Kaninchen vor Schlange

21. Juni 2024. Mit Rechten sprechen: Kaum noch vermeidbar bei den derzeitigen Wahlergebnissen der AfD. Selbst für eine stabil linke Kulturarbeiterin aus Berlin-Wedding. Davon erzählt das neue Stück von Maja Zade, uraufgeführt als Solo von Caroline Peters.

Von Christian Rakow

Caroline Peters in "spinne" © Gianmarco Bresadola

21. Juni 2024. Es war das Theaterjahr der unvergesslichen Solos, von Lina Beckmann oder Fabian Hinrichs, oder auch hier am Lehniner Platz von Dimitrij Schaad und Bastian Reiber. Und da ist es nur konsequent, dass die Schaubühne die Spielzeit nicht ruhig ausrollen lässt, sondern zum Finale noch einmal in die Vollen geht. Mit einem Solo von Caroline Peters. Und was immer zu sagen sein wird: Man darf das nicht verpassen! Denn eine Erzählerin wie Peters mit ihrem offenen Visier und ihrem feinen Sinn für die Absonderlichkeiten des Alltags ist wahrlich selten, selbst in Berlin. Und demnächst wird sie wieder vermehrt am Wiener Burgtheater spielen (wenn sie nicht in Film und Fernsehen engagiert ist).

"spinne" heißt der Monolog, den Autorin Maja Zade, hier erstmals zugleich als Regisseurin in eigener Sache, für Peters ausgeheckt hat: Die Ich-Erzählerin Julia ist freischaffende Lektorin und Übersetzerin, wohnhaft in mittleren Verhältnissen im Wedding, ihr Ex-Freund lebt in der Mietwohnung drüber mit neuer Partnerin. Durch die dünnen Wände kann Julia ihn noch beim Sex hören. 

Ein Hauch von Yasmina Reza

Aber Julia ist patent genug, die mäßigen Umstände nicht zu sehr an sich nagen zu lassen. Via Facebook macht sie das Lieblingsrestaurant ihrer Jugendliebe Kris in Charlottenburg ausfindig und lauert ihm eines Abends auf. Und was sich bei diesem Treffen mit Kris und seiner bald ebenfalls eintrudelnden Frau Christiane und ihrem fünfzehnjährigen Sohn Korbinian, genannt "Filius", ereignet, faltet Julia in gut 90 Minuten genüsslich vor uns aus, lässig in ihrer Wohnküche (Bühne: Nina Wetzel), ab und an flackern in schnellen Videos Bildfragmente des Restaurant-Abends auf der Rückwand auf.

Spinne2 1200 Gianmarco BresadolaCaroline Peters im Setting von "spinne" © Gianmarco Bresadola

Ein Hauch von Yasmina Reza weht durch dieses Monodrama: Zunächst wird das Luxusleben der wohlhabenden Stände karikiert, man schlemmt beim "Italiener", alle sprechen ungebremst dem Alkohol zu, schnell fallen die Fesseln des guten Tons. Die Tischgesellschaft frotzelt und ätzt wonnig, und schließlich spitzt sich ihre Konversation in handfesten Wertekonflikten zu. In diesem Falle muss Julia erfahren, dass ihr Kris, mit dem sie in der Jugend noch einen Hang zur Anarchie teilte, inzwischen ein ziemlicher Schnösel geworden ist (Anwaltskanzlei-Inhaber mit einschlägig snobistischer Attitüde) – und vor allem AfD-Sympathisant.

Milieugetreue Floskeln

Zade beschreibt dies alles wundervoll plastisch, humorvoll, mit präzisem Blick für die Schweißnähte des antrainierten Lifestyles und die Floskeln und den Habitus, aus denen sich die Egos milieugetreu zusammenbauen. Und Caroline Peters als erzählende Julia taucht schwerelos in alle Rollen hinein, leiht den Figuren eine wachen Gestus, kommentiert das Gesagte mimisch, mitunter so herrlich unverholen, dass man meint, nach diesem Stirnrunzeln müsste das Gegenüber stante pede zerbröseln. Danach bleibt eigentlich nur: wegpusten.

Spinne4 1200 Gianmarco BresadolaRatlos im Restaurant © Gianmarco Bresadola

Über die Hälfte der Spieldauer ist dieses Aufeinandertreffen ein boulevardesker Genuss, aber dann verrennt sich das Stück im politischen Diskurs. Oder vielmehr: Es duckt sich unter dem selbst aufgerufenen Diskurs weg. Kris und seine Familie greifen zunehmend ins Repertoire der neurechten Werbesprüche: "wir haben ein haus in der uckermark, und wenn du dort mit den leuten redest // unser gärtner wurde mit 50 in frührente geschickt, sagt christiane, weil seine firma billigere arbeitskräfte aus rumänien geholt hat." Und was macht Julia?

