Diversität ist Trumpf

von Andreas Klaeui

Zürich, 16. September 2019. Als erste Amtshandlung greift Nicolas Stemann zur Schmusegitarre und singt mit Benjamin von Blomberg die Credits: "… allen privaten Gönnern / die sich im Förder-Circle / und im Komplizen-Club / in der Gesellschaft der Freunde / und im Zürcher Theaterverein / engagieren: Wir wollen euch nicht verlieren! Lalala …" So nimmt man Aussersihl und Zürichberg für sich ein! Ihrem jungenhaften Charme kann sich kaum wer entziehen. Und wenn jetzt ein paar griesgrämige Stimmen dennoch gleich monieren, sie gäben sich ja große Mühe, zu gefallen: Keine Sorge, sie werden es schon nicht allen recht machen.

Das erste kontroverse Thema ist das neue Foyer im Stammhaus, dem Pfauen. Die einen finden es hip, die andern wie eine Garage in Texas. Alexander Giesche und Nadia Fistarol haben es ausgeräumt, von Spannteppichen und Theaterrot befreit und mit Spiegeln und weiten Türen geöffnet. Es bekommt ihm. Heller ist es nun, luftiger, einzig die Akustik hat gelitten: Halliger ist es nun auch. Mag sein, dass sich das einpegelt, wenn erst mal 300 Pelzmäntel an den Garderoben hängen. Dafür verstecken sich jetzt kleine Kassiber in den Ecken, Reminiszenzen an frühere Direktionen, eine Inschrift aus der Ära von Anna Viebrock und Christoph Marthaler: "Bitte verlassen Sie das Theater so, wie Sie es vorzufinden wünschen".

Nicht verändert hat sich das Innere; das sei ein "in Bernstein eingeschlossenes Traditionsjuwel", versichert der Hausherr dichterisch – Bernstein bezieht sich abermals aufs Foyer, dessen Farbgebung allerdings eher chartreusegrün als bernsteingelb anmutet, wie übrigens auch die Webseite und die nun im Westentaschenformat gehaltenen Mini-Programme.

Schauspielhaus Team 560 Gina Folly uDie Intendanten und ihr Regie-Team: Benjamin von Blomberg, Yana Ross, Wu Tsang, Nicolas Stemann, Trajal Harrell, Suna Gürler, Alexander Giesche, Leonie Böhm, Christopher Rüping © Gina Folly

"Liars" war die Eröffnungsproduktion im Pfauen betitelt, in der sich das neue Ensemble vorstellte. 35 Künstler*innen, alle stellen eine Frage per SMS, ohne zu wissen, an wen sie geht, das war der Deal (oder das inszenierte Spiel), jede*r hatte dann zwei Minuten Zeit, um daraus was zu machen. Man sieht, was der Schauspielerberuf ist, man sieht Herangehensweisen. Manche machen eine Kunst-Miniatur, manche stellen schon mal ihr kommendes Projekt vor, manche nutzen die Zeit für ein amüsantes Aperçu. Manche kommen auch schon miteinander ins Spiel, vor allem die genuinen Schauspieler*innen, weniger noch die Tänzer*innen und Performer*innen. Nils Kahnwald gewinnt den Saal mit einer Conférence à la Dionysos Stadt, Thelma Buabeng predigt als ihre evangelikale Tante Fleischgenuss, Matthias Neukirch expliziert treffsicher das Zurückrudern, Benjamin Lillie möchte gern eine Schildkröte sein, Maximilian Reichert ein musischer Bär, Daniel Lommatzsch robbt nach Hollywood, es ist die vergnüglichste Parade.

