Aus dunklen Fängen gerettet

9. Oktober 2025. Die Grand Shows des Friedrichstadt-Palasts sind Glamour, Opulenz und Genuss pur. Aber nicht nur. Sie erzählen immer auch leise vom Geschehen unserer Tage. Und bieten Hoffnung.

Von Esther Slevogt

Die neue Grand Show "Blinded by Delight" am Friedrichstadt-Palast Berlin © Markus Nass

9. Oktober 2025. In der schönsten Szene ist die Protagonistin zunächst noch in einem Albtraum gefangen. Vor einer gigantischen, fast expressionistisch zerklüfteten schwarzen Szenerie tanzt, nein, irrt sie zwischen schwarz-glänzenden Gestalten in vogelhaften Glitzerfransen-Outfits, die sie bedrohlich umtanzen, herum. Fast sieht es aus, als würden sie die Frau mit dem rosa Tüllrock langsam absorbieren mit ihren zuckenden, windenden Moves.

Da kommen plötzlich aus dem Zuschauerraum etwa zwei Dutzend Gestalten in fleischfarbenen (?) Bodysuits. Wer sind sie? Irgendwelche getriebenen Seelen zuvor schon Verschlungener? Geister? Jedenfalls entern sie die Bühne, die dann immer lichter wird. Sie verdrängen bald die schwarzen Gestalten, bewegen sich in fließenden, floralen Bewegungen wie eine seltsam paradiesische Schwarmintelligenz am Himmel oder in den Tiefen irgendeines Ozeans. Am Ende ist die Protagonistin gerettet vor den dunklen Mächten.

Wo die Kick-Line Hoffnung spendet

Denn darum geht es in der neuen Grand Show des Berliner Friedrichstadt-Palasts: das verfinsterte Lebensgefühl dieser Zeit, und Möglichkeiten, daraus zu entkommen. Um Träume, und zwar gute wie böse gleichermaßen.

Selbst die berühmte Kick-Line, also jene etwa vierzig Tänzer*innen des Palast-Balletts, deren Auftritt die Signatur jeder Grand Show des Palasts ist, erscheint erst ganz von Ferne, zunächst noch wie ein Traumbild. Da ist die Show fast schon zu Ende. Bis die spektakuläre Formation dann immer größer und greifbarer wird in ihren unglaublichen Glitzeranzügen, immer näher herangefahren wird an Rampe und Publikum, bevor sie zu dessen Begeisterung die diesjährige Variation des legendären Gardetanzes performen: also ihre Beine synchron bis auf Augenhöhe in die Luft werfen, rechts, links, zwischendurch den Anschein erwecken, als gerieten die Beine durcheinander – so wie die Welt gerade. Es beim Seitenwechsel dann aber jedes Mal wieder perfekt funktioniert. It's Showtime schließlich und der Traum von der Errettung der Welt im Friedrichstadt-Palast bekanntlich ganz gut aufgehoben.

Szene mit bedrohlichen Mächten: "Blinded by Delight" am Friedrichstadt-Palast © Markus Nass

Der Protagonistin Luci (Denise Lucia Aquino) sind wir zunächst in einer von Fritz Lang und Charlie Chaplin inspirierten finsteren Maschinerie, einer Tretmühle des Alltags begegnet, aus der sie dann der von Julian David gespielte und gesungene "Traum" wegholt in seine Welt, die aber auch nicht ohne Abgründe ist. Begleitet werden die beiden auf ihrem Trip durch gute und böse Träume von vier Glückhormonen (Myrthes Monteiro, Marcus Fetter, Floor Krijnen, Marc Chardon).

Wie eine lebendig gewordene Disney-Animation

Das ist sie auch schon, die lose Geschichte, an deren Faden entlang dieses gigantische und immer wieder begeisternde Spektakel mit atemberaubenden Effekten in Szene gesetzt wird: Die graue Welt wird rosa, wie die Brille, die der "Traum" Luci aufgesetzt hat. Ihr graues Outfit wandelt sich in das pinke Tüllwunder, mit dem sie den weiteren Abend bestreiten wird. Das Motiv "Traum" bietet perfekte Möglichkeiten nicht nur für immer neue Auftritte der spektakulär von Jeremy Scott eingekleideten Akteur*innen. Wie man hört hat er für den Abend sechshundert Kostüme designt: mal sind die Tänzer*innen bunte Cocktailfrüchte, dann wieder regenbogengefärbte Fantasiefiguren, in Tüll gehüllte Träume in Pink oder eben schwarze Albtraumfiguren.

