Vintage ist wieder in

6. November 2025. Mit Natalia Ginzburg kommt eine der wichtigsten Stimmen der italienischen Nachkriegsliteratur auf die Berliner Freie-Szene-Bühne im Ballhaus Ost. Regisseurin Holle Münster macht aus ihrem Roman "Alle unsere Gestern" einen Abend, den man hier nicht erwartet hätte. Und ein Raunen geht durch den Saal. 

Von Christian Rakow

"Alle unsere Gestern" in der Regie von Holle Münster im Ballhaus Ost Berlin © Anna Eckold

6. November 2025. Man reibt sich die Augen: Wirklich, Ballhaus Ost? Hier, wo Oliver Zahn schon mal ein endloses Wasch-Exerzitium abhält oder Manuel Gerst abendfüllend einen VW Käfer demolieren lässt und allerlei andere bunte Truppen die postdramatischen Register ziehen, nimmt sich dieser Abend durchaus überraschend aus. "Alle unsere Gestern" ist diskretes, old school Erzähltheater, nach einem Roman der italienischen Autorin Natalia Ginzburg (1916–1991). Vor einem Publikum, das deutlich älter und weniger szenig ist als am Ballhaus üblich.

Schlecht geheiratet – oder sehr schlecht? 

Regisseurin Holle Münster, viel beschäftigt im Stadttheater wie auch als Mitglied der freien Gruppe "Prinzip Gonzo", und Anna von Haebler, die sich unter anderem als Kommissarin in der "SOKO Hamburg" einen Namen machte, haben sich für diese Romanadaption als künstlerische Leitung zusammengetan. Und die Herausforderung ist nicht gering. Ginzburg ist Erzählerin durch und durch, ihr Werk praktisch durchweg in berichtender Form und indirekter Rede gehalten, arm an dramatisierbaren Szenen, reich an Raffungen. Es schildert Familienschicksale zur Zeit des Zweiten Weltkriegs in Italien, wobei die historischen Geschehnisse lange Hintergrundrauschen bleiben. Vordergründig geht es um die genretypischen Fragen, wer mit wem anbändelt, wer mit wem ein Kind zeugt, wer schlecht oder sehr schlecht heiratet, und wer sich selbst erschießt.

Alle unsere Gestern Anna Eckold 13Die Kraft des nüchternen Erzählens: Maria Walser auf Leonie Ohlows Bühne, im Hintergrund Schauspielkollegin Anna von Haebler und alpha kartsaki mit der Musik © Anna Eckold

Anna von Haebler und Maria Walser als Spielerinnen stemmen die sorgsam gestraffte Bühnenfassung in Frontalerzählung. Aus dem Hintergrund spielt ihnen alpha kartsaki mitunter Sounds und Musik ein. Rechterhand steht eine Bar, und das Publikum wird nach der Aufführung dort mit Wein und lecker ausschauenden Bruschetta verköstigt. Ein Hoch auf die italienische Gastlichkeit! Die übrige Bühne und die Kostüme von Leonie Ohlow zeigen Vintage-Patchwork: Stoffbahnen wie aus zusammengenähten Tischtüchern, Hemden aus Omas Eichenschrank.

Machertyp mit gutem Herzen

Um den am Gängelband der Erzählerin laufenden Romanfiguren etwas Leben einzuhauchen, geben Haebler und Walser in der ersten Hälfte mächtig Zuckerguss: Sie karikieren und grimassieren sich in die Brüder und Schwestern hinein. Sie fangen kurz an zu brüllen, wenn der Krieg beginnt, oder stopfen sich einen Pullover vor den Bauch, wenn die Schwangerschaft ansteht. Nur selten verlassen sie den Vortragsmodus und setzen winzige tänzerische Akzente (Walser ist von Hause aus auch Choreographin). Im Ganzen wähnt man sich im gehobenen Boulevard-Theater, so konventionell geht es hier zu.

Erst in der zweiten Hälfte finden Haebler und Walser einen eindringlicheren Ton, separieren sich für längere Monologe und vertrauen der Kraft des nüchternen Erzählens. Auch Ginzburgs Buch gewinnt dort an Spannung und Prägnanz: Wir hören von den letzten Kriegsjahren in einem Dorf in den Abruzzen, wo ein Machertyp mit gutem Herzen probiert, Juden vor dem Zugriff der nazideutschen Besatzer zu retten. Die Konzentration dieses Finales verfängt.

Selbstbewusst retro

Der Titel "Alle unsere Gestern" verdankt sich einem Shakespeare-Diktum aus "Macbeth": "Und alle unsre Gestern wiesen Narren / Nur den Pfad zu Staub und Tod." Diese Spur aus dem Gestern ins staubige Heute sucht der Abend nicht nachzuzeichnen. Er bleibt selbstbewusst retro. Nur einmal schreckt er sein Publikum auf. Da heißt es über die flüchtenden Juden: "Wer weiß, warum die Polizei sie in ihrem Stadtbild nicht mehr will." Ein Raunen geht durch die Reihen. Der Stadtbild-Kritiker und Kanzler der Deutschen Friedrich Merz hat wirklich einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Alle unsere Gestern
von Holle Münster und Anna von Haebler
Nach dem Roman von Natalia Ginzburg
Künstlerische Leitung: Holle Münster, Anna von Haebler, Regie: Holle Münster, Dramaturgie: Janette Mickan, Bühne/Kostüm: Leonie Ohlow, Assistenz: Nadine Vidakov, Licht: Fabian Eichner.
Spiel: Anna von Haebler, Maria Walser, Musik: alpha kartsaki.
Premiere am 5. November 2025
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.ballhausost.de

Kommentare  
Alle unsere Gestern, Berlin: Beschenkt
Wann war ich zuletzt nach nk in einem Stück? Hmm. Gedankenscharfer Richter Rakow hat mich jedenfalls ins Ballhaus gelockt, wo ich schon sehr lang nicht mehr hinkam. Und ich wurde beschenkt. Was für eine feine, lässige, textnahe, spielerische, tiefgrundbalancierte und uneitle Inszenierung die Beteiligten da hingelegt haben, Hut ab. Nun Lust, das Buch in Gänze zu lesen, Natalia Ginzburgs Werk kennenzulernen.

Irgendwie wünscht sich mein postdramatischer Vorhof beim Erleben, dass noch alles hinterfragt, dekonstruiert und unterlaufen wird. Aber das kommt nicht. Späte Einsicht in die Wohltat und Counterbalance zum Vinge/Müller-Pol: Theater bei sich, alte Schule. Allein Maria Walsers Spiel ist ein Fest, mein Gott. Vor allem wenn sie die Familienmitglieder, die zu Besuch kommen, protomimt.

Und im Grunde kommen wir langsam im Morgen an, wenn nicht mehr erwähnt wird, dass hier nur Frauen (zumindest welche, die ich so lese) performen und beteiligt sind. Wenn wir da mal schon wären. Durch die Verschränkung mit den Macbeth-Hexen bin ich nicht durchgestiegen, da fehlt mir die Lektüre des Romans von Ginzburg. Was aber knallt und Mut erfordert (so wie Komödie das Schwerste ist), ist die Konzentration auf den Text, auf die Haltung, auf die Geschichten. Der Krieg und die Faschisten. Wie ihnen entgegentreten, das ist die Frage?

Ballhaus Ost und Theater, mehr davon bitte. Dieses Weniger an Heitideiti und Überdenhaufenwerfen, mehr Lauschen und Konzentration, hat mir einen überraschenden Höhepunkt des Jahres beschert. Dank an diese Menschen, die solche Konvention noch leisten/bringen/wagen.
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