Mensch ohne Gott

8. Juni 2025. Eine Handvoll Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen in dieser Welt wurzellos herumgeistern – und an der eigenen Leere scheitern: Stephan Kimmig inszeniert Ewald Palmentshofers sprachgewaltiges Drama über Verrohung und Einsamkeit.

Von Sven Scherz-Schade

"Die Verlorenen" von Ewald Palmetshofer am Badischen Staatstheater Karlsruhe © Thorsten Wulff

8. Juni 2025. Sieben Gestalten treten vor die Bühne. Schweigen. Dann im Chor, drängend: "Hallo, hört uns jemand?" Was folgt, ist ein Prolog voller Bruchstücke. Abgehackte Episoden, alltäglich und banal. Vom Pickelausdrücken am Spiegel ist die Rede, vom morgendlichen Onanieren, vom zerstreuten Gefühl in der Menschenmenge einer Straßenbahn. Der Prolog ist wirr, aber er verdichtet sich auf einen gemeinsamen Nenner: "Wir sind so einsam", sagen die Gestalten schließlich, und: "In uns spricht allmächtige Verzweiflung."

Mit diesem liturgisch anmutenden Auftakt setzt Regisseur Stephan Kimmig ein Zeichen. Einsamkeit ist keine individuelle Schrulle. Sie ist sozial und strukturell. Und Ewald Palmetshofers 2019 am Münchener Residenztheater uraufgeführtes Stück "Die Verlorenen" liefert das Material, diese These auf der Bühne erlebbar zu machen. Es treffen Personen aufeinander, die – trotz oder wegen ihrer Familienstrukturen – existenziell einsam sind.

Versehrte Seelen

Da wäre Clara, mit tiefen Augenringen und matter, erschöpfter Stimme eindringlich von Anne Müller dargestellt, die sich im abgelegenen Haus ihrer Großmutter eine dringend benötigte Auszeit nimmt. Dort begegnet sie dem jungen Kevin, einfühlsam von Nikita Buldyrski gespielt. Doch ein Paar werden die beiden nicht. Denn Clara wird regiert von Bindungsangst und ihrer Vergangenheit: Ex-Mann Harald, dessen neuer Freundin Svenja und dem gemeinsamen Sohn Florentin. Florentin lebt beim Vater. Die getrennten Eltern haben sich verständigt, dass der Junge jedes zweite Wochenende bei seiner Mutter verbringt. Als Clara nun aufgrund ihrer ersehnten Auszeit ankündigt, dass dies in den nächsten Wochen nicht möglich sein wird, empfindet der Ex-Mann das als Affront.

Nun gewinnt das Stück an Spannung: Man fragt sich, wie der Grundkonflikt, wohin das Kind gehört, aufgelöst wird. Es vergehen allerdings 70 Minuten, bis der Junge zum ersten Mal auftritt – um sogleich mit großer Wucht ins Geschehen einzuschlagen. Die junge Schauspielerin Eva Habenicht – sie ist Studierende an der Stuttgarter Hochschule für Darstellende Kunst – spielt Sohn Florentin als trotziges, unberechenbares Seelenwrack. Man spürt sehr schnell, dass hier nichts ein gutes Ende nehmen kann. Bei diesem Teenager hat die der Familienstruktur geschuldete Einsamkeit eine fatale Lust produziert, andere Menschen zu terrorisieren. Gerade wurde er von der Schule verwiesen, weil er Videos verbreitete, die unzulässig in die Persönlichkeitsrechte anderer eingriffen.

Simultane Raumordnung

Das Bühnenbild, entworfen wie ein überdimensioniertes Puppenhaus, eröffnet eine simultane Raumdramaturgie: rechts das bürgerliche Interieur von Harald und Svenja, deren Schlafzimmer mit Ehebett, und mittig im oberen Bereich ein Zimmer im abgeschiedenen Waldhaus, spärlich möbliert, an dessen Wand ein Kruzifix aus Omas Zeiten hängt als Überbleibsel einer einstigen metaphysischen Ordnung. 

Verlorene am Tankstellentresen: Lucie Emons, André Wagner, Fabian Kulp © Thorsten Wulff

Links eine Tankstellentheke, wo sich schräge Typen aus dem Dorf treffen. Jeder erzählt dort mal seine Story, lässt ab, womit er glaubt, andere beeindrucken zu können. Szenisch super ist die von Schauspieler André Wagner vorgetragene Angebergeschichte von der Kuh, die sich eines Nachts angeblich auf der Kühlerhaube seines Autos auftürmte.

Magische Sprache, meisterhafte Komposition

Großartig an Palmetshofers Stück ist der meisterhafte Mix aus dramaturgischen Stilmitteln. Es gibt Mauerschauen, Botenberichte und rasche Wechsel vom Dialog in epische Monologe, wo die Personen aus ihrer Sicht erzählen. Und das oft in behutsam verfremdeter Bühnensprache. Es gibt subjektlose oder unvollständige Sätze, die sich grammatikalisch im Nichts verlieren. Im wörtlichen Sinn gehen den Verlorenen also die Wörter verloren. Inversionssätze wie "Nicht so direkt man spricht" verleihen dem Ganzen etwas Magisches, merkwürdig Feierliches.

Der preigekrönte Regisseur Stephan Kimmig hat zum ersten Mal am Badischen Staatstheater inszeniert und überzeugt nun mit einer gut durchkomponierten Arbeit, die mit Videoeinspielungen und Musik ausgewogen gestaltet ist und in der Einsamkeit nicht als individuelles Leiden erscheint, sondern als Symptom sozialer Brüche. Das Premierenpublikum war begeistert.

Die Verlorenen
von Ewald Palmetshofer
Regie: Stephan Kimmig, Bühne & Video: Oliver Helf, Kostüme: Sigi Colpe, Licht: Felix Bach, Dramaturgie: Bastian Boß.
Mit Anne Müller, Timo Tank, Frida Österberg, Eva Habenicht, Nikita Buldyrski, André Wagner, Lucie Emons und Fabian Kulp
Premiere am 7. Juni 2025
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.staatstheater.karlsruhe.de

Kritikenrundschau

Von einem "so bedrückenden wie morbid-ironischen Stück", das "genau den Tonfall und das Thema" seines Titels – "Die Verlorenen" – treffe, berichtet Andreas Jüttner in den Badischen Neuesten Nachrichten (10.6.2025). Der "Weltschmerz" erreiche in der "klar und schnörkellos gehaltenen Inszenierung von Stefan Kimmig" schnell "fatalistische Ausmaße wie bei Büchners 'Woyzeck'".

Kommentare  
Die Verlorenen, Karlsruhe: Begeisterung
einfach nur großartig!
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