Vom Großen und Ganzen der Menschheit

22. Juni 2025. Traditionell gehen die Autor*innentheatertage in Berlin mit einer langen Nacht zu Ende: Vier neue Texte waren in diesem Jahr zu erleben – ambitioniert in den Stoffen, prominent besetzt auf der Bühne. Wo steht die neue Dramatik am Saisonausklang?

Von Michael Laages

Festivalfinale: Lang Nacht der Autor*innen – hier mit "Fellwechsel" von Miku Sophie Kühmel © Jasmin Schuller

22. Juni 2025. Das war mal Routine – über sehr viele Jahre hin haben sich Freundinnen und Freunde wie die kritischen Begleiterinnen und Begleiter dieses Festivals auseinandersetzen müssen mit jeweils einer (und immer nur einer!) Meinung darüber, welche neueren Texte für die Bühne wichtig sein könnten und welche eher nicht. Zentraler struktureller Baustein der einst von Ulrich Khuon und seinem Team begründeten "Autorentheatertage" war immer der Solist oder (seltener) die Solistin in alleiniger Jurorenschaft gewesen.

Kein kleinster gemeinsamer Nenner – wie er ja üblich ist in mehrköpfigen Jury-Versammlungen – sollte hier gefunden werden, sondern (wann immer möglich) das Besondere, vielleicht sogar das Unikat. Gelegentlich wurde herumgewerkelt an der Struktur, auch das Ensemble hat mal kollektiv die Texte ausgesucht, die im Rahmen des Festivals ausprobiert werden sollten – aber all das ist Geschichte, seit das Team um Iris Laufenberg die Neue-Stücke-Präsentation übernommen hat. Die aktuelle Ausgabe ist wie schon die vergangene in Werkstatt-Gruppen über die Spielzeit hin entstanden. 

Aber ist nun alles anders, womöglich gar besser, interessanter? Hat sich der Horizont geweitet? Nicht automatisch. Immerhin: Die Partnerschaft mit dem RambaZamba Theater, seinerseits auf Erfolgskurs mit eigenen Inszenierungen von Jorinde Dröse, Leander Haußmann oder Klaus Pohl, verstetigt sich. Das ist gut so – schon weil einst DT-Intendant Thomas Langhoff zu den verlässlichsten Freunden und Förderern der Theatergründung von Gisela Höhne und Klaus Erforth gehörte. Die Spielerinnen und Spieler des aktuellen Ensembles sind über Jahrzehnte hinweg immer auch ein wenig zu Hause am Deutschen Theater.

Schönster Satz des Abends

Der derzeitige Leiter, Regisseur Jakob Höhne, will mit guten Gründen (um den Bestand des kleinen Hauses zu sichern) seit geraumer Zeit schon an recht großen Rädern drehen – und hat dabei nicht immer Glück mit den Methoden. "Herrlichkeit 1 und 2" etwa, die Montage von Texten aus dem "RambaZamba"-Ensemble, gelingt nicht wirklich. Zunächst liest Ulrich Matthes zur Eröffnung der Langen Nacht des Festivals die Texte von Zora Schemm und Nele Winkler, Franziska Kleinert, Moritz Höhne und Anil Merickan; und Matthes schafft das erwartbar meisterlich.

Dann aber ist Regisseur Höhne auf die Idee verfallen, die gerade gehörten Texte auch noch zu inszenieren – und das stellt eine Fallhöhe her, die auch den Texten gar nicht gut bekommt. Auch Almut Zilcher und Peter-Rene Lüdicke, wichtige Größen im DT-Ensemble und natürlich Stützen der kleinen "Herrlichkeits"-Gesellschaft, kriegen deutlich überschräge Spielprofile verpasst; und obwohl immerhin auf der Bühne eine Art Fesselballon zu starten scheint, hebt der erste Teil vom Festival-Marathon leider nur sehr bedingt ab. Jubel ist zwar immer fest einplanbar bei "RambaZamba"-Beteiligung - aber die neuerliche Begegnung mit den außergewöhnlichen Talenten der Gruppe bleibt fundamental im Ungleichgewicht; der Zauber bleibt hohl. Aber den schönsten Satz liefert RambaZamba der Langen Nacht: "Wir alle sind Pommes". Jawoll.

