpold in der Frankfurter Rundschau (9.5.2007) für Häusermanns "karge und kluge" Inszenierung, die aus seiner Sicht Jelineks Sprachwanderungen sehr nahe kommt. Erreicht werde das durch den Kunstgriff, den Text in der Musik assoziativ fortzuschreiben - und zwar mit einer kleinen Mozart-d-Moll-Fantasie. "Sie hat Häusermann für die zwölf Pianinos in eine Klangwelt zerlegt, die unabhängig vom Text der Jelinek vorbeizieht, sich aufbäumt, sich verdichtet und dann wieder ins Stocken gerät". Zum Theaterereigniss macht den Abend für ihn aber auch die Schauspielerin Sylvie Rohrer: "So präzise, souverän" habe man noch kaum jemanden einen Text der Jelinek sprechen hören.

 
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