Krähen greifen dich an

23. November 2025. Trauer? Das ist in Max Porters Romanvorlage das Ding mit Federn. Das als wundersamer Trauervogel auftaucht, Chaos anrichtet, aber auch Heilung verspricht. Mathias Spaan hat am Volkstheater eine entschleunigte Version inszeniert, in der die Krähen gleich zu sechst erscheinen.

Von Leon Frei

Max Porters "Trauer ist das Ding mit den Federn" von Mathias Spaan inszeniert am Volkstheater München © Arno Declair

23. November 2025. Nicki-Schlafanzüge, das sind diese flauschigen, bunten, kunstfellartigen Pyjamas, die an den Knien und Ellenbogen vom Herumrutschen beim Legospielen zuerst speckig und dann löchrig wurden. Wieso hat man eigentlich irgendwann aufgehört, die zu tragen? Wieso trägt man die nur als Kind? Beneidenswert. Sollte man im Hinterkopf behalten. Die beiden Kinder dort auf der Bühne, die gerade herumraufen, sind allerdings ausschließlich um ihre Schlafanzüge zu beneiden. Wenige Tage nach dem Tod ihrer Mutter finden sie sich mit ihrem Vater in einem Ausnahmezustand wieder, in dem sie von einem merkwürdigen Geschöpf heimgesucht werden. Einer überdimensionalen Krähe, der personifizierten "Trauer". Denn: Die "Trauer ist das Ding mit den Federn". So der Name des Stücks, basierend auf dem gleichnamigen Booker-Prize-nominierten Roman von Max Porter. 

Das mit der Krähe klingt allerdings viel magischer, als das Stück am Ende tatsächlich ist. Denn das scheint mehr die Manifestation einer Trauer zu sein, wie man sie in der Wirklichkeit erfährt, als in einer verrückten Fantasiewelt voll sprechender Tiere.

Zwischen Alltag und Fantasiewelt 

Schon in den ersten Momenten von Mathias Spaans Inszenierung ertappt man sich bei einem plumpen Gedanken: Da ist sie, die entsetzliche Lücke. Die die Mutter hinterlässt und zugleich die Bühne und das Publikum voneinander trennt. Und dann setzt sich die Bühne schon in Bewegung und schafft für die ersten Reihen einen sehenswerten Zoom-Eeffekt. Hineingesaugt wird man in die fahle Szenerie, die Anna Armann gebaut hat. Ein Mann, der Vater (Silas Breding), sitzt in einer kargen Raumecke, ein paar Stühle, Tisch, Kühlschrank, Staubsauger. So viel ist noch übrig offenbar. Im Laufe des Stücks wird sich die Bühne nicht nur vor und zurück bewegen, sondern auch um die eigene Achse drehen und karussellartig vier fast identische Räume zeigen. Schon wieder so ein plumper Gedanke: Trauer ist, sich im eintönigen Alltag im Kreis zu drehen?

 Trauer Ding mit Federn 4 CArno Declair uFamilie im Ausnahmezustand und mit entsetzlicher Lücke: Ruth Bohsung als Tochter, Silas Breiding als Vater, Cedric Stern als Sohn in "Trauer ist das Ding mit Federn" © Arno Declair

Die sachten Bewegungen der Bühne geben, wie der sanfte Ton, der ständig im Raum liegt, die Geschwindigkeit vor. Das Geschehen wirkt entschleunigt, selbst dann, wenn die Krähe ins Haus platzt und das Zuhause der Familie verwüstet. Sie ist ein unterhaltsamer Schwarm verbrannter und ausgebleichter Figuren, gespielt von sechs Schauspieler:innen, die sich zackig Sätze und Pointen zuwerfen. Die Krähe nervt die Hinterbliebenen mal destruktiv, mal konstruktiv, aber immer sprunghaft, pickt ihnen Gedanken in den Kopf, man solle rauchen, zur Ruhe kommen und schlafen, sich die verstorbene Mutter vorstellen und nachbilden, monogam bleiben oder doch schnell eine Neue finden?

Düstere Heimsuchungen

Dass das Stück dennoch nicht recht in Gang kommen will, trotz Chaos-Krähe, liegt auch daran, dass die Handlung zum Großteil nicht gezeigt, sondern nacherzählt wird. Vater, Tochter (Ruth Bohsung) und Sohn (Cedric Stern) berichten, wie dieses und jenes geschieht - was auf Dauer wie ein Filter wirkt, ein Trauerschleier vielleicht?

Trauer Ding mit Federn 1 CArno Declair uAuf Last, auf Schwere, Verzweiflung, Distanz und Trägheit fokussiert: "Trauer ist das Ding mit Federn" © Arno Declair u

"Jeder Zentimenter: tote Mum", sagt die Krähe einmal. Und wie das Zimmer der Kinder von der Trauer ge- und ertränkt ist, so scheint es das Stück von den Sätzen des Originals und dieser einen Perspektive der Trauer zu sein. Die Erkundung des Themas, dem "Ding mit den Federn", bleibt starr fokussiert auf die Last, Schwere, Verzweiflung, Distanz und Trägheit, auf diese entsetzliche Lücke, die sich in so vielen Elementen bahnbricht. Die Familie verstreut am Ende auch noch die Asche der Mutter zu "Wish you were here". Dabei hat Spaan eigentlich ein ungemeines Gespür für geschickte kleine und große Referenzen, für große Bilder und Subtilität, wie es etwa seine sehr sehenswerte Volkstheater-Inszenierung von "8 ½ Millionen" zeigt.

