altDer Ego-Revoluzzer

von Tomo Mirko Pavlovic

Esslingen, 9. Februar 2012. Politik ist nichts für schwache Nerven. Es kann ja schon einmal vorkommen, dass der Herzog von Genua die Wahl zum Prokurator mit der gezückten Waffe zu seinem Vorteil manipuliert. Ein Putsch von oben. Die Verzweiflung ist groß, grenzenlos die Wut über den Tyrannen Gianettino Doria.

Und was unternimmt Fiesco, der Graf von Lavagna? Setzt sich auf seinen schönen Hintern. Zündet sich eine Kippe an. Inhaliert mit Lust. Lächelt siegesgewiss aus seinem blonden Bärtchen. Macht es sich richtig gemütlich im Bademantel. Wackelt vergnügt mit den nackten Zehen an der Rampe. Klopft kluge Sprüche. Klappert ein wenig mit der Espressotasse. Beweist einmal mehr, wie wichtig norditalienische Lässigkeit gerade in Krisensituationen sein kann. Irgendwo da draußen geht der Staat vor die Hunde. Und Fiesco, der einzige, der diesen Wahnsinn aufhalten könnte, hat nicht einmal eine Hose an, geschweige denn ein Schwert in der Hand. Cool.

Politik als Herzenssache

Es bedarf einiger Überredungskunst, denkt man, um aus so einem eitlen Faulpelz noch einen republikanischen Revolutionär zu formen, um aus Fiescos müdem Lebenssaft leidenschaftliches Blut zu destillieren. Doch der Intendant der Neuen Bühne Senftenberg Sewan Latchinian zeigt als Gastregisseur in der Württembergischen Landesbühne Esslingen, wie scheinbar leicht so etwas glücken kann, wenn man Friedrich Schillers Qualitäten als politischer Autor nicht allzu sehr überschätzt.

Latchinian weiß: Die Revolte ist bei Schiller zumeist eine Herzenssache. Dass sich der vermeintliche Schnöselgraf schließlich an die Spitze der Verschwörer gegen den verhassten Doria stellt, verdankt er nämlich nicht seiner politischen Überzeugung, sondern einzig der Selbstliebe und der Kraft seiner Phantasie, mit der er schöne Bilder von sich entwirft. Demokratie oder Tyrannei, Republik oder Monarchie? Egal. Hauptsache, der Anzug hat einen guten Schnitt. Hauptsache, man wird geliebt, hat Erfolg, ist ganz oben, regiert Genua und die Welt und streicht sich dabei eine Strähne sanft aus dem Gesicht. Das ist Fiesco, der Hipster.

fiesco2 560 frank pieth xVorn: Nora Backhaus (Leonore) und Anna Kramer (Arabella). Dahinter v. l.: Lara Beckmann (Bertha), Jonas Martin Schmid (Bourgognino), Dietrich Schulz (Verrina) und Robert Eder (Fiesco). © Frank Pieth

Trotzdem ist Robert Eders Fiesco kein Ego-Revoluzzer ohne Tiefe. Im Gegenteil. Als er im kriegerischen Tumult irrtümlich seine Frau Leonore (Nora Backhaus) erdolcht, wird er zur wahrhaft tragischen Figur, weil er den Tod nicht akzeptiert, ja nicht einmal versteht. Anstatt zusammenzubrechen, stellt er Leonores Leichnam gegen die Wand, stützt sie wie ein trotziges Kind, das nicht wahrhaben will, dass seine Puppe kaputt ist, und haucht ihr zärtlich seinen Sieg ins stumme Angesicht. "Mit wem kann ich meine Herrlichkeit teilen?", fragt er die Tote mit der Betonung auf dem: Ich. Armer Irrer. Immer wieder ist es dieses Ich, um das alles kreist. Nebenan baumelt sein ehemaliger Angestellter, Frank Ehrhardts verräterischer Mohr, am Galgen. Nun ist Fiescos Ich wirklich einsam.

Im Tempel der Tyrannen

Die Regie konzentriert sich ganz auf Fiescos Ego-Trip und die sehr heutige Frage, wie ein apolitischer Mensch zur Tat findet, wobei Robert Eder wahrlich über sich hinauswächst. Nicht jeder im Ensemble kann ihm da folgen. Das ist vor allem anfangs ein Problem, als Sewan Latchinian alle Akteure frontal zum Publikum samt Regieanweisungen sprechen lässt. Jeder hat seinen festen Platz und abgemessenen Raum in der Tyrannei, den er nicht verlassen kann. Berührungen sind selten. Man schaut sich nicht an.

Stephan Fernau hat dafür die Bühne mit zwölf offenen Kabinen bestückt, die gemeinsam eine Art weißen Tempel darstellen: den abstrakten Stadtstaat. Ein kluger Einfall, der schnell verpufft. Denn die Textfetzen kommen wie aus Schießscharten geschossen, oft affektiert, meist verkrampft. Erst nachdem die Verschwörung formal beschlossen ist, löst sich das starre Bild auf. Die Szenische Lesung entwickelt sich nun zum sehenswerten Spiel, das von einer elastischen, kraftvollen Ich-Maschine befeuert wird.


Die Verschwörung des Fiesco zu Genua
von Friedrich Schiller
Regie: Sewan Latchinian, Ausstattung: Stephan Fernau, Dramaturgie: Katrin Enders
Mit: Elert Bode, Nikolaos Eleftheriadis, Robert Eder, Dietrich Schulz, Jonas Martin Schmid, Matthias Zajgier, Nils Hillebrand, Ulf Deutscher, Frank Ehrhardt, Nora Backhaus, Nadine Ehrenreich, Lara Beckmann, Anna Kramer, sowie: Das Wallahalla-Orchester mit Bernd Dölle, Ulrich Elsässer, Hannes Schindler

www.wlb-esslingen.de


Mehr zu Fiesco auf deutschsprachigen Bühnen: Felix Rothenhäusler zeigte Schillers Frühwerk 2011 in Karlsruhe, Marcus Lobbes setzte es 2010 in Mannheim um.

Kritikenrundschau

"Verrat, Liebe, Mord – Latchinian inszeniert ein rasendes Spektakel und führt den Zuschauer mühelos durch die Menge der Schauplätze und Figuren", schreibt Julia Lauter in den Stuttgarter Nachrichten (13.2.2012). Gekonnt schlage der Regisseur dabei "den Bogen zu den Revolutionen dieser Tage: Wer kämpft für eine Sache und wer nur für sich selbst? Wer hat mehr Recht? Und frisst die Revolution tatsächlich ihre Kinder?" Fazit der so kurzen wie begeisterten Kritik: "Ein starker Abend."

Kommentar schreiben