In 24 Stunden zum Ehering

5. Juli 2025. Die Montagues kommen in Bikerkluft, die Capulets tragen schicke Anzüge: Soziale Unterschiede begründen die Feindschaft zwischen den handlungstragenden Familien in Christian Stückls Shakespeare-Inszenierung, in der über 130 Nonprofi-Darsteller*innen auf der Passionsbühne stehen. Nur der Zufall spielt mal wieder keine rühmliche Rolle.  

Von Susanne Greiner

"Romeo und Julia" in der Regie von Christian Stückl im Passionstheater Oberammergau © Arno Declair

5. Juli 2025. "Romeo ist den ganzen Tag auf dem Dach gestanden", informiert Regisseur Christian Stückl vor der Premiere das Publikum. Denn wie alle Schauspieler*innen beim Passionstheater Oberammergau ist Romeo-Darsteller Yannick Schaap kein Profi-Schauspieler. Er ist Dachdecker. Da passt es, dass er auch bei Shakespeare statt der Balkone die Dächer der Montagues und Capulets erobert. Eva Norz ist Julia, zusammen spielten sie schon bei "Julius Cäsar" auf der Passionsbühne. Aber auch viele "Newcomer" hat Stückl geholt: insgesamt gut 130 Personen, inklusive Chor, der verdeckt hinter den beiden schnörkellosen Einfamilienhäusern in gelb – die Capulets – und türkis – die Montagues – steht.

Montagues auf Motorrädern

Sichtbar wird der Chor erst am Ende: Wenn Romeo in größtem Leid die zwei Häuserkulissen auseinanderschiebt, um zu Julias Gruft zu gelangen. Das Haus der Capulets ist größer, höher. Tybalt und seine Freunde tragen Anzüge, mal Pink oder tiefblau, gern in edlem Beige. Romeos Bande setzt auf Leder: Biker, die gerne mal mit qualmenden Motorrädern die Bühne kreuzen. Stefan Hageneier, für Bühne und Kostüme verantwortlich, weist auch mit anderen Requisiten in die Moderne: Nicht mehr die Degen werden gekreuzt, vielmehr schwingen Baseballschläger, markerschütternde Schüsse fetzen ins Ohr. In eindrücklicher Optik setzt Hageneier auf klare Linien und Farben. Die beiden Häuser stehen vor dem Bühnenhalbrund, das je nach Tageszeit einfarbig eingeleuchtet wird: ohne Struktur, ohne weitere Kulisse.

Die Kostüme zitieren die 50er: nichts Verspieltes, Block-Streifen, weite Röcke. Ein wenig Exaltiertheit darf mitmischen, beispielsweise in Lady Capulets grün-gelb gestreiftem Kleid mit riesigem Hut. Oder auch bei den Bürgerinnen der Stadt, die in lampenschirmartigen Kopfbedeckungen à la "Frühstück bei Tiffanys" dem Geschehen folgen.

Romeo und Julia2 1200 Arno DeclairAuf den Dächern von Verona: Eva Norz als Julia und Yannick Schaap als Romeo © Arno Declair

Das passt zu Stückls aufs Wesentliche reduzierter Inszenierung: Er hat Shakespeares Blankverse geglättet, die Sprache modernisiert. Da kann Romeo schon mal zum "Asphalt-Adonis" werden oder Anne – nicht mehr Amme – in den Augen Mercutios zum "Luxusdampfer". Stückl arbeitet stark den Unterschied zwischen der anfänglichen Komödie und dem tragischen Ende heraus. Gelacht wird vor der Pause, auch übers Derbe. Nach Mercutios und Tybalts Tod hat die Tragödie die Oberhand. Da Stückl die Dialoge gekürzt hat, bekommt das Stück massiv Tempo: Hat Shakespeare schon den Stoff der großen Liebe in (eher unrealistische) fünf Tage gepresst, verlieben sich Romeo und Julia bei Stückl gefühlt nach Sekunden.