Uneinigkeit als Potenzial

Sie lässt bereits unterschiedliche Vorlieben und Spielweisen erkennen, eine breite Varianz im ästhetischen Zugriff. Das ist die Wette: Nachhaltigkeit, weniger Produzieren, mehr mit anderen Häusern, raus aus dem Hamsterrad, kollektives Arbeiten. "Wir flachen die Hierarchie ab", sagt Stemann: "Wir sind nicht ein Intendant, wir sind zwei, man kann uns gegeneinander ausspielen, wir sind nicht immer einer Meinung, und wir holen uns Leute hierher, die wiederum unterschiedliche Bedürfnisse haben, unterschiedliche Meinungen und unterschiedliche Vorstellungen davon, was Theater ist und was im Rahmen so eines Stadttheaters möglich ist." Divers namentlich auch vom ästhetischen Hintergrund her gedacht.

Koncert 560a Klaudyna Schubert u Yana Ross mit Franz-Xaver Kroetz' "Wunschkonzert" © Klaudyna Schubert

Nicht alle scheinen schon gleichermaßen in Zürich angekommen, wo sie sich jetzt für mindestens drei Jahre niedergelassen haben. Manche sind eh schon da (fünf Schauspieler*innen aus dem früheren Ensemble bleiben), manche, bemerkenswert viele sogar kommen zurück (vor allem aus Hamburg und München), und die Wiedersehensfreude ist groß, andere fremdeln noch ein bisschen (auch hier erst mal die Performer: Für sie scheint der Schritt größer zu sein, auch sprachlich). Zuallererst aber schafft sich eine überwältigende Energie Raum und Resonanz, eine komplizenhafte Offenheit und Wärme dieser Stadt gegenüber.

In den vier Eröffnungstagen differenziert sich die Grundenergie aus in acht übernommenen Produktionen, die Stemann und Associés als Visitenkarte abgeben. Diversität statt der dicken Intendantengeste, und gleichwohl ein Parforceritt, auch für die Gewerke: acht Produktionen in vier Tagen!

Der gewalttätige Blick

Es ist ein starkes Statement, wie auch dass sie den allerersten Auftritt, der den Premierenreigen im Schiffbau eröffnet, dem Nachwuchs überlassen: Suna Gürlers Inszenierung "Flex" vom Jungen Theater Basel. Sechs junge Frauen reden übers Frausein, und sie lassen sich von keinem die Kappe waschen.

Geradeso wie die Frauenfiguren in Miranda Julys Der erste fiese Typ, das Christopher Rüping mitgebracht hat. Henni Jörissen steht darin jetzt an der Seite von Maja Beckmann, und vermag nochmal viel frische Energie reinzupumpen. Ein stummes Kammerspiel in Alvis-Hermanis-Ästhetik steuert Yana Ross mit Franz Xaver Kroetz' Wunschkonzert bei; Stemann selbst eine Zürcher Neuauflage seines Faust I und II mit diversen Neubesetzungen.

Berückend schöne, fragile Bilder, in denen sich physische und virtuelle Körper und Räume durchdringen, bringt Wu Tsang auf die Pfauenbühne in "Sudden Rise", einer Performance, die sich an der Gewalttätigkeit des Blicks, des Schauens entzündet. "There is no nonviolent way to look at somebody", sagt sie darin (und unter diesen Titel hat sie ja auch ihre laufende Schau im Gropius-Bau gestellt).

Kasimir Karoline 560 Reto Schmid uCedric von Borries, Johannes Rieder, Lukas Vögler, Vincent Basse in Leonie Böhms "Kasimir und Karoline" © Reto Schmid  

Trajal Harrell schickt in "In the Mood for Frankie" ein queeres Männer-Trio auf einen Laufsteg der Styles, ein Himmel-und-Hölle-Spiel der Moden und Musen. Oder gemäß Selbsteinschätzung des Schauspielhauses "80% Inspiration, 60% Butoh und 100% Dance": Denn die Produktionen sind nun auch quantitativ gelabelt, was die Entscheidfindung möglicherweise erleichtert. Bei "Faust" sind es immerhin "70% Total Work of Art, 66,6% Ecstasy und 100% Full-on Theatre".

