Deutsches Heldenplätzchen

von Matthias Schmidt

Dresden, 25. September 2020. Es endet mit einem nicht enden wollenden Textblock aus wuchtigen Sätzen, die stilistisch aus dem Heiner-Müller-Universum stammen könnten. Inhaltlich nimmt er es mit den Thomas Bernhard'schen Heimatvernichtungen auf. Eine zum Verlieben schön geschriebene Hasstirade auf das deutsche Land mit seinen Rotkohl-mit Rindfleisch-und-Klößen-Essern, unter deren Betten die bösen Geister der dunklen Jahre auf ihren Einsatz an den Flüchtlingsheimen warten. Auf das an Rüstung und Waffen verdienende, die Welt ausbeutende, turbokapitalistische Land mit seiner Fremdenfeindlichkeit und seinem Nationalismus.

Ein Bild von einem Land

In diesem Text bekommt jeder sein Fett weg. Jeder, der als Konsument an diesem Land teilnimmt, ein Konto hat, Karriere macht. Warum, fragt man sich. Warum ist der so böse? "Weil uns das Maul / das allzu voll uns wurde mit / der Zeit / nicht dichthält mehr"?

Was für ein Bild von diesem Land hat dieser Autor, dass er ihm solch eine Kampfansage macht? Chorisch gesprochen, bräuchte man für diesen (den dritten) Teil des in Dresden uraufgeführten Textes von Thomas Freyer eine Versammlungsgenehmigung. Regisseur Tilman Köhler nimmt das Brachiale etwas heraus, in dem er seine 4 Schauspieler einzeln, sich bewegend und immer leicht überlagernd sprechen lässt. Das sorgt für ein bisschen Verwirrung, nimmt einem als Zuschauer aber wenigstens die Angst, dass man am Ausgang irgendeine Petition würde unterschreiben müssen.

StummesLand 1 560 SebastianHoppe uChorische Kampfsage: Karina Plachetka, Benjamin Pauquet, Oliver Simon, Fanny Staffa © Sebastian Hoppe

Doch gemach, Thomas Freyers "Stummes Land" kann man durchaus auch sehr gelungen finden, spitzt es doch nur zu, was gerade so an Ängsten und Debatten durch die Republik geistert. Zu Recht prangert Freyer Rassismus und Fremdenfeindlichkeit an, und aus gutem Grund macht er sich auf die Suche nach deren Gründen. Ein bisschen "Heldenplatz" also? Ein Stück, das Hunde treffen und zum Bellen bringen will? Warum nicht, die Zeiten sind wohl so. Herausgekommen ist dennoch mehr ein "Heldenplätzchen".

Wir sind alle Rassisten

Der erste Teil, ein Wiedersehen von vier Jugendfreunden nach vielen Jahren, ist angelegt wie Thomas Vinterbergs "Das Fest". Aus dem Smalltalk der sehr unterschiedlichen Charaktere mit ein paar kecken Sprüchen und Anekdötchen wird im Laufe des Abends mit ein bisschen Alkoholeinfluss ein Abend der Offenbarungen. Es beginnt unterhaltsam, schaukelt sich auf, bis sich alle vier beichten, dass sie rassistische Gedanken haben. Mehr oder weniger, natürlich, und jeder geht damit auch anders um, aber letztlich wird dem Publikum in den insgesamt ziemlich unbeholfen aufgesagt wirkenden Dialogen mitgeteilt, "wir sind alle Rassisten, wir haben es von unseren Vätern gelernt".

StummesLand 2 560 SebastianHoppe uIm Käfig in "Stummes Land" am Staatsschauspiel Dresden © Sebastian Hoppe

Sie wirken jetzt nicht mehr wie ein kleines Klassentreffen, sondern mehr wie eine Therapiegruppe bei einer Aufstellung. So ist es leider auch inszeniert. Ein paar Hocker werden hin- und hergerückt, ein paar bedeutende Blicke in das rings um die Bühne herum sitzende Publikum geworfen, und am Ende fällt etwas vom Himmel, das wie eine in Folie gewickelte Leiche aussieht. Jetzt kommen also mit den bösen Gedanken der Gegenwart die Verbrechen der Vergangenheit ans Licht.

Mutmassungen über die Naziwerdung

Selbst wenn man einen Corona-Abstands-Bonus anerkennt, bleibt diese Szene, die anfangs wie ein genialer Einfall wirkt, von der man hofft, jetzt käme das wirkliche Leben mit seinen Nuancen und seinen Meinungsverschiedenheiten auf die Bühne, nur eben in feineren Worten, artifiziell und, ja, weltfremd. Was hätte das für eine bittere Komödie werden können, in diesen Zeiten, in denen Treffen dieser Art bei Themen dieser Art nicht selten derart eskalieren, dass man sich eine stumme Festtafel wünschte.StummesLand 3 560 SebastianHoppe uLegenden und Lügen vom antifaschistischen Deutschland ins Licht gerückt © Sebastian Hoppe 

Die Gründe von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit im Osten: im zweiten Teil werden sie gefunden. In den Lügen und Legenden, auf denen die DDR fußte, im Mythos vom antifaschistischen Deutschland, in dem die Väter und die Mütter schwiegen. Ein stummes Land ist es, das Freyer in diesem dokumentarisch erzählten Akt erinnert. Wie seine Sprache ist auch das famos. Famos recherchiert und famos gebaut.

