Zicke Zacke Faschokacke

4. April 2025. Eine Parabel auf totalitäre Ideologien gibt Eugène Ionesco in "Die Nashörner". Eine verquere Erzählung von Masse und Macht. Anna Marboe bringt den Klassiker des Absurden Theaters ins Volkstheater. Mit einer poppigen Ästhetik und KI-generierter Musik aller Genres. Und starken Resonanzen.

Von Sabine Leucht

Anna Marboe zeigt "Die Nashörner" von Eugène Ionesco am Münchner Volkstheater © Gabriela Neeb

4. April 2025. Vor ein paar Jahren warb der Münchner Tierpark Hellabrunn mit einem Plakat, auf dem eine wunderschöne Giraffe zu sehen war und daneben der Schriftzug: "Papa, schau mal, ein Zebra!" Wenn einem auf dem Programmheft-Cover des Münchner Volkstheaters für "Die Nashörner" ein Nilpferd entgegengähnt, folgt das einer ähnlichen Logik. Bloß, dass die sperrangelweit offene Text-Bild-Schere in diesem Fall nicht dazu aufruft, Wissens- und Erfahrungslücken zu schließen, sondern Vieles für möglich zu halten.

Weiß man es denn so genau, was Eugène Ionesco in seinem Klassiker des Absurden Theaters über eine Kleinstadt einbrechen ließ? Die Rhino-Seuche, die die Bürger befällt und einen nach dem anderen in Dickhäuter verwandelt, hat der französisch-rumänische Dramatiker Ende der 1950er-Jahre sicher mit dem Faschismus, aber auch mit dem Konformitätsdruck des Kommunismus assoziiert. Die Regisseurin Anna Marboe legt in ihrer Inszenierung eine Vielzahl von Fährten aus. So ganz umstandslos lässt sich das Tierische in Zeiten von Donna Haraway und Artensterben ja ohnehin nicht mehr nur als das dem menschlichen Wertesystem Entgegengesetzte begreifen.

Donald Trump lässt grüßen

Schön früh an diesem Abend, Nashorn Nummer eins hat gerade eine Katze zertrampelt, geifert Pauline Fusbans Hausfrau: "They are killing the cats. They are killing the dogs. They are killing the pets". Und ein Marktplatz-Händler springt ihr bei. "…of the people who live here". Der dieser Tage unvermeidliche Donald Trump lässt grüßen. Und mit ihm die Seuche des Einwandererhasses. Was die mit etlichen Statisten aufgefüllten Rhinozerus-Massen, die sich am Ende in der humoristisch ruckelnden Choreografie von Felicia Nilsson auf die Bühne schieben, zur vielfach herbeigeredeten "Migranten-Schwemme" machte. Vorausgesetzt, hier würde linear gedacht. Was Ionesco nicht tut und Marboe noch weniger, die sich im hausinternen Blog als fröhliche Kunst-Anarchistin outet: "Mir macht das beim Theater am meisten Spaß: Dass nicht immer logischerweise eins zum nächsten führt, sondern dass man Gesetze aufheben kann, denen man in der Welt unterworfen ist."

Nashoerner 3 CGabrielaNeeb uGrün, aber ohne Hoffnung: Maximiliane Haß, Steffen Link und das Ensemble im Bühnenbild von Helene Payrhuber und Sophia Profanter © Gabriela Neeb

Einer der Hebel, den Marboe ansetzt, ist die Musik. Naheliegend, weil die 1996 in Wien geborene Regisseurin als "Anna Mabo" auch selbst Musikerin ist. Aber auch, weil Rhythmen und Klänge die Stimmungen und Körper von Menschen praktisch auf Knopfdruck verwandeln können. Man kann sich ihnen entgegenstemmen oder einfach zu träge sein für ihre Verlockungen. Wie der Protagonist Behringer, der die Schwere seines Körpers beklagt und vielleicht nur deshalb als einziger nicht zum Nashorn respektive Mitläufer wird. Maximiliane Haß hält diese Figur zwischen Komödie und Tragödie in der Schwebe – und mit ihr die Frage, ob sie ihr Recht auf eigenes Denken verteidigt oder einfach ein late adopter ist.