Autor:innenTheaterTage 202511. bis 21. Juni am Deutschen Theater BerlinDie Lange Nacht der Autor:innenDT Atelier plus, DT und RambaZamba TheaterRegieteam und Besetzung:Regie: Jacob HöhneBühne: Arite LöcherKostüm: Nicole TimmMusik: Moritz Ilmer, Moritz Höhne Dramaturgie: Joy von Wienskowski, Karla MäderLicht: Matthias VogelAutor:innen: Zora Schemm, Nele Winkler, Moritz Höhne, Franziska Kleinert  und Anil MerickanMIT Peter-René Lüdicke, Ulrich Matthes, Almut Zilcher (DT Ensemble), Juliana Götze, Zora Schemm, Jonas Sippel, Moritz Höhne – Live Musik (Spieler:innen RambaZamba)Auf zur Ballonfahrt: "Herrlichkeit 1 und 2" von Moritz Höhne, Franziska Kleinert, Anil Merickan, Zora Schemm, Nele Winkler © Jasmin Schuller

Wenn dann gleich danach – in Guido Wertheimers ebenso apokalyptischer wie kryptischer Phantasie von der Theater- und Welt- und Metropolen-Zerstörung – mit Lioba Breitsprecher ein weiteres RambaZamba-Mitglied das finale Bild prägt, als Zauberer und am Schlagzeug, ist auch das nur eine Pointe. Der Text ist deutlich überambitioniert, will viel zuviel bedeuten und trudelt ziemlich bald nur noch erschöpfend vor sich hin. Die Fabel geht so: Zunächst werden wir, das Publikum, im Bühnenraum der Kammerspiele zwangsversammelt, und aus den Höhen des Bühnenturms herab stimmt uns eine Art Gott auf die Passion ein, die uns gleich bevorsteht; die Dystopie, die jetzt folgt, hätte er uns – sagt er, und Autor Wertheimer unterstützt ihn dabei als Stimme aus dem Off – eigentlich ganz gern erspart.

Überreiztes Apokalyptical

Es kommt dann auch recht schlimm. Vier Figuren sind in den "Ruinen unter der Stadt" unterwegs. Bunker von früher sollen wir uns vorstellen, lange miefige Gänge, eine Nicht-Welt aus ziemlich viel Nichts. Aber mit vier jungen Menschen darin, die vielleicht noch irgendwie an Aufstand denken, oder denken könnten; immerhin haben sie eine Pistole gefunden, vermutlich aus Nazi-Zeiten. Und sie erschießen sogar tatsächlich den Herrn aus dem Publikum, ganz glänzend in Rot gekleidet, der sie mit allerlei nationalistischem, sozialdarwinistischem und rechtspopulistischem Gebrabbel behelligt. Tatsächlich aber behält der rechte Schrat wohl noch im Tod die Oberhand – denn Wertheimers Text zelebriert von nun an eigentlich nur noch den Untergang. Zukunft ist nirgends, auch nicht wirklich beim Zauberer zum Schluss. Das Apokalytical bleibt überreizt und spektakelt sich nicht zum Ereignis voran. Die Berichte von Wertheimers jüngster Uraufführung in Münster und Recklinghausen hatten da deutlich mehr versprochen.

 Autor:innenTheaterTage 202511. bis 21. Juni am Deutschen Theater BerlinDie Lange Nacht der Autor:innen, Atelier WertheimerRegieteam und Besetzung:Regie: Guido Wertheimer Bühne: Diana BerndtKostüme: Lena BeckVideo: Ana IramainMusik: Julian GalayDramaturgie: Bernd IseleLicht:  Thomas LangguthAutor: Guido WertheimerMIT Komi Mizrajim Togbonou , Alexej Lochmann (DT), Katrija Lehmann (DT), Florian Köhler (DT), Janek Maudrich (DT Ensemble), Zalina Sanchez (Spielerin DT Jung*), Lioba Breitensprecher (RambaZamba Theater), Guido Wertheimer,  Julian Galay Wann kommt der Aufstand? "Nach dem Hass" von Guido Wertheimer © Jasmin Schuller

