Geschichtsvergessener Gartenzwerg

6. Juli 2025. Tine Rahel Völcker hat Biografien von Zwangsarbeiter*innen recherchiert, die während der Nazi-Diktatur in Augsburg in der Rüstungsproduktion schuften mussten. Ein schlecht beleuchtetes Kapitel der Stadtgeschichte, das Völcker konsequent aus Opfersicht erzählt und das Nicole Schneiderbauer zur Uraufführung bringt.

Von Steffen Becker

"Gesänge vom Überleben" von Tine Rahel Völcker in Augsburg © Jan-Pieter Fuhr

6. Juli 2025. Meine Eltern wollten dem geschichtsinteressierten Buben Mitte der 90er einen Gefallen tun und verbanden den Verwandtenbesuch mit der Besichtigung einer Gedenkstätte. An die Führung kann ich mich nur noch schemenhaft erinnern – nur dass es um Zwangsarbeit ging. Wohl erinnere ich mich aber an die Äußerung meines Opas, die er erst nach dem Rausgehen fallen ließ. Jeder, der da dringesessen hatte, hatte seiner Erinnerung nach etwas ausgefressen. Betretenes Schweigen, keine Reaktion, niemand wollte die Stimmung des bevorstehenden Abendessens gefährden.

In den Mittelpunkt des Auftragswerks "Gesänge vom Überleben" für das Theater Augsburg hat Autorin Tine Rahel Völcker die Geschichte von Jakob "Johnny" Bamberger gestellt. Ein Sinto, der als Boxer deutscher Vize-Meister wurde. Er durchlitt mehrere KZs, medizinische Experimente zur Wirkung von Meerwasser und schuftete in der Rüstungsproduktion der Augsburger Messerschmitt-Werke. Entschädigt wurde er gering und nur für einen Teil der KZ-Haft – denn mit der Fälschung von Papieren, die er sich für eine Flucht vor den Nazis in die Tschechoslowakei besorgt hatte, habe er ja eine Straftat begangen.

Kein faires Spiel

Gesänge vom Überleben ist in seinem Fall ein Wutgeheul. Von der Decke hängen Kartons, in denen auch Akten transportiert werden (seine bleibt verschollen). Mehdi Selim tänzelt als Jakob Bamberger empört und geladen über die Bühne. Aber das Spiel ist nicht fair. Mit den Paragrafen und dem im wahrsten Sinne des Wortes schwingenden Bollwerk des Rechts kennt sich sein Gegenspieler (Patrick Rupar) besser aus. Und der Boxkommentator (Elif Esmen) – Sinnbild für die lange auch medial unterdrückte Aufarbeitung – ist natürlich auch parteiisch. 

Gesaenge vom ueberleben3 Jan Pieter Fuhr Wut trifft auf ein parteiisches Rechtssystem © Jan-Pieter Fuhr

Es ist die stärkste Szene in der Inszenierung von Nicole Schneiderbauer. Die Geschichte hat Raum, eine Bühnen-Symbolik und Choreografie mit klarem Bezug und bringt das Blut zum Kochen. Andere Geschichten, die die Autorin aus Zeitzeugen-Berichten zusammengestellt hat, verteilt der Abend dagegen fragmentarisch. Den Sequenzen nimmt das die Wucht, wenn man als Zuschauer den Faden erst neu finden muss.

Früher Lager, heute Kleingartenkolonie

Dass "Gesänge vom Überleben" sich auf die Perspektive der Opfer konzentriert, ist total verständlich. Alle Schicksale des Abends sind zwar gut dokumentiert, aber eben auch nicht breit bekannt. Messerschmitt kennt in Augsburg und darüber hinaus nahezu jeder. Die Schicksale der KZ-Häftlinge, die der Konzern nach dem Prinzip Vernichtung durch Arbeit auf dem Gewissen hat, haben sich dagegen nicht ins Gedächtnis der Region eingeschrieben (einen Lern- und Erinnerungsort zu den Außenlagern des KZ Dachau gibt es erst seit 2023). 

