nachtkritik-Theatertreffen 2025: die Nominierten
Sie haben die Wahl!
15. Januar 2025. Der Countdown läuft: Nur noch bis Mitternacht ist noch Zeit für die Publikumsabstimmung! Unsere Autor*innen haben ihre Lieblingsproduktion der Theatersaison 2024 aufgestellt. 42 Stücke insgesamt. Welche haben Sie gesehen, welche kriegen Ihre Unterstützung? Zehn Favoriten des nachtkritik-Theatertreffens 2025 werden gekürt.
Hier geht's zur Nominiertenliste und zur Abstimmung
8. Januar 2025. Wir haben unsere Korrespondent:innen und Redakteur:innen gefragt: Welche Produktion im Zeitraum vom 7. Januar 2024 bis 22. Dezember 2024 war die für Sie persönlich die wichtigste? Welche Inszenierung ragte in der Spielzeit heraus?
Jede:r hatte eine Stimme, Doppelungen wollten wir nicht ausschließen. Wir listen hier die 42 Nominierungen alphabetisch und nach Ländern geordnet. Wenn man die verlinkten Titel anklickt, klappen jeweils die Begründungen für die Auswahl auf. Manche Produktionen erhielten mehrfache Nominierungen.
Und nun sind Sie, liebe Leser:innen, gefragt: Welchen Nominierungen schließen Sie sich an? Welchen Produktionen wollen Sie Ihre Unterstützung geben? Am Ende dieser Seite können Sie bis 15. Januar 2025 für eine bis maximal zehn Inszenierungen stimmen.
Technischer Hinweis: Sollte der Abstimmungs-Button fehlen, kann das daran liegen, dass von einem anderen Gerät aus demselben Netz bereits votiert wurde. Von jeder IP-Nummer kann nur einmal abgestimmt werden. Theater haben oftmals nur eine gemeinsame IP-Nummer. Versuchen Sie aber bitte in jedem Fall: 1. die Seite zu erneuern, 2. einen anderen Browser zu benutzen. 3. Die Cookies für die nachtkritik.de-Website zu löschen. Sobald Sie abgetimmt haben, erscheint unmittelbar die Anzeige "Sie haben bereits abgestimmt".
Das 10er-Tableau des nachtkritik-Theatertreffens 2025 wird am 17. Januar 2025 veröffentlicht.
Baden-Württemberg
All right. Good Night. von Helgard Haug
Regie: Claudia Rüll Calame-Rosset
Premiere am 11. Mai 2024 am Theater Lindenhof in Melchingen
Ein kleines Theater auf der Alb, das sich die Rechte nach langen Gesprächen mit Helgard Haug sichert. Regisseurin Claudia Rüll Calame-Rosset – sie hat ihren Vater in der Demenz begleitet – baut auf die karg-schönen Worte Haugs, verzichtet auf Effekte. Das vierköpfige Ensemble singt, erzählt, poetisiert, berichtet und arbeitet so den Sprachrhythmus Haugs heraus, der sachlich und gerade dadurch so ungemein emotional ist. Glänzendes Theater. (Susanne Greiner)
Die Erziehung des Rudolf Steiner von Dead Centre
Regie: Dead Centre
Premiere am 12. Oktober 2024 am Schauspiel Stuttgart
Eine kritische, aber faire Konfrontation mit einer Erziehungsideologie, die so populär wie umstritten ist – nicht erst seit Corona. Umgesetzt im Heartland der Anthroposophie. Das Stück greift eine schwelende gesellschaftliche Debatte auf, gibt ihr eine Bühne und führt sie dort weiter. (Steffen Becker)
John Gabriel Borkman von Henrik Ibsen
Regie: Daniela Löffner
Premiere am 23. März 2024 am Schauspiel Stuttgart
Die Inszenierung beweist, dass das zu Recht kritisch beäugte psychologische Theater immer noch funktioniert, wenn Regie und Ensemble es auf so hohem Niveau realisieren. Es profitiert von der Genauigkeit der Personenzeichnung in ihrer Widersprüchlichkeit und verwirklicht, was das Theater besser als alle anderen Künste kann: die Kenntlichmachung gesellschaftlicher Zustände auf dem Umweg über individuelle Schicksale. (Thomas Rothschild)
Bayern
Eines langen Tages Reise in die Nacht frei nach Eugene O'Neill
Regie: Rieke Süßkow
Premiere am 13. Oktober 2024 am Staatstheater Nürnberg
Rieke Süßkow präsentiert auch mit ihrer zweiten Arbeit in Nürnberg einen beeindruckenden Theaterabend. Auf einem mehrstöckigen Bühnenkreisel entfaltet sich das sprachlose Bild einer kaputten Familie. Fünf kreative Instrumentalisten liefern den Soundtrack zu einer fesselnden Reise in die Nacht aus Drogen und Alkohol.
