Die Kunst der Tarnkappe

von Michael Laages

Basel, 13. November 2010. Um das ganze Maß an himmlischem Vergnügen zu ermessen, das dieses kleine Stück Glück im Theater durchzieht, kann ein bisschen Ahnenforschung nicht schaden. Hier, auf der Kleinen Bühne, und überhaupt auf den kleinen Bühnen am Theater Basel, zum Beispiel auch im alten "Buffet" vom Badischen Bahnhof, hatte vor zwei Jahrzehnten die außerordentliche Karriere des Musikers und Spiele-Erfinders Christoph Marthaler so recht begonnen.

Erste Fingerübungen in atmosphärestiftender Bühnenmusik gab's zwar zuvor auch schon in Zürich und in der freien Szene; aber als dann in Basel Frank Baumbauer Hausherr des Theaters war, entstanden die ersten eigenen Marthaler-Projekte: Liederabende vorzugsweise über den schwierigen Umgang der Schweiz mit sich selbst und rätselhafte, nicht leicht zugängliche Text-Erkundungen wie die im "Faust"-Material des portugiesischen Schriftstellers Fernando Pessoa. Mit Baumbauers Team zog Marthaler 1992 weiter nach Hamburg und zu Frank Castorf an die Volksbühne nach Berlin, und von hier an war kein Halten mehr.

Mancher mag diese zwanzig Jahre zu mehr oder minder großen Teilen in Erinnerung gehabt haben bei Marthalers jüngster Premiere in Basel. Und weil das so war, fiel die Begeisterung so umstandslos und einhellig aus.

Im Sprachlabor

Im Vorhinein war viel von einem hochpoetischen Rätselspiel und einer mysteriösen Maskierungs-Geschichte die Rede, um die es Marthaler diesmal gehen werde; beides ist im Entstehungsprozess des Abends praktisch in Vergessenheit geraten. Lange, noch bis in den Spielzeitbeginn hinein, firmierte das Projekt auch noch ohne Titel. Nicht ganz auszuschließen also ist, dass erst sehr spät die Überschrift zum Kern geworden ist - und "Meine faire Dame" ist jetzt natürlich nichts mehr, aber eben auch nichts weniger als eine radikal versponnene Phantasie über das Musical, das am Vorabend in Basel Premiere hatte, auf der Großen Bühne natürlich: "My fair Lady", der Klassiker von Alan Jay Lerner und Frederic Loewe, inszeniert in Basel von Tom Ryser.

Professor Higgins, der Hagestolz und Fundamentalist der "reinen" Sprache, unterrichtet Eliza Doolittle, das Blumenmädchen aus der Unterschicht, bei Marthalers Bühnenbildnerin Anna Viebrock in einem Sprachlabor, wie es sich in den 70er Jahren schon jedes bessere Gymnasium leistete. Cassetten-Lernprogramme, Mikrophone und Kopfhörer für den kollektiven Sprachlernprozess gerieten damals in Mode. Ob es solche Sprachlabore überhaupt noch gibt? Viebrock stellt jedenfalls eins auf die Bühne, das wie von damals und fast schon vergessen aussieht.

Es grünt so grün und andere Sprachspiele

Mit Englisch-Unterricht der verschärften Art beginnt der Abend für fünf Lernende, einen Lehrer und einen Pianisten; später kommt noch der Organist dazu, der (eine der gröberen Pointen) aussieht wie Frankensteins Monster - auch er ein Lernender. Professor Higgins praktiziert zunächst vor allem Sprachspieldrill - nicht nur mit "The Rain in Spain" undsoweiter, sondern gleich mit all den Zungenbrechern, für die das deutsche Pendant "Fischers Fritz fischt frische Fische" hieße; die englischen Varianten sind noch komischer. Wie bei Loriots Muse Evelyn Hamann im Ti-Äitsch-Aussprache-Kampf um "Lady Hesketh-Fortescue" auf Schloss "North Cofflestone Hall".

