Kein Sportstück - Badisches Staatstheater Karlsruhe
Sport ist Mord, Theater ist Lüge
7. Juni 2024. In Karlsruhe verabschiedet sich Anna Bergmann als Schauspieldirektorin, und das Ensemble tritt unter der Kollektiv-Regie von Trio ACE in einer Abschiedsshow zusammen auf die Bühne. Inspiriert von Elfriede Jelineks Text "Ein Sportstück" lassen sie die gemeinsame Zeit kritisch Revue passieren.
Von Steffen Becker
Von wegen "kein Sportstück"! © Fabian Stransky
7. Juni 2024. Wenn Sie ins Theater gehen, legen Sie dann Wert auf eine Unterbrechung? Auf Reflexion und Begegnung? Auf Sekt und Pinkeln? Es gibt eine kluge nachtkritik-Kolumne über die soziale Bedeutung der Pause. Und es gibt den Versuch des Staatstheaters Karlsruhe, sie zwar anzubieten, aber die Zuschauer zugleich und stattdessen zum Einstudieren einer Tanz-Choreo anzuleiten. Der Rezensent lehnt dankend ab und kann daher zur "LetKiss"-Performance nichts sagen (dafür bekommt das Lachsbaguette eine gute Bewertung).
Abschiedsshow des Ensembles
Das Trio ACE (Alia Luque, Christopher Rufe und Ellen Hofmann) lässt sich für seine "Abschiedsshow" des Karlsruher Schauspielensembles vage inspirieren von Elfriede Jelineks "Ein Sportstück". Von dem Text bleibt zwar nichts, aber das Trio überträgt Jelineks These "Sport ist Krieg" aufs Theater und schleudert uns – nach ein bisschen Mattenrutschen zum Aufwärmen – auch noch die Brecht-These entgegen, "das Problem, das das deutsche Staatstheaterpublikum hat, ist, dass sie keine Vorstellung davon haben, was hier vor sich gehen soll". Im Gegensatz zum Publikum in den Sportpalästen.
Ein Ensemble, bereit sich zu verbeugen © Fabian Stransky
Warum klatschen wir im Theater? Als Zeichen der Anerkennung, um Teil einer Gemeinschaft zu sein, um einer Konvention zu genügen? Lucie Emons analysiert das in Form einer gelungen dargebotenen Kabinenansprache. Ein lustiger Einstieg auf einer wuseligen Bühne voller bunter Trainingsanzüge. Dann Schwenk zu ernsteren Themen. Zum Beispiel: Was bedeutet "Applaus ist das Brot des Künstlers" im Alltag prekär beschäftigter Schauspieler (Grüße vom NV Bühne)? Ist Verbeugen-Müssen Prostitution?
Ambivalentes Verhältnis zur Schauspieldirektorin
Das Stück drückt sich aus Anlass des Abgangs von Schauspieldirektorin Anna Bergmann nicht vor einem Kommentar zum Theaterbetrieb. Es ist mindestens ambivalent. In einem großartigen Gaga-Striptease-Solo twerkt Frida Österberg, die als Hybridfigur aus Schauspielerin und Opernsängerin ohnehin ein Solitär des Ensembles ist, wie für TikTok, während ihre Mitspieler das Mikrofon kreisen lassen. Was mit Liebeserklärungen beginnt, schlägt um in Trennungssätze ("Es liegt an mir, nicht an dir") und endet in Angriffen.
In bunt: Frida Österberg, André Wagner, Sts. Timo Tank, Jannik Görger, Antonia Mohr, Gunnar Schmidt, Heisam Abbas, Lucie Emons © Fabian Stransky
Die Regie lässt Stück und Atmosphäre so umschlagen, dass man zum Schluss das Gefühl hat, ein anderes Werk zu sehen. Es steht auf einmal die tragische Geschichte der Sängerin Dalida im Vordergrund. Gezeigt werden Interviewaufnahmen, die den Star bewusst an den Selbstmord ihres Geliebten erinnern sollten. Auf die Nahaufnahme der Tränen wird eine Szene geschnitten, in der Frida Österberg flüchtend durch den Raum rennt und von ihren Mitspielern zum Tanz gezwungen wird: Jeder will etwas haben vom Leid, das wie gemacht ist für die Bühne. Das Eintauchen in die Dalida-Historie harmoniert allerdings nicht mit dem Rest des Stücks.
Leichter Anfang, schwerer Schluss
Zumal zuvor mehr Raum für die Schauspieler blieb, aus dem Kollektiv mit einem Solo oder Duo herauszutreten – neben Frida Österberg bleiben etwa Claudia Hübschmann und Fabian Groß als (Gymnastikkommentatorin) Leni Riefenstahl und schmonziger Sidekick in Erinnerung. Oder Antonia Mohr, die in den zahlreichen Frage-und-Antwort-Spielen ("Welche Lügen hast du schon erzählt?") die mit Abstand lakonischsten Antworten gibt ("Es geht mir gut"). Diese Leichtigkeit geht im Auswalzen des Suizid-Themas am Schluss verloren. Trotzdem war es unterm Strich ein sehr unterhaltsamer Abend.
Kein Sportstück
Von Trio ACE
Regie: Alia Luque / Trio ACE, Bühne: Christoph Rufer / Trio ACE, Kostüme: Ellen Hofmann / Trio ACE, Dramaturgie: Anna Haas
Mit: Lucie Emons, Claudia Hübschmann, Antonia Mohr, Frida Österberg, Heisam Abbas, Jannik Görger, Fabian Groß, Gunnar Schmidt, Timo Tank, André Wagner.
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause
Premiere am 6. Juni 2024
https://www.staatstheater.karlsruhe.de
Kritikenrundschau
"Dieser Theaterabend zeigt, was Theater alles sein kann: Schauspiel, Performance, Gespräch, Show, Tanz", findet Marie-Dominique Wetzel im SWR (7.6.2024). "Mal leise, intim, nachdenklich. Mal laut, schrill, aggressiv, verstörend oder lustig." Spot bedeute Wettbewerb, deshalb träten die Schauspieler:innen auch immer wieder gegeneinander an.
"Aus der Spannung zwischen Banalem und Exitenziellem entsteht ein enormer Reiz, auch wenn 'Kein Sportstück' ein übergreifendes Konzept vermissen lässt", schreibt Sibylle Orgeldinger in den Badischen Neuesten Nachrichten (10.6.2024). Den Höhepunkt bilde ein Showtalk über Dalida.
"Was dem gut zweistündigen Abend, der durch lärmenden Leerlauf und peinliche Längen die Geduld der Zuschauer strapaziert, völlig fehlt, ist eine verbindende Idee, die dem trubulenten Geschehen eine dramaturgische Struktur hätte geben können – und müssen", so Rüdiger Krohn in der Rheinpfalz (10.6.2024). Nur selten werde in der Inszenierung eine darstellerische Persönlichkeit und Kompetenz sichtbar, etwa bei Heisam Abbas und Claudia Hübschmann.
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