(Wolfgang Reitzammer)
Ein textlastiges Stück ohne ein einziges Wort, stattdessen werden die Schauspielenden von Musiker:innen verfolgt, die, was sie sagen würden, in eine irrsinnige Komposition übersetzen. Das ist obviously ein Wagnis, das voll aufgeht, weil die ganze Inszenierung ihr Publikum mit ästhetischer Wucht überrollt. Auf erstaunlichste Weise niederschmetternd. (Andreas Thamm)
UND ODER ODER ODER ODER UND UND BEZIEHUNGSWEISE UND ODER BEZIEHUNGSWEISE ODER UND BEZIEHUNGSWEISE EINFACH UND von Nele Stuhler
Regie: FX Mayr
Premiere am 29. September 2024 am Residenztheater München in Kooperation mit der 1. StückeWerkstatt der Mülheimer Theatertage und uniT Graz
Nele Stuhler und FX Mayr bringen das Potenzial der Sprache als Instrument des Widerstands gegen vorgegebene Denkbahnen in Stellung und lassen die Assoziationsketten hüpfen. Raum, Kostüme (beides Korbinian Schmidt) und die Musik von Hans Könnecke tanzen mit und Robert Dölle, Pia Händler und Myriam Schröder rappen, singen und säuseln, dass es eine wilde Freude ist und das Theater mal wieder eine Kraftkammer gegen Geist- und Trostlosigkeit! (Silvia Stammen)
Berlin
Der Schnittchenkauf nach René Pollesch
Regie: Ensemble
Premiere am 12. Dezember 2024 an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
Eigentlich dürfte es dieses Theaterereignis gar nicht geben. Knapp zehn Monate nach dem Tod von René Pollesch zeigt ein Volksbühnenensemble von Weggefährten noch einmal eindrücklich, warum dieser Bühnendenker schmerzhaft fehlt. Aus einer assoziativ gebauten Theaterpoetik wird ein lustvoller, energetischer Abend über die Liebe und das Leben – und über die Frage, was uns auf und abseits der Bühne zusammenhält und trennt. (Stefan Forth)
Die Insel der Perversen von Rosa von Praunheim
Regie: Heiner Bomhard
Premiere am 5. Dezember 2024 am Deutschen Theater Berlin
Ein sehr deutscher Abend mit sehr deutschem Witz (aber halt gut): Dunkler Humor in dunkleren Zeiten – mit Pimmelwitzen gegen Nazis? Weidel & Wagenknecht – eine Liebesgeschichte! Zum Totlachen. Deutschland muss sterben – damit wir leben können. (Iven Fenker)
Halts Maul, Kassandra! nach Texten von Thomas Brasch
Regie: Tom Kühnel und Jürgen Kuttner
Premiere am 23. November 2024 am Deutschen Theater Berlin
Dieser luziden Thomas-Brasch-Revue gelingt etwas unglaublich Seltenes: nämlich aus einer komplett heutigen Ästhetik heraus ein historisches Zeitgefühl (für das 1968 der DDR und seine Folgen) zu vermitteln und dabei im gleichen Atemzug mit großer Lässigkeit das Überzeitliche aus Braschs Werk herauszudestillieren: die Punkte, an denen ein Gedicht, ein Motiv, eine Prosazeile plötzlich klingt wie ein Gegenwartskommentar. Kurz: ein theatraler Glücksfall, in dem Unterhaltungskunst lustvoll mit beschleunigter Hirnaktivität koaliert. (Christine Wahl)
Eine deutsche Geschichtsséance und Thomas-Brasch-Werkschau der Extraklasse ist dieses revuehafte Reenactment von Texten, die hier plötzlich wieder klingen, als seien sie frisch für diesen Abend verfasst. Dabei stammen sie aus den Tiefen und Abgründen des 20. Jahrhunderts, deren Geister unsere Gegenwart zwar bevölkern, sich aber niemand so recht mit ihnen befassen will. Dieser Abend könnte ein Anfang dafür sein. (Esther Slevogt)
Ja nichts ist ok von René Pollesch und Fabian Hinrichs
Regie: René Pollesch und Fabian Hinrichs
Premiere am 11. Februar 2024 an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
Im Nachgang untrennbar natürlich auch von Hinrichs' Abschiedsbrief sowie dem Umstand, dass das nun stehenbleibt als Schlusswort, besser Abbruchkante: Zugewinn an Ausgelaugtheit bei gleichzeitigem Zugewinn an Sanftheit, das hallt hier nach. (Tim Schomacker)
Kill me von Marina Otero
Regie: Marina Otero
Deutschlandpremiere 3. Oktober 2024 am HAU Berlin
Marina Otero thematisiert in ihrer autofiktionalen Tanztheater-Performance "Kill me" unter dem Motto "Meine Verrücktheit ist überschüssige Liebe" den Zusammenhang von Borderline, Narzissmus und Kunstproduktion. Gemeinsam mit fünf anderen Künstler*innen seziert sie ihre Wege zur Kunst als emotionale Achterbahnfahrten auf der Suche nach Anerkennung. Dabei modelliert sie die Beziehung zum Publikum brillanterweise analog zur Borderline-Symptomatik: Intensiven Stimmungswechseln ausgesetzt, verliebt man sich in die Impulsivität des Bühnengeschehens und wird zugleich auch immer wieder harsch von ihr abgestoßen. Schwer beeindruckend. (Theresa Schütz)
No More! White Money von Flinn Works & Afra Tafri Creations
Konzept, Performance: Aderemi Adegbite, Anuja Ghosalkar, Konradin Kunze, Ada Mukhina, Sophia Stepf, Abhishek Thapar
Premiere am 6. November 2024
an den Sophiensaelen Berlin
Die Gruppe Flinn Works hat 2024 mit "No More! White Money" etwas gemacht, das beim Thema Geld sinnvoll erscheint: ein bereits bearbeitetes Thema ("White Money" von 2021) recycelt und zu einem zweistündigen Abend über die Abgründe der Kulturförderung und des "weißen" (also mitteleuropäischen) Geldes remixed. Dass die Kultur in Deutschland mittelbar abhängig von der Wirtschaft ist und über Jahrzehnte von den deutschen Lebenslügen (aka russischem Gas) profitierte, ist nur eine von vielen bitteren Wahrheiten, die hier mit einfachen, aber schlagenden szenischen Mitteln erzählt werden. Und wie geht man damit um, wenn das eigene Spendengeld geschreddert und zu einem Kunstwerk gemacht wird? Ein erhellend schmerzhafter Abend. (Georg Kasch)
