Die unheimlichen Fantasien des C. J. S.

4. Mai 2025. C und S können seit Wochen nicht schlafen – ständig streiten die Nachbarn. Also setzen sie einen Roman von C's Nachttisch in die Tat um und erstellen gemeinsam mit Freund Manfred einen Shop im Darknet. Im dritten Stuttgarter Auftragswerk von Clemens J. Setz entwickelt sich ein literaturtheoretischer Spaß zum Horrortrip.

Von Thomas Rothschild

"Die Erfindung" von Clemens J. Setz am Schauspiel Stuttgart © Björn Klein

4. Mai 2025. Clemens J. Setz hat sich mit seinen ersten Büchern in Windeseile einen Namen als Romancier gemacht und zählt mittlerweile zu den bedeutendsten deutschsprachigen Autoren seiner Generation. Inzwischen hat er sich auch als Dramatiker profiliert. "Die Erfindung" ist eine Auftragsarbeit des Schauspiels Stuttgart, das bereits zwei vorausgegangene personenreiche Stücke von Setz in Auftrag gegeben und uraufgeführt hat. (Ab wann spricht man eigentlich von einem Hausautor?) Diesmal kommt er mit drei Darstellern aus. Doch was wie ein Kammerspiel beginnt, wie ein eher banaler Dialog vor dem unsichtbaren Hintergrund eines Streits im imaginären oberen Stockwerk, entwickelt sich zu einer Horrorfantasie von Poe'schem Ausmaß.

"Wem fällt sowas ein?"

Es gibt einen wenig bekannten Film von Orson Welles, "The Immortal Story", in der ein alter Mann, gespielt von Orson Welles selbst, eine überlieferte Legende in die "Wirklichkeit" umsetzt. Genau dieser Grundeinfall liegt auch der "Erfindung" zugrunde.

Was passiert, wenn die verrückten Ideen eines Romans in die Wirklichkeit eindringen? Der Witz besteht darin, dass ja auch die "Wirklichkeit" der Story Fiktion ist, eine "Erfindung": Wir erfahren von ihr aus einem Theaterstück, aus Literatur also. "Um Gottes willen. Wem fällt sowas ein?", fragt S. Genau das kann und soll der Zuschauer im Theater mit Blick auf den Autor Clemens J. Setz fragen. Und zielt damit ins Zentrum des Wesens von Literatur und auf eine naive Rezeption, die Künste mit den Maßstäben der Erfahrungswirklichkeit beurteilt. Dass das unzulässig ist, lernt man bereits im Deutschunterricht, aber es scheint, nimmt man Kommentare und Leserbriefe zur Kenntnis, eher zu- als abzunehmen. Apropos: in seinem Stück parodiert Setz solche Zuschriften. Und kommt der Wirklichkeit sehr nahe.

Literaturhistorisches im Zeitalter von KI

Warum das Paar im Zentrum lakonisch C und S heißt, sein gemeinsamer Freund, ein Computerspezialist, hingegen einen Namen, Manfred, trägt, bleibt ebenso verborgen wie der Grund dafür, dass der Roman "Wormed" ein österreichischer ist. Unter den "Werken, aus denen man Deutsch lernen kann", nennt Clemens J. Setz in seinem Interviewbuch "Bot" unter anderem den Österreicher H. C. Artmann. Als Antwort auf die Ausgangsfrage reicht das nicht.

die Erfindung3 Bjoern KleinDie Drei vom kleinen Onlineshop des Horrors: Michael Stiller, Marco Massafra und Katharina Hauter © Björn Klein

