Dramen aus dem Lokalteil

von Matthias Schmidt

Dresden, 21. Februar 2010. Schon auf dem Weg in das "Kleine Haus 3" hat man das Gefühl, dass man sich ins wirkliche (Theater-)Leben begibt. Es befindet sich ganz oben, unterm Dach der kleinen Spielstätte des Staatsschauspiels, und zumindest die letzte Treppe ist nicht von der Art, wie man sie für gewöhnlich auf dem Weg in Zuschauerräume begeht. Eine Metallstiege in Richtung Beleuchterbrücke, könnte man denken.

Ein paar Minuten später, zu Beginn der zweiten von fünf Uraufführungen dieses Abends, weiß man, dass man tatsächlich mitten im Leben ist. "Antje" heißt der Text – nach seiner Hauptfigur. Und Antje Zschoke, Jahrgang 1968, selbständige Masseurin und Fußpflegerin, steht selbst auf der Bühne, in einem roten T-Shirt, das mit ihrer Handynummer für "Mobile Massagen" wirbt. Unterstützt von Schauspielerin Anya Fischer erzählt Antje Stationen ihres Lebens, in dem wahrlich vieles nicht glücklich gelaufen ist. Während der Proben, sagt Antje, sei ihr nun ihr Laden gekündigt worden. Das kleine Geschäft, das sie mit den eigenen Händen aufgebaut hat, unterstützt von ein paar Leuten, die sie mit Massagen bezahlt hat – gekündigt!

Alles, was man sich im Theater wünscht

Da steht sie nun, auf der Bühne im "Kleinen Haus 3", legt ihr Leben offen, in dem privat und geschäftlich so ziemlich alles schief gegangen ist, und man ahnt, dass ein Happy End nicht in Sicht ist. Von einem Mann hat sie Schläge bekommen, vom nächsten wurde sie in Schulden gestürzt, ihre einzige Tochter ist ausgezogen – das Tischtuch zerschnitten. Und so weiter. Sie hat sich befreit, von den Schulden und den Schlägen, immer wieder, und nun steht wieder einmal ein Traum vor dem Aus.

Das könnte alles Mögliche sein: peinlich, politisch, pathetisch. Ein kämpferisches Loblied auf diese "Heldin des Alltags", ein trashiger Nachmittagstalk, eine Kritik an der Gesellschaft, an den Männern im Speziellen und im Allgemeinen. Stattdessen ist es eine wunderbare Theatererfahrung, ein großartiges Drama aus dem Lokalteil, denn in Antjes Geschichte steckt alles, was man sich im Theater wünscht. Autorin Sophie Decker und Regisseur David Benjamin Brückel haben dieser Lebensgeschichte eine Form gegeben, die sie nicht nur aushaltbar macht, sondern – so banal sie im Kleinen sein mag – universell erscheinen lässt. Sie wird mit Komik angereichert, wenn sie abzustürzen droht in Sozialkitsch. Antjes Träume, gespielt als scheiterndes Märchen vom Aschenputtel: immer, wenn es süßlich zu werden beginnt, sagt Antje: So war es nicht! Dann wissen wir wieder, wie es im wirklichen Leben ist.

Simple Stories

Zu verdanken ist dieses Aha-Erlebnis einer Idee der Dresdner Bürgerbühne. Fünf Autoren erhielten den Auftrag, jeweils eine Dresdner Lebensgeschichte zu finden und daraus einen Theatertext zu machen. Was auf der großen Bühne zuletzt mit Volker Löschs Die Wunde Dresden nicht so recht funktionieren wollte, dass Bürger ihre Erfahrungen direkt in eine Inszenierung einbringen, einsprechen, einspielen – auf diesem Weg erlebt es eine Auferstehung. Und wie einfach es zu sein scheint, ganz ohne prollige Fußball-Hools oder anderweitige Randgruppenexotik – einfach das Leben!

Nicht alle fünf Geschichten sind so ergreifend wie die von Antje. Drei von ihnen erzählen weitaus kleinere Ausschnitte aus dem Leben ihrer Protagonisten. Gemeinsam aber ist ihnen die Wirkungskraft ihrer Echtheit. Ob Wera Pogosowa, die 75jährige Sankt Petersburgerin, davon berichtet, wie KGB und Stasi sie anzuwerben versuchten, während ihr Mann sie mit einer blonden Tippse betrog, ob Jörg Stübing eine Momentaufnahme aus dem verfallenden DDR-Dresden zum Thema macht oder Herbert Graedtke den Verlust eines tschechischen Freundes verarbeitet – man interessiert sich für diese Menschen und ihre Geschichten. Das ist nicht wenig und kann von vielen großen Bühnenfiguren leider nicht gesagt werden.

