Rise like Reisinger 

28. Juni 2024. In der Uraufführung von Jovana Reisingers autofiktionalem Roman "Enjoy Schatz" begibt sich die Star-Kolumnistin selbst auf die Bühne und liefert sich Schlagabtausche mit ihrem Alter Ego. Ein Theaterabend über weibliche Lust.

Von Vincent Koch

Jovana Reisinger in "Enjoy, Schatz!" © Gianmarco Bresadola

28. Juni 2024. Am Anfang war die Muschel. Übergroß, weiß, mit der Aufschrift: Enjoy Schatz. Langsam öffnet sie sich zu dröhnender Musik. In ihrem Innenraum kommt ein türkis-gekacheltes Domizil zum Vorschein: eine Garderobe, ein Spiegel mitsamt Beauty-Produkten und ein paar Rosen in der Ecke. In ihrer Mitte erwacht außerdem inmitten von Samtkissen eine Frau. Sie räkelt sich, bevor sie lustvoll einen Vibrator unter ihrer Bettdecke hervorzieht. Strahlend wirft sie sich ein Satinkleid über, stäubt ein bisschen Haarspray auf ihren Schopf und mixt sich einen Shake. Kurz danach klappt sie ihren Laptop auf, sortiert ein paar Zettel und tippt euphorisiert in die Tastatur. Die Frau hat Bock. Eine Zitatkachel an der Wand mit der Überschrift "Frühling" schlägt folgendes Motto vor: "Be useless, so nobody can use you". 

Kluge Tussi

Die Schriftstellerin, die hier in Gestalt von Veronika Bachfischer aus der Muschel steigt, ist die fiktive Figur aus Jovana Reisingers Buch "Enjoy Schatz". Reisinger, deren voriger Roman "Spitzenreiterinnen" 2023 in München inszeniert wurde, ist einer breiteren Öffentlichkeit bekannt durch ihre Single-Kolumnen in der FAZ. Darin beschreibt sie, wie es zu vereinen ist, eine begehrenswerte Frau zu sein, die ihrer Lust Ausdruck verleiht und gleichzeitig literarischen Erfolg zu feiern. Reisingers Text funktioniert dabei über zwei Ebenen: ihre eigene und die eines Alter Ego. Natürlich fließen die Grenzen; wir sind ja nicht umsonst in der populären Welt der Autofiktion. 

In Sarah Kohms Inszenierung an der Berliner Schaubühne steht Jovana Reisinger auch selbst auf der Bühne, als würde sie ihren 2023 erschienenen Roman nochmal auf Authentizität abklopfen wollen. Im schwarzen oversized Jogger erklärt sie, dass sie das Buch aus Frust geschrieben habe. Wie damit umgehen, dass sie ihren weiblichen Körper zur Schau stellt und sich selbst als "Tussi" bezeichnet, einfach, weil sie Bock darauf hat und deshalb von Anderen abgewertet wird. Reisinger hat sich dafür grazil auf Plüsch-Garnitur gesetzt und liest aus ihrem Roman vor. Zunächst sieht es so aus, als würde der Abend einfach eine szenische Lesung werden; eine gute wohlgemerkt. Sie zitiert Jelinek – für sie wäre das "die Verachtung des weiblichen Werks". Bis allerdings Veronika Bachfischer aus der Muschel emporsteigt und die beiden Figuren in einen Dialog miteinander treten. 

Vier Jahreszeiten in der Polly Pocket

Der Abend nimmt uns wie das Buch einmal mit durch alle vier Jahreszeiten. Während die Hormone im Sommer überschießen und die Schriftstellerin horny über die Muschel stakst, kickt in den dunkleren Monaten die Depression übers Single-Sein und die Machtlosigkeit rein. Aber auch daraus müssen geile Kolumnen entstehen, die möglichst viel Geld einbringen. Bachfischer spielt die emotionalen Brüche in bestechender Präzision. Nie werden aus ihren Anekdoten Knallchargen. Sie sucht immerzu Nuancen in Stimme und Gestus. Was sich generell über diesen Abend sagen lässt: Kohms Regie vertraut dem Text, verzichtet auf Kitsch, übertreibt nicht. 