Statt Kris und seiner Familie auf Augenhöhe zu begegnen und etwa zu erwidern, dass gerade das AfD-Wahlprogramm nun alles andere als eine Sozial- und Arbeitsmarktpolitik für die unteren Einkommensschichten vorsieht, verrennt sich Julia in Allgemeinplätzen der Marke "was wäre eine staatsform, die in deinen augen funktionieren würde?" oder auch "die eu ist auch ein ideelles konstrukt!". 

Dümmer als das Publikum

Mag sein, dass sich diese Form der Allerweltsdogmatik selbstkritisch auf das gelegentlich ja wirklich zum Schwadronieren neigende linke Milieu bezieht. Aber produktiv wird diese Selbstkritik nicht. Julia bietet als herzensgute Linke schlagwortartiges Moralisieren und Idealismus auf, wo Pragmatismus und Realitätssinn gefordert wären. Und macht sich damit dümmer als das Publikum (für das sie ja wohl die Reflektorfigur sein soll). Wie das Kaninchen vor der Schlange hockt sie da, probiert noch ein wenig, ihren Kris zu psychologisieren, und landet bald sturzbetrunken unterm Tisch. Ein schlimmer Absturz, SPD und Grüne bei der Europawahl nichts dagegen. Und die AfD-Familie zieht einigermaßen stabil von dannen, unbefragt in ihrer libertären Ideologie und ihren Widersprüchen. Während Julia nur noch übrig bleibt, daheim von der titelgebenden Spinne zu träumen: als angsteinflößendem, dunkelbraunen Symbol kommenden Schreckens.

Spinne1 1200 Gianmarco BresadolaDer Kampf gegen die Spinne © Gianmarco Bresadola

Das wie so oft glänzende Schaubühnen-Programmheft bietet flankierend zur Inszenierung neueste Sozialtheorie auf, druckt unter anderem Natascha Strobls Analysen zum sich radikalisierenden Konservativismus und zur "rohen Bürgerlichkeit" ab. Wann kommt der Tag, an dem solche Diskurse mehr als nur zierendes Beiwerk sind und wirklich in die Theatertexte eindringen? Wer schreibt das Drama, das nicht nur unterhält, sondern auch erhellt?

spinne
von Maja Zade 
Regie: Maja Zade, Bühne und Kostüme: Nina Wetzel, Musik: Nils Ostendorf, Video: Sébastien Dupouey, Dramaturgie: Nils Haarmann, Licht: Erich Schneider.
Mit: Caroline Peters.
Uraufführung am 20. Juni 2024
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schaubuehne.de

 

Kritikenrundschau 

"Der in seinem Reichtum an Auslassungen und Andeutungen durchgeschliffene Text von Zade findet in der geistigen Wendigkeit und dem herrlich beweglichen Gesicht von Peters seinen Ausdruck", lobt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (21.6.2024). Peters mache "spinne" zu einem "Ereignis der effektiven Schauspielkunst". Gleichzeitig aber sei der Abend als Zeitdiagnose einer "spätbürgerlichen, kurz vor der Selbstzerfleischung stehenden Gesellschaft" bei allem "Theatergenuss sehr betrüblich und frei von Hoffnung".

Fabian Wallmeier vergleicht den Abend auf rbb 24 (21.6.2024) mit dem jüngsten großen Solo an der Berliner Schaubühne, Falk Richters "The Silence", für den Kritiker ein "starker, tiefschürfender und vielschichtiger Abend". Leider lasse sich "nichts davon" über "spinne" sagen. Das liege nicht an der "großen Caroline Peters, die sich redlich bemüht, dem kraftlosen Lehrstück Leben einzuhauchen und vor allem die komischen Seiten des Textes hervorkehrt". Sie bleibe allerdings "gnandenlos unterfordert". Der Text komme "ohne Schnörkel" daher, aber eben "leider auch ohne echte Reibungspunkte", so Wallmeier. 

Maja Zades Stück "kommt aus der typischen Berliner Schaubühnen-Stimmung der Gegenwart. Man ist schon vor einiger Zeit fünfzig geworden, schaut skeptisch auf die politischen Entwicklungen und kompensiert die eigene ideologische Ratlosigkeit mit Turnschuhen und überambitionierter Videoästhetik", schreibt Simon Strauß in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (22.6.2024). "Zades Versuch, den aktuellen Konversationston der wohlhabenden Westberliner Mittelschicht zu treffen, verläuft sich im Ungefähren einer Banalität des bös Bürgerlichen." Caroline Peters wiederum "beeindruckt durch ihre variantenreiche Imitationslust. Aber im Grunde bezeugt auch ihr Spiel nur das, was dieses Stück ausstellt: die Hilflosigkeit einer Generation, der das eigene Leben davonläuft und die nicht mehr weiß, wie man Fangen spielt."

"Wenig mehr als ein großes, ratloses Klischee-Bombardement, allerdings in guter Gesellschaft der herausragenden Caroline Peters", hat Barbara Behrendt für "Kultur heute" auf Deutschlandfunk (21.6.2024) erlebt. "Caroline Peters glänzt. Mit Präzision und Beiläufigkeit wirft sie sich in diesen vierstimmigen Monolog in aller Irritation und Wut." Das Spiel sei "ungeheuer komisch", Zades Monolog hingegen lese sich "allerdings mehr wie eine pointierte Kurzgeschichte", versäume die Möglichkeit des Theaters, unterschiedliche Figurenperspektiven vorzuführen; man bleibe hier "in Julias Sicht gefangen". Und als "Regisseurin zeigt sich die Autorin wenig einfallsreich".

