Furchtlos gegen Männergewalt

25. Oktober 2025. Kleist trifft Dokumentartheater: Die Vergewaltigung in Kleists "Marquise von O." und das Aufbegehren der Marquise gegen den Täter verschränkt Regisseurin Ildikó Gáspár am Deutschen Theater Berlin mit realen Missbrauchsfällen der jüngeren Vergangenheit. Ein Abend, der unter die Haut geht.

Von Georg Kasch

Ildikó Gáspár zeigt "Marquise von O. und –" am Deutschen Theater Berlin © Eike Walkenhorst

25. Oktober 2025. Ist sie tot oder nur schlafend, die nackte Frau in der Vitrine? Reglos liegt sie da, und erst, als die Kamera sie umkreist, sieht man, dass es sich um eine Puppe handelt. Genauer: um eine Nachbildung der anatomischen Venus, einer Ende des 18. Jahrhunderts in Florenz gefertigten Wachsskulptur des weiblichen Körpers. Man kann den Bauchraum öffnen und die Organe entnehmen, darunter ein kleiner Fötus.

Das Schweigen brechen

Es gibt Männer, die Frauen so am liebsten haben: passiv, geordnet, zur Verfügung. Unter ihnen auch Typen wie Graf F. in Heinrich von Kleists Novelle "Die Marquise von O.", veröffentlicht 1808. Am Deutschen Theater Berlin haben Regisseurin Ildikó Gáspár und ihr Team dem Titel noch ein "und –" hinzugefügt. Dahinter verbirgt sich das Unaussprechliche: Der russische Graf vergewaltigt im Schlachtchaos die ohnmächtige Marquise Julietta. Wovon die Welt nur erfährt, weil sie schwanger wird und, zur Ehrenrettung, per Zeitungsannonce öffentlich nach dem Vater sucht.

Wer aber die Tat verschweigt, schützt den Täter. Also füllt dieser Abend die Leerstelle mit Berichten dreier realer Vergewaltigungen. Kleist trifft hier auf Dokumentartheater – und was zunächst zumindest literarisch wie eine ungleiche Paarung wirkt, entwickelt sich zu einem intensiven Abend darüber, wie wichtig es ist, dass das Schweigen gebrochen wird und die Scham die Seite wechselt.

MarquisevonO 3 WalkenhorstVon Kleist bis in die Gegenwart: Maren Eggert spielt in "Die Marquise von O. und –" © Eike Walkenhorst

Dafür hat Ausstatterin Lili Izsák eine spärliche, laborartige Bühne gebaut: Stühle, Mikros, LED-Stelen vorm weißen Rundhorizont, der sich hin und wieder in Bewegung setzt. Wenn er sich dem Bühnenportal nähert, wird er zur Projektionsfläche. Weil man (wie auch bei Kleist) nur Ausschnitte erkennt, erzählt er zugleich etwas über die bruchstückhafte Spurensuche – selten ergibt sich ein ganzes Bild.

Mit Herzschlag-Musik

Hier setzen die sieben Spieler*innen allmählich das Bild eines Systems zusammen: Männer vergewaltigen nicht nur, sie bagatellisieren zudem die Taten und schützen die Täter. Wie der Kommandant, der seiner Tochter nicht glaubt und sie wegen ihrer Schwangerschaft verstößt. Wie die patriarchale Gesellschaft, die Ehen zwischen Opfer und Täter erzwingt. Während sie sich tastend vorarbeiten in der Novelle, kristallisieren sich trotz der Ähnlichkeit – alle tragen schwarze Langhaarperücken, Röcke, Absätze – allmählich Rollen heraus: Maren Eggert verleiht ihrer Marquise eine angenehme Sprödigkeit, Alexander Khuon seinem Grafen erst großspurige Ungeduld, dann zunehmend Betretenheit. Jörg Pose skizziert einen harten Vater, Almut Zilcher die erst abweisende, dann mitfühlende Mutter.

Gelegentlich greifen sie zu den bereitstehenden Instrumenten, schrummeln auf den E-Gitarren und -Bässen den Krieg herbei. Florian Köhler verbeißt sich unerbittlich in die Femizidballade "Banks of the Ohio". Einmal verschanzt sich Eggert auch hinterm E-Piano, auf dem sie spielt, um sich Khuons heiratswütigen Grafen vom Leib zu halten. Daneben sorgt Flóra Lili Matisz' Musik für einen treibenden Herzschlag-Rhythmus, der die ja schon bei Kleist vorhandene Spannung intensiviert.