Schlechtes Zeitmanagement 

Inhaltlich holt der Regisseur Shakespeare sanft in die Neuzeit, indem er die Feindschaft der Familien Capulet und Montague mit sozialen Unterschieden begründet: das kleinere Haus, die Biker-Kluft gegen die schicken Anzüge. Aber auch bei Stückl ist es letztendlich Schicksal, Zufall oder auch nur schlechtes Zeitmanagement, die die Liebe scheitern lassen: Benvolio verpasst Romeo, weshalb der Julias essenziellen Info-Brief nicht erhält. Und würde Julia nur ein wenig früher aufwachen aus ihrem Scheintod, könnte sie Romeo, der glaubt, sie lebe tatsächlich nicht mehr, das Gift, mit dem er ihr nachfolgen will, aus den Händen reißen. "Die große Liebe stolpert über die kleinen Zufälle", wird Iris Radisch so schön im Programmheft zitiert. Absolut zeitlos.

Für die Musik zeichnet Markus Zwink verantwortlich, mit Kompositionen, die wie Filmmusik die Handlung stützen. Vor allem kommt sie bei spannenden Szenen zum Einsatz, mit Schwerpunkt auf dem Schlagwerk. Was sich am Ende, wenn der Tod Einzug hält, zu kirchlicher Chormusik und Auszügen eines Requiems ändert.

Romeo und Julia5 1200 Arno DeclairTragischer Tod durch kleine Zufälle: Eva Norz und Yannick Schaap im Stück-Finale © Arno Declair

Eva Norz und Yannick Schaap gelingt es, die rasante Entwicklung ihrer Beziehung – innerhalb eines Tages vom ersten Sehen zum Ehering – glaubhaft wirken zu lassen. Beide spielen direkt, natürlich, ohne Klischees, das überzeugt. Julia, gerade mal 16 Jahre alt, kann schon mal backfischhaft über die Bühne hüpfen, Romeo sich in rosaroten Schwärmereien verlieren, wie das so ist bei der ersten großen Liebe. Herausragend auch Maximilian Bender als Benvolio, der stets Schlichtende, der vermitteln will. Benedikt Fischer als Lorenzo, laut Besetzungsliste Streetworker und Pfarrer, sorgt für Lacher, wenn er nonchalant mit Fahrradhelm ins Geschehen radelt. Seinen weiblichen Gegenpart, die Angestellte Anne, übernimmt Emma Burkhart mit quasselsüchtigem Elan. Stimmlich begeistert Maria Buchwieser, die als Lady Capulet zum Maskenball eine Renaissance-Sopran-Arie trällert. Aber auch das gesamte Ensemble – alles Laien – meistert den Auftritt. Kein Hänger, kein Verhaspeln, gute Betonung.

Kurzweilig, unterhaltsam, ansprechend

Stückls "Romeo und Julia" schenkt dem Publikum einen kurzweiligen Abend, unterhaltsam, optisch ansprechend. Aber dann fehlt es doch ein wenig am Shakespeare'schen Charme, an der Ausgewogenheit von Humor und Tragik, die dieses Drama, vor allem wegen Shakespeares Sprachwitz und -kunst, ausmachen. Stückl macht die große Liebesgeschichte leicht verdaulich. Aber ist es dann eine große Liebesgeschichte? Nicht umsonst hat Shakespeare dem Stück den Titel "The Most Excellent and Lamentable Tragedy of Romeo and Juliet" gegeben.

 

Romeo und Julia
von William Shakespeare
Regie: Christian Stückl, Bühne und Kostüme: Stefan Hageneier, Musik: Markus Zwink.
Mit: Yannick Schaap, Eva Norz, Carsten Lück, Maria Buchwieser, Ferdinand Dörfler, Frederik Mayet, Maximilian Bender, Martin Güntner, Rochus Rückel, Julius Iven, Benedikt Fischer, Emma Burkhart, Jonathan Lück, Nanno Hensold, Mallik Akinsola, Peter Mangold, Hubert Reiser, Dominikus Volk, Florian Maderspacher, Franziska Burger, Anna Norz, Kaldi Linz, Paul Stöcker.
Premiere am 4. Juli 2025
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.passionstheater.de

Kritikenrundschau

"Es geht um Schauwerte", und da wird für Christoph Leibold in "Fazit" auf Deutschlandfunk Kultur (4.7.2025) "ein bisschen zu viel" geboten. Weil "sich die Einzelteile dieses Mal nur bedingt" zu "einem stimmigen Großen und Ganzen" fügen. Es sei "sehr bunt, aber ein bisschen beliebig"; es gehe "Wirkung vor Deutung". Schauspielerisch biete der Abend mit Eva Norz und Yannick Schaap immerhin ein "formidables Titelpaar".