Musik wie auf der Kirmes

Marboe selbst hat einen kurzen Songtext geschrieben, der Ionescos Nas-was-Nas-wo-Nas-oh-Sprachspielereien mit einer Dosis Propaganda fürs Dickhäuter-Leben versetzt, die – und das ist das Kunststück – ausreichend watteweich und vage bleibt, um keine ideologische Richtung vorzugeben. Es soll nur ein sanfter Sog von ihm ausgehen, der aber Viele ergreift. Die Antwort liegt im Mainstream-Pop, in dem Sätze vorkommen wie „Das Leben als Nashorn, das Leben macht Spaß“.

Multitalent Vincent Sauer hat diese und ein paar zusätzliche Zeilen mit Unterstützung von Künstlicher-Raubkopie-Intelligenz als Arie, Choral, Rap, Jazz, Punk, Techno, Schnulzen- und Mitgrölmusik vertont. Mal klingt´s mächtig nach Festzelt, mal nach Heino, mal nach Rave.

Marboe und ihr spielwütiges Team rühren alle möglichen Jugend- und (Selbst-)Feier-Kulte in die Mitläufer-Thematik ein. "Brrrrrrrr" ist der Sound der Verwandlung. Und es ziert auch die grünen Vorhänge, die am Ende Helene Payrhubers und Sophia Profanters abstrakte Bühne fast zu einer cosy Bubble machen. Würde man nicht auch Kälte und das Geräusch von Maschinengewehren damit assoziieren.

Komödiantisches Feuerwerk

Der Abend spielt mit diesen Doppel- und Mehrdeutigkeiten. Ein Grün, greller als das der Natur und vielleicht eine Nuance dunkler als das Plattencover des Brat-Albums von Charli XCX, ziert den Boden der sich mehrfach verwandelnden Bühne und einige Gliedmaßen der mehr oder weniger realistischen Nashorn-Wesen (kein Spoiler!).

In der Büroszene, die sich in einem grünen Kubus abspielt, agiert das nur halb sichtbare siebenköpfige Ensemble wie im Ring oder in der Bütt – wie aufgedreht immer wieder "ZickeZacke ZickeZacke Work Work Work" rufend. Das Militärische, Automatenhafte – auch im Sport – wird vielfach zitiert. Und das komödiantische Feuerwerk, das die in Karomuster und schrumpfende Leibchen gekleideten Schauspieler*innen abbrennen, schlägt immer dann prächtige Funken, wenn es körperlich konkret wird, ohne den absurden Inhalt nur zu doppeln.

Manchmal geht es sehr drunter und drüber, haben Choreo und flankierende Aktionen zu viel von einer Schulhofrangelei. Man kann sich auch fragen, ob das Existenzielle am Absurden hier noch ausreichend durchschimmert. Aber angesichts dieses intelligenten Spaßes wirken derartige leise Zweifel ähnlich korinthenkackerig wie die Debatte im Stück, ob die Nashörner nun aus Indien oder Afrika stammen.

 

Die Nashörner
von Eugène Ionesco
Deutsch von Claus Bremer und Hans Rudolf Stauffacher
Regie: Anna Marboe, Bühne und Kostüme: Helene Payrhuber, Sophia Profanter, Beleuchtung: Anton Burgstaller, Choreografie Felicia Nilsson, Dramaturgie Hannah Mey, Chorsätze und musikalische Mitarbeit: Vincent Sauer.
Mit: Maximiliane Haß, Nils Karsten, Carolin Hartmann, Jonathan Müller, Steffen Link, Lorenz Hochhuth, Pauline Fusban.
Premiere am 3. April 2025
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.muenchner-volkstheater.de

Kritikenrundschau

Von einer "sehr kurzweilig" geratenen und "bemerkenswerten Inszenierung" schreibt Michael Schleicher im Merkur (5.4.2025). "Marboes 'Nashörner' haben zwei große Aktivposten. Zum einen sind da die sieben Schauspielerinnen und Schauspieler, denen es gelingt, aus Ionescos überzeichneten Typen wiedererkennbare Charaktere zu formen." Zum anderen habe Marboe für die Musik "einen sehr simplen Kanon" entworfen, zu dem sie die Künstliche Intelligenz (KI) Melodien komponieren, ließ: "Erschreckend gefällig, erschreckend echt. Eine (Gefühls-)Manipulation, der sich nicht nur die Figuren auf der Bühne, sondern irgendwann selbst das Publikum bei der Premiere nicht entziehen kann: Auf ein Mal singen alle mit."