Was in dem Roman geschieht und was C, S und Manfred als Onlineshop im Darknet in die Tat umsetzen – Glieder lösen sich wurmartig von menschlichen Körpern und führen, kommerziell ausgewertet, ein Eigenleben –, ist, dem englischen Titel zum Trotz, ein Erbe der deutschen Romantik (man denke etwa an den "Sandmann" von E. T. A. Hoffmann). Wie der Roman wahrgenommen wird, wie er in einer Gegenwart der Künstlichen Intelligenz – nun ja, ein Eigenleben eben entwickelt, entspricht den Umständen des Computerzeitalters. Zum Computer, zur Kybernetik hat Setz in seinen Werken eine auffällige Affinität, die selbst für einen Schriftsteller seiner Generation nicht alltäglich ist. Sein Inventar ist zeitgenössisch, was er damit macht, ist fantasievoll und voll von Bezügen zur Literaturgeschichte. Diese Symbiose geht bis in die Sprache hinein, etwa wenn das Wort "nazi" als Adverb benützt wird oder ein Satz denglisch klingt ("ah, ich glaube, das ist schon so bisschen ein giveaway, dass es fake ist, oder?").

Famoses Trio Infernal

Wer sich von einem Theaterstück Action erhofft, wird enttäuscht sein. "Die Erfindung" beruht allein auf Dialog. Am nächsten kommt sie einer "Handlung" im Sinne von Bewegung im Streit jener Familie im oberen Stockwerk, über die gesprochen wird, die man aber auf der Bühne nie sieht ("Stell dir vor, hier bei uns würden auch Kinder durchlaufen"). Dennoch: Katharina Hauter, Marco Massafra und Michael Stiller mit Langhaarperücke, urkomisch in der kleinsten Rolle des Stücks, geben in der Regie von Lukas Holzhausen ein famoses Trio Infernal ab.

die Erfindung1 Bjoern KleinIm Interieur von Bühnenbildnerin Jane Zandonai: Katharina Hauter und Marca Massafra © Björn Klein

Für die Abwesenheit an Aktion entschädigt auch das originelle Bühnenbild von Jane Zandonai, dem man anmerkt, dass die aus Australien stammende Künstlerin Innenarchitektur studiert hat, ehe sie zum Theater wechselte. Die Rückwand eines modernen Schlafzimmers erinnert an eine surrealistische Malerei, zugleich an ein Badezimmer, ein Aquarium und einen Fernsehschirm, davor ist, symmetrisch, ein Teppichboden drapiert.

Subtile Feixerei

Clemens J. Setz ist nicht der Mann für moralisierende Plädoyers. Vielmehr spielt er, wie schon, weniger radikal, im "Triumph der Waldrebe in Europa", mit den Elementen von Trash und überlässt es dem Publikum, sich darüber zu amüsieren oder angeekelt abzuwenden. Seine "Erfindung" lässt sich als Kritik an einer aus den Fugen geratenen Zivilisation lesen – manche mögen es Mangel an Geschmack nennen, andere einen aufklärerischen Tabubruch. Es ist gerade diese Ambivalenz, die dem Stück eine theatrale Wirkung verschafft. Zumal in einer Zeit, in der zunehmend nach Eindeutigkeit gefahndet, Mehrdeutigkeit verteufelt wird. Mit den "Abweichungen" von 2018 teilt "Die Erfindung" die kleinen Entfernungen von der Realität und den subtilen Umgang mit Komik und Feixerei. An einer Stelle wird Erich Kästner zitiert: "Es gibt nichts Gutes, außer: Man tut es." Ist das ernst gemeint oder eine ironische Pointe?

Kein Zweifel: Clemens J. Setz gehört zu den eigenwilligsten Dramatikern unserer Tage. Er hat eine unverwechselbare Handschrift, abseits von einem altbackenen Naturalismus ebenso wie von der Ästhetik der Performance. Wir dürfen neugierig sein, womit das Stuttgarter Theater ihn demnächst beauftragt.

