Aroma der Anarchie

11. Juli 2025. Nach seiner Zeit als Leiter des Augsburger Brechtfestivals tritt Julian Warner wieder als Solo-Künstler auf. Und propagiert seine Kunst, im Anschluss an den postkolonialen Vordenker Frantz Fanon, als Waffe. Trifft er die bürgerliche Gesellschaft, auf die er zielt? 

Von Verena Großkreutz

"Der Soldat" von und mit Julian Warner © Julie Folly

11. Juli 2025. Ein Wort, das aufhorchen lässt: "Ent-Entfremdung". Zu hören ist es in Julian Warners neuer Performance "Der Soldat", einer Reflexion über den Zustand unserer Welt, die seit der Kolonialzeit in zwei Teile zerbrochen ist. Warner, umtriebiger Kulturanthropologe, Musiker, Kurator mehrerer Festivals und bis vor kurzem auch Leiter des Augsburger Brechtfestivals, lässt in seine Theaterarbeit immer auch seine Erkenntnisse in Sachen Black European Studies und Rassismusforschung einfließen. So auch jetzt wieder.

"Der Soldat" ist ein Hommage an den genialen, jung verstorbenen Frantz Fanon, dessen Schrift "Die Verdammten dieser Erde" zum Klassiker des Postkolonialismus avancierte und zuweilen als "Das kommunistische Manifest der antikolonialen Revolution" bezeichnet wird. Fanon wurde zur zentralen Gestalt der afrikanischen Unabhängigkeitsbewegung.

Entfremdung durch koloniale Gewalt

Fanon war ein Mann mit vielen Leben und Begabungen: 1925 auf der Karibikinsel Martinique geboren, meldete er sich 1944 freiwillig zur französischen Armee, um gegen Nazideutschland zu kämpfen, studierte später Medizin und Philosophie in Frankreich, gründete eine Psychiatrie im algerischen Blida und reiste als Sprecher der algerischen Befreiungsbewegung durch Afrika, bevor er 1961 an den Folgen einer Leukämieerkrankung starb.

Im Mittelpunkt der Warner’schen Performance: Fanons Arbeit als Psychiater, seine Erkenntnisse über die Entmenschlichung und Entfremdung, die durch koloniale Unterdrückung und Gewalt entstehen und die Heilung durch Ent-Entfremdung: durch die Entkolonialisierung als Weg, die Entfremdung zu überwinden und zu einer neuen, freien Identität zu gelangen. Eine weibliche, französisch sprechende Stimme liefert aus dem Off die entsprechenden Fakten der Vita Fanons, die in Warners eigene Reflexionen über die Gegenwart eingeflochten werden.

Stadtgesellschaft als Besatzungsmacht

Links performt Warner am Mikro, skandiert Texte, spielt einfache Melodien auf einem Akkordeon oder singbrüllt hüpfend "uuuu-uuuu-uuuu", was schnell zu nerven beginnt. Rechts legt sich das Notwist-Mitglied Markus Acher am Schlagwerk ins Zeug. In der Mitte hängt eine weiße Plane, auf die Fotos (vor allem von Frantz Fanon) und mehrsprachige Übertitel projiziert werden.

Soldat1 Julie FollyUuuund am Akkordeon: Julian Warner © Julie Folly

Warner beginnt seinen (eigentlich nicht abendfüllenden) Auftritt selbstreflektierend über seine Rolle im Kulturleben Deutschlands – als schwarzer Kulturschaffender: "Ich war mal Künstler." Damit sei jetzt Schluss. "Ich bin Soldat." Theater sei Krieg, "Kulturkrieg, jeder gegen jeden." Warner im Flow: Krieg setze sich im Körper fest. "Krieg klebt an der Haut wie Scheiße." Der Marsch von Soldaten wird durch unbarmherzige Schlagzeughammerschläge und Warners "Boots, up and down"-Skandieren plastisch hörbar gemacht.

Die Stadtgesellschaft kommt bei Warner nicht gut weg: Eine "Besatzungsmacht", die die Vielfalt ihrer Stadt nicht anerkenne, bestimme über eine zersplitterte Gesellschaft – oder so ähnlich. Deren Entfremdung zu heilen, denkt er vielleicht, sei die Aufgabe von Künstlern wie ihm – in toxischer Umgebung.

Gegen wen richtet sich der Künstler seine Waffe?

Kunst statt Wiedergutmachung? Warner spielt ironisch an auf "Mittelreich", eine Produktion der Münchner Kammerspiele, an der er selbst als Dramaturg beteiligt war: Jene Kopie der Inszenierung von Anna-Sophie Mahler, die Anta Helena Recke auf die Bühne brachte, indem sie sie mit einem schwarzen Cast neu besetzte. Und damit zum Theatertreffen eingeladen wurde.

Soldat2 Julie FollyJulian Warner, Markus Acher und Texte von Frantz Fanon © Julie Folly

"Kunst ist eine Waffe", sagt Warner. Sehr locker und wenig anschaulich reiht er seine Gedanken aneinander. Eine große Erzählung wird daraus nicht. Am Ende steht die Frage, ob und wie der Künstler-Soldat seine Waffe zum Einsatz bringen wird. Die Frage bleibt unbeantwortet. (Assoziieren könnte man: Gegen den Backlash in Sachen Diversität? Gegen Faschismus? Gegen Kulturkürzungen?)

Die Analogie, die Warner zwischen Kunstproduktion und Krieg zieht, wirkt ja in Tagen wie diesen gar nicht mal so unprovokant. Das so fein in die Welt gesetzte Aroma der Anarchie verpufft aber gleich wieder, wenn nach nur 50 Minuten Performance Schluss ist, im Foyer Prosecco gereicht wird und gute Laune herrscht. So ist das halt im bürgerlichen Kulturbetrieb, auch wenn er so jung und hip daherkommt wie im Stuttgarter Theater Rampe.

Der Soldat
von und mit Julian Warner
Konzept, Performance, Musik: Julian Warner, Musik und Live-Schlagzeug: Markus Acher, Stimme: Veronica Burnuthian, Dramaturgie: Veronika Maurer, Produktion: Studio Julian Warner, Koproduktion: Belluard Bollwerk, Kaserne Basel, Donaufestival Krems, Burg Hülshoff – Center for Literature, Theater Rampe, Münchner Kammerspiele, studiobühneköln.
Premiere am 10. Juli 2025
Dauer: 50 Minuten, keine Pause

www.theaterrampe.de

Kritikenrundschau

"Es ist ein Abend darüber, welche historischen Kostüme im politischen Theater angesagt sind", schreibt Jakob Hayner in der Welt (18.7.2025). "Warner will keine höheren aktivistischen Weihen von Fanon empfangen, sondern fragt nach der Faszination solcher Ikonen." Seine knapp einstündige Performance „Der Soldat" greife in ihrer geschickten Doppelbödigkeit zweifelnd und korrigierend in den aktivistischen Theaterdiskurs der Gegenwart ein. "Warner ist kein Propagandist im Kulturkrieg, sondern ein Kartograf der Konfliktlinien im Handgemenge."

Kommentar schreiben