Wer hat Maggie geschubst?

14. Dezember 2025. Toni Morrisons einzige Kurzgeschichte "Rezitativ" ist mit fünf Akten aufgebaut wie ein klassisches Drama. Miriam Ibrahim hat die Parallelgeschichte schwarzer und weißer Biografien nun am Residenztheater auf die Bühne gebracht – als geplantes Identitätschaos.

Von Susanne Greiner

"Rezitativ" am Residenztheater © Birgit Hupfeld

14. Dezember 2025. Es ist ein Identitäts-Tohuwabohu, das Regisseurin Miriam Ibrahim mit Toni Morrisons "Rezitativ" auf der Bühne des Residenztheaters München entfacht. Die Inszenierung springt zwischen den Erzählerinnen. Vier Schauspielerinnen schlüpfen in die Rollen von zwei Figuren. Und tauschen diese auch noch ständig. Wer ist wer? Und wer ist was? Zuordnungen sind obsolet.

Morrison nannte ihre einzige Kurzgeschichte ein "poetisches Experiment, eine "Erzählung mit einer schwarzen und einer weißen Figur, für die ihre mit ihrer race verbundene Identität von grundlegender Bedeutung ist, alle rassifizierenden Codes zu entfernen". "Rezitativ" ist wie ein klassisches Drama in fünf Akte aufgeteilt. Twyla erzählt von sich und Roberta, zwei Mädchen, deren Mütter nicht für sie da sind: "Meine Mutter tanzte die ganze Nacht und die von Roberta war krank". Eine Geschichte, die im Kinderheim beginnt, wo die beiden Achtjährigen "von ganz anderer Hautfarbe", wie "Salz und Pfeffer" aufeinanderprallen. Wer weiß ist und wer schwarz, spart Morrison aus. 

Zwei Leben im Vergleich 

Vom ersten Aufeinandertreffen in den 1950ern wandert Morrison zu vier weiteren Begegnungen der beiden bis in die 70er: einmal mit Ignoranz, einmal oberflächlich-freundlich, dann auf gegnerischen Seiten bei einer Demo zum Busing – einer Maßnahme Anfang der 1970er zur ethnischen Durchmischung von Schulklassen. Und beim Weihnachtsbaumkauf: versöhnlich, fast freundschaftlich.

Rezitativ 2 CBirgit Hupfeld uErzählerinnen im Spiegelkabinett © Birgit Hupfeld

Der rote Faden ist Maggie. Sie arbeitet im Kinderheim als Küchenhilfe, steht in der Hierarchie ganz unten, mit O-Beinen und Kindermütze samt Ohrenklappen. An einem Tag stürzt Maggie, wird ausgelacht. Aber Robertas Erzählung ändert sich bei jedem Treffen: Erst wird Maggie geschubst, dann auch getreten, schließlich haben Twyla und Roberta mitgemacht, eine Schwarze zu misshandeln. Zuschreibungen, die Roberta am Ende zurücknimmt. Es ist ihr Kontext, es sind ihre Wünsche, die ihre Erinnerungen verformt haben. 

Aufgebrochene Erzählerinnenperspektive

Morrison verneint nicht Ungleichheiten. Aber sie will deren Katalogisierung aufbrechen. Ist in ihrer Erzählung schon nicht zuzuordnen, welche der beiden Figuren schwarz und welche weiß ist, potenziert Regisseurin Ibrahim das. Sie bricht Morrisons Ich-Erzählperspektive auf – und gibt auch Roberta ein Ich. Die Erzählung wird ins Mikro gesprochen von jeweils einer der vier Schauspielerinnen am Bühnenrand. Eine mögliche Zuordnung von Ich-Erzählerin gleich Morrison gleich schwarz fällt raus.

Rezitativ 3 CBirgit Hupfeld uDie Bühne von Mitra Nadjmabadi © Birgit Hupfeld

Zudem schickt Ibrahim vier Schauspielerinnen für zwei Figuren auf die Bühne: Linda Blümchen, Sabrina Ceesay, Evelyne Gugolz und Isabell Antonia Höckel. In der ersten Szene ist jede der beiden Figuren mit einer schwarzen und einer weißen Schauspielerin besetzt – was im Verlauf des Stücks wild wechselt. Auch die Anzahl changiert: Mal spielen drei eine Figur, mal alle vier. Dass im Hintergrund Videos eingespielt werden (Amon Ritz), auf denen die Schauspielerinnen als Maggie mit weißen Schürzen oder als die jeweiligen Mütter zu sehen sind, rundet das Identitäten-Chaos ab. 

