Schatten über der Kinderrepublik

27. Juni 2025. In einem Sommercamp zwischen Big Brother und Truman-Show proben ein paar nerdige Kinder den Aufbruch nach Utopia. So will es der Plot von Till Wiebels viel gespieltem und 2021 mit dem Retzhofer Dramapreis gekürten Jugendstück. In Nürnberg bringt Birga Ipsen es jetzt auf die Bühne des Gostner Hoftheaters.

Von Wolfgang Reitzammer

"Funken" von Till Wiebel am Gostner Hoftheater in Nürnberg © Al Zubaidi

27. Juni 2025. "Schreib die Welt nicht ab. Schreib sie um!" Dieser Slogan einer neuen Plakatkampagne von "Brot für die Welt" könnte Leitmotiv für Till Wiebels Stück "Funken" sein. Jetzt wurde das höchst originelle und – für Jugendtheater typisch – auch tendenziell lehrstückhafte, 2021 in Berlin uraufgeführte Drama vom Gostner Hoftheater auf die Bühne des Hubertussaales in Nürnberg gebracht.

Kettensäge und Kapitalismus

Ein Ferienlager hat wohl jeder Jugendliche schon einmal erlebt. Was hier auf den unbedarften Malte einprasselt, nachdem er von seiner Mutter abgeliefert wurde, hat allerdings eher Züge eines Umerziehungs-Camps, in dem hochbegabte Nerds ohne Netz (wörtlich gemeint!) und doppelten Boden ihre Fähigkeiten für eine Vision von ethik-befreitem Neoliberalismus einbringen sollen. Gesponsert wird das Ganze von einer obskuren Arthur-Mc-Push-Cooperation, deren Chef als Big Brother im Off den Jungspunden Anweisungen gibt. Unschwer lässt sich hinter diesem Label ein Hybrid aus Elon Musk und McKinsey, aus Kettensäge und Kapitalismus herauslesen.

Vier Hauptpersonen stehen im Mittelpunkt des pädagogischen Experiments: der queere Ego-Künstler Shawn Elektra, den Ioachim-Wilhelm Zarculea mit bemerkenswerter körperlicher und stimmlicher Präsenz ausstattet, die wissenschafts-affine Wetter-Expertin Twinkle (Franziska-Maria Pößl) und die kämpferische Raketen-Bastlerin Isilda mit Taucherbrille (Larissa Bader). Dann wäre da noch Mauerblümchen Malte (Miguel Jachmann), der erst den schönsten Sommer seines Lebens erwartet, dann aber feststellen muss, dass er in diesem Käfig der Eliten und schrägen Vögel der langweiligste und durchschnittlichste Mensch auf der Welt zu sein scheint.

Fragwürdige Fantasien

Auf der chiffon-verschleierten Bühne von Melanie Kintzinger wird zunächst ein harmloses Musical – choreografisch aufgemotzt von Laetitia Kohler – geprobt. Dann aber führt eine Kanutour mit heftigem Gewitter und Frau über Bord zur Peripetie und zu einer solidarischen Escape-Initiative. Die Jugendliche erkennen die Fragwürdigkeit der Push-These "Fördern und Fordern" (Hartz 4 lässt grüßen!). Weiterhin bemerken sie, dass sie nur den Eltern abgekauft wurden, um fragwürdige Expansions-Träume eines Generalunternehmers, der wie der Regisseur der "Truman-Show" wirkt, in Gang zu setzen.

Funken156CAl ZubaidiVersuchspersonen im Optimierungscamp © Al Zubaidi

Die Einschätzung junger Menschen als Gestalter einer lebenswerten Zukunft lässt sich an der Dialektik zweier kultureller Produkte darstellen: während Herbert Grönemeyer "Kinder an die Macht" forderte, zeigt William Golding in seinem Roman "Herr der Fliegen" eher die Abgründe einer Kinder-Republik. Till Wiebel stellt sich mit seinem Bühnentext eindeutig auf die optimistische Seite. In einem Interview hat er geäußert: "Wenn in dieser Welt ohne Erwachsene ein liebevolles, solidarisches und kreatives Miteinander möglich ist, dann verschiebt sich die Frage, wer das Problem ist." 

Countdown nach Utopia

Konsequenterweise hat er für seine Versuchspersonen ein fast schon idyllisches Happy End konstruiert: der grüne Kunstrasen auf der schiefen Ebene verschwindet und von einem silbrig glänzenden Plateau starten die vier Systemsprenger eine Rakete zum Mond – völlig losgelöst zählen sie den Countdown nach Utopia, vielleicht in eine Welt ohne Verteilungs- und Konkurrenzkämpfe.

Die Regie von Birga Ipsen konzentriert sich auf kräftige, gerne auch etwas klischeehafte Charakterzeichnungen, auf dynamische Hell-Dunkel-Wechsel und auf eine kompakte Handlungs-Führung mit leider unvermeidlichen epischen Einfügungen. Die Produktion wendet sich hauptsächlich an junge Theaterbesucher ab 11 Jahren, die am Premierenabend (noch) nicht anwesend waren. Insofern ist der wohlwollende Beifall nur ein momentanes Stimmungsbild der vorletzten Generation. Die nächsten Aufführungen werden zeigen, wie Schülerinnen und Schüler mit den Assoziationen und Botschaften des Textes umgehen können.

Funken
von Till Wiebel
Regie: Birga Ipsen, Bühne und Kostüme: Melanie Kintzinger, Choreografie: Laetitia Kohler, Dramaturgie: Melanie Kuch
Mit: Larissa Bader, Miguel Jachmann, Franziska Maria Pößl, Ioachim-Wilhelm Zarculea
Premiere am 26. Juni 2025
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.gostner.de

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