Wechseln die Jahreszeiten im Muschel-Kosmos, blinzelt Bachfischer mal oder kämmt sich in zweifacher Geschwindigkeit die Haare. Barbie-Referenzen, die zur Inspiration der Muschel durch sogenannte Polly Pockets passen, ein Spielzeugprodukt von Mattel, das Schatullen mit playmobilartigem Inhalt anbietet. Es ist eine charmante und simple Bühnenlösung, die einerseits die fiktionale Ebene betont und anderseits auch unmittelbar mit dem Text korrespondiert: Reisinger hatte damit als Kind gespielt – so wie sie jetzt mit sich selbst und ihrem Liebesleben literarisch experimentiert. 

Akzent auf dem Spielerischen

Neben all den langweiligen Lappen und den liebenswerten Dominaten, über die sie berichtet, geht es auch um den Schmerz, dem Frauen durch patriarchale Strukturen ausgesetzt sind. Die Schriftstellerin erzählt immer wieder von Grenzüberschreitungen. Die körperliche Anstrengung, der es bedarf, die Fehler nicht bei sich selbst zu suchen, macht Bachfischer durch ihre glasklare Schilderung spürbar.

Veronika Bachfischer als Jovana Reisinger Alter Ego © Gianmarco Bresadola

Reisinger knabbert auf ihrem Plüsch genüsslich Chips und fragt zwischendurch zynisch: "Na, schon Lust bekommen?" Das ist ein großer Verdienst des Textes: dass er sich ausgehend von individuellen Geschichten immer wieder gesamtgesellschaftlich im Diskurs verortet. Es sind allerdings so einige Diskurse, die "Enjoy Schatz" streift, und manchmal hätte es durchaus noch ein bisschen konkreter sein können.

Bachfischers Part rutscht mitunter auch in einen deklamierenden Ton ab, was allerdings nicht weiter ins Gewicht fällt, da Kohm sonst das Spielerische des Textes stark herausgearbeitet hat. Herrlich, wie beispielsweise die Klassenfrage mit nur einem Satz abgehandelt wird. Reisinger spricht davon, Reichtum mittlerweile zu performen, wenn sie von Literaturagenten in Edelrestaurants eingeladen wird, und haut dann raus: "Den billigsten Schampus gibt’s immer noch bei Aldi."

Weibliche Autonomie ist ein Kampf

Immer dann, wenn Bachfischer und Reisinger sich zackig den Ball zuwerfen, besitzt der Abend eine besondere Energie und kommt in Schwung. Die lüsterne, abgeklärte Schriftstellerin aus Reisingers Fantasiewelt und der süffisante Tonfall ihrer eigenen Kommentare harmonieren gut. Wie überhaupt Reisinger eine ausgesprochen lässige Performerin ist. Die Muschel der Schriftstellerin ist am Ende des Abends wieder geschlossen – war es alles nur eine nette Illusion? Wer hat hier eigentlich wessen Geschichte aufgeschrieben?

Der Abend macht deutlich, was für ein Kampf weibliche Autonomie im Kulturbetrieb immer noch bedeutet. Und spätestens wenn die beiden Austern und Champagner schlürfen und die Schriftstellerin ausgerechnet in diesem Setting von ihrer Fehlgeburt erzählt, dann gibt man dem Abend gut und gern die Attribute, die Reisinger gönner*innenhaft ihrem Text verpasste – und sich selbst natürlich auch: easy, juicy, cute. 

