Pershing - Theater Heilbronn
Hurra, wir beißen ins Gras!
1. Juni 2025. Vor 40 Jahren explodierte bei Heilbronn der Motor einer Pershing-II-Rakete. Es gab Tote und Verletzte und hätte noch schlimmer kommen können: Die Explosion fand in unmittelbarer Nähe von Atomsprengköpfen statt. Hier setzt der neue Dokumentartheaterabend von Dura & Kroesinger an, dessen Fragen bis in die Gegenwart reichen.
Von Thomas Rothschild
"Pershing" von Regine Dura & Hans-Werner Kroesinger am Theater Heilbronn © Jochen Klenk
1. Juni 2025. Regie und Ensemble haben begriffen, dass Fakten auf der Bühne eine andere Spiel- und Sprechweise erfordern als das mimetische Theater. Zum Beispiel: Moderate Bewegung durch Auf- und Abtritte und wechselnde Positionen, vorwiegend frontale Rede zum Publikum. Die Darsteller tragen saloppe Kleidung von 2025. Schautafeln und Whiteboards ergänzen den gesprochenen Text. Distanz statt Einfühlung. Nüchternheit statt Ausdruck. Sachlichkeit statt Mimikry.
Einzige (überflüssige) Ausnahme: die mäßig komische Flucht des damaligen Verteidigungsministers Manfred Wörner vor der aufgebrachten Bevölkerung. Der dokumentierte US-Präsident Ronald Reagan kann, außer einen amerikanischen Akzent anzudeuten, nicht so tun, als wäre er der erfundene Francis Underwood aus "House of Cards". Hier wird nicht gespielt, sondern vermittelt.
Katastrophe mit Ansage
Regine Dura und Hans-Werner Kroesinger, die häufig nachgeahmten Dokumentartheatermacher, haben sich einem Ereignis zugewandt, das vierzig Jahre zurückliegt und dessen dramatische Wiederbelebung jetzt im Theater jenes Ortes auf die Bühne kommt, wo es seinerzeit stattgefunden hat: in der gar nicht so idyllischen Käthchenstadt, in der BOXX mit ihren 120 Plätzen. Die Autoren geben an, dass sie ausschließlich vorgefundene Originaldokumente verwendet, keine eigenen Texte hinzugefügt hätten.
Damals, am 11. Januar 1985, explodierte eine der seit 1983 in der Bundesrepublik Deutschland stationierten Pershing-II-Raketen in unmittelbarer Nachbarschaft von Atomsprengköpfen, die in der Heilbronner Waldheide gelagert waren, und tötete drei amerikanische Soldaten. Dreizehn weitere Personen wurden teilweise schwer verletzt. Die öffentlichen Reaktionen auf diese Katastrophe, die von den Gegnern der atomaren Aufrüstung schon lange als Möglichkeit prognostiziert worden war, nahmen unvorhersehbare Ausmaße an, die weit über Heilbronn hinausreichten.
Zurückgekehrte Bedrohung
Wer gedacht hatte, solche Gefahren seien mit dem Ende des Kalten Krieges endgültig beseitigt, muss sich in unseren Tagen eines Besseren belehren lassen. Mit vielen Schrecken der Vergangenheit, die als überwunden galten, ist auch die Bedrohung durch Atomwaffen zurückgekehrt. "Pershing" könnte, so unerfreulich diese Wahrheit ist, aktueller nicht sein. Denn wer würde Gift darauf nehmen, dass der Irre im Weißen Haus oder sein russischer Zwilling die Anwendung von Atomwaffen nicht ebenso bedenkenlos beschließen, wie die Erhöhung von Zöllen. Die Geschichte, die Dura und Kroesinger verhandeln, belegt, dass allein ihre Existenz bereits eine lebensbedrohliche Gefährdung bedeutet.
Auf den Spuren der Katastrophe: Gabriel Kemmether, Sven Marcel Voss, Lisanne Hirzel, Pablo Guaneme Pinilla, Juliane Schwabe © Jochen Klenk
In Heilbronn gehören viele Stimmen dieses Abends paradigmatischen historischen Persönlichkeiten, Aktivisten, Interessengruppen: Ronald Reagan, Hermann Scheer, der Initiative FRIDA ("Frieden im deutschen Alltag!"), dem Heilbronner Friedensrat, dem Kommandeur der 56. Feldartilleriebrigade. "Pershing" pflegt einen chronologischen Ansatz. Dass Männer Geschichte machen, wird kritisch auseinander klamüsert.