Deutungsverrenkungen der Täter

Unterbrochen wird die Novelle von Berichten von Franca Viola, die von ihrem Ex-Verlobten in Italien vergewaltigt wird und danach die Ehe mit ihm ablehnt. Von Erika Renner, in Ungarn verstümmelt von ihrem Ex-Geliebten – beinahe scheitert sie an der Justiz. Und von Gisèle Pelicot, die, indem sie in Frankreich auf einen öffentlichen Prozess bestand, Betroffenen Stimme und Gesicht gab. Drei furchtlose Frauen, die sich nicht zum Opfer haben machen lassen, sondern die Täter stellten. Und das in einem System, in dem immer noch die Männer Macht und Deutungshoheit haben.

MarquisevonO 5 WalkenhorstDas DT-Ensemble in Kostümen von Lili Izsák © Eike Walkenhorst

Einmal bedrängen die Spieler*innen als Reporter*innen Franca Violas Mann mit Fragen, die auch den Journalismus in keinem guten Licht zeigen: Etwa, ob seine Mutter nicht enttäuscht gewesen sei, dass er ein Mädchen mit schlechtem Ruf geheiratet habe. So lange, bis Schauspieler Lenz Moretti ganz kleinlaut wird. Ein andermal sitzt Pose als Dominique Pelicot in der Vitrine und spricht über seine Motive, und man merkt, wie sehr da einer es genießt, endlich wieder die Erklärhoheit zu haben. Dann wieder zitieren Moretti und Mathilda Switala ausschließlich männliche Interpreten der Novelle, deren Deutungsverrenkungen dröhnend über die Vergewaltigung schweigen.

Was diese Passagen erträglich macht? Zärtliche Gesten unter den Spielenden, die alle sehr genau agieren, als erforschten sie unter Laborbedingungen das Unfassbare. Das Verfremdungssetting, das ihnen jederzeit einen Perspektiv- und Rollenwechsel ermöglicht. Winzige Comic-Relief-Gesten beim Kleist. Und nicht zuletzt die Resilienz der Frauen, die sich die Macht über ihre Geschichten zurückgeholt haben, indem sie sie erzählten.

Die Marquise von O. und –
nach der Novelle von Heinrich von Kleist
Regie: Ildikó Gáspár, Bühne und Kostüm: Lili Izsák, Musik: Flóra teLili Matisz, Video: András Juhász, Licht: Cornelia Gloth, Choreografie: Barnabás Horkay, Dramaturgie: Jasmin Maghames.
Mit: Maren Eggert, Alexander Khuon, Mathilda Switala, Jörg Pose, Florian Köhler, Lenz Moretti, Almut Zilcher.
Premiere am 24. Oktober 2025
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.deutschestheater.de

Kritikenrundschau

"Einen episch-wissenschaftlichen Blick sucht auch Ildiko Gaspar mit dieser Collage, wobei sie die dämonische Ambivalenz dieses Objektivierens durchaus mitdenkt", berichtet Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (27.10.2025). "Das ist gut gemeint, doch lässt der unverbindliche Ton dieses losen Anreißspiels, das eine Art Demonstrationstheater ohne Demonstration sein will, das Thema so weitgehend in der Luft hängen. Das verschachtelte Arrangement bleibt zu allgemein, als dass sich eine persönliche Kraft daraus entwickelte, Türen einzulaufen, die nicht längst offen stehen."

"Gáspár und den Spielerinnen und Spielern gelingt es tatsächlich, die von Kleist aufgeworfenen Fragen um Macht, Ohnmacht und Gewalt schlüssig ins Heute weiterzudenken und an ihnen entlang gesellschaftliche Verhältnisse, Geschlechterzuschreibungen, Sozialisationsmuster, Weiblichkeitsdomestizierungen, aber auch Männlichkeitsvorstellungen zu problematisieren", schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (27.10.2025). "Ästhetisch bleibt der Abend dabei hyperminimalistisch – bisweilen fast bis an die Hörspielgrenze."

"Über 200 Jahre reicht der Bogen geschlechtsspezifischer Repressionen, den Ildikó Gáspár mit geradezu leichter Hand ausbreitet und empathisch seziert", berichtet Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (27.10.2025). "Das Ensemble spielt in der Regie von Ildikó Gáspár bestens zusammen und macht diese Inszenierung als dokumentarische Versuchsanordnung über alltägliche Misogynie zu einer intelligent aktualisierten, konsequent spannenden Klassikerparaphrase."