BLINDED Kickline Foto Markus Nass printDie ukrainische Artistin Viktoriia Dziuba © Nady El-Tounsy

Tanzende Kronleuchter treten auf, als wäre es eine Disney-Animation – aber es geschieht eben alles leibhaftig, von lebenden Tänzer*innen und Sänger*innen performt. Trotzdem gibt es eine XXL-Hightech-Bühne, die auf LED-Wänden die unglaublichsten Animationen und psychedelischsten Bilder produziert, die manchmal auf das Schönste sich mit der physischen Aktion auf der Bühne verbinden. Einmal, da schwirren virtuelle Pusteblumen als Mega-Animation über die Videowände. Davor führen Tänzer und Tänzerinnen fast eine Art Pas de deux auf, die weißen Tutus der Tänzerinnen korrespondieren mit den virtuellen Pusteblumen, und eine von ihnen fliegt dann tatsächlich auch davon.

Jenseits der Gravitation

Wie von Geisterhand geführt, treten aus den choreografierten Großbildern dann als Solist*innen immer wieder die Artist*innen heraus: die ukrainische Handstandakrobatin Viktoriia Dziuba zum Beispiel, die so biegbar ist, dass es für sie die Gesetze von Körper und Gravitation scheinbar nicht gelten. Das alles fügt sich zu einem überwältigenden, bunten wie märchenhaften, aber momentweise für Palastverhältnisse auch schwermütigem und verlangsamtem Spektakel, an dessen Ende es Sterne aus Staniolpapier auf das Publikum regnet.

Blinded by Delight
Grand Show von Oliver Hoppmann und Berndt Schmidt
Text und Regie: Oliver Hoppmann, Kostüme: Jeremy Scott, Stage Design: Florian Wieder, Cuno von Hahn, Licht und SFX Design: Chris Moylan, Video Design, Frank Rosenthal, Komposition: Jasmin Shakeri, Philipp Klemz, Joe Walter, Björn Steiner, Daniel Behrens, Simon Klose, Tom Hengelbrock, Yanek Stärk, Karo Schrader, Musikalische Leitung: Daniel Behrens, Tobias Leppert, Sebastian Brand, Choreografie: Christine Wunderlich, Jowha van de Laak, Christin Olsen, Alexandra Georgieva, Shahar Binyamini, Malou Linders, Mario Schröder, Maik Damboldt, Craig Davidson.
Mit: Denise Lucia Aquino, Julian David, Myrthes Monteiro, Markus Fetter, Floor Krijnen, Marc Chardon (Solist*innen). Rafael Olmos & Paco Olmos (Arte Algo), Viktoriia Dziuba, Joel Bandu, Kevin Fabregue, Julio-Jonathan Mosquere Comacho, Matthieu Noé, Joe Elliot Spriat, José-Joaquin Quesada Fonseca, Lilia Virazel (Supersonic-Crew), Flora Aracama & Nico Busso (Duo Rings). Ballett und Showband des Friedrichstadt-Palasts.
Premiere am 8. Oktober 2025
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.palast.berlin

Kritikenrundschau

Die bislang "teuerste Grand Show" des Friedrichstadt-Palasts hat Irene Bazinger von der Berliner Zeitung (€ | 9.10.2025) gut gefallen: "Sie ist wirklich ein begeisterndes Schmuckstück geworden, ein Träumchen weit über die Friedrichstraße hinaus. Kaum ist man freilich wieder am S-Bahnhof angekommen, kriegt das Glück Kratzspuren."

Über den Promiauflauf bei der Premiere, unter anderem mit Topmodel Heidi Klum, berichtet die "Bezirksreporterin Mitte" Iris May in der Berliner Morgenpost (9.10.2025).

"Kurzum: große Show und großer Spaß, Standing Ovations", jubelt der Leitende Redakteur der Berliner Morgenpost (€ | 9.10.2025) Felix Müller. ""Was das alles so unterhaltsam macht, ist zweierlei. Da sind die Großchoreografien, die von den Tänzerinnen und Tänzern im rasenden Kostümwechsel präsentiert werden – mal in ironischer Hommage an die Farbwelten der 80er-Jahre, dann in leuchtend pinken Federensembles, auch mal im zerzausten Schwarz. (...) Dann ist da die Artistik, die sich mit dem Tanz innig verschlingt und aus ihm hervorgeht. Weltklasse ist schon die Teeterboard-Einlage am Anfang."

Von einer "gelungenen Show" berichtet Gunda Bartels im Tagesspiegel (10.10.2025): "Die Feelgood- und Empowerment-Attitüde, die die Shows des Friedrichstadt-Palastes jetzt immer haben, ging vor zwei Jahren in „Falling/In Love“ noch schwer auf den Zeiger. Inzwischen verdüstern Kriege und Krisen die Welt so, dass man sie dankbar zur Kenntnis nimmt."

