Karussell des Irrsinns

22. März 2025. Als Babysitterinnen des mächtigsten Mannes der Welt zeigt Selina Fillinger in ihrer Broadway-Komödie die Frauen um den US-Präsidenten. Christian Weise begegnet der im Stück eingefangenen Realsatire mit einer aufgedrehten Inszenierung.

Von Björn Hayer

"Die Schattenpräsidentinnen" in der Regie von Christian Weise in Mannheim © Christian Kleiner

22. März 2025. Komiker haben es nicht leicht mit Donald Trump. Für sie dürfte er sich sogar als existenzgefährdend erweisen, da seine Realsatire noch deftiger ist als jeder Klamauk. Nur wie soll man dann so jemanden überhaupt noch karikieren können? Regisseur Christian Weise hat sich in seiner Inszenierung von Selina Fillingers Farce "Die Schattenpräsidentinnen" dazu entschieden, richtig aufzudrehen. Die Motti des Abends lauten: schrill und richtig laut muss es sein, wenn es darum geht, den inner circle des aktuellen US-Staatsoberhaupts, also das Weiße Haus zu beleuchten.

Dass dort unter einem Mann, der die Fake News geradezu erfunden hat, mehr Schein als Sein herrscht, zeigt sich von Beginn an in der Kulisse. Alles, wirklich alles ist aus zweidimensionaler Pappe, vom Kaffeebecher über die Toilette, in die nebenbei reichlich gekotzt wird, bis hin zu den neoklassizistischen Säulen des Regierungssitzes. Möbel sind aufgemalt, selbst die Kostüme der Darstellerinnen wirken, als wären sie einem Comic entsprungen. Eine Atmosphäre also, die sich im buchstäblichen Sinne als überzeichnet beschreiben lässt.

Epoche weiblicher Vergeltung

Wen überrascht's? Zumal die Story ebenso abstrus ist. Nachdem sich der übrigens den gesamten Abend nicht ein einziges Mal auftretende Präsident im Wort gegen Bahrain vergreift und zudem seine just in Washington mit Fußfessel angekommene, kriminelle Schwester begnadigen will, müssen es seine weiblichen Führungskräfte richten.

Bei der Stabschefin (Annemarie Brüntjen) und der Pressesprecherin (Shirin Ali) glühen die Drähte, derweil ist nun auch noch die junge Geliebte des Politikers aufgetaucht. Das Kind in ihrem Bauch ruft – man erwartet es schon – wenig Freude unter den gestressten Feuerlöscherinnen hervor. Vielmehr befinden sie sich anfangs noch in einem Zickenkrieg aller gegen alle, bis sie ein unvorhergesehenes Ereignis zusammenschweißt. Im Affekt erschlägt eine Journalistin (vermeintlich) den Präsidenten symbolisch mit einer Suffragetten-Büste, so dass sich die sieben Frauen nun einen Notfallplan zur Vertuschung von dessen Tod ausdenken müssen.

SchattenPraesidentinnen 2 CChristianKleiner uHinter jedem Präsidenten stehen 7 Frauen, die ihn am Leben halten: Almut Henkel, Annemarie Brüntjen, Camille Dombrowsky, Maria Munkert, Jessica Higgins, Shirin Ali, Rahel Weiss (von links) © Christian Kleiner

Zunächst waren sie Kollaborateurinnen des Patriarchats, haben es mit dem alltäglichen Kotau gestützt und sich sichtlich die Rhetorik Trumps antrainiert. "Fotze", "Titten", "Fuck", sämtliche vulgärsprachlichen Begriffe durchziehen die Gespräche. Es wird gebrüllt und gekeift, geschimpft und gegrölt. Der Abwertungsstil des gegenwärtigen Präsidenten, er scheint omnipräsent zu sein. Erst am Ende sind sich die Frauen des Weißen Hauses darüber im Klaren, dass nun eine weibliche Epoche beginnen sollte, eine der Vergeltung.

Mechanik der Machtzentrale

Den Weg zu dieser Emanzipation kann man nicht unbedingt als geradlinig bezeichnen. Im Gegenteil: Statt für irgendeine zeitliche Bewegung, sei sie nach vorne oder zurück, entscheidet sich die Regie für den Tritt auf der Stelle. Die Mechanik der Machtzentrale fußt auf dem Kreislauf des Immerselben, weswegen die von Annika Lu arrangierte Bühne aus einem Rondell besteht. Zu diskoartigem Licht und mit verzerrten Zitaten der Worst-of-Trump-Sprüche über die angeblich aufgegessenen Haustiere von Migranten oder die Anzettelung des Dritten Weltkriegs durch Selenskyj dreht sich das Weiße Haus mit seinen Büros und Galerien. Man wird eines Karussells gewahr, das vor allem eines widerspiegelt: den völligen Irrsinn eines Ideologieapparats und einer Nation, die genau diesen gewählt hat.