Als "Manifest der Befreiung" rezipiert Peter Laudenbauch für die Süddeutsche Zeitung (27.10.2025) diesen Abend. Ildikó Gáspárs Inszenierung "ist wütend und schmerzhaft, aber viel zu reflektiert und formbewusst, um sich mit eifernden Agitprop-Ausrufezeichen zu begnügen. Indem die Regisseurin das Dokumentarmaterial mit Kleists Novelle über eine in der Ohnmacht missbrauchte und geschwängerte Frau kurzschließt, schafft sie die nötige Distanz, die die Inszenierung vor Gewaltvoyeurismus schützt und gleichzeitig den Einzelfall als Muster, als extreme Praxis männlicher Machtfantasie zeigt."

"In der gut 200 Jahre währenden Rezeptionsgeschichte der Novelle wurde das Verbrechen oftmals verkitscht, verharmlost, romantisiert. Die Dramaturgin Jasmin Maghames unternimmt in ihrem Beitrag einen etwas irritierenden Versuch zur Ehrenrettung Kleists und sieht die Schuld vor allem bei seinen fehlgeleiteten Interpreten“, schreibt Erik Zielke im nd (28.10.2025). "Inszenatorisch" bleibe an diesem Abend "vieles auf der Strecke. Die Schrecken der Gewalt werden referiert, um mit dem Holzhammer Aktualität zu demonstrieren."

Eine "aufwühlende Inszenierung" hat Ildikó Gáspár in den Augen von Uwe Sauerwein in der Berliner Morgenpost (27.10.2025) geschaffen. "Die ungarische Regisseurin und Autorin lässt Kleists Novelle rezitieren, es ist trotzdem keine Nacherzählung. Die Geschichte wird nachverhandelt wie im Dokumentartheater."

Der Abend sei wie ein "Rockkonzert" angelegt und dabei sehr "bestürzend", berichtet Barbara Behrendt im rbb (25.10.2025). Aber: "Das Grauen ist nur in den Worten vorhanden." Ildikó Gáspár zeige "keine innovative Ästhetik", aber es sei doch "stark", "wie die Regisseurin ein breites kulturgeschichtliches Tableau aufmacht". Es gehe zeige, wie sehr Gewalt an Frauen und Femzide "in unserer Kulturgeschichte verankert sind".

Kommentare  
Marquise von O., Berlin: Schauspielerverschwendung
Wann darf man die wunderbaren Schauspieler*innen des DT mal wieder in einem genuinen Theatertext erleben - statt beim Rezitieren einer Kleist-Novelle mit interpolierten Wikipediatexten?
Marquise von O., Berlin: Bruchstellen des Literaturtheaters
Angenehm ist dieser Theaterabend ganz und gar nicht: die ungarische Regisseurin Ildikó Gáspár stellte sich in ihrer neuen Wahlheimat Berlin auf der großen Bühne des Deutschen Theaters mit einem ambitionierten Projekt vor. In einer Labor-Situation möchte sie herauspräpieren, wie brutal manche Männer mit Frauen umgehen: ein Thema, das sich als roter Faden durch den Spielplan von Intendantin Iris Laufenberg und ihrer Dramaturgie zieht.

Dafür nimmt sich Gáspár zum einen eine sperrige Novelle einer deutschen Geistesgröße vor: Heinrich von Kleists „Marquise von O.“ über die Vergewaltigung einer Ohnmächtigen. Bei Kleist wird das Verbrechen nur als Leerstelle mit dem berühmten Gedankenstrich angedeutet, bei Gáspár wird das Grauen verbal in allen Details ausgebreitet.

Bauprinzip ihres Abends: Die Novelle wird nachgespielt, meist mit Mikros an der Rampe, nicht ganz so statisch wie bei Simon McBurney und seinem „Michael Kohlhaas“ an der Schaubühne. In jedem Moment wird spürbar, dass der Kleist-Text mit all seinen indirekten Reden ganz untheatralisch geschrieben ist. Dementsprechend zäh wird es manchmal, wenn zwei Stars des Hauses, Maren Eggert als die Marquise und der aus Elternzeit zurückgekehrte Alexander Khuon als Graf die unerhörte Begebenheit verhandeln.

An den Bruchstellen des Literaturtheaters baute Gáspár drei reale Vergewaltigungsfälle ein: mit den Gerichtsakten oder TV-Interviews werden die grausamen Misshandlungen von Franca Viola, Erika Renner und Gisèle Pelicot rekonstruiert.