Mehr Spiel!

Gianna-Sophie Weise steckt die Vier in eine Unform aus kurzen Hosen, Hemden, Strümpfen und Schuhen, dunkelgrün, mit dem Satz "This is a test" über und über bedruckt. Zur Differenzierung – um dem Zuschauer doch noch einen Anhaltspunkt zu geben, wer spricht – ziehen die Schauspielerinnen Schürzen über, Westen, einen Mantel. Mitra Nadjmabadi hat die Drehbühne als eine Art Spiegelkabinett gestaltet, in dem die Figuren auf der Suche nach sich selbst zu sein scheinen: Sie spielen, verirren und verstecken sich, öffnen Türen, schließen andere. 

Rezitativ 4 CBirgit Hupfeld u"This is a test": Die Inszenierung weist sich als Experiment aus (Kostüme: Gianna-Sophia Weise). © Birgit Hupfeld

Die Schauspielerinnen sprechen oft chorisch, oft leicht versetzt, schenken einer Figur zwei, drei oder vier Stimmen. Sind die Stimmen als einheitlicher Chor stark, wirken sie als 'aufgedröselte' Figur nicht immer überzeugend. Das Schauspiel selbst ist reduziert, die Erzählung immer im Vordergrund. Mehr Spiel hätte die Inszenierung lebendiger gemacht. So ist sie teils statisch, konstruiert. 

Die Bühnenfassung Ibrahims greift vor allem in den poetischen Momenten: Wenn Nina Simones "Feeling good" oder Michael Kiwanukas "Solid Ground" (Musik: Ibrahim) das Flockengeriesel im Video begleiten, wenn Schauspiel und Text ineinandergreifen. Wenn die allzu stark durchexerzierte Auflösung der Identitäten in den Hintergrund tritt. 

Rezitativ
Nach der gleichnamigen Erzählung von Toni Morrison, für die Bühne bearbeitet von Miriam Ibrahim
Regie und Musik: Miriam Ibrahim, Bühne: Mitra Nadjmabadi, Kostüme: Gianna-Sophia Weise, Licht: Barbara Westernach, Video: Amon Ritz, Dramaturgie: Katrin Michaels.
Mit: Isabell Antonia Höckel, Sabrina Ceesay, Evelyne Gugolz, Linda Blümchen.
Premiere am 13. Dezember 2025
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause

www.residenztheater.de

Kritikenrundschau 

"Mit jedem Sprechen wird eine neue Facette dieser Geschichte möglich. Die Komplexität wird lebendig durch die Präzision ihres Spiels", so Christian Jooß-Bernau im München-Teil der Süddeutschen Zeitung (15.12.2025). "Der Bühnentext verteilt im Unterschied zur Erzählung die Rolle der Ich-Erzählerin auf die zwei Frauen, wechselt die Perspektive." Ibrahims Inszenierung sei so klug und vielschichtig gedacht, "dass es von Vorteil ist, die Aufführung mit einem Vorwissen über Morrisons Text zu besuchen." Fazit: "Es geht nicht nur darum, unser stereotypes Denken durchzuschütteln. Es geht um den Kern unseres Wesens. Erst in der Erinnerung werden wir zu den Menschen, die wir sind." 

Miriam Ibrahim potenziert in ihrer Inszenierung das Spiel mit den Identitäten, findet auch Michael Stadler in der Abendzeitung (15.12.2025). Einfühlsam und geschickt bringen die Regisseurin und ihr Team Morrisons Erzählung auf die Bühne. Vieles bleibe im Nebel "- aber was sagt auch schon die ethnische Zugehörigkeit aus? Essenziell wichtig erscheint am Ende die Freundschaft zweier Frauen, die trotz aller Differenzen über die Jahre hinweg zueinander finden."

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