Vorgezogenes Faschingstreiben 

von Eva Maria Klinger

Wien, 10. Oktober 2008. Wer Anspruch auf einen umfassenden Shakespeare-Zyklus erhebt, muss wohl auch in die Mottenkiste greifen. Nun ist so ein Zyklus, der sich dem größten Dramatiker des Welttheaters widmet, wahrlich kein Risiko und im Übrigen auch keine nennenswerte Idee. Aber was soll's, Intendant Klaus Bachler verfolgte Shakespeare zum Abschluss seines Wirkens am Burgtheater, und mit "Macbeth" wird der Reigen abgeschlossen sein. Derweil hat Bachler, als Simultan-Direktor der Bayerischen Staatsoper, in München längst den Verdi-Zyklus eingeläutet.

In Wien müssen sich seine Stellvertreter mit der so gut wie nie aufgeführten Shakespeare-Komödie "Ende gut, alles gut" herumschlagen. Helena begehrt den jungen Grafen Bertram, verlangt ihn als Lohn für eine hocharistokratische Lebensrettung zum Ehemann und wird von dem unbedarften Erwählten zurückgewiesen. Aus Abscheu vor der Ehe flieht er in den Krieg, sie aber ist nicht froh darüber, sondern zieht ihm nach.

Tölpische Edelmänner, einfältige Soldaten 

Mit einem Trick kriegt sie ihn ins Bett, weil er unter sich eine andere vermutet. Der "Bedtrick" hat Folgen, auch ein ominöser Ring wird getauscht, und der widerborstige Jüngling willigt in sein Eheschicksal ein. Ein paar tölpische Edelmänner und einfältige Soldaten ergötzen sich an den 400 Jahre alten Witzen der Shakespeareschen Nebenhandlungen. Das alles füllt weder Abend noch Anspruch.

Die einzige Rechtfertigung der Unternehmung ist Maria Happel in vierfacher Ausführung. Behende hüllt sie ihre üppigen Formen in wallende oder viel zu knappe Roben, als gelte es, mit der jeweiligen Maskerade eine Kabarett-Nummer von der anderen zu trennen. Sie schmollt, wenn sie trotzig ist, sie schluchzt herzzerreißend, wenn sie traurig ist, sie räkelt sich neckisch, wenn sie verführerisch sein will, sie gurrt als Sängerin der gräflichen Combo ins Mikro. Das alles fand das Publikum recht komisch, – obgleich dieses gekonnte Ziehen aller komödiantischen Register einer besseren Vorlage wert wäre.

Überhaupt liegt fast der ganze Witz in dem ständigen Rollen- und Kostümwechsel der Schauspieler, dem offensiven Herumschieben von Sitzmöbeln und Paravents (Bühne: Dirk Thiele). Daniel Jesch, Jörg Ratjen und vor allem Dietmar König (als großmaulige, verräterische Laus und als schwarz-verschleierte Witwe) lassen auch in der Seichtheit der Komödie erkennen, dass sie am Burgtheater wirken. Sonst wäre der Mummenschanz pfeilschnell ins Sommertheater entglitten.

Stoff für eine feministische Glosse

Gerrit Jansen als der angebetete Bertram ist ein schmächtiges Bürschlein, der das Mädchen abweist, weil er vermutlich noch gar nicht weiß, was er mit ihm anfangen soll. Mareike Sedl als Helena steuert wissender auf ihr Ziel zu. Anfangs ist sie ein emanzipiertes Mädchen, das einen Mann als Belohnung fordert, was in der Renaissance (Shakespeare verarbeitet eine Novelle aus Boccaccios  "Decamerone") genauso unüblich war wie heute, weshalb "Ende gut, alles gut" ja auch eine Komödie ist.

Sich einen Mann zu angeln, mag ja durchgehen, aber sich einem derart Desinteressierten unter die Lenden zu schwindeln, ist mehr peinlich als komisch und böte besseren Stoff für eine feministische Glosse. Der zarten Mareike Sedl bleibt nicht viel mehr, als, unbeirrt von allen Kränkungen, ihr Recht auf einen Ehemann zu behaupten. Regisseur Niklaus Helbling hat offenbar das Risiko gesucht, eine Rarität zu erwecken. Was sonst könnte ihn an diesem Werk interessieren? Für die Burg-Schauspieler ist es zumindest ein (Faschings-)Fest, einmal so richtig die Augen verdrehen zu dürfen.

 

Ende gut, alles gut
von William Shakespeare
Regie: Niklaus Helbling, Bühne: Dirk Thiele, Kostüme: Judith Steinmann, Choreographie: Anne Juren, Musik: Eva Jantschitsch, Imre Bozoki-Lichtenberger, Moritz Wallmüller, Video: Elke Auer.
Mit: Daniel Jesch, Jörg Ratjen, Dietmar König, Maria Happel, Mareike Sedl, Gerrit Jansen, Imre Bozoki-Lichtenberger.

www.burgtheater.at

Kritikenrundschau

Nach "massiven Verwirrungen" könne man sich bei Shakespeares "Ende gut, alles gut" "die Tragödie in der Komödie (...) hinzudenken oder im Zweideutigen dieser raffinierten Sprache" aufspüren. Niklaus Helbling höre jedenfalls genau "auf die Zwischentöne" in der "scheinbar platten Handlung", schreibt Norbert Mayer in Die Presse vom 13.10. Dem Regisseur sei eine "rasante, umwerfend komische Aufführung gelungen", in der alle ausgelassen sein dürften. "Geschickt" und "unprätentiös" werde mit Requisiten hantiert "wie in bester elisabethanischer Tradition". Es "glänzen Maria Happel und Dietmar König" in diversen Rollen, "facettenreich und souverän" und reizen den Kritiker "zu unkontrolliertem Lachen", wobei die "schamlose Übertreibung und tiefstes Sentiment" ihre "Hauptwaffen" seien.

"Es herrscht entspannte Atmosphäre", schreibt Martin Lhotzky in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (14.10.), "und es ist ziemlich unterhaltsam." Das Stück werde ja selten gespielt, aber – so Lhotzky weiter – "dreht es sich allein um die Spielbarkeit, so hat Niklaus Helbling seine Aufgabe (...) bravourös gemeistert." Denn "die Darsteller dürfen ihm vertrauen, er vertraut der Intelligenz der Zuschauer". Auch die Kürzungen ergeben Sinn. "Den Epilog aber hat Helbling nicht gestrichen. Statt den König allein sprechen zu lassen, singen sie alle gemeinsam das Heischelied um die Gunst des Publikums. Es reicht!" Nicht ganz zwar "für eine adäquate Shakespeare-Aufführung, aber für einen gelungenen, entspannten, höchst komischen und zum Glück auch kurzen Abend".

 
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