Daher darf es der Posse auch nicht an überbordendem Slapstick mangeln. Sei es die Sekretärin, die barbusig im Drogenrausch nicht mehr den Boden unter ihren Füßen erkennt und Zuschauer*innen Post-its auf die Stirn klebt oder sei es der Hund des Hauses, der walzerartige Intermezzi am Klavier spielt und vom Bühnenrand (tatsächlich zu sehen in Ganzkörperkostüm) das Geschehen bellend begleitet – Weise und sein Ensemble ziehen alle Register einer absurden Klamotte.

Im gleißenden Licht der Lächerlichkeit

Dass dieses Dauerfeuer an guten wie schlechten Witzen nicht die gesamte Strecke von fast zwei Stunden tragen kann, liegt auf der Hand. Und so tut sich Regie schwer damit, ausreichend Variation in den Witzezirkus zu bringen. Etwas mehr Kürzungen und Stimmungswechsel hätten gutgetan.

Aber konsequent und daher durchaus stimmig ist diese Interpretation des Stücks allemal. Schließlich gewährt auch Trump der Welt in ihrer Schockstarre keine Pause. "Hier sind alle anstrengend", sagt eine der Figuren einmal an diesem Abend. Ja, diese Diagnose trifft es gut. Gleichzeitig zeugt die Premiere von einer ungemeinen Leichtigkeit, die belegt: Wo Weinen und Verzweiflung nichts nutzen, kann nur noch Humor helfen. Die Weltgeschichte wirkt eben manchmal so viel klarer, wenn man sie im gleißenden Licht ihrer Lächerlichkeit betrachtet.

Die Schattenpräsidentinnen
von Selina Fillinger
Aus dem Englischen von Nico Rabenald
Regie: Christian Weise, Bühne & Kostüm: Annika Lu, LichtRobby Schumann, Musik: Falk Effenberger, Dramaturgie: Olivia Ebert.
Mit: Shirin Ali, Annemarie Brüntjen, Camille Dombrowsky, Almut Henkel, Jessica Higgins, Maria Munkert, Rahel Weiss, Falk Effenberger.
Premiere am 21. März 2025
Dauer: 1 Stunde 40 Stunden, keine Pause

www.nationaltheater-mannheim.de

Kritikenrundschau

Für Susanne Kaulich vom Mannheimer Morgen (22.3.2025) "zündet" diese "sprachlich derbe, bissig-überdrehte Komödie" in Mannheim. "Tempo- und pointenreich inszeniert im Stile einer Farce" sei dieser Abend, "mit immer schneller drehender Bühne, Türenschlagen, Simultanszenen, eingefrorener Schockstarre, mit  Missverständnissen, Wortspielen voll schlüpfriger Zweideutigkeiten, rasanter Verfolgungsjagd durch den Zuschauerraum, exaltierter Körpersprache, fetzigen Dialogen, Gesang und viel Gekreische."

Offen bleibe in Fillingers Stück, ob es "wirklich freundlicher, solidarischer und demokratischer zugeht, sobald" Frauen "an den Hebeln der Macht sitzen", schreibt Nicole Sperk in der Rheinpfalz (24.3.2025). Aber für "derlei Gedanken lässt Christian Weises Inszenierung sowieso kaum Raum. Zu laut, zu schrill, zu gaga ist alles von der ersten Sekunde an, in der alle auf der Drehbühne des Alten Kinos Franklin eine wilde Karussellfahrt unternehmen. Die Figuren wirken zweidimensional und wie mit dem Bühnenbild verwachsen (Bühne und Kostüme: Annika Lu), ihr Benehmen ist vulgär, obszön und wahnwitzig. Wenn auch all der Irrsinn, und das ist das Tragische an dieser Komödie, nie so irrsinnig ist wie die Realität."

Im SWR-Fernsehen (24.3.2025) sehen Sie einen Filmbericht zur Inszenierung von Frank Rother mit Auftritt von Ausstatterin Annika Lu.

Heribert Vogt von der Rhein-Neckar-Zeitung (25.3.2025) kann dem "hochwogenden Trouble" rund um das "Turbo-Narrenstück" etwas abgewinnen. Harmlos als Kinderkarussell beginnen, steigere sich die Inszenierung zu einer "wilden Achterbahnfahrt am Rande des Wahnsinns", so Vogt. "Während des ganzen derb sexuell durchmischten Wirrwarrs jagt ein Erregungshöhepunkt den nächsten", die Schauspieler lieferten "super Leistungen".

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