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In Marthalers Sprachlabor © Judith Schlosser

Von hier aus aber beginnen Lehrer und Lernende viel Eigenleben zu entwickeln, mit Lerners Musical-Themen und ganz viel anderer Musik, von Wagner, Mozart und Massenet über Carl Millöcker bis hin zu "Stille Nacht, Heilige Nacht" und "DÖF", der Deutsch-Österreichischen Freundschaft vom Beginn der Neuen Deutschen Welle (NDW) am Beginn der 80er Jahre. Musik ist vorzugsweise Surrogat und Substitut der Liebe, die Paare im Ensemble (und jeder und jede für sich) spielen kleine, zauberhafte Motive der Annäherung wie die Rituale des Scheiterns durch. Miss Doolitle ist mit Nikola Weisse die Doyenne im Ensemble, sie und Graham F. Valentine als Higgins sind am Ende ein tattrig-idyllisches Liebespaar, das einander nur noch bis an den "toten Punkt" begleiten muss, von wo aus es ohnehin nicht weiter geht. Und da hört der Abend dann auch auf.

Zuhause in der Musik und in Basel

Noch wie besoffen von Glückshormonen (und von angestrengt unterdrücktem Glucksen und Giggeln, um nicht immer wieder laut los zu lachen) hängt das Basler Publikum in den Seilen. Es hat vom Schweizer Chansonnier Michael von der Heide und den Opern-Profis Karl Heinz Brandt und Tora Augestad (hin-rei-ßend!) musikalisch sehr fein geschliffene Juwelen vorgeführt bekommen, von Carina Braunschmidt zudem die hohe Kunst des Nicht-Singens. Bendix Dethleffsen und Mahai Grigorin bedienen die Tasten, und der ganze Abend atmet ein und aus im Geiste des Humors in der Musik.

Lauter Tricks sind dazu zu bestaunen, lauter Finessen, lauter szenische Miniatürchen aus Marthalers Phantasie-Fundus. Klar - zuweilen wird's albern, und manchmal sieht's auch so aus, als hätten sich jeder und jede im Ensemble vor allem geheime Wünsche erfüllen dürfen. Macht nichts.

Ohne die oft schon zwanghafte Melancholie ist dies der heiterste, entspannteste Marthaler seit ganz vielen Jahren. Vielleicht seit Basel, damals. Und im Programmheft bekennt dieser liebenswerte Sonderling zudem erstmals die eigene Profession - er sei, das wird da im sehr ulkigen Foto-Comic einer "Was bin ich?"-Folge wie von Robert Lembke heraus getüftelt, im Grunde ein "Tarnkappenmacher". Und dies ist das Geheimnis von Marthalers Tarnkappe: Wer sie aufsetzt, sieht sich fortan zum Verwechseln ähnlich.


Meine faire Dame
Projekt von Christoph Marthaler
Bühne: Anna Viebrock, Kostüme: Sarah Schittek, Musikalische Leitung: Bendix Dethleffsen, Tasteninstrumente: Bendix Dethleffsen, Mihai Grigorin, Dramaturgie: Malte Ubenauf, Julie Paucker.
Mit: Tora Augestad, Karl-Heinz Brandt, Carina Braunschmidt, Mihai Grigorin, Graham F. Valentine, Michael von der Heide und Nikola Weisse.

www.theater-basel.ch

 

Mehr zu Christoph Marthaler im nachtkritik-Lexikon.

