Der Lügenprinz - Berliner Ensemble
Unser Mann für gewisse Stunden
19. Dezember 2024. Henrik Ibsens dramatisches Gedicht "Peer Gynt" erstreckt sich gerne auf rekordverdächtige Längen. Fünf Stunden oder auch gleich zwei ganze Abende gab es in der Theatergeschichte schon. Lucia Wunsch kommt mit ihrer Version auf gerade einmal 50 Minuten. Das kann doch nur gehen, wenn man den Kern der Zwiebel gefunden hat!
Von Christian Rakow
"Der Lügenprinz" in der Regie von Lucia Wunsch am Berliner Ensemble © Moritz Haase
19. Dezember 2024. Als ich vor Jahren meine Tätigkeit als Theaterkritiker mit einer Reise in ein Provinzstädtchen begann, sagte mein Redakteur und Mentor zu mir: Hör mal, Du fährst nicht dorthin, um zu berichten, dass die nicht mit Berlin mithalten können. Es gibt immer die Chance auf Entdeckungen! Es kann ein dramaturgischer Einfall sein, eine einzelne Schauspielleistung, vielleicht die Kostüme oder das Bühnenbild. Schau hin, was Dir als künstlerische Tat auffällt!
Im Probierstadium
Abende mit den BE-Gallionsfiguren Constanze Becker und Paul Herwig sowie der jungen und jüngst sehr gefeierten Amelie Willberg (in Gittersee) stehen gemeinhin nicht im Verdacht, dass man bei ihnen irgendwie Samthandschuhe und Lupe auspacken müsste, um herausragende Darbietungen zu entdecken. Aber natürlich hat diese Premiere "Der Lügenprinz" im Werkraum des Berliner Ensembles besondere Vorzeichen. Sie läuft im Ausbildungsprogramm des BE, wo sich junge Regiekräfte ein Jahr lang ausprobieren können, bevor sie auf die größeren Bühnen vorgelassen werden. Und dieser "Lügenprinz" steckt tatsächlich noch sehr im Probierstadium.
In knapp fünfzig Minuten Spieldauer zeigt Regisseurin Lucia Wunsch eine Rumpf-Ansicht des "Peer Gynt" von Henrik Ibsen. Ursprünglich war wohl eine weitgehende Neufassung des Dramas aus der Feder von Hannah Zufall angedacht. Davon sind jetzt – dem Programmheft nach – noch "Texte" übrig (vor allem etwas aktualisierter Wortschatz).
Fantast und Hallodri
Wer als Zuschauer seinen "Peer Gynt" nicht aus dem Effeff kennt, ist bei dem Treiben ziemlich aufgeschmissen. Alle Akteure wechseln permanent die Rollen, umkreisen wiederholt die Begegnung zwischen Peer mit seiner Jugendliebe Solvejg, aus der so recht keine Beziehung entsteht (trotz mitgebrachter Blume als Geschenk), weil Peer eben der ist, der er schon in Ibsens romantischer Dichtung war: ein Außenseiter, ein Fantast, ein Hallodri, ein Größenwahnsinniger, ein Egomane, ein Weltenbummler, ein Lügenprinz. Kurzum: kein Mann zum Heiraten, sondern ein Kerl wie eine Zwiebel. Man kann ihn Schicht um Schicht häuten, aber wird doch keinen Kern finden.
Es wird gepaddelt: Amelie Willberg, Paul Herwig, Constanze Becker © Moritz Haase
Ja, das berühmte Zwiebelgleichnis aus dem Ibsen ist erhalten und auch sonst einige Anspielungen auf den Weg des Peer Gynt, der in seiner norwegischen Heimat unter anderem knapp einer Troll-Hochzeit entgeht und später in Afrika als Sklavenhändler zu Reichtum kommt. Es ist ja kurz vor Weihnachten, Zeit für Gesellschaftsspiele. Abende wie diese funktionieren als "Trivial Pursuit" für gehobene Ansprüche. Darf's noch ein Zitat mehr sein? Wer kommt mit der knappsten Andeutung zu Rande? Aus sich selbst heraus, ohne die Ibsen-Folie, erzählt das Ganze hingegen wenig.