Von den Kammerspielen flitzen wir zügig hinüber auf die Hinterbühne vom DT - und bekommen endlich ein überzeugendes Stück Theater vorgesetzt: "dtschlnd, deine jahreszeiten". Der ulkige Titel löst sich ein im Text von Josephine Witt, der (so war zu hören) ein wirklich abendfüllendes Sujet aufblättert, eine Art Familien- und Welttheater: mit Mutter, Tochter und Kind und Chor-Kollektiven, deren Profile sich inhaltlich an Frühling und Sommer, Herbst und Winter orientieren. Schöne Idee. Die Mutter – sagt sie uns irgendwann – ist halt auch Mutter Natur. Sie ist es, die vor der Tochter und deren Kind Ferdinand, einer ziemlich zerknautschten Puppe und prima von einer der Ensemble-Frauen geführt, den ökologischen Wechsel der Zeiten ausbreitet – vom Aufbruch im Frühjahr über die Mühen und Freuden der Sommerhitze sowie Stürme und Ernte im Herbst bis hin zum Sterben in der Kälte.

Der Text ist poetisch, ohne je überkandidelt zu wirken, und die musikalische Struktur wird deutlich forciert in der szenischen Einrichtung von Florian Hein. Diesen Text sollte sich möglichst schnell ein Theater sichern, das vom Großen und Ganzen der Menschenwelt erzählen will.

 Autor:innenTheaterTage 202511. bis 21. Juni am Deutschen Theater BerlinDie Lange Nacht der Autor:innen, Atelier WittRegieteam und Besetzung:Regie und Musik: Florian HeinBühne: Jakob GerberKostüm: Katharina AchterkampDramaturgie: Lilly BuschLicht: Matthias VogelAutorin: Josephine WittMIT Lisa Birke Balzer, Daria von Loewenich, Mercy Dorcas Otieno, Mathilda Switala (DT Ensemble), Amy Benkenstein, Cutter Constantin Dendl, Mareike Hein, Jette Kupke (Spieler:innen DT Jung*)Bald auch auf weiteren Bühnen? "dtschlnd, deine jahreszeiten" von Josephine Witt © Jasmin Schuller

Das Finale gehört einem echten Jugendstück: "Fellwechsel", vom Team um Miku Sophie Kühmel erzählt und von Andras Dömötör ziemlich klar und pointiert inszeniert, erzählt von zwei Mädchen, die einander im internationalen Schülerinnen-Austausch abhanden kommen - eine geht für ein halbes Jahr nach Bogota in Kolumbien, die andere in die Eis-Welten von Island; über das Internet bleiben sie verbunden. Aber die eine – wahrscheinlich innerlich schon bereit für die Liebe zur Freundin – zerstört das mögliche Glück, indem sie von Island aus einen Netz-Lover für das Gegenüber in Bogota erfindet. Tatsächlich ist es aber immer sie selber, die die erotische Annäherung evoziert.

Geschickt gestrickt

Und wem gehört nun das Fell? Immerhin steht da im Titel ein "Fellwechsel". Der isländische Fuchs wird immer wieder beschworen, und er singt dazu wie Björk. Miku Sophie Kühmel lässt die Fabel unter komplizierten Jugendlichen in der Schule beginnen, in einer Art Diavortrag über Island – auch hier ist dem ziemlich geschickt gestrickten Text die baldige Uraufführung sehr zu wünschen.

Halbe-halbe Topp und Flopp – das ist keine wirklich miese Bilanz. Aber vielleicht wäre dem Festival der Autorinnen und Autoren doch mal wieder ein stärker konturiertes Profil zu wünschen. Stück-Werkstätten mögen ja ganz gut funktionieren; aber Autorinnen und Autoren, die sich bewerben, um mit Profil und Kompetenz ausgewählt zu werden für den ersten Versuch, waren doch auch nie ganz schlecht.

 

dtschlnd, deine jahreszeiten
von Josephine Witt
Szenische: Eichrichtung und Musik: Florian Hein, Bühne: Jakob Gerber, Kostüm: Katharina Achterkamp, Dramaturgie: Lilly Busch.
Mit: Lise Birke Balzer, Amy Benkenstein, Cutter Constantin Dendl, Mareike Hein, Jette Kupke, Daria von Loewenich, Mercy Dorcas OtienoMathilda Switala.