 

Kritikenrundschau

Auf der Webseite von Deutschlandfunk (13.11.2010) schreibt Christian Gampert Und hier hört man ihn auch sprechen), man habe schon fast vergessen, wie lustig Marthaler sein könne. Graham F. Valentines Unterricht in der "englischen Hochsprache" - aus dem "Ritual-Fetischist" Marthaler einen "Wechselgesang wie in der katholischen Kirche" mache -, die Zurichtung von Menschen auf bestimmte Gesten und Posen, die "gefallen sollten", seien "unsagbar traurig und unsagbar komisch zugleich, also echt marthalerisch". In Marthalers "Laboratorium der falschen Gesten und Gefühle", den "Slapsticks aus dem beschädigten Leben", werde sehr unterhaltsam "zungengebrechert und gekalauert" und die "Hochkultur hingebungsvoll hinunter ins Alltagsbanale" gezoomt. "Verklemmte Menschen singen Liebeslieder und demontieren sich selbst" - das sei offenbar ausreichend als "Grundrezept", ein Theater der "Zitate und Verweise, der rhetorischen, sängerischen und gestischen Perfektion".

"Eine gigantische Truppe ist das," schreibt Eleonore Büning in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (14.11.2010). "Aus tiefer Stille, oft aus langem Schweigen heraus entwickelt sie die erstaunlichsten musikalischen Pointen-Aufgipfelungen" in diesem "fein plissierten" Abend, der all die längst plattgebügelten Ingedienzen des berühmten Stoffes wieder auffrische: "den Sprachwitz, die Taktlosigkeiten, all diese bodenlosen Bosheiten der Schlagerwelt und auch deren unverwüstliche Wahrheit." Aber nicht nur die faire Dame, auch auch Mozarts 'Zauberflöte', Schumanns 'Kinderszenen', Webers 'Freischütz' und der Marlene-Dietrich-Song 'Wenn ich mir was wünschen dürfte' würden darin Ton-Silbe für Ton-Silbe durchgekämmt. Das Tempo bleibe allezeit ziemlich baselhaft, schreibt die Kritikerin: "Wir haben also zwei Stunden lang innerlich Tränen gelacht und fühlen uns jetzt noch, nur beim Drandenken, etwa ans Weihnachtsliedersingen oder an den loopartig verlängerten Auftritt des "Poor-Professor-Higgins"-Chores aus dem Kleiderschrank heraus, wie neugeboren."

Auf der Webseite des Zürcher Tages-Anzeigers (14.11.2010) schreibt Thomas Bodmer: Im Sprachlabor, einem "Siebzigerjahre-Unding", traktiere der "grossartige Graham Valentine" drei Frauen und zwei Männer mit englischen Zungenbrechern und wirke dabei "noch einiges fieser" als der Higgins bei Tom Rysers "My Fair Lady" im Großen Haus (das am Abend zuvor Premiere hatte). Man könne gut verstehen, dass die "so Geschurigelten ihr Heil im Gesang suchen". Die "höchst komischen Bewegungen" von Tora Augestad und Michael von der Heide hätten "freilich" mehr mit "Castingshows als mit Weihnachten zu tun". Bei Marthaler fänden die Figuren dann zu sich, wenn sie "singend ihre Sehnsüchte artikulieren".

In der Neuen Zürcher Zeitung (15.11.2010) schreibt aus Basel Alfred Schlienger: Die "freudige Erregung" über die Rückkehr des verlorenen Sohnes sei bereits im Foyer mit Händen zu greifen gewesen. Marthaler sei mit "bekümmerter Miene" vors Publikum getreten und habe verkündet, "die Samstagssouffleuse sei leider indisponiert; da heute aber Freitag sei, könne die Vorstellung trotzdem stattfinden". Das Programmheft führe "denn auch" gleich elf, "zum Teil promovierte Souffleusen auf". Wie "Verhöropfer in die Folterkammer" trotteten die Spieler in das Sprachlabor, wo Graham F. Valentine mit "virtuos schnarrender Stimme und horrendem Tempo" den phonetischen Zuchtmeister Professor Higgins gebe. Die "ständigen Versprecher in den quälerischen Zungenbrechern" erzeugten immer neue Wortspielereien. Die "Liebe zum Fehlerhaften, zum Verhemmten und Verklemmten" treibe den Abend an. Gleichzeitig weite Marthaler die "Bereiche des theatralisch Darstellbaren" in "ungeahnte Zonen" aus. Er mache durch "Überdehnung das Spannungslose spannend", er lehre uns hinschauen auf "die Schönheit und Komik des Gewöhnlichen". Er "bricht das Hehre und adelt das Banale. Und macht dadurch beides menschlich." - "Frenetischer Applaus mit Bravos wie aus einer Kehle zum Schluss."