Stoff für den bombastischen Bühnenzauber
Jetzt aber der Grund, weshalb ich an meine Anfänge als Kritiker denken musste: Es gab doch etwas zu entdecken! "Ein Königreich für den Fantast", fordert Peer, er sucht (wie auch bei Ibsen in gereimten Versen): "die große, weite Welt / Die mir so gut gefällt!" Und wirklich ist ja "Peer Gynt" ein weltumspannender Stoff für die raumgreifendsten Bühnen, für den bombastischen Budenzauber. Wie sollte das auch nur ansatzweise in den winzigen Werkraum des BE passen?
Bühnenbildnerin Katja Pech hat dem Team eine gewiefte Raumkonstruktion geschaffen: Eine Art großer Frachtcontainer steht mitten auf der Spielfläche und kann, einmal geöffnet, mit seinen klappbaren Wänden und einem schachbrettartigen Bodenpodest blitzschnell zu unterschiedlichsten, verwinkelten Räumen umgebaut werden. Somnambule Zimmer entstehen, geheimnisvolle Gänge. Ein Hauch von "Twin Peaks" umweht sie. In den besten Momenten lässt sich Regisseurin Lucia Wunsch von diesen Atmosphären treiben und schickt Peer Gynt durch Licht und Dunkel, in gleißend rot ausgeleuchtete Szenen, in Verdacht schürende Tür-auf-Tür-zu-Versteckspiele. Da lässt sich ausmalen, wie so solche Raumbeherrschung irgendwann in größere psychedelische Fantasien münden kann. Für heute war's lediglich ein Versprechen.
Der Lügenprinz
nach Henrik Ibsens "Peer Gynt", mit Texten von Hannah Zufall
Regie: Lucia Wunsch, Bühne: Katja Pech, Kostüme: Svenja Kosmalski, Musik & Sounddesign: Bendrik Grossterlinden, Licht: Robert Matysiak, Dramaturgie: Daniel Grünauer.
Mit: Constanze Becker, Paul Herwig, Amelie Willberg.
Premiere am 18. Dezember 2024
Dauer: 50 Minuten, keine Pause
www.berliner-ensemble.de
Kritikenrundschau
"'Der Lügenprinz"' ist eine Fingerübung, kurz, aber gehaltvoll und ein Versprechen auf mehr", urteilt Elena Philipp in der Berliner Morgenpost (20.12.2024). Von Peer Gynt sei in der eingedampften Fassung "alle Düsternis abgefallen. Bei Lucia Wunsch ist Peer ein Hansdampf-aus-der-Box, ein Springteufelchen, dessen hochfliegende Pläne doch Platz in der kleinsten Hütte haben. Mit dem verrückten Hutmacher aus 'Alice im Wunderland' ist er ebenso verwandt wie mit dem tragischen Dänenprinzen Hamlet."
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Dramaturgisch ist der 50 Minuten kurze Abend dünn, kommt nicht über eine Aneinanderreihung der aus ihrem Kontext gerissenen Miniaturen und ein "Peer Gynt"-Best-of hinaus. Vielversprechend ist Katja Pechs Bühne: immer wieder neu faltet sich das Häuschen, aus dem das Trio herauskommt und in dem es verschwindet. Ständig ist diese Raumkonstruktion in Bewegung, neue Winkel und Zimmer entstehen. Dieses Bühnenbild ist die vierte Hauptdarstellerin in der surrealen Nummernrevue „Der Lügenprinz“ frei nach Ibsen, es hätte aber noch immersiver ins Spiel einbezogen werden können.
Manche herausragende WORX-Arbeiten wie „Hedda“ schaffen den Sprung ins größere Neue Haus und bleiben im Repertoire des BE. „Der Lügenprinz“ ist jedoch zu sehr Fingerübung, so dass gestern bei der traditionellen Werkschau des WORX-Jahrgangs schon die Dernière anstand.
Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/06/14/der-luegenprinz-berliner-ensemble-kritik/