"Es gibt in einem atemberaubenden Tempo" viel zu sehen, berichtet Elisabeth Nehring für "Fazit" auf Deutschlandfunk Kultur (8.10.2025), der nicht nur das Große und Ganze, sondern auch viele Details bis hin zu den Kostümen gut gefallen haben. "Nicht immer funktioniert das Zusammenspiel dieser verschiedenen Künste so gut wie an diesem Abend."

Kommentare  
Blinded by Delight, Berlin: Noch schöner
Verehrte Esther Slevogt,
für gewöhnlich gehe ich nicht in derartige Shows. Gestern war ich auch im Palast, aufgrund einer privat-geschäftlichen Einladung. Und ich muss schon sagen, dass meine, na ja, Voreingenommenheit, schwer zu kämpfen hatte mit diesem Abend. Es war schön und Sie haben es noch schöner beschrieben. Danke! Übrigens hat Herr Schmidt, der Palast-Chef, gut gesprochen: wir sollen uns nicht duch das ewige Schlechtreden von allem (Berliner Spezialität) runterziehen! Ja, recht hat er.
Blinded by Delight, Berlin: Wermutstropfen
Schöne Menschen in noch schöneren Glitzerkostümen laden für zwei Stunden Eskapismus in eine märchenhafte Welt, dazwischen Sekt und Häppchen in der Pause. Wie immer arbeiten Oliver Hoppmann und Friedrichstadt-Palast-Chef Berndt Schmidt mit einem internationalen Stardesigner für ihre Grand Shows zusammen. Diesmal kreierte der US-Amerikaner Jeremy Scott die Kostüme, der von Heidi Klum zum Schlussapplaus geleitet wurde.

Die rund 600 Kostüme, die das Ballett-Ensemble für jede Nummer wechselt, sind einfallsreich und eine Augenweide. Auch die Akrobatik-Nummern der Gäste sind auf gewohnt hohem Niveau und zeugen von atemberaubender Körperbeherrschung.

Mission accomplished könnte man sagen: Der Friedrichstadt Palast hat wieder eine Revue auf die Beine gestellt, die das Publikum in Scharen strömen lässt und einen Nerv trifft. Schon vor der Premiere waren mehr Tickets für die Folge-Vorstellungen verkauft als bei der vergangenen Ausgabe. In diesen düsteren Herbst-Tagen und angesichts der vielen Krisenherde erfüllt die Grand Show ganz offensichtlich das Bedürfnis, wenigstens für ein paar Stunden aus dem Alltag zu fliehen.

Wermutstropfen: die Rahmenhandlung ist diesmal besonders dünn. Der personifizierte Traum (Julian David, der bei den ersten Auftritten von einem Groupie besonders hysterisch begrüßt wurde) und vier Glückshormone (Myrthes Monteiro, Marcus Fetter, Floor Krijnen, Marc Chardon) haben die Aufgabe, die Hauptfigur Luci (Denise Lucia Aquino) aus der Finsternis ans Licht und zum Happy-End zu führen. Diese Zwischenhandlung hat einige Längen, die dazu führen, dass Sitznachbarn ihre WhatsApp beantworten, bis der nächste Show-Act kommt, und tappen in Kitschfallen.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2025/10/09/blinded-by-delight-friedrichstadt-palast-kritik/
Blinded by Delight, Berlin: Universumsspitze
Eine äusserst sehr sehr hervorragende Vorstellung, sowas ist nicht Weltspitze sondern Universiumspitze, echt Euch allen Beteligten vielen Dank für das was Ihr da gezeigt habt.
Blinded by Delight, Berlin: Schön aber laut
Wir hatten am 31.1.26 mit unserem Enkel eine schöne Vorstellung erlebt.
Der Höhepunkt für ihn waren die mutigen Biker.
Leider war die Musik und der Gesang manchmal sehr laut. Warum?
Wie viele Dezibel sind denn überhaupt zulässig?
Mit freundlichen Grüßen
Familie Reimann
Blinded by Delight, Berlin: Sehr blass
Schade! Hatte mir mehr Glamour erwartet. Im Vergleich zu den letzten beiden Programmen war es diesmal sehr blass und streckenweise auch langweilig. Auch die Artisten waren nichts besonderes. Durch den pathetischen Gesang kam keine Stimmung auf und es fehlte einfach der Pfeffer in der Veranstaltung.
Die Leistung der Künstler und Tänzer erkenne ich unbedingt an. Sie können ja nichts für die schmale Inszenierung.
Blinded by Delight, Berlin: Schöne Show, flache Story
Es war insgesamt eine schöne Show. Für mich persönlich hätte ich mir mehr Tanzeinlagen gewünscht.
Die Akrobatik der Radfahrer war sicherlich sehr anspruchsvoll, hat mir aber nicht in dieser Show gefallen. Die Story war schon sehr flach und der Gesang nicht besonders. Dafür haben aber die Tänzerinnen sehr überzeugt!
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