Schusswunden unterm Weihnachtsbaum

von Andrea Heinz

Wien, 1. Dezember 2018. Bald ist wieder Weihnachten. Man freut sich schon sehr darauf. Dann sind die Horden an Weihnachtsmarkt-Touristen nämlich wieder verschwunden, die plötzlich wie eine undurchdringliche, Punsch in sich hinein schüttende und Selfies machende Masse vor einem auftaucht, wenn man grade dringend irgendwohin muss. Ins Burgtheater zum Beispiel. Dort ist jetzt schon Heiligabend. Passend zur Jahreszeit inszeniert Barbara Frey Alan Ayckbourns "Schöne Bescherungen", eine Komödie, in der Weihnachten maßlos aus dem Ruder läuft. Es wird viel getrunken in diesem Stück, oder eigentlich: gesoffen. Geschrien, geflucht und gestritten wird auch. Die Ehen sind schlecht und mehr oder minder lieblos, die Geschenke für die Kinder schon vor dem Auspacken kaputt.

Detailverliebt bis in den Adventskalender

Irgendwann landet die brave, aber liebeshungrige Gastgeberin dann mit dem Schriftsteller, den ihre Schwester angeschleppt hat, unter dem Weihnachtsbaum. Am Ende muss er ins Krankenhaus, weil der Onkel des Gastgebers, ein Waffennarr und ehemaliger Security-Mitarbeiter, auf ihn geschossen hat, im festen Glaube, er hätte die Geschenke stehlen wollen.

Schoene Bescherungen 1 560 ReinhardWerner Burgtheater uTop-Ensemble-Besetzung: es feiern Heiligabend Falk Rockstroh, Maria Happel, Michael Maertens, Marie-Luise Stockinger, Tino Hillebrand, Nicholas Ofczarek, Fabian Krüger, Katharina Lorenz © Reinhard Werner / Burgtheater

Barbara Frey setzt das in ein bis zu den Lichtschaltern und Steckdosen realistisches Bühnenbild (Bettina Meyer). Alles ist da in diesem spießigen Heim, vom geplünderten Adventskalender bis zum Weihnachtsstern, und am Ende fällt draußen vor dem Fenster Schnee. Der Weihnachtsbaum ist zu groß für das Wohnzimmer (über dem sich noch, angedeutet durch eine Galerie, der erste Stock befindet), seine Spitze ist oben umgeknickt. Detailverliebt sind auch die Darsteller*innen eingekleidet (Kostüme: Esther Geremus). Nicholas Ofczarek als Gastgeber und Hausherr Neville sieht mit seinem Schnauzer ein bisschen aus wie Horst Schlämmer, trägt abends AC/DC-Shirt über der Plauze und nachts einen fröhlich gemusterten Einteiler.

Bunte Festtags-Garderobe

Dörte Lyssewski, unlängst sehr zu Recht mit einem Nestroy-Preis ausgezeichnet, ist als seine Schwägerin Rachel angezogen wie eine Sozialpädagogin mit Hang zum Mustermix. Schwager Bernard, Mann von Nevilles Schwester Phyllis, gibt Michael Maertens als nervtötend freundlichen Biedermann in Cord-Hosen. Seine Ehefrau (Maria Happel) hat ein größeres Alkoholproblem und auch keinen sonderlich guten Geschmack, sie ist gewandet in Glitzerpullover und zu hohen Stiefeletten, mit denen sie nicht gehen kann. Eddie (Tino Hillebrand) und seine Frau Pattie (Marie-Luise Stockinger) mögen Motiv-Pullover und schlimm gemusterte Hemden.

Schoene Bescherungen 3 560 ReinhardWerner Burgtheater uEy, guck mal da, was geht da ab: "Schöne Bescherungen" am Wiener Burgtheater © Reinhard Werner Burgtheater

Man befindet sich wohl irgendwo in den Siebzigern oder Achtzigern, zumindest was die Ästhetik betrifft. Der schießwütige, leicht reizbare Onkel Harvey (Falk Rockstroh) trägt Anglerweste, aber nicht im Beuys'schen Sinne. Halbwegs normal, nicht nur phänotypisch sondern auch im Verhalten ist eigentlich nur das verhinderte Liebespaar, die wunderbare Katharina Lorenz als Belinda und Fabian Krüger als Clive.

Das Ensemble ist natürlich großartig. Auch ihre Figuren sind fein gearbeitet, etwa Lyssewskis wunderliche Rachel, die einerseits so patent und organisiert ist und dem abreisenden Clive überdimensionierte Sandwiches bereitet, andererseits aber die Attitüde und Körpersprache eines nervenschwachen Teenagers hat. Oder Ofczareks Neville, der "Bumsen" (wegen der Geschichte unter dem Weihnachtsbaum) mit stimmhaftem –s ausspricht.

Sehr gute Einstimmung

Genau beobachtet ist das, wenn Katharina Lorenz’ Belinda sich, nachdem sie Clive ein leidenschaftlich-verschämtes "Ich will dich" zugerufen hat, halbnackt und stocksteif auf den Boden legt. Oder wenn Ofczarek und der um einen Kopf kleinere Hillebrand als sein bester Freund Eddie auf unterschiedlichen Stufen der Treppe nebeneinander stehen, so dass sie gleich groß sind.