Mit der ersten neuen Frau

Die Krähe verschwindet schließlich ausgerechnet in dem Moment, als der Vater von der Frau erzählt, die er nach dem Tod seiner Frau nach Hause mitbringt, "zu früh", wie er zugibt. Was – trotz Bekundungen, wie merkwürdig er sich nach der Nacht mit ihr gefühlt habe – so wirkt, als müsse man sich nur neu verlieben, um nicht mehr traurig zu sein. Was eigentlich gar nicht zum Stück passt, weil es sich nicht so sehr mit dem "Drüberwegkommen" beschäftigt, was sowieso ein blöder Gedanke ist. So richtig tröstlich ist das nicht. Außer die fernen Erinnerungen an Nicki-Schlafanzüge.

Trauer ist das Ding mit Federn
nach dem Roman von Max Porter
Regie: Mathias Spaan, Bühne: Anna Armann, Kostüme: Paula de la Haye, Musik: Bendrik Grossterlinden, Matthias Schubert, Lichtdesign: Anja Sekulic, Dramaturgie: Leon Frisch,.
Mit: Silas Breiding, Ruth Bohsung, Cedric Stern, Julian Gutmann, Maximiliane Haß, Alexandros Koutsoulis, Jonathan Müller, Anton Nürnberg, Baran Sönmez.
Premiere am 22. November 2025
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause

www.muenchner-volkstheater.de

Kritikenrundschau

"Spaan hat für seine Bühnenadaption einen eigenen, sehr überzeugenden Zugriff gefunden – und beschert mit seiner Produktion dem Volkstheater einen Höhepunkt dieser Spielzeit", schwärmt Michael Schleicher im Merkur (24.11.2025). "Seine Inszenierung ist fein austariert, hütet sich vor Pathos ebenso wie vor Kalendersprüchen und dosiert Klamauk angenehm punktuell. Die Umsetzung mag zwar mitunter vogelwild (Pardon!) und krawallig sein. Das Wichtigste verliert Spaan dabei nie aus den Augen: Jeder Mensch mag anders mit Trauer umgehen – im Kern fühlen wir jedoch alle dasselbe. Vom Weg heraus und von der Integration des Verlusts in das eigene Leben erzählt dieser Abend behutsam, bestimmt und beeindruckend."

"Unter Spaans Regie macht das Ensemble aus dem Roman einen dichten Theaterabend, in dem aber manches Gefühl ausbleibt, weil mehr erzählt als ausagiert wird und die Handlung durch die Aufteilung der Krähe auf sechs Personen noch deutlicher in Episoden zerfällt", schreibt Michael Stadler in der Abendzeitung (24.11.2025). "Die Krähe als Trickster-Figur zwischen Leben und Tod, die mal grob, mal zart, mal abweisend, mal verführerisch sein kann, ist nun mal tolles Futter für eine Schauspielerin oder einen Schauspieler." So schaue man den Sechs zwar fasziniert dabei zu, wie sie die Krähe zwischen solistischem Fragment und chorischer Einheit zusammenpuzzeln, "aber als rotziger, letztlich wohlmeinender Anti-Heldin bleibt sie einem fern."

Eine "hervorragende Inszenierung" sah auch Yvonne Poppek und findet die Vervielfältigung der Krähe in der Süddeutschen Zeitung (24.11.2025) eine "grandiose Idee". "Das schwarzhumorige hat Porter in seinem Text schon vorgegeben, Spaan nimmt es in seiner Inszenierung auf", schreibt Poppek. Silas Breiding sei "umwerfend" in der Rolle des Vaters. Und auch die Darsteller*innen der Kinderrollen: "Wie Bohsung und Stern Enttäuschung, Schmerz und Wut in wenige Sekunden pressen, trifft einen ins Herz."

Kommentare  
Trauer ist das Ding ..., München: Großartig
Einfach großartig
Trauer ist das Ding ..., München: Wirklich toll
Was für ein toller Abend!
Die Krähe mit sechs Spieler:innen zu besetzen ist für mich komplett aufgegangen: ein virtuoses, präzises Chaos, das sich von chorischen Passagen bis zu Solomomenten ganzheitlich eingelöst hat.
Das Bühnenbild und den Umgang damit fand ich auch fantastisch. Es wurde mit so vielen Mitteln gezaubert, ohne eitel zu wirken und dabei die Mechanik und technischen Möglichkeiten dieses Bühnenraums genutzt, die sonst ja oft nicht so umfänglich zum Einsatz kommen.
Die Geschichte an sich ist einfach, das stimmt, aber manchmal lohnt es ja besonders, gerade die einfachen Vorgänge des Lebens zu erzählen, ohne die tiefgründigsten Gedanken oder Ideen. Trauer ist so ein schwieriges Thema für die Bühne und sie auf eine Art zu zeigen, die zwischendurch zu Lachern verführt, aber nie den Ernst verliert, halte ich für eine besondere Leistung. Ich jedenfalls habe gelacht, geschmunzelt und war immer wieder gerührt.
Einzig die Erklärschleife der Krähe zu ihrem Wesen und ihrer Funktion hätte ich nicht gebraucht. Ohne diese Szene hätte der Abend für meinen Geschmack etwas mehr Geheimnis gehabt. Abgesehen davon kann ich nur empfehlen, sich diesen Abend anzusehen.
Trauer ist das Ding..., München: Nahezu genial
Das Stück ist großartig inszeniert!
Die Idee, dass sechs Schauspieler die Krähe darstellen, ist nahezu genial.
Die schauspielerische Leistung aller Darsteller kann nicht genügend gelobt werden, besonders hervorzuheben sind aber Ruth Bohsung und Cedric Stern, die als Kinder sehr glaubhaft wirken.
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