RCE #Remotecodeexecution von Sibylle Berg
Regie: Kay Voges
Premiere am 25. April 2024 am Berliner Ensemble
Zur Nachtkritik
Die Revolution bahnt sich als Super-Hack an. Fünf Nerds planen eine Systemsprengung, die die verdorbene, hochsmarte, durchdigitalisierte Welt aus Sibylle Bergs "RCE" auf Null setzen will. Regisseur Kay Voges und satte elf Digital Artist treiben das dystopische Szenario mit spektakulären Videos und Bildwelten an, die sich auf die Netzhaut brennen: verwaiste Städte, Aufstände, Bürowelten, KI-Phantasiewelten, die immer so nah an die Gegenwart andocken, dass die Grenzen zwischen Fiktion und Realität, Weltrettung und Weltuntergang so unterhaltsam wie verstörend verschwimmen. (Simone Kaempf)
Schmeiß dein Ego weg und feier was du liebst. Für René
Regie: Ensemble
Einmalige Aufführung am 25. April 2024 an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz
Ein einmaliger, unwiederholbarer und unvergessbarer Abend. Diese Revue mit Inszenierungsbruchstücken und Texten von René Pollesch samt vielen Songs von befreundeten Künstler*innen zeigte nicht nur einen Querschnitt durchs Schaffen des größten Theaterschriftstellers seit Heiner Müller. Sie führte auch noch einmal vor Augen, was Pollesch als Intendant an der Volksbühne für exzeptionelle Künstler*innen versammelt hat: von Kathrin Angerer, Sophie Rois, Fabian Hinrichs und Martin Wuttke bis zu Florentina Holzinger, die mit ihrer Seefrauen-Crew ein letztes Abendmahl für René Pollesch abhielt. Zu den Klängen von Andrew Lloyd Webbers "Jesus Christ Superstar". Herzzerreißend, die schönste Rose auf dem Grab des Unwiederbringlichen. (Christian Rakow)
Unser Deutschlandmärchen nach Dinçer Güçyeter
Regie: Hakan Savaş Mican
Premiere am 6. April 2024 am Maxim Gorki Theater Berlin
Als emotionsgeladenes Musical adaptiert Hakan Savaş Mican den handfest poetischen Erinnerungsroman von Dinçer Güçyeter. Fatma, die Mutter von Hauptfigur Dinçer, schuftet in der Vergaserfabrik und als Erntehelferin. Im Roman wird sie zur märchenhaften Heldin, auf der Bühne in Gestalt von Sesede Terziyan zur glamourösen Ikone der deutschtürkischen Erfahrung, die "Unser Deutschlandmärchen" souverän endlich fest in die deutsche Geschichte einschreibt. Ein überfälliger polithistorischer Schritt/Vorgang, verwandelt in ein swingendes Bühnenereignis. (Elena Philipp)
Brandenburg
Alice nach Lewis Carroll
Regie: Philipp Rosendahl
Premiere am 16. März 2024 am Staatstheater Cottbus
"Was für ein Trip!", entfleuchte es einer glücklich-erschöpften Premierenzuschauerin nach diesem atemlosen, poetisch-irren Abend. Regisseur Rosendahl nennt seine Version von "Alice im Wunderland" eine Pop Opera, was dem surrealen Spektakel nicht annähernd gerecht wird. Jede Begegnung, jede neue Szene eröffnet einen weiteren Parcours von Abgründen und Gedankenschleifen. Nebenbei sprengen Philipp Rosendahl und Multiinstrumentalist Miles Perkin vergnügt sämtliche Genregrenzen. Vermeintlicher Nonsens gegen Ängste und Sinnverlust, gegossen in ein Gesamtkunstwerk aus Spiel, Musik, Kostüm, Licht. Vom Publikum aller Alters- und sonstigen Zuordnungen wird "Alice" noch Monate nach dem Premierentrip gefeiert. (Sylvia Belka-Lorenz)
Hamburg
Bernarda Albas Haus von Alice Birch nach Federico García Lorca
Regie: Katie Mitchell
Premiere am 2. November 2024 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg
Nicht nur ein Klassiker, sondern ein sozusagen "ewiges" Stück – der homosexuelle Dichter Lorca nimmt kurz vor der Ermordung durch Francos Faschisten tiefen poetischen Einblick in die Höllenwelt der Frauen. Das ist immer eine Herausforderung für wirklich wichtige Interpreten, etwa Frank Castorf vor 40 Jahren in Halle – Katie Mitchell jetzt zeigt die neue, von Alice Birch stark verdichtete Fassung als zwanghaft-rasante, atemlose Szenenfolge. Alles geht bruchlos ineinander über, und das unerhört mitreißende Frauen-Ensemble wird zum kollektiven weiblichen Körper: im Leiden, im Aufschrei, in der Hoffnungslosigkeit. Das waren für mich die 90 aufregendsten Minuten des Theaterjahres. (Michael Laages)
Los Días Afuera / The Days Out There von Lola Arias
Regie: Lola Arias
Premiere am 8. August 2024 auf Kampnagel Hamburg
Zur Nachtkritik
Sechs ehemalige Gefängnisinsassinnen erzählen vom Leben vor, in und nach dem Knast. Dabei zeigen sie uns en passant, wie Kriminalität und Politik zusammenhängen, welche Energie gemeinsames Musikmachen freisetzen kann und wie sich Freiheit anfühlt. Die euphorische Innigkeit, mit der sie singen, tanzen und spielen, ist nicht zu übersehen. Und wenn romantischer Zuckerguss droht, ist der nächste Bruch nicht fern: Von der Gage für das Stück habe er sich einen Wassertank gekauft, berichtet ein*e Darsteller*in. (Andreas Schnell)
Hessen
Woyzeck von Georg Büchner
Regie: Stefan Pucher
Premiere am 12. Oktober 2024 am Staatstheater Wiesbaden
Hier dürfen Woyzeck und Marie so gegenwärtig und schlau sein, dass kein weiterer Theater-Femizid geschieht. Dazu bespielt Nina Pellers Bühne die neobarocke Prunkpracht des Wiesbadener Theaters mit irren Bildwelten und zeitgenössischer Videoästhetik. Einfach umwerfend.