Ein Schauspielerfest

Zu guter Letzt Leonie Böhms Inszenierung von "Kasimir und Karoline": Sie interessiert sich weniger für eine Erzählung, sondern für Motive, Situationen, Gefühle der Horváthschen Figuren, und wie sie sich heute produzieren könnten. Sie scheut dabei nicht das Groteske, vermag aber zugleich eine sehr nahe gehende Zärtlichkeit aufzubauen. Es hat manchmal was Etüdenhaftes ("Spiel mal Sehnsucht!"), daneben viele kostbare Momente mit einer starken, poetischen Berührungskraft. Und wieder ein Schauspielerfest, mit sehr jungen Schauspielern, Lukas Vögler als in sich verschlossenem Kasimir, Vincent Basse als geradezu elfenhaftem Schürzinger und einem umwerfend phantasievollen Cedric von Borries als Karoline. Auch dies ist eine Arbeit, die jedenfalls polarisieren wird – die aber auch sehr gespannt macht auf eine ästhetische Handschrift und wie sie sich weiter entwickeln wird.

Das Schauspielhaus und die Stadt Zürich lassen sich gerade auf ein großes Projekt ein: Und es scheint, sie tun dies mit viel Lust und Neugierde beiderseits.

 

Eröffnung der Intendanz Stemann/Blomberg

https://neu.schauspielhaus.ch/de/

 

Kritikenrundschau

Das neue Schauspielhaus habe gezeigt, "dass es den Anschluss an die Stadt sucht", schreibt Daniele Muscionico in der Neuen Zürcher Zeitung (16.9.2019) – und ist vom Auftakt des neuen Intendantenduos ziemlich angetan: "Die Bühnen sind vom Staub der Historie und von falscher Ehrfurcht befreit und mit dem Lebensgefühl einer jungen, urbanen, vielleicht sogar internationalen Kunstgemeinde verkabelt. So war es angekündigt, und so hat es sich – zu diesem Feieranlass – tatsächlich ereignet. Kompliment!" Fraglich bleibe dagegen, wie die anderen Bühnen Zürichs mit dieser Neuausrichtung des Schauspielhauses in Zukunft zurechtkommen werden: "Worin besteht in Zukunft der ästhetische und programmatische Unterschied zwischen einer Produktion des Theater Neumarkt, dem Theaterhaus Gessnerallee, der Roten Fabrik und dem Programm von Stemann und Blomberg? Jedenfalls werden das Stadttheater, die übrigen städtischen Bühnen und die freie Szene ihr Profil zu schärfen haben. Im besten Fall werden sie einander stimulieren."

Setzt das neue Intendanz-Duo um, "worum Theater rhetorisch jederzeit und überall bemüht sind: den Dialog mit allen Gesellschaftsgruppen"? Diesen Eindruck gewannen Julia Stephan und Julia Nehmiz von der Aargauer Zeitung (16.9.2019) am Eröffnungswochenende. "Eine Ansage an die alten weissen Männer" seien die ersten drei Inszenierungen gewesen, in denen nur Frauen auf der Bühne stünden: "Wie eine einsame, abgelöschte Frau ihre Sehnsüchte mit routinierten Handgriffen in ihren Körper zurückzwingt", verfolge man in Yana Ross’ Franz Xaver Kroetz-Interpretation "Wunschkonzert" mit der polnischen Schauspielerin Danuta Stenka. "Orgiastisch und wild" falle hingegen das Kräftemessen zwischen den Charakterdarstellerinnen Maja Beckmann und Henni Jörissen in Christopher Rüpings Literaturadaption "Der erste fieseTyp" nach Miranda July aus. Und "so ehrlich, tabulos und obendrein unterhaltsam" wie in der temporeichen Eröffnungsinszenierung mit sechs jungen Darstellerinnen, "Flex" von Suna Gürler, sei feministische Theorie lange nicht mehr gewesen. "Hausregisseurin Suna Gürler könnte eine der grössten Neuentdeckungen der laufenden Saison werden", so die Autorinnen.

