Der Blauwal soll sein Maul halten!

von Theresa Luise Gindlstrasser

Wien, 9. Februar 2019. "Es geht in diesem Text um alles. Es ist ein Wal […] Ein Blauwal", so Wolfram Lotz. Für diesen Blauwal genannt "Sommer" erhielt Sean Keller das Hans-Gratzer-Stipendium 2018. Lotz hatte den Wettbewerb als Mentor begleitet. Nun erfolgte die Uraufführung am Schauspielhaus Wien in der Regie von Elsa-Sophie Jach. Deren, im Regieduo mit Thomas Köck erarbeitete, Inszenierung von Köcks Text Die Zukunft reicht uns nicht (Klagt, Kinder, klagt!) wurde 2018 zu den Autor*innentheatertagen und zum nachtkritik Theatertreffen eingeladen und war für den Nestroy nominiert.

Wenn "Sommer" ein Blauwal ist, dann ist es einer, der nicht wahllos "schätzungsweise 40 Millionen Kleinkrebse pro Tag" frisst (danke Wikipedia!), sondern einer, der wahllos schätzungsweise 15000 Wörter ausspuckt. In der Textfassung reihen sich auf 62 Seiten schöngeistige Aphorismen an szenische Schnipsel an Zahlenreihen an Weltuntergangsprosa – "der Ascheregen der Götter". Keller verfolgt eine Überwältigungsstrategie und schottet den Text hermetisch gegen Lesende ab. Jach und die Dramaturgin Anna Laner haben aus diesen Blauwal-Ergüssen einen Theaterabend gemacht. Die Inszenierung erschließt den Text. Trotzdem ist die Lektüre des Programm-Heftes unerlässlich, der Text setzt nämlich allerlei Vorannahmen, die er selber nicht verhandelt.

Sommer2 560 MatthiasHeschl uWillkommen in der Zukunft © Matthias Heschl

Die Story geht (danke Programmheft!) so: Es ist das Jahr 3000 und manche Menschen leben in einer Weltraumkolonie, manche anderen auf der Erde. Letztere werden durch ein sie beherrschendes Programm in einer Zeitschleife zwischen 2000 und 2020, in den "goldenen 20 Jahren" festgehalten. Sophia Löffler spricht als Ich-Erzählerin in der Vergangenheitsform. Beschreibt als ehemalige Bewohnerin der Weltraumkolonie ihre Ankunft auf der Erde. Halb staunend, halb angeekelt. Obwohl es "oben" scheinbar kein Leid gibt, sehnte sie sich nach "unten", wo die Menschen sich alles aussuchen können, wer sie sind, welches Geschlecht sie haben und so weiter. Blöd also, dass die Ich-Erzählerin in eine Bande von Revolutionärinnen aufgenommen wird – Nehle Breer, Vera von Gunten und Anna Rot verknoten die Weltraum-Strampler lässig um den Hüften – die erstens die Zeitschleife durchbrechen, zweitens die Erde verlassen und drittens sich nicht mehr aussuchen, verändern, sondern gleichbleibend sie selbst sein wollen.

Der Körper soll's richten

Der Text strotzt vor inhaltlichen Widersprüchen und gedanklichen Unschärfen. Zum Beispiel: Die Erdbewohner*innen werden als multiple Persönlichkeiten vorgestellt, auch mal abschätzig als schizophren bezeichnet. Sie schlüpfen in verschiedene Rollen, sind mal Mann, mal Frau, dann Barkeeperin oder Hochspannungstechniker. Dann aber soll der Körper herhalten, als ultimative, unumgängliche Realität, die einen Menschen zu diesem und nicht jenem Individuum festschreibt. Mal abgesehen davon, dass dieses Konzept psychische Zustände, Schauspielerei, Geschlecht und Beruf in eins setzt, negiert der Ultimativ-Körper in einem Aufwischen die moderne Medizin, den Transhumanismus und die Sprachphilosophie.

Der Text markiert keine Unterschiede zwischen den Aussagen von Erdbewohner*innen, Weltraumkolonie, Revolutionärinnen und Landbevölkerung. Es bleibt stets unklar, welche Instanz im Text welche Position oder Ideologie vertritt und so steht am Ende vor allem: ein wackliger Gedanke, ein schlampiger Umgang mit Worten, ihren Bedeutungen und den damit verbundenen Konzepten. Ja, dieser Text ist ein Blauwal, ein schamlos labernder.