Reservierter ist Barbara Reitter-Welter vom Donaukurier (5.4.2025). In Anna Marboes Inszenierung verschwinde "die aktuelle Brisanz dieser Polit-Fabel über eine rational unerklärbare Massenpsychose allerdings unter einer bunten Spaß-Folie im abstrahierten Bühnenambiente. Die Absurdität der derzeitigen Weltlage überdreht sie total – das jedoch mit staunenswerter Kunstfertigkeit, was Bildeffekte und Figurenzeichnung angeht. It's Showtime!"

"Darf Eugène Ionescos 'Die Nashörner' so lustig sein? Darf sich die Verführbarkeit der Masse in quietschvergnügten Choreografien zu Rock, Punk Country, Rap, Schlager bis Swing ausdrücken? Darf dieses Stück des Absurden Theaters, das der Autor mit Bezug auf den hereinbrechenden Faschismus in Rumänien schrieb, eher eine Popkonzert-Stimmung in sich tragen, als die Düsternis?", fragt Yvonne Poppek im Lokalteil der Süddeutschen Zeitung (5.4.2025) und antwortet klar: "Ja".

Eine "schrille Performance" sah Mathias Hejny vom Abendblatt (5.4.2025) "Anna Marboe spielt effektiv mit den Verführungstechniken des Totalitarismus, und ein Schmiermittel ist die Musik." Dass in ihrer "quietschgrünen Party" manch inhaltliche Wendung verloren geht, merkt der Rezensent auch an.

thea kulturklub

Kommentare  
Die Nashörner, München: Ohrwurmpotenzial
Was für eine Leistung auf der Bühne, ich bin beeindruckt. Ein großer,intensiver und kluger Theaterspaß mit viel Grün und Ohrwurmpotenzial!
Die Nashörner, München: Musik-Comedy
Zum Ohrwurm wird der Nashorn-Song, den das Ensemble an diesem Abend trällert. Wie ein Kinderlied hört sich das Original vom Leben als Nashorn an, das so viel Spaß mache. Vincent Sauer hat dieses kleine Lied durch die KI gejagt: in zahlreichen Variationen hören wir in den folgenden knapp 100 Minuten immer wieder dasselbe Grundmotiv. Mal klingt es nach Helene Fischer, mal wie Die Ärzte, mal wie ein sakraler Choral, im nächsten Durchlauf gibt es Rap-Anklänge oder einfach die Party-Mitsing-Nummer, zu der das Publikum animiert werden soll.

Als Musik-Comedy funktioniert die Inszenierung der Wiener Regisseurin Anna Marboe sehr gut. Zwischen dem Song in Endlos-Schleife wird der Eugène Ionesco-Klassiker des Absurden Theaters gegeben. Das hat dann schon mal ähnliche Längen wie das derzeit von vielen Bühnen wiederentdeckte „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/04/23/die-nashoerner-muenchner-volkstheater-kritik/
Die Nashörner, München: Witzig
Ich war am 9.10 in dem Stück Die Nashörner und ich fande es so witzig und spannend
Die Nashörner, München: Simpel, aber ok
Das schönste am Stück sind die Nashörner, mit einem Horn, und 4 Beinen im Schlussbild. Endlich. Fotos darf man keine machen, werden aber natürlich gemacht, Insta Generation. Für sie ist die Aufführung gemacht. Die Botschaft ist so einfach, dass sie bis zum Ende ständig wiederholt werden muss. Simple Musikclips, kurze nette Bewegungschoreos, gefühlt zu gedehnt, unmotiviert, und fast störend. Hoffnung auf Handlung vergebens, aber swipen geht nicht, Handy ist im Flugmodus. Nett, und engagiert, gibt schlimmeres, nicht nur in grün, auch ok.
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