Der Renitente aus der Wiener Paniglgasse

Wien, 16. Oktober 2021. Ein Stück mit einer interessanten Geschichte – aber hat "Der Bockerer", in dem die Nazizeit in Österreich aufgearbeitet wird, auch heute noch genug zu bieten? Das Theater an der Josefstadt wagt die Ausgrabung.

Von Reinhard Kriechbaum

Der Renitente aus der Wiener Paniglgasse

von Reinhard Kriechbaum

Wien, 16. Oktober 2021. Frau Bockerer hat übereifrig die Urkunden der ganzen Sippschaft für die Ariernachweise zusammengetragen. Dass der Sohn "reinrassig" ist, lässt ihren Mann kalt: "Ist er ein Dackel, unser Hansi?" Über das Fragezeichen in einer der Geburtsurkunden macht sich der Bockerer auf Kosten seiner Frau lustig. "Zigeuner oder Zulukaffer" in ihrer Ahnenreihe? Politische Korrektheit war damals noch kein Thema – und sie wäre sowieso nicht die Sache des Herrn Bockerer.

Till Eulenspiegel der Nazizeit

Österreich und "Der Bockerer" – das ist eine durchwachsene Geschichte. Der Wiener Schauspieler Ulrich Becher und der Berliner Schriftsteller Peter Preses schrieben das Stück während der Nazizeit im amerikanischen Exil. Pate für den legendären Karl Bockerer, "bürgerlicher Fleischhauer und Selchermeister in der Paniglgasse", stand eine von Friedrich Torberg schon 1938 kreierte Figur, der zwischen Aufmüpfigkeit und Anpässlerei sich durch die repressive Zeit lavierende "Herrn Neidinger". Der wurde in Emigrantenkreisen von Zürich über Paris und London bis New York als eine Art Till Eulenspiegel der Nazi-Zeit gehandelt. Als "Der Bockerer" herauskam, bezichtigte Torberg die Kollegen des Plagiats.

Zwar wurde das Stück schon 1948 in Wien uraufgeführt. Aber wer wollte damals die so zeitnahe Vergangenheit und die Anklage wegen Mitläufertums auf der Bühne sehen? Die Gegnerschaft von Friedrich Torberg war in Wien auch nicht gerade förderlich. Versenkung also. Einige wenige Aufführungen in Deutschland hatten nicht viel Resonanz, auch nicht eine österreichische TV-Verfilmung mit dem populären Fritz Muliar in der Titelrolle. Ein weiterer Bockerer-TV-Mehrteiler (Regie Karl Antel, mit Karl Merkatz in der Titelrolle) sorgte 1981 zu einer kurzfristigen Hausse an Österreichs Provinzbühnen. Aber das war's mehr oder weniger schon wieder.

Kein Schwejk, sondern Schmerzensmann

"Der Bockerer", mehr theoretische Größe als echtes Kultstück, steht also jetzt im Theater in der Josefstadt eigentlich wieder ganz neu auf dem Prüfstand. Und abermals ist das Ergebnis durchwachsen. Freilich, die Titelrolle ist höchst dankbar, das führt Johannes Krisch eindrucksvoll vor. Der derbe, durch nichts und niemanden einzuschüchternde Bockerer spielt den Narren und hält damit die neuen Wiener NS-Machthaber zum Narren. Während Ehefrau und Sohn ideologisch überlaufen, bleibt der Bockerer renitent und aggressiv. Doch zwischen der Krakeelerei findet Johannes Krisch leise, vor allem gegen Ende hin berührende Töne. Der Einzelkämpfer rettet nichts als seine eigene Haut. Der Sohn fällt vor Stalingrad. Der große Unterschied zum tschechischen Schwejk ist, das jener Dank kluger Verschmitztheit immer auf die Butterseite fällt. Dem Bockerer, durch und durch unraffiniert und uncharmant, liegen Winkelzüge fern. Er endet als Schmerzensmann.

Der Bockerer2 600 Astrid Knie cIm Vordergrund: Johannes Krisch als Karl Bockerer © Astrid Knie

In diesem Stadium kommt Hitler selbst auf die Bühne. Durch eine Bodenklappe dringt er ein ins Haus. Nein, kein Alptraum. Auch nicht der Diktator als Wiedergänger. Bloß ein aus der psychiatrischen Klinik entsprungender Doppelgänger. Ausgerechnet mit diesem Irren diskutiert der Bockerer ernsthaft – auch das eine menschliche Tragik. Mit fast tränenerstickter Stimme mahnt der Bockerer das Publikum zuletzt, wachsam zu bleiben.