Der "kurzweilige Theaterabend" mit "großen starken Bildern" hat Richard Mayr von der Augsburger Allgemeinen (5.7.2025) überzeugt: "Opulent wie in der Oper gerät es, wenn Markus Zwink mit seinem Chor und Orchester einsetzt – nicht aus dem Orchestergraben (den es nicht gibt), sondern hinter der Bühne postiert. Die Musik führt einen fast zu Shakespeares Zeiten zurück, dann wieder klingt sie wie Film, am Ende nach Requiem. Was zu einer Überwältigung der Sinne führt, wenn fünfzig, sechzig und mehr Darsteller gleichzeitig auf der Bühne stehen." Regisseur Christian Stückl täusche "im ersten Teil noch eine Komödie mit brachial-derbem Humor an", bevor er sich der "Liebe, die in die Tragödie führt", zuwende.

"Angenehm kurzweilig erzählt Regisseur Christian Stückl die altbekannte Geschichte", berichtet Katja Kraft in der Münchner tz (5.7.2025). "Das gut aufgelegte Ensemble mit Sinn für Timing und trockenen Witz" hat es der Kritikerin angetan, insbesondere Yannick Schaap als Romeo, der als Dachdecker "beruflich auch die höchsten Höhen nicht scheut“ und "unter anderem deshalb die Idealbesetzung ist für Shakespeares Erklimmer höchster Gefühle".

"In die Passionsspielfalle" gehe Shakespeare Oberammergau, schreibt Teresa Grenzmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (7.7.2025). Publikumswirksam gemeinsam sei Shakespeares "großartigster und bedauerlichster Tragödie" aus dem Jahr 1597, die bei Stückl "ganz vergnüglich, sogar leichtfüßig" daherkomme, und dem etwa 35 Jahre später pestbedingt entstandenen "Spiel vom Leiden und Sterben Jesu Christi" Grenzmann zufolge "das Bildhafte, das Stellvertretende, das Symbolträchtige". Und so müssten Romeo und Julia für den Frieden zwischen ihren verfeindeten Familien sterben. Die Autorin lobt die Laiendarsteller*innen: Eva Norz als Julia, "die nicht im Traum daran denkt, ihr 16-jähriges Leben den Entscheidungen ihrer Eltern zu überlassen", und Yannick Schaaps als Romeo, der "dem Sturm durch alle Jahreszeiten seines Herzens" folge. "Unter der markierten Reife bleiben beide unsicher, verletzbar, sympathisch jugendlich." Charakterstarke Typen seien Benvolio, "vermittelnd und besonnen" gespielt von Maximilian Bender, und der "ungemein kraftvoll aufbrausende" Mercutio von Rochus Rückel, einem der beiden Jesus-Darsteller der Passion 2022.

Kommentare  
Romeo und Julia, Oberammergau: Jung, modern, zeitgemäß
Wunderschöne Aufführung des Klassikers jung, modern zeitgemäß was auch die Jugend sehr angesprochen hat. Die Schauspieler alles Laiendarsteller einfach großartig. Was das Bühnenbild betrifft, wäre noch Luft nach oben, da das ganze in Verona spielt wären einige Grünpflanzen, oder Blumen noch schön gewesen. Aber ansonsten tolle Schauspieler, alles sehr stimmig ein wunderschöner Abend.
Romeo und Julia, Oberammergau: In der Pause gegangen
Na ja - wir sind in der Pause gegangen, obwohl die Karten ziemlich teuer waren (54 € pro Stück). Es wurde laut deklamiert und gebrüllt, aber keine der behaupteten Emotionen kam plausibel rüber. Ein paar zotige Sprüche, die in diesem Kontext komisch und deplaziet wirkten, da sie offensichtlich unbedingt originell sein wollten. Lorenzo, der Mönchspriester, sah aus wie ein Rocker-auch das wahnsinnnig originell. Ein lächerliches Eheschließungsritual - wir waren alle vier einmütig der Ansicht, dass wir nach Hause fahren sollten, selbst auf die vernachlässigbare Gefahr hin, einen umwerfenden zweiten Teil zu verpasssen.
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