Backstage beim Kapitalismus

24. September 2021. In rund 500 Städten in Deutschland, Österreich und der Schweiz sind Menschen auf die Straße, um mit Fridays for Future für eine gerechte Klimapolitik zu kämpfen. Zahlreiche Künstler:innen haben zum globalen Klimastreik aufgerufen. Auch Katja Riemann. Über ihr Engagement in der Umweltpolitik spricht die Schauspielerin in unserem Interview zum Weltklimastreik.

Interview mit Christian Rakow und Elena Philipp

Katja Riemann, in einem aktuellen Video rufen Sie gemeinsam mit 41 weiteren Prominenten dazu auf, am Weltklimastreik teilzunehmen. Welche Hoffnungen verbinden Sie mit diesem Tag?

Die Fridays konnten wegen der Pandemie seit eineinhalb Jahren nicht mehr auf die Straße; ich war vor Ort, als die Aktion "stream statt straße" im April 2020 vor dem Reichstagsgebäude stattfand und habe per Zoom ein Gespräch mit Erik Marquardt geführt.

Katja Riemann 1200h SABINE WIEDENHOFER uSchauspielerin Katja Riemann © Sabine WiedenhoferAm 24.9. nun, zwei Tage vor einer entscheidenden Bundestagswahl, dürfen die jungen Menschen und wir alle wieder auf die Straße gehen, um daran zu erinnern, dass die Klimakatastrophe existiert und menschengemacht ist und wir uns alle für einen Wandel einsetzen sollten. Vor allem meine Generation und die, die noch älter sind. Wir müssen, wenn ich das anfügen darf, vor allem dringend das Wahlalter heruntersetzen, das hat die CDU mit Grund zu verhindern gewusst. Es ist schon besonders betrüblich und zynisch, dass die Alten gegen die Zukunft der Jungen wählen. Die Ü-60-Jährigen stellen 38% der Wahlberechtigten, versus 16% der Wahlberechtigten unter 30. Die Kinder, Teenager und Studierenden haben Rücksicht genommen auf die älteren Damen und Herren, die am stärksten vom Covid-Virus bedroht waren, es ist Zeit zurückzugeben und für das Leben der jungen Menschen zu wählen, ganz einfach.

Sie engagieren sich seit Langem für ökologische Themen. Berühmt wurde Ihr Fotoshooting 2011 für die Tierschutzorganisation PETA im Gemüsekleid. Wann und wie/warum haben Sie angefangen, sich zu engagieren?

Um ganz ehrlich zu sein, sind es die humanitären Themen, für die ich mich seit langer Zeit engagiere und die auch eher meine Expertise sind, ich habe ja über humanitäre Arbeit das Buch "Jeder hat. Niemand darf. Projektreisen" geschrieben, das Ende Februar 2020 bei Fischer erschien. Aber die umweltlichen und die humanitären Belange, die bedingen sich nun einmal gegenseitig, und darum wachsen da auch die Aktivist:innen und Projekte immer weiter zusammen. Die Umweltkatastrophen lösen humanitäre Katastrophen aus, der Dürre entspringt Hunger, den Überflutungen entspringt Flucht, dann kommen Menschen nach Europa. Hier geht aber inzwischen auch das Ahrtal unter. Nur haben wir eine bessere Versorgung, und die Menschen in NRW und Rheinland-Pfalz, die mein tiefstes Mitgefühl haben und die unglaublich mutig und tapfer und mit einer bewundernswerten inneren Stärke durch diesen Wahnsinn gehen, wären mit etwas mehr vorausschauender Prophylaxe im Katastrophenschutz möglicher Weise noch schneller und besser versorgt gewesen.

Wie hat sich Ihr Engagement für Umweltthemen über die Jahre verändert?

Nun, ich glaube, ich fange gerade erst an. Ich bin Vegetarierin mein ganzes Leben und habe jetzt, da sich dieser Gedanke und das Wissen um den Wahnsinn der Massentierhaltung und alles, was damit einhergeht, in der Mitte der Gesellschaft zu verteilen beginnt, erst voll umfänglich realisiert, dass in den 90ern mein Vegetarismus für mich mit Scham behaftet war. Gerade auch beim Drehen. Ich mochte das nicht so gern sagen, dass ich keine Tiere esse, weil man komisch angeschaut wurde, als sei man krank, als störe man damit fast aktiv oder aggressiv den allgemeinen Ablauf und die Ruhe der anderen. Meine Branche hinterlässt einen großen CO2-Fußabdruck und ich drehe gerade jetzt einen Film mit/unter grünen Bedingungen, und ich find's super. Zur Info: Pro Jahr werden allein in Deutschland 2,8 Milliarden "Coffee to go"-Becher, also Einwegbecher, verwendet. Wo soll das denn alles hin? Auf den Mars? Müssen wir wirklich immer und überall während des Gehens einen Kaffee trinken?