Der damalige Heilbronner Oberbürgermeister Manfred Weinmann (CDU) windet sich auf die Frage eines Journalisten: "Sehen Sie, da wissen Sie mehr als ich. Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, da droben sollen Raketen sein. Ich hab sie schon gesehen. Aber dass hier mit Atomsprengköpfen bestückte Raketen sind, das weiß ich nicht." Da kann einem schon angst und bange werden. Wissen Friedrich Merz und Co., was aktuell genau im Fliegerhorst Büchel gelagert ist?
Alles vorbei mit Pershing zwei
Sparsam werden diesen Stimmen eher banale Klänge unterlegt. Manchmal wird der Mechanismus des "Nebeneinanders der Stimmen" durch Songs unterbrochen. Sie haben zum Teil den Charakter einer Parodie oder einer Kontrafaktur, die zugleich die historische Einordnung begünstigen. "I gave a missile to the postman / he put it in his sack / bright early next morning / he brought my missile back // Return to Sender // Address unknown". "Marmor, Stein und Eisen bricht / Wir beißen ins Gras, ob‘s uns schmeckt oder nicht / Alles, alles geht vorbei / Durch die Pershing II".
P.S.: Worin besteht die Aktualität dieser Reminiszenz? Der SPIEGEL meldet am 28. Mai 2025: "Dokumente aus Russland zeigen, dass für den Ausbau von Atomwaffenstützpunkten Material westlicher Konzerne geordert wurde." Und am Tag der Heilbronner Premiere zitiert die Frankfurter Rundschau Putin: "Egal, wer versucht, uns im Weg zu stehen oder gar eine Bedrohung für unser Land und unser Volk zu schaffen, sie müssen wissen, dass Russland sofort reagieren wird, und die Konsequenzen werden so sein, wie Sie sie in Ihrer gesamten Geschichte noch nie erlebt haben. Egal, wie sich die Ereignisse entwickeln, wir sind bereit.
Das Ensemble: Sven Marcel Voss, Gabriel Kemmether, Lisanne Hirzel, Juliane Schwabe, Pablo Guaneme Pinilla © Jochen Klenk
Auch 1988 argumentierte man schon: "Zwei Raketen, die mit atomaren Sprengköpfen bestückt werden können, sollen in Westdeutschland zur Verteidigung gegen die sowjetischen SS20-Raketen stationiert werden". Wo enden die "Brandherde" und wo beginnt der Dritte Weltkrieg? Von der Wiederaufrüstung in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts bis zu Stalingrad und Hiroshima führt ein gerader Weg.
Theater als Bewahrer von Geschichte oder als Einmischung in die Gegenwart? Beides. Kommen Sie nach Heilbronn.
Pershing
Ein Recherche-Projekt zum 40. Jahrestag des Pershing-Unglücks auf der Heilbronner Waldheide
von dura & kroesinger
In Kooperation mit dem Heilbronner Stadtarchiv
Uraufführung
Regie, Konzept, Text: Regine Dura / Hans-Werner Kroesinger, Ausstattung: Jessica Rockstroh, Musik: Jonas Marc Anton Wehner, Licht: Johannes Buchholz, Dramaturgie: Dr. Mirjam Meuser
Mit: Gabriel Kemmether. Lisanne Hirzel, Pablo Guaneme Pinilla, Juliane Schwabe, Sven-Marcel Voss
Premiere am 31. Mai 2025
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
www.theater-heilbronn.de/
Mehr zu Dura & Kroesinger:
- "Die Poetik des Dokuments" – Videogespräch der Reihe "Neue Dramatik in zwölf Positionen mit Regine Dura und Hans-Werner Kroesinger. (Folge 8).
Kritikenrundschau
Einen "packenden Dokumentartheaterabend" erlebte Christoph Feil und schreibt in der Heilbronner Stimme (2.6.2025): "Dass 'Pershing' wie Frontalunterricht wirkt (...), darauf muss man sich einlassen. Wie diese vielstimmige Collage generell Aufmerksamkeit erfordert, um den Überblick zu behalten, wer da gerade spricht." Aber: "Auch wenn in dieser Inszenierung Gefühle von den kurz angerissenen Figuren lediglich behauptet werden, wird das damalige Klima der Angst greifbar. Woran nicht zuletzt die Lichtregie unter Johannes Buchholz Anteil hat sowie die Musik von Jonas Marc Anton Wehner, die Atmosphären verdichtet und die Stimmung zwischendurch auflockert."
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