(Shirin Sojitrawalla)
Mecklenburg-Vorpommern
SANCTA von Florentina Holzinger
Regie und Choreografie: Florentina Holzinger
Premiere am 30. Mai 2024 am Mecklenburgischen Staatstheater Schwerin
Koproduktion mit Staatsoper Stuttgart, Wiener Festwochen und Berliner Volksbühne
Mit “Sancta” übertrifft sich Florentina Holzinger mit ihrem Team noch einmal selbst. In der feministischen Opernperformance erklärt sie den weiblichen Körper zum Heiligtum und befreit ihn gleichzeitig von einer jahrhundertelangen (Religions-)Geschichte der männlichen Kontrolle, Scham und Fremdbestimmung. Ein unübertroffenes Theaterereignis in diesem Jahr. (Eva Marburg)
Hardcore-Choreografin Florentina Holzinger inszeniert ihre erste Oper: Paul Hindemiths mythisch dräuenden Einakter "Sancta Susanna", als Koproduktion von Schwerin, Stuttgart, Wiener Festwochen und Berliner Volksbühne. Dessen halbe Stunde bringt die Tanzspezialistin mit ihren eigenen Mitteln auf abendfüllende Länge: mit Revue, Pop, bösem Witz, verpeiltem Hippie-Jesus, echtem Sex und echtem Kannibalismus, dies ist mein Leib, dies ist mein Blut. Lustig, nervig, politisch. Und sehr katholisch. (Falk Schreiber)
Auf so rauschhafte, tiefsinnige, trashige, schockierende, sportliche und witzige Weise wurde der unerträglich frauenfeindlichen Lehre der katholischen Kirche, ihrem völlig aus der Zeit gefallenen patriarchal gesteuerten System, das Frauen weiterhin beruflich diskriminiert, und ihrem regressiven Umgang mit Sexualität noch nie auf der Bühne auf den Grund gegangen. Mal wird das alles der Lächerlichkeit preisgegeben, mal in seiner Brutalität entlarvt, mal feministisch-utopisch umgedeutet. Das Theater wird zur Kirche, in der Männer (zumindest auf der Bühne) keinen Platz haben. (Verena Großkreutz)
Niedersachsen
Mädchenmörder :: Brunke von Lothar Kittstein, Bernhard Mikeska
Regie: Bernhard Mikeska
Premiere am 27. Januar 2024 am Staatstheater Braunschweig
Das Kollektiv "Raum+Zeit" kommt mit "Mädchenmörder :: Brunke" dem Schriftsteller Thomas Brasch theatral auf die Spur, der seinerseits jahrelang versucht hatte, dem Braunschweiger Mörder Karl Brunke literarisch auf die Spur zu kommen. Brasch (Götz van Ooyen) stellt auf der Bühne des Staatstheaters in Braunschweig seine 14.000-seitige Auseinandersetzung mit Brunke vor, der 1905 zwei selbstmordromantische Mädchen auf ihren eigenen Wunsch hin erschossen hatte. Das ist per VR-Brille in 360-Grad-Kurzfilmen aus der Perspektive Brunkes (ebenfalls Götz van Ooyen) zu erleben, die nach und nach mit der von Brasch verschmilzt – wie sich auch der Autor zunehmend seinem Geschöpf in Wortlaut wie Gehabe angleicht: Brasch wird zu Brunke, Brunke wird zu Brasch. Die Identitätsverwirrung des rastlos Suchenden im Angesicht des banal Bösen überzeugt darstellerisch wie auch technisch. Aus dem Hin und Her von Live- und VR-Theater entsteht ein faszinierendes Vexierspiel aus Brechungen und Spiegelungen der abgründigen Brasch- und Brunke-Welt. (Jens Fischer)
Nora oder wie man das Herrenhaus kompostiert von Sivan Ben Yishai
Regie: Marie Bues
Premiere am 13. Januar 2024 am Staatstheater Hannover
Ein Stück, das auf clevere Weise versucht, mit einer Graswurzel-Revolution den Muff der Vorlage und der Aufführungsgeschichte aufzuwirbeln und am Ende bei einer fast greifbaren Utopie landet. (Jan Fischer)
Nordrhein-Westfalen
Draußen vor der Tür von Wolfgang Borchert
Regie: Adrian Figueroa
Premiere am 5. Oktober 2024 am Düsseldorfer Schauspielhaus
Bemerkenswert, wie dieses liebenswerte, rührende, hochpathetische, sicher auch etwas unterkomplexe Kriegsheimkehrerstück hier die Zähne zeigt, sich in einen brutalen Albtraum verwandelt, in ein politisches Requiem – als hätte man Wolfgang Borchert in ein George-Grosz-Kabinett geschickt. Exzellente Figurenporträts, die episodisch aufleuchten, scharf gezeichnet, einprägsam, während nur Beckmann und der ominöse “Andere” traumwandlerisch durchs ganze Stück gehen. Ein smarter Einfall auch, den Hauptdarsteller (Raphael Gehrmann) zugleich zum Videofotografen zu machen, der eine fratzenhafte Spießerwelt ins flüchtige Bild bannt.
