Alles wird gut, denn der Kapitalismus ist vorbei

von Irene Grüter

Basel, 18. September 2009. Es war alles gut. Der Anfang stimmte. Das Publikum war erwartungsfroh, und der Abend begann wunderbar. Die Leute lachten. Nicht gerade unglaublich viel, aber doch. Hin und wieder lächelten sie. Die erste halbe Stunde war unterhaltsam. So mittel unterhaltsam. Oder dann vielleicht eher an der unteren Grenze zu mittel. Okay, sagen wir, es war anfangs ganz unterhaltsam mit einem leichten Tick ins Bemühte. Sprich: Der Abend war bemüht, unterhaltsam zu sein.

Das war ein Versuch, im PeterLicht-Stil zu schreiben, und zugegeben: Er funktioniert nicht. So leicht Lichts Sprache daher kommt, so schwer ist es, diese eigentümlich schwebende Tonlage zu treffen. Diese Kunst, Aussagen unmerklich zu biegen, bis sie in ihr Gegenteil verkehrt werden. Seine "Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends", mit der er den Publikumspreis beim Klagenfurter Literaturwettbewerb gewonnen hat, beginnt mit dem Satz: "Es ging mir gut." Und den kippelt er vor und zurück, wiegelt ihn ab, bis er bei der totalen Katastrophe angelangt ist. Treffender hat keiner das Zeitalter des Relativismus in Sprache gefasst – PeterLicht eiert um die Beschreibung von Befindlichkeiten rum, bis die Ambivalenz zum Dauerzustand wird.

Zur Auflösung des Universums und zurück
Diesen Text nimmt das Theater Basel nun als Ausgangslage für einen musikalischen Theaterabend. Zwei Sofas fliegen in leichter Schräglage über die kleine Bühne, Sessel hängen an unsichtbaren Schnüren im Raum, durch das rissige Mauerwerk dringt ein Ast herein. Das Bühnenbild von Chalune Seiberth verspricht Schwerelosigkeit, und die hält der Abend in der Regie von Florentine Klepper eine halbe Stunde lang: Das Ensemble sitzt auf einer Stuhlreihe und spricht den Monolog, auf neun Stimmen verteilt, wunderbar beiläufig; als ob jeder Satz erst beim Reden gedacht würde. Das plänkelt so hin und her und schraubt sich, fast unmerklich, vom Zustand größter Zufriedenheit bis zur Auflösung des Universums. Und wieder zurück.

Doch dann beginnt der aktionistische und musikalische Teil. Inga Eickemeier haucht in eine Blockflöte und stimmt schülerhaft, zum Ticken eines Metronoms, das "Lied gegen die Schwerkraft" an; das Ensemble formiert sich zur Band. "Die Schwerkraft ist überbewertet. / Man braucht sie gar nicht, wie man ja wohl im Weltraum sieht". Die anderen fallen ein, abgelöscht wie Tresenhocker nachts um drei, ein routiniertes Lamento, dem längst keiner mehr zuhört: "Und die Sonne kocht auch nur mit Wasser. / Die soll sich nicht so aufspielen die gelbe Sau!"

Das Piano plätschert mit extradoofer Perücke

Unterlegt wird das mit lieblich-lauer Popbegleitung, Gitarren lächeln, das Piano plätschert freundlich. Wer allerdings erlebt hat, wie komisch und kunstvoll PeterLicht seine Texte gegen das Metrum singt und dabei vorgibt, dass dies alles zum Wohlfühlen sei, tut sich schwer mit anderen Versionen. Denn das Problem des Basler Abends besteht nicht darin, dass das Ensemble betont unbeholfen agiert. Es besteht im Betonten.

Irgendwie funktionieren diese Texte nicht, wenn die Komik so absichtlich wirkt. Wenn bunte Kinder-Spielsachen auf der Bühne liegen. Wenn sich der Pianist eine extradoofe Perücke überzieht. Wenn Andrea Bettini einen Einkaufskorb an einer Schnur hinter sich her ziehen muss (hm ja, Konsumkritik...). Wenn vom Kaffeetrinken die Rede ist und dazu eine Kaffeemaschine bedient wird. Wenn Carina Braunschmidt mit einer nassen Schürze "Help!" auf den Boden schreibt – während die Truppe mit der Fröhlichkeit eines Konfirmanden-Camps am Lagerfeuer singt: "Wir sind jung und wir machen uns eben Sorgen über unsere Chancen auf dem Arbeitsmarkt denn später wolln wir uns ja auch einmal etwas leisten können ..."