In der Süddeutschen Zeitung (15.11.2010) schreibt Wolfgang Schreiber: In Basel folge auf die Komödie "My fair Lady" ein "Endspiel auf dem Urgrund der tragischen Weltverhältnisse", die hier aber "Züge des Absurden, grotesk Manischen" trügen. Bei Marthaler werde aus dem Sprachlabor ein "Welt- und Menschenlabor des Irrsinns", der "sprach- und bewegungsgestörten Traumtänzerclowns". Für die "lethargischen Marthaler-Verhältnisse" seien die Figuren diesmal "szenisch-musikalisch geradezu aufgedreht". Die "artistische Non-Kommunikation" funktioniere wie in einer "Nummernrevue", die "herrlich schwerelos Episoden" reihe. Gegen Ende verdüstere sich alles, der Abend "versandet genussvoll". Der "aberwitzig sich verheddernde Totentanz" habe etwas mit dem scheiternden Zusammenspiel von "Syntax und Semantik zu tun, Grammatik und Bedeutung". "Ist John Cage, der Prophet einer anarcho-polyphonen Zirkusidee, Marthalers Vaterfigur?"

Diese Sprachschüler und ihr Lehrer seien "wie aus dem Ei alter Neckermann-Kataloge gepellt", schreibt Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen (16.11.2010). Der pedantische Higgins sei "beim krächzenden Engländer Graham F. Valentine bestens aufgehoben" und traktiere seine Zöglinge "mit Zungenbrechern wie aus dem Loriot-Sketch". Schon immer habe Marthalers Kunst darin bestanden, "der Melancholie der Vergänglichkeit und Vergeblichkeit den Charme heiteren Scheiterns und unverdrossenen Durchwurstelns zu geben". In dieser "feinen Revue mit Opern- und Operettenzitaten, braun-beige übermalten Popsongs und tonloser Schlager-Performance" löse sich "die (heute eigentlich verboten lustige) Männerphantasie von der Sprachdressur eines bildungsfernen Blumenmädchens in Wohlgefallen und Slapstick auf" – "eine triumphale Heimkehr für Marthaler und Viebrock". "Wie ein übermütiges Kind" erprobe Marthaler "Wörter und Sätze, Haltungsübungen und Verhaltensmuster, eine Sprache der Liebe, die Missverständnisse, Aneinandervorbeisingen, groteske Übersetzungsfehler und Verstummen einschließt". Da summe die Luft "vor zartem Glück, das Opernpathos schmilzt wie Butter in der Operettensonne, süße Duette verklingen wie röchelnde Plattenspieler beim Stromausfall".

Auch Christine Lemke-Matwey in der ZEIT (2.12.2010) ließ sich gut unterhalten: "Die Marke Marthaler, ein Sprachlabor im getreulichen Siebziger-Jahre-Schmuddel (Anna Viebrock), Graham Valentine als native speaker, allerlei pfingstwunderliches Raunen und Reimen ('My dear Eliza, when I see you I get heiser'), eingewohnt absonderlicher Musikmix von der Freischütz-Ouvertüre bis zu Last Christmas, Apfelessen,Treppengeländerrutschen – man denkt an Loriot, an Evelyn Hamann, an die arglosen Urgründe des Fernsehprogramms und ist’s zufrieden." So richtig zünden wolle der Abend aber erst gegen Schluss, "als Valentine und die Schauspielerin Nikola Weisse zu Robert Schumanns Kerner-Lied 'Wer machte dich so krank?' eine herrlich makabre Parkinson-Sohle aufs Parkett legen: zwei Greise im Sechsachteltakt."

 

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