Die flexible Hebebühnen-Architektur und die Lichtsetzungen ergänzen die Ästhetik des Abends brillant. (Martin Krumbholz)
Grmpf von Mike Müller
Regie: Rafael Sanchez
Premiere am 14. September am Schauspiel Köln
Der Kölner Interimsintendant Rafael Sanchez hat mit seiner Eröffnungspremiere (Autor: Mike Müller) eine so witzige wie schockierende und dazu noch musikalische Revue über den Bauskandal des Kölner Theater- und Opernhauses vorgelegt. Das Stück fördert en passant viele unglaubliche Facetten von Schludrigkeit, Planungschaos und Geldverschwendung zutage und kann damit exemplarisch für viele ähnliche Projekte im Land – oder ganz allgemein die viel diskutierte schlechte Verfassung staatlicher Verwaltung – stehen. (Max Florian Kühlem)
Rafael Sanchez verabschiedet sich mit einer Umarmung aus Köln. Es wäre leicht, sich nur über die inzwischen 12 Jahre andauernden Renovierungen des Theaters am Offenbachplatz lustig zu machen: Stattdessen liegt der Fokus auf dem Sich-Einrichten im Malheur: Wat wellste maache? Viel Show, ein bisschen Musical, ein bisschen Karneval, Baubesprechungs-Choreografien in Unterhose und Schlips, Politikerinnenalpträume und ein zwinkerndes Kokettieren mit dem Dokumentartheater (wer würde bei diesem Wahnsinn versuchen wollen, auf die Fakten zu schauen?). Alles begleitet von einem Orchester, das auf einem Berg aus Schutt durch den Abend spielt, wie das Quartett auf der Titanic. (Leo Haverkamp)
I Want Absolute Beauty von Ivo van Hove nach PJ Harvey
Regie: Ivo van Hove, Choreografie: (LA)HORDE – Marine Brutti, Jonathan Debrouwer, Arthur Harel
Premiere am 15. August 2024 bei der Ruhrtriennale
Bloß ein Liederabend, wenngleich mit beträchtlichem Aplomb von Ivo Van Hove zur Eröffnung seiner ersten Ruhrtriennale inszeniert. Aber mit was für einer Interpretin, die sich die dunkle Rock-Pop-Poesie der Songwriterin PJ Harvey aneignet: die phänomenale Sandra Hüller (die beim Genre-Hopping unbedingt auch noch als Hedwig Höß in "The Zone of Interest" zu nennen wäre)! Leicht aufgeraut die Stimme, grollend, sirenenhaft, tosend, heulend, stöhnend. Liebeslieder, Klagelieder, Zorneslieder, Angstlieder einer lost soul, einer Träumerin, Kämpferin, Verzweifelten, Heimatverlorenen, Herzensgebrochenen, Himmelsstürmerin. (Andreas Wilink)
Kontakthof – Echoes of '78 von Pina Bausch / Meryl Tankard
Konzept und Inszenierung: Meryl Tankard
Premiere am 26. November 2024 im Tanztheater Wuppertal Pina Bausch
Natürlich ist Meryl Tankards Annäherung an Pina Bauschs 1978 uraufgeführte "Kontakthof"-Choreographie eine Verbeugung vor der legendären Künstlerin und ihrer Arbeit. Vordergründig scheinen die neun verbliebenen Tänzerinnen und Tänzer der Uraufführung ihre Choreographien noch einmal zu wiederholen. Doch ihre erneute Annäherung an die Rollen und Bewegungen von einst ist weit mehr als Re-Enactment der berühmten Performance, die in Form von Videoprojektionen damaliger Mitschnitte fortwährend präsent ist. Die Tänzerinnen und Tänzer, unter ihnen auch die heutige Filmemacherin und Choreographin Meryl Tankard, treten aus dem Schatten der übermächtigen Bilder, die Pina Bausch geschaffen hat, heraus und schaffen ein eigenes Kunstwerk, das die Grenzen von Tanztheater, Performance und Videokunst noch einmal neu zieht. (Sascha Westphal)
Leonce und Lena und Lenz nach Georg Büchner
Regie: Elsa-Sophie Jach
Premiere am 1. Juni 2024 am Theater Münster
Der Titel der Inszenierung von Elsa-Sophie Jach klingt nach bloßer Addition und ist doch etwas ganz Anderes: nämlich ein faszinierendes Büchner-Kaleidoskop, das nicht nur durch das filigrane Ineinander von Büchners Komödie "Leonce und Lena" und seiner Erzählung "Lenz" überzeugt, sondern vor allem wegen der starken Kaleidoskop-Bühne von Bettina Pommer. (Kai Bremer)
Signal to Noise von Forced Entertainment
Regie: Tim Etchells
Uraufführung am 21.März 2024 im PACT Zollverein Essen
Anlässlich ihres 40-jährigen Bestehens lassen die virtuosen Performer:innen von Forced Entertainment einmal mehr die Puppen tanzen. Im Lip-Sync mit KI-generierten Stimmen treten Stimme und Körper, Sprecherin und Tun, Sinn und Sinnlichkeit in ein ebenso reizvolles wie verstörendes Spannungsverhältnis. (Esther Boldt)
Trauer ist das Ding mit Federn nach Max Porter
Regie: Christopher Rüping
Premiere 15. März 2024 am Schauspielhaus Bochum
So leicht kann man das Schwere machen, so leicht kann man das Publikum in die Fiktion hineinziehen und doch schwer schockieren. Max Porters lyrische Verarbeitung der Geschichte des Vaters von zwei Kindern, dem nach dem Tod der Mutter der Kinder eine Krähe beisteht, wird in dieser Inszenierung ein Kunststück der Widersprüche: leicht, bösartig und tröstlich. (Gerhard Preußer)
Christopher Rüping gelingt hier die anrührende Annäherung an das existenZielle Thema Verlust und Tod, das uns allen bevorsteht. Ihm gelingt die Balance aus Theaterfeuerwerk und Stille, es ist ein großer, fantastischer, tiefer Abend. (Dorothea Marcus)