Der ganz normale Wahnsinn

Der letzte Text des Abends, "Die wahre Geschichte von Al-Horia", stellt das Konzept noch einmal auf eine harte Probe, denn es ist die Geschichte von einem, der von Amts wegen um seine Chance gebracht werden soll. Mohammad Al-Masalme, Syrer und seit 12 Jahren in Dresden, verliert gerade seine Existenz. Nach einer Scheidung sinkt sein Aufenthaltsstatus auf – auf was eigentlich? Er darf nicht mehr studieren oder arbeiten, musste seine Kneipe auf- und seine Wohnung abgeben und ist nun – staatlich gewollt und ganz sicher paragraphengetreu entschieden – Sozialhilfeempfänger mit Asylbewerberstatus.

Man möchte auf die Bühne gehen und dem Mann die Hand geben oder sich gar vor eine Behörde stellen und für ihn Unterschriften sammeln, und sicher wäre es ein Geringes gewesen, diesen Text zu einer billigen Politveranstaltung werden zu lassen. Ist er aber nicht. Der echte Mohammad steht nicht als Ankläger auf der Bühne, sondern als Mensch mit einer Geschichte, die heiter begann und das Zeug zu einem glücklichen Ausgang immer noch hat. Soviel moralisierende Anstalt muss das Theater ja wohl sein dürfen.

Wie geht es weiter? fragen alle Dresdner und Schauspieler auf der Bühne am Ende ins Publikum, und Wera, die Frau aus St. Petersburg sagt es ihnen und uns: es geht immer weiter! Es geht alles immer weiter, und es war äußerst erhellend und zudem im besten Sinne unterhaltsam, einen Teil dieses "Alles" im Theater näher kennen zu lernen.

 

 

Alles auf Anfang. Fünf Dresdner lassen sich neu erfinden
"Friedrichstraße 23" von Mathilda Onur / "Antje" von Sophie Decker / "Der fliegende Tscheche" von Eugen Martin / "Wera" von Marianna Salzmann / "Die wahre Geschichte von Al-Horia" nach einer Idee von Georgia Doll
Regie: David Benjamin Brückel, Dramaturgie: Martin Heckmanns, Miriam Tscholl, Bühne und Kostüme: Ramona Rauchbach, Musik: Vredeber Albrecht, Licht: Andreas Rösler.
Mit: Jörg Stübing und Jan Maak. Antje Zschoke und Anya Fischer. Herbert Graedtke und Mathias Bleier. Wera Pogosowa und Holger Hübner. Mohammad Al-Masalme und Sascha Göpel.

www.staatsschauspiel-dresden.de

 

Mehr Bürger auf der Bühne? Ein durchaus vergleichbares Projekt realisierte Alvis Hermanis in Köln mit seiner Kölner Affäre. Und natürlich gibt es auch die einschlägigen Aufführungen von Rimini Protokoll.

 

Kritikenrundschau

Einen "berührenden, teils humorvollen, in jedem Fall Empathie herausfordernden Theaterabend" hat Michael Bartsch (Dresdner Neueste Nachrichten, 23.2.2010) gesehen. Die fünf Wahldresdner müssten sich dabei gar nicht neu erfinden, "sie wirken so unmittelbar und herzerfrischend, wie sie nun einmal sind. Authentisch eben." Effektvoll greife dabei besonders ein "dramaturgisches Mittel", nämlich "das Spiel mit Varianten". Und wie "ebenbürtig" dabei "die 'Laien' den Profis in Wirkung und Präsenz waren, zeigten vor allem die beiden letzten Szenen". Und mit "solch prächtigen Typen", wie sie hier auftreten, "kann es auch bei der Bürgerbühne weitergehen. Alles auf Anfang!"

Auch Sebastian Schneider (Sächsische Zeitung, 23.2.2010) ist angetan: Hinreißend sei es, wie hier die "Grenzen zwischen Erlebtem und Erdachtem" verschwimmen. Und auch "das große 'Was wäre wenn?' funktioniert fantastisch. Die Schauspieler und ihre Paten fangen sich jederzeit auf – und bekommen stürmischen Applaus. Eine berührende Reise frei von Kitsch, Betroffenheit oder hochtrabenden Antworten."

 

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