Gesaenge vom ueberleben1 Jan Pieter Fuhr Handschlag zwischen Opfer und Täter © Jan-Pieter Fuhr

Umso interessanter wäre es gewesen, vertieft auch die Stimmen zu hören, die das Vergangene zynisch zu den Akten legen wollten. Der Chor der Lebenden, den Regisseurin Schneiderbauer auftreten lässt, sagt mehrmals "Ich will, dass die Geschichte lebendig bleibt". Dazu gehört dann auch die Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, die Zwangsarbeit erst akzeptierte und dann die Erinnerung daran tilgte. In Augsburg tragen diese Protagonisten rote Gartenzwerg-Hüte und verhalten sich auch so. 

Großartiges Schauspiel

In der Eingangsszene tritt ein Überlebender auf einen Kunstrasen. Dessen Eigentümer beharren darauf, dass hier schon immer eine Kleingartenkolonie war und nie ein Lager. Daraus (und aus anderen Szenen) hätte man mehr machen können als Karikaturen, die in tumbem Dialekt ihr Nicht-Wissen-(Wollen) verteidigen. Die Mittel hätten zur Verfügung gestanden: Die Schauspieler sind unisono in den Rollen großartig und berührend, in denen sie die Stärke, die Fassungslosigkeit, das Entsetzen und den Zorn der Opfer verkörpern. 

Gesänge vom Überleben
von Tine Rahel Völcker
Inszenierung: Nicole Schneiderbauer, Bühne & Kostüme: Miriam Busch, Choreografie: Gabriella Gilardi, Musik: Fabian Löbhard, Video: Stefanie Sixt, Licht: Moritz Fettinger, Dramaturgie: Melanie Pollmann.
Mit: Patrick Rupar, Elif Esmen, KS Klaus Müller, Jenny Langner, Mehdi Salim.
Premiere am 5. Juli 2025
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-augsburg.de


Kritikenrundschau

"Bambergers böser, steiniger Weg durch ein Dickicht aus Verdrängen, Verschweigen, Leugnung ist besonders beklemmend", schreibt auch Rüdiger Heinze in der Augsburger Allgemeinen (7.7.2025). "Erst Geschundener des NS-Regimes, dann Unterdrückter der Nachfolge-Justiz", habe der Ex-Sportler und KZ-Überlebende nach dem Krieg vor Gericht Jahrzehnte aufgewendet, "um minimale Entschädigung, Akteneinsicht und so etwas wie ein öffentliches Schuldeingeständnis in der Staatsnachfolge zu erhalten", so Heinze. Als "höchst eindringliche Dramatisierung" sei die multiperspektivische Textcollage von Tine Rahel Völcker iund Nicole Schneiderbauer ebenso dokumentarische Aufarbeitung wie künstlerische Trauerarbeit.

Aus zahlreichen Dokumenten habe Völcker bewegende Geschichten destilliert, sagt Michael Laages beim Bayerischen Rundfunk (7.7.2025). "Da bleibt leider wenig Energie übrig für die schrecklichen Täter." Nur die Zipfelmütze der Gartenzwerge markiere die "allumfassende Null und Nichtigkeit eines vom Narzissmus verseuchten Volkes". Dazu lärmten die Vernichtungsphantasien aus den Volksempfängern in der Ausstattung von Miriam Busch, Kartons würden zur Zelle oder zum Punching Ball in Bambergers (Box-)Kampf gegen die menschenverachtende Bürokratie.

"Im Sinne einer Liturgie" fasse Völcker ihre Rechercheergebnisse zusammen, sagt Christian Gampert beim Deutschlandfunk (7.7.2025). Unter erheblichem Aufwand habe die Autorin Literatur zu Zwangsarbeit in und um Augsburg durchgearbeitet und mit Wissenschaftlern wie Verwandten der Opfer gesprochen. Ihr Anliegen: Die Namen der Schuldigen, die von Zwangsarbeit profitierten, sollen genannt werden und den Ausgebeuteten eine Stimme gegeben werden. Die Recherche sei das eine, die theatrale Umsetzung das andere: "Völcker neigt zur pädagogischen Belehrung, zur sentimentalen Schilderung und zur das Publikum erschlagenden dokumentarischen Auflistung historischer Tatsachen", so Gampert. Nicole Schneiderbauer mache daraus "weihevolles, armes Theater, die Beschreibung des Unglücks als heilige Messe". Am stärksten sei die Inszenierung, wenn sie Einzelschicksale schildere, aber sie gleite gleich wieder ab in "ritualhafte Belehrung mit Betroffenheitsblick oder in die Karikatur".

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