Mannheimer Räuber*innen - Nationaltheater Mannheim
Der Rebell im Abseits
21. Juni 2025. Revoluzzerpathos, Freiheitswille, verkrachte Bruderschaft: Um diese Motivlage dreht sich Friedrich Schillers Jugendwerk "Die Räuber". Leo Lorena Wyss wagt nun im Rahmen der Schillertage zusammen mit der Regisseurin Beata Anna Schmutz und dem Stadtensemble ein Update. Und das führt, ganz real, in den Wald.
Von Steffen Becker
"Mannheimer Räuber*innen" von Leo Lorena Wyss und dem Stadtemseble in Mannheim © Natalie Grebe
21. Juni 2025. "Anfrage an ChatGPT: Fasse mir 'Die Räuber' von Friedrich Schiller in sechs Worten zusammen!" Antwort: "Freiheit, Heimat, Liebe, Schuld, Brüderschaft und Verrat." Im Käfertaler Wald bei Mannheim würgen die Mitglieder des Stadtensembles die Worte unwillig hervor. Das Stadtensemble konstituiert sich aus Mannheimer Bürger*innen. Und mit der neuen Hausautorin des Nationaltheaters, Leo Lorena Wyss – quasi einer Nachfolgerin Schillers –, haben sie sich entschlossen, mit den Räuber*innen einen Exorzismus vorzunehmen. Zunutze macht sich das Ensemble dabei den Umstand, dass sich für Institutionen wie das Stadtensemble fast immer mehr Frauen als Männer interessieren. So auch in Mannheim. Und gegen die weibliche Übermacht hat der eine Mann des Abends – nämlich Karl – keine Chance.
Verblendeter Marodeur
Bevor seine Geschichte überhaupt anfängt, wird er erst einmal herumgestoßen – auf einer Lichtung mit Bäumen, die im Christo-Style rot eingewickelt sind. Es wird blutig, ganz wie im Original, scheint das zu suggerieren. Aber die Räuber*innen sind ja eine Fort- und keine Überschreibung. Und so befreien sich die Frauen aus den (roten) Knäueln, mit denen sie anfangs an die Bäume gekettet sind. Karl hingegen bekommt eine Art Kafka-Motiv aufgedrückt. Wir sind ja schließlich in der Botanik, und der Grund, warum er auszieht in den Schiller'schen Räuberwald, ist im Mannheimer Wald ein Pilz, der von der Decke wächst, ihn überwuchert und schließlich übernimmt. Okay, verstanden. Autorin Leo Lorena Wyss, Regisseurin Beate Anna Schmutz und das 12-köpfige Ensemble finden Karl Moor aus heutiger Sicht nicht so dufte: Kein tragischer Freiheitsheld, sondern ein von überkommenen Männlichkeitsidealen verblendeter Marodeur.
Schwesterliches Bingewatching
Aber worin könnten sich die vielfältigen Menschen der Stadt heute wiederkennen, wenn sie an den deutschen Nationaldichter und sein bahnbrechendes Erstlingswerk denken? Autorin und Regisseurin verweben dazu Motive aus den "Räubern" mit Familiengeschichten des Ensembles. Als da wäre: 2. Akt, 3. Szene, Moors Räuberbande überfällt ein Nonnenkloster. Großer Spaß für sie. In den "Räuber*innen" fungiert nun ein Kleid als roter Faden, das von der Oma an die Enkelin vererbt werden soll. Gemeinsam schauen sie immer wieder den Film "Sister Act". Oma ist großer Fan. Als junge Sudeten-Vertriebene hatte sie Zuflucht in einem Kloster gesucht, wurde aber vom Priester vergewaltigt. Das Ensemble singt zum Schluss die Variation der Filmmusik "I will follow her" (statt him).