Sie sind auch mit der Forderung nach mehr Klimaschutz bei Film-Dreharbeiten an die Öffentlichkeit getreten. An welche Bereiche und Veränderungen denken Sie da?

Wir haben einen sogenannten grünen Drehpass entwickelt. Es geht dort um verschiedene Bereiche, in denen man ansetzen kann: Beim Catering mit der Verwendung von Mehrweggeschirr. In der Ausstattung, bei er es um die Reduzierung von Elektromüll oder Recycling von Materialien geht. Und vieles mehr: E-Mobilität beim Transport, effiziente Lichtquellen, Druckvermeidung in den Produktionsbüros; Erstellung einer CO2-Bilanz für die gesamte Produktion. Die Initiatoren sind vor allem Moritz Vierboom, Pheline Roggan und Miriam Stein.

Im August nahmen sie an der "Rise up"-Protestwoche von Extinction Rebellion in Berlin teil. Die Gruppe setzt noch stärker als Fridays for Future auf zivilen Ungehorsam und Blockaden. Was waren Ihre Eindrücke von der Aktion?

Mein Eindruck war, dass xrberlin viel größer werden muss, um mehr Sichtbarkeit zu bekommen. Dort gab es eine kleine Aktion, bei der ungefähr 10 Rot- und 10 Blaugekleidete über den Wittenbergplatz wandelten. Als Ausdruck von Schmerz und Wasser oder so, hab ich nicht ganz verstanden – ich dachte nur: Wenn nun jeweils 100 oder noch besser 1000 Rot- bzw. Blaugewandelte über den ganzen Kudamm liefen und beschallt würden mit den Cellosuiten von Bach – DANN würden die Menschen anhalten und schauen und sich fragen: What's this about?! Und wenn dann zum Beispiel die Ernährungswissenschaftlerin und Immunologin Saskia Mayer sprechen würde über die Situation der Überfischung, die Dimension der Zerstörung in unseren Meeren, die man nicht sieht, dann könnte es irgendwann die Menschen erreichen, die nichts Böses wollen, sondern einfach nicht genug wissen über das, was sich backstage in den kapitalistischen Industrienationen ereignet.

Ein praktisches Beispiel: Gehen Sie auf den Markt und kaufen Sie eine Gans in einer Tüte – no problem. Gehen Sie auf den Markt, und die Gans wird vor Ihren Augen erlegt, dann sieht das ganz anders aus. Dies ist übrigens ein wahres Beispiel – als ein Bauer das mal anbot, machten die Marktbesucher blitzschnell ein crowdfunding und 'retteten' den verbliebenen 14 Gänsen das Leben. Das auf dem Markt ist aber eine humane Weise des Erlegens eines Tiers zum Zwecke, den Menschen zu ernähren. Jene in ganz großem Stil, die sehen wir nicht. Wir müssen unseren Umgang mit Tieren in jeder Hinsicht überdenken. Das fällt uns auf die Füße, wie man sieht!

Die neuen Player in der Klimaschutzbewegung agieren sehr unterschiedlich: Fridays For Future sucht den Dialog mit der Politik und zielt auf ein breites gesellschaftliches Bündnis. Extinction Rebellion steht für Formen des passiven Widerstands. Gruppen wie Ende Gelände suchen gezielt den Konflikt mit Konzernen der fossilen Industrie und besetzen etwa Braunkohletagebaustätten. Wie nehmen Sie diese Aktivitäten wahr? Welche Protestformen halten Sie für die wirkungsstärksten?

Ich glaube, es geht hier um die schweigende Mehrheit. Wir müssen so laut werden, dass die Politik aufhört den Rechtsaußen-Leuten zu folgen. Die Politiker sind am Ende Beauftragte eines Volkes. Wenn das Volk sagt, wir wollen einen Wandel, dann sind sie quasi verpflichtet, den einzuläuten. Sieht man ja, wie SPD und sogar CDU beginnen, etwas unbedarft über Klimaziele zu sprechen. Es geht ja schon mal in die richtige Richtung, aber es muss schneller, freundlicher und phantasievoller geschehen.

Katja Riemann ist eine der bekanntesten deutschen Schauspielerinnen. Sie wurde mit zahlreichen Preisen bedacht. Seit 2000 ist sie UNICEF-Botschafterin, unterstützt unter anderem "Plan International" und "amnesty international" und setzt sich ein für eine offene Gesellschaft. Für ihr menschenrechtliches Engagement erhielt sie 2010 das Bundesverdienstkreuz am Band und 2016 den Bad Iburger Courage-Preis. Im Februar 2020 erschien ihr Buch "Jeder hat. Niemand darf. Projektreisen" beim S. Fischer Verlag. In ihrer Dokumentation "…and here we are! Eine Filmschule in Moria", die aktuell auf arte.tv zu sehen ist, berichtet sie über eine Filmschule im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos.

 

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