Aber so liebevoll ausgearbeitet das im Detail wirkt, der Summe der Teile fehlt etwas. Der Abend ist schwerfällig, er findet nicht das richtige Tempo. Es gibt Ayckbourn-Inszenierungen, bei denen man gar nicht anders kann, als laut zu lachen. Das hier ist keine davon. Zwar entstehen immer wieder komische Momente, und es wird stellenweise sehr viel gelacht, etwas wenn Maertens als Bernard sein Puppentheater auspackt und laut bellend und heulend einen Hund auftreten lässt. Aber letztlich zündet es nicht. Was nicht heißt, dass das nicht ein unterhaltsamer und souverän gespielter Abend wäre. Aber je länger er dauert, desto mehr stellt sich dieses Gefühl ein, das man an Weihnachten bekommt, wenn die Familie schon zu lange beisammensitzt, die Nerven überreizt sind und der Geist träge wird. Insofern ist das natürlich wirklich eine sehr gute Einstimmung aufs Fest.


Schöne Bescherungen
von Alan Ayckbourn. Deutsch von Max Faber
Regie: Barbara Frey, Bühne: Bettina Meyer, Kostüme: Esther Geremus, Licht: Friedrich Rom, Dramaturgie: Klaus Missbach.
Mit: Nicholas Ofczarek, Katharina Lorenz, Maria Happel, Falk Rockstroh, Michael Maertens, Dörte Lyssewski, Tino Hillebrand, Marie-Luise Stockinger, Fabian Krüger.
Premiere am 1. Dezember 2018
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

"Der Ofczarek, die Happel, der Maertens, die Lyssewski – fast alle Spitzenmimen des Landes sind mit von der familiären Partie unterm Weihnachtsbaum", würdigt Simon Strauß in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (3.12.2018). Auch sonst überkomme einen "ein gewisses 'Dinner for One'-Gefühl: Tabletts mit Silberbesteck fallen auf den Boden, Köpfe knallen auf Tischplatten". Ayckbourns Stück lebe von "einem jovialen Grundgestus, dem leichten britischen Humor, der ohne Intellektualität auskommt". "Die geschwätzige Umstandskomik erfüllt ihren Zweck: Sie provoziert ein Amüsement, das man sofort wieder vergisst." Richtig überbordende Spiellust wolle in der gegenständlichen Inszenierung von Barbara Frey nicht aufkommen, aber "im Großen und Ganzen verfolgt man das Geschehen doch mit jenem wohligen Zufriedenheitsgefühl, das sich bei guten Komödien einstellt, weil man weiß, dass gleich der nächste Anlass zum Schenkelklopfen kommt."

Barbara Frey demonstriere die Präzision von Uhrmacherkunst, zugleich aber deren enervierende Bedächtigkeit, schreibt Norbert Mayer in der Presse (3.12.2018). "Zu viele Gags werden verschleppt", Tempo werde nicht gegeben. Die Premiere blieb unter ihren Möglichkeiten. Zum Glück gebe es aber auch eine Fülle von Szenen, "in denen sich die Schauspieler auf komödiantischen Instinkt verlassen. Rockstroh, Lyssewski und Happel sind eben traumhaft sicher im Setzen von Pointen, im Zurschaustellen von Marotten, "das Tollste bietet Maertens: Er stellt hier nicht nur Englands schlechtesten Arzt dar, sondern auch den besten Ehemann und zudem einen gnadenlosen Marionettenspieler, der jede Postdramatik übertrifft."

"Die Ausstattung ist die halbe Miete", schreibt Margarete Affenzeller im Standard (3.12.2018). Die großformatige Ensemblearbeit hebe mit knusprigen Momenten an. "Doch bald schon lahmt das Räderwerk aus Sketches und Tiraden und vermag sich aus seiner angestrengten Verpflichtung zur Groteske kaum zu erheben." Wenn an so einem Weihnachtskracher schon der geringste Verzug spürbar wird, Steigerungsversuche keine Meter mehr machen, dann herrscht Flaute. "Szenen werden über Gebühr ausgereizt, Situationen zerdehnt, Pointen verzetteln sich. Vergnügen gibt es punktuell."

Wolfgang Kralicek schreibt in der Süddeutschen Zeitung (online 3.12.2018, 18:22 Uhr): Am ersten Adventwochenende eine Premiere von "Schöne Bescherungen" anzusetzen, sei nicht originell. In der Inszenierung von Barbara Frey sehe man "ein paar erstklassigen Schauspielern" dabei zu, wie sie in einem "filmrealistisch gestalteten Bühnenbild" und "erlesen geschmacklosen Kostümen" ihre Geschenke auspackten. Am Ende wisse man dennoch nicht so recht, was man von dem Abend halten solle. "Boulevard oder Tschechow?" Die Antwort: "Weder noch." Die Aufführung sei kein "Pointenfeuerwerk", habe auch nicht den Ehrgeiz, "in einer gut gebauten Komödie mehr zu entdecken als dankbares Rollenfutter".

 

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