In Großaufnahme schildert Almut Zilcher, ein drittes Ausrufezeichen in der Besetzungsliste dieses Abends, den Schmerz von Pelicot. Die stärkste Szene des langen Abends: eine Textpassage, die nachhallt, vorgetragen von einer Meisterin des Schauspiel-Fachs. Hier kommt die Lecture Performance, mit der uns die Brutalität der patriarchal geprägten Gesellschaft eingebleut werden soll, in ihrem Kern an. Mehr solche schauspielerischen Glanzlichter wären wünschenswert gewesen, stattdessen viel Frontaltheater, zähe Literatur-Nacherzählung und vor allem minutenlanges Stroboskop-Gewitter, um die Konfrontationstherapie dem Publikum so unangenehm wie möglich zu machen.

Noch eine zweite Szene bleibt besonders in Erinnerung: kurz vor Schluss der zwei Stunden liest das Ensemble aus einer Literaturhilfe für den Schulunterricht eine ganze Reihe von Interpretationsansätzen alter, weißer Männer vor, über die man heute nur den Kopf schütteln kann. In argumentativen Verrenkungen wird die Vergewaltigung von Kleists Marquise zur Selbstermächtigung verklärt.

Zwischen all den schmerzhaften Details sollte aber die Freude darüber nicht untergehen, dass ein geschätzter Nachtkritiker nach zahlreichen Abwegen in die Opernwelt reumütig zum Sprechtheater zurückkehrte.