"Elan und Zeitgenossenschaft" habe sich die neue Intendanz gewünscht, schreibt Alexandra Kedves im Tagesanzeiger (17.09.2019) – und das auch bekommen: in Leonie Böhms entschlackter und ins Heute übertragener Version von Horváths "Kasimir und Karoline". Böhms Ästhetik passe zu einem Theater, das entschieden erzählen wolle, dafür auch "scheinbar olle Kamellen und alte Klassiker" auftische, dabei aber kritisch zu ihnen Geäußertes mitreflektiere, "und das dafür nonchalant Körperwirklichkeiten ausspielt", so Kedves. "Tuch- und Knutschakrobatik: Beides darf da den Text burlesk bebildern, Zuschauer bezirzen." Böhms Inszenierung strahle "inspirierten jugendlichen Übermut aus" – ein besseres Einstandsgeschenk habe die neue Hausregisseurin nicht aussuchen können. Anders Trajal Harrells "In the Mood for Frankie", laut Kedves "eine hermetisch-repetitive Choreografie", für die man in der richtigen Stimmung sein müsse.

"Es wirkt ein wenig als hätte eine Hippiekommune ein Theater übernommen", schreibt Wolfgang Höbel im Spiegel (21.9.2019) über die Eröffnung, insbesondere Stemanns Sponsoren-Ständchen. Nachdem er die Pläne der neuen Kollektiv-Intendanz dargelegt hat – in Christopher Rüpings Worten eine Umgestaltung des verstaubten Systems dahingehend, "dass nicht mehr wir den Strukturen folgen, sondern die Strukturen uns" –, fragt Höbel: "Aber kann in der Wohlfühlzone, in die sich das Theater nach den Wünschen des Teams verwandeln soll, noch brisante, womöglich verstörende Bühnenkunst entstehen?"

Mit acht Regisseur*innen zu arbeiten, die vor Ort sind – und nur mit diesen acht –, "das allein ist schon ein radikaler Gegenentwurf zu den Theatern, die auf Regie-Prominenz setzen, dadurch eine gewisse Austauschbarkeit erzeugen und mitunter Probleme kriegen", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (21.9.2019): "Das Münchner Residenztheater wie die Wiener Burg mussten gerade Produktionen von Simon Stone absagen, weil der gerade fürs Theater keine Zeit hat und einen Film dreht." Künstlerisch "fabelhaft“ findet Tholl den Ansatz, acht ältere Arbeiten der Hausregisseur*innen zu zeigen – "quasi Signatur-Inszenierungen", die in Zürich bislang keiner kannte. "Die Entspanntheit, zum Start auf neueste Sensationen zu verzichten", setze sich fort in der "bemerkenswerten Zahl" von 13 (statt sonst oft 30) Neuproduktionen in der ersten Saison, so der Kritiker. "Zürich schafft sich dadurch eine konzentrierte Eigenständigkeit, von der viele Häuser lernen könnten."

Gefehlt habe während der Intendanz von Barbara Frey, was sich beim fünftägigen Eröffnungsfestival des neuen Zürcher Intendanzduos zeige, bemerkt Valeria Heintges in der Neuen Zürcher Zeitung (22.09.2019): "Plötzlich ist die ganze Vielfalt der menschlichen Spezies zu sehen, alle Altersstufen und Nationalitäten. Alle Geschlechter und Hautfarben. Und zwar nicht nur auf der Bühne. Sondern auch davor, im Publikum." In drei Gruppen teilt die Autorin die acht Hausregisseur*innen – in die Grenzgänger (Alexander Giesche, Wu Tsang, Trajal Harrell), die Jungen Wilden (Suna Gürler, Leonie Böhm, Christopher Rüping) sowie die Gesetzten (Yana Ross, Nicolas Stemann) – und stellt in Kurzrezensionen ihre zur Eröffnung gezeigten Arbeiten vor. Zürichs Theaterlandschaft sei in Bewegung gekommen, so Heintges' Resümee. Nun müsse "aus den Einzelnen ein Ganzes werden, das sich insgesamt mit Zürich auseinandersetzt. Die Stile müssen sich mischen, die Regiesprachen,die Genres, sonst wird das Fest ein Reinfall".

 

 
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