Sommer1 560 MatthiasHeschl uStephan Webers Bühnenbild © Matthias Heschl

Stephan Weber hat dafür ein imposantes Bühnenbild entworfen. Irgendwas zwischen Weltraumarchitektur und dem Inneren einer Discokugel. Mit schwarz-weiß gekacheltem Boden, der sich in den silbrigen Sechsecken der Konstruktion spiegelt. Links auf der Bühne, in einem Glashaus und von Efeu umrankt, tanzt Esther Balfe dekonstruktivistisch während die Audio-Einspielung eine ethnologische Situation a la Fest des Huhnes etabliert. Niemand auf der Erde weiß mehr was Identität ist, aber die "Landbevölkerung" lebt in der irren Idee, aus Individuen zu bestehen.

Jach bebildert die sprachlichen Vorgaben mit zeitlicher Verzerrung. Szenische Situationen, wie beispielsweise das Abschneiden eines Fingers, werden erst später im Text referiert, dann als Beweis für den Ultimativ-Körper. Bei der "Bestäubung" – es gibt wohl keine Bienen mehr – drischt Löffler mit einem Biene-Maja-Gummi-Knüppel auf ihre Kolleginnen ein und erzählt von der Weltraumkolonie, wo niemand leidet. Durch solche ambivalenten Bilder entsteht eine schlafwandlerische Atmosphäre, die durch jähe Stimmungsumschwünge fortgerissen wird. Das Ensemble hat die Brüche fest im Griff. Es ist eine gelungene Inszenierung.

 

Sommer
von Sean Keller
Regie: Elsa-Sophie Jach, Bühne: Stephan Weber, Kostüme: Giovanna Bolliger, Musik: Max Kühn, Dramaturgie: Anna Laner.
Mit: Esther Balfe, Nehle Breer, Vera von Gunten, Sophia Löffler, Anna Rot.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.at

 

 

Kritikenrundschau

Sean Keller scheine es "um eine lahme Gesellschaft zu gehen, die auf der Stelle tritt", schreibt Margarete Affenzeller im Standard (11.2.2019). "Um diese zu markieren, baut er einen allzu aufwendigen Kosmos, der schwer zu entziffern ist und vom Zustand der Gesellschaft und der sie beherrschenden Müdigkeit eher ablenkt." Jach, deren Regietalent auf der Hand liege, habe zu kurz gegriffen. "Sie beließ den Text mit rätselhaft querschießenden Zitaten in einem verwirrenden Abstraktionsgrad. Wer spricht? Welche Zeit haben wir gerade?" Anstelle die Sätze zu erden, verpufften sie vielfach im futuristischen Setting.

Jach versuche, "Kellers Wortschwall mit einem engagierten Ensemble amüsant zu inszenieren", berichtet Barbara Petsch in der Presse (11.2.2019). Doch sei "Sommer" nur ein mühseliger Versuch des Theaters, dem Film nachzujagen, ein "mitwilliges Konstrukt". 

Keller habe (zu) viele Substanzen in einen Kopf getan, Jach mit Dramaturgin Anna Laner kräftig umgerührt, findet Tobias Trenkler im Kurier (11.2.2019). "Man staunt 100 Minuten lang über den Einfallsreichtum und das Bühnenbild von Stephan Weber." Der Sinn bleibe verborgen, "aber ein 'irre gewordener Themenpark' ist auch okay."

Keller habe mit "Sommer" eine an Sprachbildern überbordende Textwelt geschaffen, deren dystopische Energie zwischen Dekonstruktion, Dada und Disco keinen Halt mehr erlaube, so Angela Heide in der Wiener Zeitung (11.2.2019). "Hier ringt jede einzelne um ihre Affirmation in einer Welt der Postindividuen, die sich im Warten auf die Zukunft schon lange verloren haben." Jachs Inszenierung ririsiere "in starken Lichtstimmungen zwischen noch Erinnertem und kollektiven Ritualen multipler Seinszustände".

 
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