Komplette Kritik: daskulturblog.com/2025/10/25/marquise-von-o-und-deutsches-theater-berlin-kritik
Marquise von O., Berlin: Niemand spielt
Auch in der dritten Spielzeit der Laufenberg-Intendanz vermisst man schmerzlich, widersprüchliche Zugriffe am DT. Politisch korrekt, eindeutig, niemand spielt sondern deklamiert längst bekannte Thesen. Wie wäre es mal mit einem Abend zur Frage: Wie kommt das progressive Milieu mit der Gleichzeitigkeit der Wünsche nach Befreiung und nach Bindung zurecht?
Marquise von O., Berlin: Warum Männer in Frauenkleidern?
Warum sind auch die Männer in dem Stück mit Stöckelschuhen und Kleidern und Perücken versehen? Was soll das bewirken?
Marquise von O., Berlin: Warum nicht?
@4: Warum nicht?
Marquise von O., Berlin: Darum nicht!
@5 Weil es nicht zur Rolle /zu den Figuren passt.
Marquise von O., Berlin: Wegbereiter des Systems
@Sina
Für mich hat sich dadurch erzählt dass Männer viel zu oft beanspruchen über Themen wie z.B Vergewaltigung, Femizide und die Diskriminierung gegenüber Frauen ‚Bescheid‘ zu wissen, ohne sich jedoch mit ihrer Rolle als Männer und Wegbereiter dieses Systems auseinander zu setzen.Da hat das Mittel für mich total Sinn gemacht.
Marquise von O., Berlin: Begeistert
Die Marquise von O.
Kann das gutgehen, die Novelle Kleists mit dem Gedankenstrich und den vielen Fragezeichen auf die Bühne zu bringen?
Ja, es kann, wenn die Regisseurin nicht nur klug Vergangenes mit Heutigem, Erzähltes mit Berichtetem kurzschließt.
Wir sehen, wie sehr sich hier immer die Macht behauptet, mit Gewalt an Frauen, mit Zustimmung von Frauen und Männern aus der unmittelbaren Umgebung, häufig vertuscht, verharmlost oder in eine Geste der Rettung umgemünzt – wie bei Kleist, denn der Gewalttäter, der Graf F., erscheint der Marquise als Engel und Teufel in einem. In dieser Inszenierung erleben wir eine Marquise im kurzen Minirock, die aber darin so unnahbar erscheint, wie es wahrscheinlich nur Maren Eggert erspielen kann, leidenschaftlich im Tanz und erst dann und allein, verbannt, sinnlich und begehrenswert. Ob Hebamme oder Mutter – die Frauen bleiben in dem von Männern geschriebenen Gesetzen einer sogenannten gefallenen Frau, der Vater, deutlich im Missbrauch an seiner Tochter gezeigt, sie alle bezichtigen die Frau, für diese Schwangerschaft allein verantwortlich zu sein.
Was, so fragt man, hat sich in den Jahrhunderten verändert? Die Popkultur singt immer noch Songs wie „Banks oft the Ohio“ oder „Eine Frau verzeiht alles“. Die Frauen, die hier auf die Bühne gebracht werden, verzeihen nichts, also bleibt der Hochzeitskäfig am Ende ein Käfig, das Brautbett zubereitet von Mutter und Vater – den heuchlerischen und gewalttätigen Eltern. Keine der drei Frauen, deren Vergewaltigungsgeschichte erzählt werden, wollen sich als Opfer betrachtet sehen, denn die Täter sind als Täter markiert und verurteilt worden. Franka, die erste der Frauen, bekommt das Schlusswort: Völlig beiläufig und im Plauderton erzählt sie ihren Elternkindern von damals, man muss genau hinhören, das ist kein pathetischer Heldinnenmonolog, sondern einfach konstatierend, dass sie froh ist über die Familie und dass Männer in ihrem Dorf den Kopf senken, wenn sie sie
sehen. Und so plappert sie weiter bis zum letzten Halbsatz. Das wäre eine Möglichkeit: zu erzählen, was war und ist und sich die Lust am Leben nicht nehmen zu lassen, die andere ist jene, den Männern den Prozess zu machen wie im Fall von Gisèle Pélicot. Dass ihr Mann noch einmal in den Zeugenstand gerufen wird, beweist einmal mehr, dass es bewusst und zielgerichtet darum ging, die Frau zu unterwerfen und die eigene Macht zu demonstrieren, entgegen aller Märchen vom unstillbaren Trieb des Mannes. Und seine Geschichte der eigenen Vergewaltigung als Junge durch jugendliche Freunde zeigt auch die Brutalität einer Gesellschaft, deren Initiationsriten häufig mit sexuellem Missbrauch einhergingen.
Die Musik treibt die Inszenierung, die Bühne vorn und hinten birgt so die unterschiedlichen Räume im Verborgenen und im öffentlichen Rampenlicht.
Die Kostüme sind das, was sie auch im 19.Jahrhundert in der adligen Gesellschaft waren: Kostüme, hier im Tarngrün, die hohen Stiefel, die Allongeperücken hier als Zottelhaar oder platinblond schon ausgestellt als pervertierte und absurde Kostümierung einer Klasse, die Gewalt in jedem Gewand anzuwenden bereit war.
Ob es die Königs Erläuterungen gebraucht hätte? Doch, dachte ich nach einigem Zögern. Hier im Publikum sitzen immer noch genügend Leute, die an solchen völlig sinnentleerten und frauenfeindlichen Phrasen ihren Gefallen finden. Ob es Kleist gefallen hätte, ihm, der von Gewalt selbst sehr viel wusste? Müßige Frage, aber ihm ist nicht Gewalt angetan worden, man muss, man darf kein happy end für diese Geschichte gelten lassen.
Marquise von O, Berlin: Glanzlicht
Ich habe wieder angefangen Kleist zu lesen, und ich kann ihn und seine Novellen nicht lesen - es greift mich zu sehr an. Er verwirrt mich, schwächt mich und bringt mein Inneres durcheinander. Weit bin ich bei der Marquise nicht gekommen. Vergewaltigung einer Ohnmächtigen ist ja auch ein "gewaltiges" Thema. - Beim "Kohlhaas" war es ganz schlimm: Verrückt kam mir das Ganze vor. Kleist muss man eben "aushalten" können. Ich kenne die Art wie Kleist Selbstmord begangen hat zusammen mit Henriette Vogel, am Wannsee - durch entsprechende Lektüre. - Erstaunlich, erstaunlich! Goethe hat Kleist abgeurteilt als sehr krank bei hoher Begabung. . . Kleist deutet die Vergewaltigung nicht direkt an. Die Wissenschaftler sind sich nicht einig, wie wichtig die Vergewaltigung ist oder ob sie überhaut stattfand. Einer argumentiert sogar die Marquise suchte sexuelle Befriedigung beim Grafen(!)
Die A. Zilcher also als ein Ausrufzeichen des Abends, der Schmerz von Gisele Pelicot - und das als stärkste Szene des langen Abends - sie ist eine Meisterin des Schauspiel-Fachs also. - Ich gratuliere zu ihrem schauspielerischen Glanzlicht! - Ist sie denn immer glänzender geworden mit dem Vergehen der Jahre? . . . Männer mit Stöckelschuhen mit Kleidern und Perücken ist lust-dick. - Nein, eine Frau verzeiht niemals eine Verge-waltigung sage ich jetzt und Gewalt überhaupt nicht.
Kommentar schreiben