Enjoy Schatz
von Jovana Reisinger
Uraufführung
In einer Fassung von Veronika Bachfischer, Sarah Kohm, Elisa Leroy und Jovana Reisinger
Regie: Sarah Kohm, Bühne und Kostüme: Lena Marie Emrich, Musik: Leonardo Mockridge, Licht: Aljoscha Glodde, Dramaturgie: Elisa Leroy.
Mit: Veronika Bachfischer, Jovana Reisinger.
Premiere am 27. Juni 2024 
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause

www.schaubuehne.de

 
Kritikenrundschau

"Ein Gedanken- und Erlebnisstroms führt durch vieles, was das Frau-Sein in unserer Gesellschaft ausmacht. Das beginnt stark, im Buch wie auf der Bühne", so Barbara Behrendt im rbb (28.6.2024). "Wenn die reale Schriftstellerin ihren leidenden, sich aufbäumenden, fiktiven Gegenpart eiskalt kommentiert, ist das mitunter sehr amüsant." Doch auch wie im Buch verliere sich das Bühnengeschehen in Sarah Kohms Inszenierung mehr und mehr in recht banal erzählten Trennungsgeschichten. Fazit: "Der Abend führt so viele Kippfiguren und Vexierspiele vor, dass man hinter den Plastik-Barbie-Momenten kaum etwas 'Echtes', etwas Emotionales zu fassen kriegt." Stark sei der Abend immer dann, wenn es ums Strukturelle geht.

"'Enjoy Schatz' ist eine Emanzipations-Story mit aufklärerischer Ausrichtung. Nein sagen zu können und sexuell auf Konsens zu bestehen ist eine wichtige Botschaft", schreibt Elena Philipp in der Berliner Morgenpost (28.6.2024). "Auf der Bühne ist der 100-Minüter eher trocken, szenische Lesung mehr denn Inszenierung." Die Kritikerin resümiert: Etwas mühsam, aber inhaltlich beschäftigenswert.

"Die Bühnenpräsenz der beiden Darstellerinnen ist beeindruckend," schreibt Hilka Dirks in der taz (1.7.2024). "Doch während Bachfischer mit dem feinsinnigen und variantenreichen Repertoire ihrer (Körper)Sprache lange Strecken trägt, wird sie dem Eindruck der Krikerin zufolge "von Reisingers Coolness teils überstrahlt, ja fast abgewertet. Empathielos betrachtet die Autorin die von ihr erschaffene Figur, gibt ihr Ratschläge, ermahnt und ermuntert sie, meist zynisch anmutend durch Blicke, Worte, Gesten. Das ist schade, nimmt es doch dem Text die Autorität."

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Enjoy Schatz, Berlin: Buzzwords & Klischees
Die knapp zwei Stunden spielen mit dem auf Theaterbühnen so beliebten Motiv der Autofiktion: wie viel Wahres und wie viel Erfundenes steckt in den Anekdoten und Episoden aus dem Leben einer Schriftstellerin, die von ihrem Mann verlassen wird, neue Erfahrungen auf dem Dating-Markt sammelt und sich Gedanken über ihre Außenwahrnehmung, Klassismus und Feminismus macht?

Dementsprechend schwankt der Abend, den die beiden Protagonistinnnen mit Regisseurin Sarah Kohm und Dramaturgin Elisa Leroy eingerichtet haben, zwischen szenischer Lesung, ein paar nachdenkenswerten Takes über Klassismus und Feminismus und einer komödiantisch überzeichneten Performance über das Leben einer sexpositiv auftretenden Schriftstellerin.

Am besten ist „Enjoy Schatz“, wenn Bachfischer und Reisinger direkt miteinander agieren, letztere immer kokett hinter Ironie verschanzt und mit knappen Einwürfen kommentierend, was ihr Alter ego gerade durchmacht.

Die Zielgruppe gleichaltriger junger Frauen hat Reisinger damit offensichtlich abgeholt, sie applaudierten stehend. Die Berliner Kritik blieb etwas reservierter: Der Abend ist doch zu sehr Reisinger-Show, ein gekonntes Spiel mit Buzzwords und ein Surfen auf den Klischees. Empfehlenswert zur Vor- oder Nachbereitung des Abends ist das ZEIT Online-Porträt der Autorin und Schaubühnen-Debütantin, das beim Erdbeer-Eisbecher in Neukölln entstand.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2024/07/04/enjoy-schatz-schaubuehne-theater-kritik/
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