Die Erfindung
von Clemens J. Setz
Uraufführung
Inszenierung: Lukas Holzhausen, Bühne: Jane Zandonai, Kostüme: Annabelle Gotha, Musik: Robert Pawliczek, Licht: David Sazinger, Dramaturgie: Katja Prussas
Mit: Katharina Hauter, Marco Massafra, Michael Stiller.
Premiere am 3. Mai 2025
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de

Kritikenrundschau

"Was Theater heute sich oft nur mit der Aufführung von Shakespeare-Dramen trauen, die Unwirklichkeit der Wirklichkeit thematisieren nämlich, das erlaubt sich das Schauspiel Stuttgart schönerweise mit dieser Uraufführung", schreibt Nicole Golombek in der Stuttgarter Zeitung (5.5.2025). "Selten genug sind derlei kluge Komödien unter Uraufführungstexten zu finden." Die Handlungsarmut des Stück gleiche die Regie mit Slapstick aus, setze aber spätestens im Finale auch deutlich auf die Funktionsweisen der Poesie und dunklen Humor, so Golombek. Alle drei Spieler*innen setzten das absurde Spiel wunderbar um. 

"'Die Erfindung' bewegt sich im empfindlichen Bezirk von Lust, Perversion, misogyner Gewaltfantasie, hedonistischer Selbstzufriedenheit und jener an sich nicht so schlimmen und unterm Strich wohl häufiger auftretenden Verblödung zu zweit. Und bezieht ein, dass all diese zunächst privaten Dinge durch das Internet in ein ungewisses Draußen dringen wollen und können", schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (5.5.2025). Regisseur Lukas Holzhausen sorge in seiner Uraufführungsinszenierung dafür, "dass der Dialogwitz wie im schönsten Konversationsstück strahlt, zugleich aber die Schräglage der Situation ins Bild gesetzt wird". "Katharina Hauter als S und Marco Massafra als C alias Clemens J. Setz sind ein fabelhaft naturalistisches Paar, man muss nicht mal selbst ein Paar sein, um sich hier sofort wiederzuerkennen."

"Makaber und nachdenkenswert. Cool inszeniert. Gut gespielt", macht Otto Paul Burkhardt im Schwäbischen Tagblatt (5.5.2025) kurzen Prozess.

 

Kommentare  
Die Erfindung, Stuttgart: Geil gespielt
Setz hat ein neues Genre fürs Theater erfunden. Die Horror-Komödie!
Das war ein toller verrückter Abend gestern in Stuttgart. Und sehr geil gespielt.
Die Erfindung, Stuttgart: Die Erfindung der Realität
»Fake News entwickeln ihre eigene Realität“« mit diesem Satz könnte man das Theaterstück »Die Erfindung« von Clemens J. Seitz zusammenfassen - und zwar auch dann, wenn man vom Fake-Charakter der Nachricht weiß, oder ihn zumindest ahnt.

Dazu passt auch eine Nachricht, die heute morgen in der Zeitung zu lesen war, dass auf Tiktock Ki-generierte Videobotschaften des neuen Papstes, millionenfach mehr aufgerufen werden als die Originalbotschaften.

Im Stück von Clemens J. Seitz - gestern Abend im Kammertheater Stuttgart - setzt ein vom Lärm ihrer Nachbarn gestresstes Ehepaar, selbst gedrehte Videos ins Darknet, in dem verstümmelte Menschen zum Kauf angeboten werden. Aus dem "Scherz" wird schnell Realität in Form von verstörenden Reaktionen der Nutzer, die das Ehepaar an die Grenzen ihres Binnenverhältnisses bringt und zwar in mehrfachem Sinn. Zum einen sind sie fassungslos über die schamlosen Angebote der Nutzer, sind sich aber gleichzeitig unklar darüber, ob diese Angebote nicht ihrerseits Fakes sind und beschuldigen sich darüberhinaus auch gegenseitig der heimlichen Urheberschaft einzelner User-Reaktionen. Letztendlich zerstören sie damit ihre eigene Vertrauensbasis. Versuche, das Geschehen rückgängig zu machen, indem man die Literarische Vorlage der Fake Videos im Müllsack zu entsorgen versucht scheitern natürlich, weil alles was einmal im Umlauf ist, dort auch bleibt.
Katharina Hauter und Marco Massafra stellen das Ehepaar erstaunlich überzeugend, lebensecht und normal dar, so dass man nicht das Gefühl hat einer ausgedachten Geschichte beizuwohnen, sozusagen Fake im besten Sinne - womit sich der Kreis schließt.
Kommentar schreiben