Nach dem Hass
von Guido Wertheimer
Szenische Einrichtung: Guido Wertheimer, Bühne: Diana Berndt, Kostüm: Lena Beck, Musik: Julian Galay, Video: Ana Iramain, Dramaturgie: Bernd Isele.
Mit: Lioba Breitsprecher, Julian Galay, Florian Köhler, Katrija Lehmann, Alexej Lochmann, Janek Maudrich, Zalina Sanchez, Komim Mizrajim Togbonou, Guido Wertheimer.

Fellwechsel
von Atelier Kühmel (Miku Sophie Kühmel)
Regie: Andras Dömötör, Ausstattung: Ramona Hufler, Musik: Matthias Grübel, Dramaturgie: Daniel Richter, Licht Matthias Vogel.
Mit: Isaak Antwi, Jonas Hien, Lenz Moetti, Bernd Moss, Fanny Poensgen, Evamaria Salcher, Mio Jurek Lane Südhoff, Mathilda Tzitzi.

Herrlichkeit 1 und 2
von Zora Schemm, Nele Winkler, Moritz Höhne, Franziska Kleinert und Anil Merickan
Regie: Jakob Höhne, Bühne: Arite Löcher, Kostüm: Nicole Timm, Musik: Moritz Ilmer, Moritz Höhne, Dramaturgie: Joy von Wienskowski, Karla Mäder, Licht Matthias Vogel.
Mit: Juliana Götze, Peter-René Lüdicke, Ulrich Matthes, Zora Schemm, Jonas Sippel, Almut Zilcher.

Lange Nacht der Autor*innen am 21. Juni 2025

deutschestheater.de

Kommentare  
Lange Nacht ATT, Berlin: Zwischenstand
Ein Zwischenstand der Ateliers wird bei der Langen Nacht im Juni präsentiert, für viele Projekte ist dann Endstation, im besten Fall wird den den Ergebnissen noch der nötige Feinschliff verpasst, so dass in der kommenden Spielzeit Texte von Nele Stuhler und Caren Jeß, die bei der Langen Nacht 2024 zu sehen waren, im regulären Repertoire-Betrieb zur Premiere kommen lönnen.

Aus dem aktuellen Jahrgang ist Miku Sophie Kühmels queere Coming of Age-Komödie „Fellwechsel“ am nächsten an der Bühnenreife. András Dömötör inszeniert den Text mit bekannten Gesichtern aus der DT jung-Sparte wie Mio Jurek Lane Südhoff (als Mitschülix) und begabten DT-Komödianten wie Bernd Moss (als Troll) und Jonas Hien (als Lehrer). Zwischen Carina (Fanny Poensgen) und Luisa (Mathilda Tzitzi) knistert es, im Schüleraustausch werden sie jedoch in sehr unterschiedliche Weltgegenden geschickt. Die eine landet in Island und erliegt dort dem Charme eines einheimischen Schönlings (Lenz Moretti), die andere zieht nach Bogotá. Kommentiert vom Elfengesang (die krankheitsbedingt eingesprungene Evamaria Salcher) und beobachtet von den Trollen erleben wir eine amüsante Komödie, bei der viel gelacht wurde, bis der Vorhang pünktlich um Mitternacht viel.

Einen chorisch-musikalischen Zugang zur deutschen Literatur- und Geistesgeschichte versuchen Autorin Josefine Witt und Regisseur Florian Hein, der meist in der Berliner Off-Szene von Ballhaus Ost bis Sophiensaele arbeitet, in „dtschlnd, deine jahreszeiten". Die allegorische Mutter Natur (Lisa Birke Balzer) lotst ihre Tochter (Mathilda Switala) durch die (Jahres)-Zeiten. Als Fahnenträgerin führt Mercy Dorcas Otieno den Chor an, der von Frühling bis Winter mit Versatzstücken aus dem Kanon von Heinrich Heine bis Johann Wolfgang von Goethe spielt.

Mit den dunkelsten Seiten der deutschen Geschichte befasst sich Guido Wertheimer, der als Nachfahre von Holocaust-Überlebenden in Buenos Aires geboren wurde, in seinem Stück „Nach dem Hass". In einem Bunker sind die Figuren von einem Monster (Janek Maudrich) konfrontiert, aus dem Off kommentiert vom regieführenden Autor mit Latino-Akzent geraten sie tief in einen dystopischen Strudel.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/06/22/lange-nacht-der-autorinnen-2025-kritik/
Kommentar schreiben