Ohne Zugabe

12. Mai 2024. Die Erde ist kaputt und schlägt zurück – und die Sonne macht mit bei dieser Suada der Natur an die Menschheit, die Elfriede Jelinek in ihrem 2022 uraufgeführten und seitdem vielgespielten Klimakrisenstück imaginiert. FX Mayr vertraut auf die Kraft der Jelinek'schen Poesie und gibt eindrückliche Bilder dazu.

Von Verena Großkreutz

"Sonne / Luft" am Schauspiel Stuttgart © Björn Klein

12. Mai 2024. Böse, sehr böse ist diese Jelinek-Sonne. Katharina Hauter spielt sie trefflich: mit der Gleichgültigkeit und Überheblichkeit der Übermächtigen, erhaben und zynisch. Beobachtet die Menschen von oben, als seien’s widerliche Insekten. "Ich bin die Freundin jeder Stadt und jeden Landes. Bis ich kurzen Prozeß mit ihnen mache. Mich kostet das gar nichts." Prophezeit verdurstete Rinder, kochende Wälder, vor Schweiß dampfende Natur und "die verrußten Reste Ihres Häuschens klein für Hänschen klein". Hauter steckt in einem königlichen Kostüm: in gelborangen, grellsonnigen Farben, aber im ausladenden Reifrock-Outfit und auch sonst in Details an die absolutistische britische Herrscherin Elisabeth I. erinnernd. "Diese Erde haben Sie selbst pulverisiert, und sogar das Pulver ist giftig. Sie müssen also Krankheit ertragen und Not." 

Die Natur schimpft zurück

Elfriede Jelineks Doppeltext "Sonne/Luft" – in seiner ersten Fassung Ende 2022 uraufgeführt – wird zurzeit an deutschen Theatern rauf und runter gespielt. Thematisch kein Wunder. Klimawandel, Kipppunkte, Klimakettenreaktionen, Katastrophen – das Szenario, das uns schon in Kürze bevorsteht, sollte sich nicht grundlegend etwas ändern am Verhalten der Menschen, ist apokalyptisch. Und Jelinek greift dieses Szenario in "Sonne/Luft" sprachgewaltig auf, macht uns aber natürlich keine Hoffnung. "Sonne/Luft" ist vielmehr eine Publikumsbeschimpfung von Seiten der Natur. 

Katharina Hauter als Sonne in FX Mayrs Inszenierung in Stuttgart © Björn Klein

FX Mayr hat das Stück für seine Inszenierung in den Kammerspielen des Schauspiel Stuttgart um mehr als ein Drittel gekürzt und den Text auf fünf Spieler:innen verteilt. Samt einer guten Idee: Er lässt die beiden Textflächen nicht nacheinander spielen, sondern implantierte den genialen Sonnenmonolog stückweise in den zweiten Teil, in "Luft" – woraus sich eine ganz eigene Dynamik entwickelt und die Texte untereinander reagieren können. Mit der Hauter-Sonne lassen sich immer wieder spektakuläre Auftritte in Szene setzen (in denen auch eine riesige, goldglänzende Scheibe eine Rolle spielt).

Und schließlich endet der Abend mit dem schön kalauernden Schluss des Sonnenmonologs: "Aufgehen und dann verschwinden. Ja, das mache ich am liebsten. Das muß ich zugeben. Aber eine Zugabe gibts trotzdem nicht. Geben Sie's zu, Sie wollen auch keine. Denn wenn man am Saum was zugibt, wird Ihnen das Leben wahrscheinlich zu lang werden." Das passt. Und der Viererchor – nun zur Kuschelsäule vereint – singt in säuselnder Dauerschleife: "Machen Sie sich keine Sorgen!" 

Sprachsog und spektakuläre Kostüme

Gespielt wird auf offener, recht kahler Bühne, die Rückwand wechselt farblich die Hitzegrade. Das Surrounding, in dem Mayr den Text verortet, wirkt dystopisch. Eine Welt merkwürdiger Wesen: mystisch, menschlich, göttlich zugleich. Sie sprechen oft in seltsam verdrehter Körperhaltung. Und in Sachen ihrer Kostüme hat sich Ausstatter Korbinian Schmidt ganz schön ins Zeug gelegt. Sie stecken in Mixturen aus barocken Elementen, Modedetails der letzten 50 Jahre und Futuristischem: in aufgeblasenen, lackglänzenden Bomberjacken mit neonfarbenen Schulterpolstern oder in spitzen Schuhen, engen Trikots und Halskrause, tragen weiße verformte Mitra-Kronen auf dem Kopf, später spacige Haartollen. Eine ist geschminkt, als käme sie gerade von Mexikos Tag der Toten. Ein sechsbeiniges Pferd und eine vier Quadratmeter große Blumenwiese, die zu Grabe getragen wird, sind auch mit dabei. Außerdem ein rhythmisch-rituelles Konzert auf drei buntfarbigen Drehleiern. Überhaupt gibt es viele chorische Gesangseinlagen: vom "Ding daga ding daga ding daga ding" bis zum "Huldjoe djoe djoeho huldjoe", verbunden stets mit skurrilen Gruppentänzchen. 

Alles schlimm, aber nicht sooo schlimm!

Aber das alles sind sehr sachte, sehr fein eingesetzte Unterhaltungselemente. Im Mittelpunkt steht stets Jelineks virtuos komponierter Text: assoziativ und gespickt mit Sprachwitz von Pointe zu Pointe suadierend. Die Fünf performen ihre Monologe und die riesigen Textmengen durchweg formidabel: sehr genau getimt, abwechslungsreich, plastisch, musikalisch, lebendig, mit suggestiver Kraft. Es entsteht ein Sprachsog, der einen über 90 Minuten in Bann hält. Das liegt auch am Wechsel der Haltungen, aus denen heraus der Text jeweils gestaltet wird: ob argumentativ (Tim Bülow), ironisch-spöttisch (Sebastian Röhrle), informativ (Silvia Schwinger). Oder gar in Heidi-Klum-Überdrehtheit (Camille Dombrowsky), nach dem Motto: Ist alles schlimm, aber nicht soooo schlimm. Und "hoppihoppi", kommen die anderen angetänzelt.