Pikse ins Klassiker-Pathos: Spieler*innen des Stadtensembles bei der Schiller-Vergegenwärtigung © Natalie Grebe
Überhaupt ist der Text der Räuber*innen gespickt mit Piksen in das über 240 Jahre angesammelte Klassiker-Pathos. Das Motiv der edlen Jagd wird auseinandergenommen: Karl schreit wütend vom Hochsitz nach Tieren für "seinen" Wald. Tatsächlich wurde der reale Mannheimer Wald einst für Hofjagden genutzt, bei denen extra gezüchtete Tiere vor die Flinten der Gesellschaft getrieben wurden. Ein Gehege für Damwild gibt es um die Ecke heute noch – ein paar Kontinuitäten seit Schillers Tagen müssen also auch die Räuber*innen anerkennen.
Selbst erzählen!
Aber wer ist heute dran, die Rolle Karls einzunehmen? Das bleibt im Mix der rasend aneinandergereihten Szenen und ihrer versplittert aufgeteilten Sprechrollen mit abgebrochenen Halbsätzen und Wiederholungen lange wenig greifbar. Das Ensemble lichtet den Nebel mit einer Art Schlussappell ans Publikum: Es fordert es auf, selbst zu erzählen – von Geschichten der Benachteiligung, Zurücksetzung und dem Widerstand dagegen, die ja auch die Tragödie Schillers vorantreiben. In der Demografie des heutigen Mannheims muss man den Kampf gegen Ausgrenzung und doppelte Maßstäbe vor allem migrantisch lesen. Der Abend thematisiert das, das Stadtensemble repräsentiert es. Aber ob man dafür die Rebellenfigur Karl nicht etwas voreilig ins totale Abseits gestellt hat – das wäre dann die Frage des Abends.
Mannheimer Räuber*innen
von Leo Lorena Wyss und dem Mannheimer Stadtensemble
Regie: Beata Anna Schmutz, Bühne und Kostüme: Susanne Hiller, Sounddesign: Friedrich Byusa Blam, Dramaturgie: Annabelle Leschke, Organisation: Lukas Renner, Inhaltliche Mitarbeit und Recherche: Zita Hoefer.
Mit: Yasmin Ahmed, Anna Bergler, Emelie Sangwa Blam, Julia Bulkescher, Sari Dorian, Kateryna Mariash, Esther Megbel, Edona Imeri Meta, Aydan Mugan, Fatih Peker, Marfa Vutianova. Kindersprechchor: Ben Fleischmann/Tamino Manske/Emma Metz/Sofiia Rudnitska.
Uraufführung
Premiere am 20. Juni 2025
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
www.nationaltheater-mannheim.de
Kritikenrundschau
"Der Text nimmt in rhythmischer, kraftvoller Sprache zahlreiche Bezüge auf das Original, bürstet dieses aber durch den radikalen Wechsel von der männlich-weißen hin zu feministischen, queeren und migrantischen Perspektiven kräftig gegen den Strich", so Ute Maag im Mannheimer Morgen (23.6.2025). Der Kritiker hadert allerdings mit der Frage, ob Schillers Themen nicht in Wahrheit "ziemlich deckungsgleich
die Themen" seien, "die die Mannheimer Räuber*innen in den von ihnen geforderten Geschichten verhandelt wissen wollen". Womöglich seien diese also gar nicht so sehr "aus der Zeit gefallen", wie der Abend mitunter vorgebe, so Langhals.
"Das 15-köpfige Stadtensemble kreucht durch die Botanik, klettert auf einen Hochsitz, kreischt in Ekstase, schmettert voll tänzerischer Inbrunst den Song 'I will follow her' oder raunt von mythischen und ganz realen Gefahren", notiert Volker Oesterreich in der Rhein-Neckar Zeitung (23.6.2025): "Alle Beteiligten haben sichtlich ihren Spaß dabei. Der Spaßfaktor der Zuschauer dürfte angesichts der wenig entflammten Gesichtszüge im Halbkreis gegenüber deutlich geringer gewesen sein."
"Beata Anna Schmutz’Inszenierung erweist sich zwar als mutig, fällt aber recht mager aus, dreht sich an diesem Abend inhaltlich doch vieles im Kreis", schreibt Björn Hayer in der taz (30.6.2025). "Autonomie und Opfertum liegen hier eng beieinander."
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Gelungener Abend aus meiner Sicht! Und übrigens (@Kritiker) auch Stadtensemble-Spieler*innen haben Namen.