Licht, Schatten, Marschmusik

Ein Problem des Stücks ist, dass die vielen, vielen Figuren drumherum nur schablonenhaft angelegt sind. Genau da setzt Regisseur Stephan Müller mit einem starken Hang zum Plakativen noch eins drauf. Klischee lass nach, möchte man beständig rufen. Mit starker Theaterpranke werden Zwischentöne, die man aus dem Text zugegebenermaßen erst mühselig destillieren müsste, weggewischt. Bühnenwirksam und effektvoll arrangiert, mit Schattenrissen und Projektionen, ist das freilich. Die Marschmusik scheppert martialisch.

Der Bockerer3 600 Astrid Knie cMarcus Bluhm (Berliner Parteigenosse), Oliver Huether (Berliner Parteigenosse), Tobias Reinthaller (Hans), Johannes Krisch (Karl Bockerer), Martin Zauner (Der Hermann) © Astrid Knie

Das Premierenpublikum hat sich beim großen Ensemble für dessen Einsatz geradezu enthusiastisch bedankt. Für Johannes Krisch gab's verdientermaßen standing ovations. Ob man dem "Bockerer" damit einen Impuls für Folgeaufführungen auf anderen Bühnen gegeben hat? Eine – wirklich interessante – Hauptfigur allein tut's wohl nicht. Weil der Bockerer mit Vornamen Karl heißt, fällt einem obendrein eine andere prominente Bühnenfigur zum Thema ein: "Der Herr Karl" von Helmut Qualtinger und Carl Merz. Dieser Theatermonolog entstand 1961, mit mehr reflektierendem Abstand also – und dieser Herr Karl ist als Mitläufer, Anpässler und auch nach anderthalb Jahrzehnten Uneinsichtiger deutlich näher am an jenem Österreich, das im Jahr 1938 zu 99,73 Prozent mit den Nazi-Wölfen geheult hat.

Der Bockerer
von Ulrich Becher und Peter Preses
Regie: Stephan Müller, Bühnenbild und Video: Sophie Lux, Kostüme: Birgit Hutter, Musik: Nikolaj Efendi, Choreografie: Daniela Mühlbauer, Licht: Pepe Starman, Dramaturgie: Barbara Nowotny .
Mit: Johannes Krisch, Alexandra Krismer, Ulli Maier, Tobias Reinthaller, Johannes Seilern, Ulrich Reinthaller, Alexander Strömer, Martin Zauner, Susanna Wiegand, Oliver Rosskopf, Johanna Mahaffy, Oliver Huether, Marcus Bluhm, Michael Würmer.
Premiere am 16. Oktober 2021
Dauer: 2 Stunden 40 Minuten, eine Pause

www.josefstadt.org

 

Kritikenrundschau

In der Presse (18.10.2021) lobt Norbert Mayer die "zügige und einfallsreiche Inszenierung", die mehr Schärfe habe als der alte Kultfilm. "Vor der Pause wirkt die Aufführung fast zu routiniert. Danach aber steigert sie sich furios", so Mayer. "Die Titelrolle spielt Johannes Krisch brillant."

"Diese grundsolide und grundsympathische Inszenierung wird nicht mehr so schnell vom Spielplan verschwinden", schreibt Stephan Hilpold im Standard (18.10.2021), vermisst aber doch eine Prise "Schärfe und Doppelbödigkeit". Immerhin: "Der Bockerer aus der Josefstadt ist ein deutlich ungemütlicherer Kerl, als man ihn aus der Filmfassung kennt."

"Es bleibt etwas fragwürdig, ob die Mär vom goldenen Wiener Herzen heutzutage noch so ungebrochen erzählt werden kann. Auch die Inszenierung, gediegenes Stadttheater-Handwerk, wirkt ein wenig wie aus der Zeit gefallen", bemerkt Petra Paterno von der Wiener Zeitung (18.10.2021). "Der Trumpf der knapp dreistündigen Aufführung ist indes fraglos Johannes Krisch. Wie der ehemalige Burg-Schauspieler die Titelfigur verkörpert, geht einem ans Herz."

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