Caroline Peters ist in den Augen von Christine Wahl im Tagesspiegel (22.6.2024) "höchst sehenswert". Das Stück von Maja Zade aber bleibe im Politischen "äußerst flach und klischiert". Was sich die Figuren "wechselseitig über den Edelrestaurant-Tisch zuschieben, sind nicht mehr als Instant-Floskeln"; es entstünden "keine Figuren und dramatischen Kollisionen".

Von "einer weniger nuancierten, weniger kraftvollen, auch: weniger humorbegabten Schauspielerin als Caroline Peters gesprochen" würde dieser Monolog "schlicht verläppern", konstatiert Sonja Zerki in der Süddeutschen Zeitung (22.6.2024). "Je mehr es um die AfD ging, desto schwächer wurde es." Wahrscheinlich, so die Kritikerin, "wäre die Inszenierung als krachende Satire die Rettung für das Stück gewesen. Stattdessen wird es politisch, also ernst, aber eben nicht: erhellend".

Der von der Schaubühne avisierte "Monolog über die Schwierigkeiten des Dialogs 'trotz politischer Konflikte und unterschiedlicher Lebensentwürfe'" gehe "ins Aus", schreibt Reinhard Wengierek in der Berliner Morgenpost (22.6.2024). "Immerhin, dank der großen Peters gelingt die Skizze einer urbanen, vergleichsweise erfolglosen, irritierend hilflosen, dennoch um Kraft ringenden, aber stramm selbstgerechten, angestrengt emanzipierten Single-Frau, tragisch umwölkt, neurotisch angefressen."

Kommentare  
spinne, Berlin: Fliegende Pizza
Eine Shirley-Valentiniade bietet Caroline Peters an, unterhaltsam, kurzweilig und durchaus um Spannung bemüht. Alles konsequent aus der Perspektive der Figur Julia, deshalb mehr Befund als Analyse, aus Fernsehberichten transkribiert … Die Aufforderung, die Mobiltelefone auszuschalten und die Show zu enjoyen, sind wir gerne gefolgt … Irgendwie muss jedoch die Autorin gemerkt haben, dass das Wasser nicht so tief ist … die Videos sind inhaltsleer, weil nicht erkennbar, was auf den schnell wechselnden Schriften und Bildern zu sehen ist. Leider bringt das nichts und strukturiert auch nichts, bleibt Regieidee … wie die echte (die ganze Zeit unsichtbar riechende) Pizza Margarita, die gegen die Rückwand fliegt …
spinne, Berlin: Nicht vertraut
Caroline Peters: grandios in Mimik, Gestik, Sprechen. Der Text hat einen interessanten Ansatz: eine Auseinandersetzung mit der Ohnmacht vieler gegenüber der Zunahme an politischer Intoleranz. Die Inszenierung: leider misslich. Viel weniger (Musik, Video, Ausstattung) wäre wirklich gut gewesen. Schade, dass die Regie dem Können von Frau Peters nicht vertraut hat (so jedenfalls mutet‘s an)
spinne, Berlin: Fällt auseinander
Caroline Peters zieht es zurück ans Wiener Burgtheater. Der zweite prominente Abgang der Schaubühne nach einer von zwei Theatertreffen-Einladungen gekrönten Spielzeit, denn Joachim Meyerhoff wechselt ans Schauspielhaus Hamburg und wird in Karin Beiers „Puntila“-Saisoneröffnungs-Inszenierung zu sehen sein.

Die erste Hälfte des Abends ist eine amüsante Klassismus-Studie: Peters glänzt im Zickenkrieg, den sich Julia und Christiane liefern. Verbale Tiefschläge werden freundlich gesetzt. Doch je länger das Stück geht, desto hilfloser versucht Autorin/Regisseurin Zade, sich an der AfD abzuarbeiten. Die Anwaltsfamilie erstarrt zu klischeehaften Abziehbildern, die einige Textbausteine absondern. Ihr anfangs so wortgewandter Gegenpart Julia als Vertreterin einer linksliberalen Innenstadt-S-Bahn-Ring-Bevölkerungsmehrheit, reagiert ähnlich schablonenhaft, bis sie schließlich unter dem Tisch zusammenbricht.

Der 90minütige Abend fällt sehr auseinander: Caroline Peters zieht zum Abschied alle Register, sie wird nicht nur in weiteren Vorstellungen in den kommenden Tagen zu sehen sein, sondern ab September auch mit dieser Inszenierung am Lehniner Platz weiter gastieren. Text und Regie wirken jedoch zu holzschnittartig und bieder.

Komplette Kritik: https://daskulturblog.com/2024/06/28/spinne-schaubuehne-kritik/
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