Voodoo Waltz
Regie: Imre und Marne van Opstal
Premiere am 20. Januar 2024 am Schauspielhaus Bochum
Sechs Tänzer*innen und drei Schauspieler*innen – solch eine Kombination ist nicht neu, aber die Mischung hat es in sich. Denn die Geschwister van Opstal arbeiten so präzise, so fein, dass es auch mal schmerzt. Die Figuren sind verlorene Seelen, allesamt Ausgestoßene, weil sie Epileptiker sind. Um sie herum und an ihnen dran bewegen sich die grandiosen Tänzer*innen, sanft, sinnlich, schwebend-schnell wie ein Gegenpol zur rauen Welt des Rotlichtviertels. Das große Chaos der Hyperaktivität bleibt hier aus. Epilepsie als Tanz mit den Engeln – so ähnlich heißt es einmal im Text der slowenischen Autorin Janja Rakuš, und so ist es auf der Bühne. (Sarah Heppekausen)
Rheinland-Pfalz
Die Möwe von Anton Tschechow
Regie: Frank Hoffmann
Premiere am 13. Januar 2024 am Theater Trier
Bedrückend, geradezu furchteinflößend in ihrer Monumentalität, die die eigene Bedeutungslosigkeit nur umso schmerzlicher bewusst macht, sind die meterhohen Wände in tristem Grau. Diesen Spielort hat der Maler und Bildhauer Ben Willikens (84) für Frank Hoffmanns Trierer Inszenierung von Anton Tschechows "Möwe" entworfen. Das Bühnenbild spielt eine Hauptrolle für sich, indem es die Akteure und ihre Probleme in jedem Moment dieses zweistündigen, pausenlosen Spiels auf das zurückstutzt, was sie im Grunde sind: mitleiderregend in ihrem Versagen, erheiternd bei ihren Versuchen, sich und die anderen ihrer Wichtigkeit zu versichern; bedauernswert, wenn sie unversehens von der Tagesaktualität eingeholt werden, die sie so krampfhaft zu ignorieren versuchen. Denn brandaktuell wird "Die Möwe" tatsächlich, wenn Hoffmann das historische Geschehen unversehens mit der Gegenwart konfrontiert. Die Inszenierung ist konsequent in ihrem Versuch, eine Gesellschaft am Ende einer althergebrachten und vertrauten Ordnung zu zeigen. (Rainer Nolden)
Sachsen
Antigone von Sophokles
Regie: Joanna Lewicka
Premiere am 9. Februar 2024 am Theater Plauen-Zwickau
Joanna Lewickas Zugriff auf den Stoff ist nicht hip oder wild, sondern hochklassige klassische Schauspielkunst in einem sehr modernen Look. Keine Fremdtexte, keine Aktualisierungen, keine Ablenkungen. Stattdessen die geballte Wirkkraft der antiken Allegorie. Wertige schwarz-weiß-Fotos und Videos sowie die Musikauswahl schaffen Momente, die einem den Atem stocken lassen. Einer davon ist Teiresias' Auftritt nach Antigones Tod. An einem Seil gen Bühnenhimmel gezogen, breitet er seine schwarzen Flügel aus und singt. Schwebend, klagend, mahnend singt Claudia Lüftenegger "Here's to you" von Joan Baez. Für Gänsehaut-Momente wie diesen geht man ins Theater. (Matthias Schmidt)
Nullerjahre von Hendrik Bolz
Regie: Kajetan Skurski
Premiere am 8. September 2024 am Staatsschauspiel Dresden
"Nullerjahre. Jugend in blühenden Landschaften" von Hendrik Bolz ist eine Konzentration dessen, was viele der Nachwendegeneration Ost gefühlt und erlebt haben. Das Publikum fühlt sich an Spielorten im Stadtraum im eigenen Wegsehen bei Gewalt als Täter ertappt. Dem Regisseur gelingt das seltene Kunststück, einen aktuellen Literaturbestseller in überzeugendes Theater zu überführen. Die fantastischen Darstellenden spielen hoch physisch, dynamisch und überwältigend. Man will sie gleichzeitig in den Arm nehmen und ohrfeigen, so unfertig sind diese Persönlichkeiten. Und doch neben ihrer Zerbrechlichkeit auch so brutal fertig. (Tobias Prüwer)
Richard III. von William Shakespeare
Regie: Enrico Lübbe
Premiere am 20. September 2024 am Schauspiel Leipzig
Auf der düster-verschachtelten Bühnenwelt entsteht an diesem Abend eine Welt des Wahnsinns. Aus dem dichten Nebel schälen sich Shakespeares Figuren heraus und machen sich einander das Leben zur Hölle. Enrico Lübbe ist ein atmosphärisch-dichter Ensembleabend gelungen, der sich anfühlt wie ein packender Thriller – und der Regisseur hat aus Thomas Braschs Übersetzung neben all der Gegenwärtigkeit auch den Humor herausgearbeitet. (Vincent Koch)
Österreich
Empire: Rooting for the Anti-Hero von Franz von Strolchen/Christian Winkler
Regie: Franz von Strolchen
Premiere am 22. September 2024 im Theater am Lend in Kooperation mit dem steirischen herbst
Ein Gamelan-Orchester füllt die winzige Bühne, es beherrscht sogar deutsche Schlager. Auf Indonesisch erzählt ein Performer von der unglaublichen Reise eines Grazer Fußballclubs in den 1930er-Jahren. Der Held: sein Urgroßvater. In der Literatur wäre dieser Abend eine Novelle: absolut unerhört, überraschend, entlarvend. Ein kleines Juwel. (Martin Thomas Pesl)
[EOL]. End of Life. Eine virtuelle Ruinenlandschaft von DARUM
Regie: Victoria Halper & Kai Krösche
Premiere am 26. September 2024 im brut Wien