Mit "Für Elise" kommt die Leichtigkeit wieder
Immer ist da eine Illustration zu viel für diese Texte, die vom bittersüßen Kontrast zwischen Wohlfühlpop und gesellschaftskritischer Kante leben. (Dass sie sich auch fürs Theater eignen, haben schon die Münchner Kammerspiele entdeckt, wo der Kölner Texter und Musiker, der unter dem Pseudonym PeterLicht auftritt, selbst bei zwei Projekten Regie führte.) Vielleicht, und hier folgt schon die Relativierung: Vielleicht kann man diesen Abend einfach nicht fair beurteilen, wenn man ihn soeben selbst im Konzert erlebt hat. Denn das Theater Basel lud PeterLicht, verdienstvollerweise, am letzten Sonntag zu seinem ersten Schweizer Auftritt ein, mit durchschlagendem Erfolg.

Mit diesem unmittelbaren Vergleich vor Augen hat es der musikalische Theaterabend schwer. Und so ist er dort am besten, wo er sich vom Original absetzt, wo er Neues ausprobiert. Etwa, wenn er das "Lied vom Ende des Kapitalismus" auf das ausgelutschte Klimpern von "Für Elise" setzt. "Hast Du schon gehört, das ist das Ende vom Kapitalismus – jetzt isser endlich vorbei". Dazu der hoffnungsvolle Zeitlupentriller von Beethovens Klavierstundenstück, der einfach nicht mehr aufhören will – da kommt die Leichtigkeit zurück. Da ist alles wieder gut. Nicht gerade unglaublich gut, aber doch.

 

Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends (UA)
Ein Abend mit Texten und Liedern von PeterLicht
Regie: Florentine Klepper, Musikalische Leitung: Tobias Hoffmann, Bühne und Kostüme: Chalune Seiberth, Dramaturgie: Julie Paucker.
Mit: Andrea Bettini, Carina Braunschmidt, Tumasch Clalüna, Inga Eickemeier, Tobias Hoffmann, Pascal Lalo, Isabelle Menke, Florian Müller-Morungen, Jannek Petri.

www.theater-basel.ch


Mehr lesen? Für Begeisterung sorgte im Januar 2009 PeterLichts Abend Räume Räumen an den Münchner Kammerspielen.

 

Kritikenrundschau

Manchmal schmiege sich der Text im Basler PeterLicht-Abend "Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends" so sanft "an den Vierviertel-Takt wie die Panzerraupe an das hügelige Übungsgelände", schreibt Claude Bühler auf onlinereports.ch (19.9.). Dazu gebe die Band "stimmungsvolle Reggae- oder Rock-Hintergründe. Fast nie wird voll ausgespielt, fast immer bleibt es nur angetippt: Reduktion zurück bis auf den Grundimpuls eines im Raum zuckenden Beines." Im Bühnenbild sieht der Kritiker ein "Trümmerfeld der 68er". Hier könnte es "Sonntagnachmittag sein, und wer gerade mag oder muss, gibt zwangslos ein PeterLicht-Liedchen zum Besten. Egal wie." Die Schauspieler sitzen vorn in einer Reihe und tragen den Buchtext vor, "alle dürfen mal". Gemeint sei damit auch: "Was der Autor erlebt, das geht in uns allen vor. Die Kleidung, die Typen: Das wirkt wie ein Strassendurchschnitt." Erst Rezitation, dann Liederabend, ein "vergnüglicher Abend" mit einem "hochmotivierten Ensemble".

Diese Geschichte und ihr Titel sei "schräg und Glatteis wie alles, was dieser PeterLicht schreibt: ein Abgesang auf die Zukunft der Welt", so Jörg Jermann in der Basellandschaftlichen Zeitung (19.9.). "Handkehrum sind seine Lieder so sehnsüchtig und schön traurig, dass es einem in der Welt wieder warm ums Herz wird." Hausregisseurin Florentine Klepper mache "aus dem Monolog geschickt mit einfachen Mitteln einen Bericht von neun Ensemblemitgliedern. Und diese Ensemble-Arbeit zieht sie im zweiten Teil mit den Liedern weiter. Die Lieder, das Schräge, der Surrealismus begeistern, man erinnert sich an die Schwärze von Daniil Charms, an die Absurditäten eines Jean Tardieu oder Ionesco." Da werde "locker Song an Song" gereiht, unter der musikalischen Leitung von Tobias Hofmann "zitieren, spielen und singen" die Schauspieler "phasenweise hinreissend skurril und halbbacken an ihren Instrumenten".

 

 

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