Ob der 17. Juni 1953 oder die große Buchenwald-Lüge von den tapferen Kommunisten, die einen kleinen Jungen retten ("Nackt unter Wölfen"), ob die Verstrickungen der Moskauer Exil-Kommunisten in die stalinistischen Verbrechen oder die Auseinandersetzungen von Einheimischen mit algerischen Arbeitern im Erfurt der siebziger Jahre, auch die raffinierten Methoden, mit denen die junge Stasi sich an Altnazis heranwanzte – das alles ist ein kraftvoller Gang durch die Schattenseiten des natürlich nur auf dem Propaganda-Papier ganz und gar antifaschistischen deutschen Staates.

Kindergarten und andere umkämpfte Zone

Die kämpferische Kausalität aber, mit der Freyer (wie auch schon die im Programmheft zitierte Ines Geipel ("Umkämpfte Zone")) daraus ableitet, dass man damit die heute vor allem im Osten wachsende Fremdenfeindlichkeit erklären kann, macht staunen. So wirkungsstark dieser zweite Akt auch inszeniert ist, mit schnellen Kostüm- und Rollenwechseln und endlich auch mit Haltungen gesprochen, die auf echte Menschen hindeuten, im Vergleich zum ersten Teil lebhaft, greifbar, sogar ergreifend, so fragwürdig bleibt seine These. Denn methodisch tut das Stück letztlich, was es kritisiert. Es pauschaliert und tappt damit in dieselbe Falle, in die Christian Pfeiffer Ende der Neunziger mit seinen Mutmassungen über die Rolle der Kindergärten bei der Naziwerdung des Ossis ging. Es spricht, als gäbe es nur eine Haltung und dafür wiederrum nur einen Grund. Es sucht die Gründe zudem ausschließlich in der Vergangenheit.

So einfach ist es sicher nicht, sagt enttäuscht einer, der am sozialistischen Kindergarten wirklich gelitten hat und dennoch zu den vielen gehört, die der Bundesrepublik mit ordnungsgemäßen Werkseinstellungen beigetreten sind.

Stummes Land
von Thomas Freyer
Regie: Tilmann Köhler, Bühne: Karoly Risz, Kostüme: Susanne Uhl, Musik: Matthias Krieg, Licht: Olaf Rumberg, Dramaturgie: Uta Girod.
Mit: Benjamin Pauquet, Karina Plachetka, Oliver Simon, Fanny Staffa.
Premiere am 25. September 2020
Dauer: 1 Stunden 50 Minuten, keine Pause

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Kritikenrundschau

Zunächst führe uns der Autor "ziemlich durchschaubar" einen Alltagsrassismus vor, der, mehr oder weniger verborgen, in fast jedem Menschen vorhanden sei, so Thilo Sauer von Deutschlandfunk Kultur (27.9.2020). "Thomas Freyer formuliert den bekannten Vorwurf, dass der antifaschistische Staat DDR die Nazi-Verbrechen der Vergangenheit nie wirklich aufgearbeitet hat." Jeder der drei Teile greife das Problem auf einer anderen Ebene an und jeder Teil besitze einen eigenen stimmigen Sound. "Vor allem mit der Recherche im mittleren Teil weist Freyer geschickt auf eine Kontinuität von Taten und Gedanken hin." Die Inszenierung von Tilman Köhler bleibe leider trocken. "Am Anfang finden die Darsteller nicht in ihre Rollen und der letzte Teil ist maßgeblich von einer einzigen Regie-Idee geprägt.“"

Schier endlos packe Freyer Gedankenfetzen, poetische Metaphern über den Zustand Europas und die Beschreibung eines menschenfeindlichen Lynchmordes in eine brachiale Sprache, schreibt Tilo Harder von der Sächsischen Zeitung (28.9.2020) über den dritten Teil des Abends. "Regisseur Tilman Köhler fällt jedoch nicht mehr ein, als seine Spieler permanent kreisen und übereinander sprechen zu lassen. Das zwingt anfangs zu angespanntem Lauschen, ermüdet aber schnell und wirkt auf Dauer nervig." Die Spurensuche nach den Wurzeln von Hass und Fremdenfeindlichkeit bleibe ohne tiefe Erkenntnis und auf ostdeutsche Phänomene beschränkt.

Andreas Herrmann von den Dresdner Neuesten Nachrichten (28.9.2929) hingegen lobt "echtes Theater als Bühnenspiel, als gleichwertiges Ensemblespiel und mit Drang zur komplexen Ästhetik, dazu durchaus kopflastig und poesievoll". Freyer gönne seinen Protagonisten wie gewohnt nicht nur Ambivalenzen, sein Regisseur forme mit den Mime echte Charaktere, denen man auch bei fieseren Spielereien gern zuschaue.

 
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