Eine Reise per VR-Brille zum Friedhof des Metaverse: Hier gehen die Avatare Verstorbener um, von der KI erschaffen zum Trost für die Lebenden. Doch die Schattenwesen aus dem Polygonen-Baukasten entwickeln bald ihr eigenes Bewusstsein. Darf man sie jetzt noch einfach löschen? Victoria Halper & Kai Krösche haben für diese Fragen eine voll interaktive VR-Welt erschaffen, an der sich ähnliche Unterfangen künftig werden messen lassen müssen. Digitale Immersion auf einem neuen Level – zum Anfassen echt, alptraumhaft unheimlich, berührend. (Janis El-Bira)
Heit bin e ned munta wuan von Wolfgang Menardi
Regie: Wolfgang Menardi
Premiere am 16. Februar 2024 am Volkstheater Wien
Wiener Gruppe meets Gemeindebau meets Zentralfriedhof, und Sisi und Franzl sind auch mit dabei: Ein herzzerreißender, herzzerreißend schöner Abend, der nicht zuletzt den Dialekt feiert. Samouil Stoyanov läuft in der Rolle der einsamen, grantigen Frau Q. zu spielerischer und körperlicher Höchstform auf, es ist sein Abend. (Andrea Heinz)
Minna von Barnhelm von Gotthold Ephraim Lessing
Regie: Ulrike Arnold
Premiere am 8. November 2024 am Schauspielhaus Graz
Ein "weißer Mann" mit ultrakonservativem Denken trifft auf eine ihm intellektuell weit überlegene, handlungsaktive, denkoffene Frau. Völlig unprätentiös, aber mit viel Slapstick ließ Ulrike Arnold das Stück auf einer gerade hotelzimmerkleinen Bühne in Graz als eine rasante Tür-auf-Tür-zu-Komödie schnurren. Ein heutzutage wenig geliebter Klassiker, auf seine aktuelle Tauglichkeit hin geprüft. Bestanden! (Reinhard Kriechbaum)
Parallax von Kata Wéber und Ensemble des Proton Theaters
Regie: Kornél Mundruczó
Premiere am 27. Mai 2024 bei den Wiener Festwochen
"Parallax" hat die spektakulärste Szene des Jahres: Sturzfluten brechen aus den Wänden einer Budapester Wohnküche; die peinlichste, expliziteste Sexszene – eine Orgie zwischen ältlichen Herren, die sich im heutigen Orban-Ungarn damit in Gefahr bringen –, wegen der das Stück in Ungarn nicht in gezeigt werden kann. Und die intimste Szene zwischen einer Holocaust-Überlebenden und ihrer Tochter: die wunderbare Lili Monori, die sich als alternde Jüdin zugleich gegen ihre Demenz und gegen die Vorwürfe der Tochter zur Wehr setzt, der sie die Kindheit mit ihren Geschichten über Auschwitz zur Hölle gemacht hat. "Parallax" heißt: zwei Sichtweisen: scharfe Kritik der aktuellen politischen Lage in Ungarn – und zugleich "sub specie aeternitatis". Schmutzig, heilig, zärtlich, grob, magisch. Punk. Kunst. (Gabi Hift)
Stromberger oder Bilder von allem von Gerhild Steinbuch
Regie: Bérénice Hebenstreit
Premiere am 2. März 2024 am Vorarlberger Landestheater in Bregenz
In ihren Text über Maria Stromberger (1898–1957), die österreichische Widerstandskämpferin und Krankenschwester in Auschwitz, verwebt die Autorin Gerhild Steinbuch Zeugnisse vom gegenwärtigen Erstarken des Rechtsextremismus. Regisseurin Bérénice Hebenstreit schafft mit dem auf sorgfältige Recherchen basierenden Stück "Stromberger oder Bilder von allem" und den erzählenden sowie reflektierenden Figuren komplexes Dokumentartheater. (Christa Dietrich)
Schweiz
Dr. Watzenreuthers Vermächtnis von Christoph Marthaler
Regie: Christoph Marthaler
Premiere am 13. September 2024 am Theater Basel
Zur Nachtkritik
Die Alten haben abgewirtschaftet, nur wissen sie es noch nicht. Sie dreschen nichtssagende Sätze bis zum Abwinken. Wenn die Jugend aufbegehrt, wird sie zum Schweigen gebracht. Bis sie vor Wut platzt. Dieser Marthaler'sche Einblick in das Scheitern einer ganzen Generation hat eine faszinierende Dringlichkeit. Und ist gespielt auf höchstem Niveau. (Valeria Heintges)
König Lear von Thomas Melle nach William Shakespeare
Regie: Anne Lenk
Premiere am 19. Oktober 2024 im Schauspielhaus Zürich
Narzissmus und Gier sind die Leitplanken in König Lears Reich, auch bei seinen Töchtern, die antreten, um in feministischer Absicht die alten Könige abzulösen. Kein Paradies ohne Höllenritt, lautet die Devise. Anne Lenk und das fabelhafte Zürcher Ensemble zeigen den Höllenritt als kurzweiligen Galopp, der Groteske und überhaupt die Komik nicht scheut, dabei die Wertungen immer klug in der Schwebe hält. Recht bekommt hier niemand, und überwunden wird schon gar nichts. Keine freudige Perspektive; aber vergnüglichstes Theater. (Andreas Klaeui)
Recycling of Life von Antje Schupp, Ayman Nahle, Yanik Soland
Regie: Antje Schupp
Premiere am 8. Februar 2024 an der Kaserne Basel
Anhand von alten Fotos erzählt Regisseurin Antje Schupp eine Familiengeschichte. Spektakulär: im Rahmen ihrer Recherche traf Schupp die 85-jährige Tochter dieser Familie. Von der Existenz der Fotos hatte die Familie gar nichts gewusst. Mit unterschiedlichsten Stilmitteln verlebendigt Schupp Erinnerungen – und singt am Ende hymnisch "Life is coming back". (Claude Bühler)
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Ich finde es ist großartig.