Sonne Luft 1 Bjoern KleinDiese Menschen, was für komische Wesen! Camille Dombrowsky, dahinter: Katharina Hauter, Silvia Schwinger, Tim Bülow, Sebastian Röhrle © Björn Klein

Dem Jelinek’schen Sprachwitz ist man nicht auf den Leim gegangen, hat es unterlassen, das Ganze darstellerisch zu comedisieren und damit zu verharmlosen. Der Text in seiner poetischen Kraft wirkt auf diese Weise unmittelbar, wühlt auf und beunruhigt. Großartig.

Sonne/Luft
von Elfriede Jelinek
Regie: FX Mayr, Bühne und Kostüme: Korbinian Schmidt, Musik: Matija Schellander, Licht: David Sazinger, Dramaturgie: Ingoh Brux, Lennart Göbel.
Mit: Tim Bülow, Camille Dombrowsky, Katharina Hauter, Sebastian Röhrle, Silvia Schwinger.
Premiere am 11. Mai 2024
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de

Kritikenrundschau

"Das fünfköpfige Team, darunter Sebastian Röhrle und Silvia Schwinger, ist stark und präzise", schreibt Adrienne Braun in der Stuttgarter Zeitung (12.5.2024). Regisseur FX Mayr versteht es aus ihrer Sicht, "die mäandernden Gedanken Jelineks luzide zu vermitteln, was die spielerische Versiertheit und die Wirkkraft der Bilder keineswegs mindert." Grandios findet die Kritikerin, wie Jelinek die vielfältigen Eigenschaften von Luft zusammentrage "und ihr als Hauptfigur den Respekt gewährt, den der Mensch ihr nicht zollt."

"Das Vierer-Ensemble textet in Mayrs Regie das Publikum nahezu atemlos zu. Ein Wortschwall zwischen Klimawandel und Migration, Forschung und antikem Horror, Poesie und Kalauer, Apoka- lypse und Posthumanismus", schreibt Otto Paul Burkhardt von der Südwest Presse (14.5.2024). "Kurz, ein fast schon melancholischer Text. Tolles Theater, furios gespielt, mit Fantasie und Elan inszeniert."

Kommentare  
Sonne/Luft, Stuttgart: Gravitas ohne Schwere
Mayrs Inszenierung vertraut dem Jelinekschen Text, der ebenso anspielungsreich wie virtuos viele Register zieht. Bezüge zu Medienereignissen und Philosophie, zu Versatzstücken griechischer wie christlicher Mythologie, von Alltagsphrasen und Leer-/Beschwörungsformeln bis zu Richard Wagner und Herta Müller - alles spielerisch ineinander verwoben und doch auf anderer Ebene fundamental kulturkritisch.
Die bitterböse Suada hat Gravitas ohne Schwere. Die oft als kalauerhaft abqualifizierten Wortspiele durchwirken diese Textur und stellen Assoziationsgeflechte bereit, durch die sich das Ganze weiter verdichtet. Derridas Wirken der Spur am Werk. Großmetaphern werden durchdekliniert und durcheinandergewirbelt wie ein Mahlstrom. Es geht gerade nicht darum, etwas im Wortsinne fest-zu-stellen, sondern darum, es immer weiter zu treiben. Auch diese Qualität Jelinekscher Texte setzt das Ensemble durch die Variationsbreite der Vorträge gekonnt um.
Die karnevaleske Kostümierung - eine Anspielung auf Bachtins Konzept der Karnevalisierung? - reicht bis ins Popkulturelle (z. B. die Freddy-Krueger-haften, aber abgeschlafften Fingerprothesen). Requisite und schauspielerische Darstellung verschränken sich, der hintere Teil des Sonnenwagens von Trundholm im Bühnenhintergrund, das davon abgekoppelte Pferd verkörpert von drei Schauspieler*innen, darauf der reitende Tod.
Nachgesehen sei, dass sich manche Assoziationsketten im Dunkel der ebenfalls thematisierten Nacht verlieren und der Text es mit den physikalischen Gegebenheiten nicht so genau nimmt.
Die Schauspieler*innen bewältigen Jelineks Textmoränen mit Bravour und verheddern sich in ihren mitunter sprachlich repetitiven Deklamationen nur selten. Der zweimalige Ruf nach dem Souffleur wäre auch als bewusster V-Effekt motivierbar.
Dem Stück, das ins Uferlose hineinwabert, obwohl es dezidiert einen defätistischen inhaltlichen Endpunkt setzt, sind viele Zuschauer zu wünschen. Man kann es sich auch gut noch ein zweites Mal anschauen, ohne sich zu langweilen. Es hallt noch lange nach. Es versetzt in Schwingung, ohne mit-, sondern höchstens niederzureißen. Ein Abgesang auf die Menschheit, den sie sich redlich verdient hat.

PS: Man kennt personifizierte, sich artikulierende Elemente auch aus dem Kinderbuch. Dieses Stilmittel ist womöglich ein Trick der Autorin, die infantilisierte Gesellschaft überhaupt noch zu erreichen. Camus schrieb: "Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen." Verstummen wäre Resignation. Oder aber Jelineks Text ist ein Aufbäumen mit dem Ziel, ein letztes Mal recht zu behalten.
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