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Vielen Dank, aber den Link zum Abstimmungs-Modul finden Sie ober- und unterhalb der Liste der Nominierten. Stimmenabgaben in den Kommentaren können wir leider nicht zählen.
Herzliche Grüße
Ihre nachtkritik.de-Redaktion
(Anm. Redaktion. Es können beim nachtkritik-Theatertreffen auch Inszenierungen nominiert werden, die keine nachtkritik-Besprechung bekommen haben.)
"bloß" diskutablen Text, und die Regiearbeit Joanna Lewickas mit besagtem Ensemble
dürfte dem prämierten Vorgänger kaum nachstehen, und, wer die Geschichte dieses Stückes, seine quasi Emigration zur Haiderzeit von der Wiener Burg nach Darmstadt und sein "Comeback" in Schleswig (beide Male durch Martin Apelt forciert) zur (leider scheint es so) Kicklzeit nachzeichnet, wird kaum umhin können im Grunde, von einem "Stück der Stunde" zu handeln; ja, so verstiegen es klingen mag: eigentlich müßte die Wiener Burg ein Gastspiel dieser Inszenierung ins Auge fassen angesichts der nunmehr sich eingestellt habenden Aktualität zuzeiten der FPÖ-ÖVP-Verhandlungen, zumal das auch ein gehöriges
Maß an Selbstkritik enthielte bezüglich des seinerzeitigen Verschwindenlassen dieses ursprünglichen Auftragswerkes der Burg im "Giftschrank" (wie passend dieser Ausdruck angesichts des Medizingiftes jener Schlangen im Stück). Frei nach dem Fußballschlager
"It`s coming home" und nahe dran an einer ironischen Verwendung des von Sellner auf Kickl herabgekommenen (und so oft frequentierten) R-Wortes.
Gespenstisch war es, in den Nachrichten die Fußball-Demonstrationen in Georgien zu verfolgen, um gleichsam parallel dazu in Schleswig dazu ein Schauspiel zu finden, in dem die Rollennamen der Dänischen Fußball-Europameistermannschaft des Jahres 1992 entlehnt worden sind. Was Theater leisten kann, wenn es sich auf seine Qualitäten besinnt, statt vorzuspielen, die bessere Politik zu sein, verhandelt dieses Stück mustergültig auf der Grundlage gleichsam der Funktion des Schauspieles im Schauspiel im "Hamlet", läßt innerhalb des "Gleichnisses" verschiedenste Fragen (siehe Nachtkritik von Michael Laages) durchspielen zu Populismus, Politainment und einer Demokratie ohne Demokraten etwa bishin zum gewaltsamen Widerstand und Tyrannenmord (Brian Laudrup insofern in der Hamletposition, dessen Kußszeneneninszenierung schließlich ähnlich fehlgeht wie Hamlets "Mausefalle" (in der Stadt "Vienna")) beziehungsweise der Selbstermächtigung/Selbstermutigung dazu, läßt aber innerhalb dieses Gleichnisses letztlich den Populisten Peter Schmeichel "gewinnen", um uns, dieses als Spiel verstehen lassend, letztlich doch gewinnend in die Wirklichkeit zu entlassen..
Ihrem Artikel in der nachtkritik-Theatertreffen: Schleswig-Holstein
#9Arkadij Zarthäuser11.01.2025 12:51 stimme ich vollkommen zu.
Mit freundlichen Grüßen
Reiner Schmedemann
Naja, wir können uns ein wenig damit trösten, daß die Schleswiger Inszenierung sich in illustrer Gesellschaft mit anderen Sachen befindet, die auch nicht nominiert wurden; das gilt beispielsweise sowohl für den "Puntilla", welchen Sie gerade kommentierten (und den ich am Schach-Bundesliga-Sonntag in Hamburg auch beinahe besucht hätte), als auch für den Abend "Gesetze Schreddern" von Kevin Rittberger in der Realnische 0, ein Abend, der Lust auf komplizierte, auch waghalsige, rechtsphilosophische Begründungsgeschäfte macht, wenn es für den Menschen darum geht, Pflanze, Tier und damit letztlich sich selbst gerechter zu werden - und dieses bereits bei der Gestaltung seiner staatsrechtlichen Grundverfasstheit (sprich: Braucht es eine umfassende Reform unseres Grundgesetzes zu einer Ökologischen Verfassung ? Wie könnte eine solche aussehen und grundgelegt werden ??). Ute Hannig und Samuel Weiss (vielen Dank an ihn für die ausgeliehene Lesebrille an dieser Stelle) gelingt es, auf völlig unaufgeregte Weise ebenso charmant wie konzentriert zu fesseln, zu berühren: vor allem im Dreiklang Frau Peikert, Herr Mustermann und -natürlich- Puya (der Pottwaldame) !
Frau Hift sprach es bereits an: das ist eben der Modus des NK-Theatertreffens.
Wie oft mögen Abende wie die von mir als Beispiel genannten auf Platz 2 bei einer Kritikerin, einem Kritiker einlaufen ??