Mord im Regionalexpress - Theater RambaZamba Berlin
Polizeiruf 030
23. Februar 2025. Hat wer die Leiche gesehen? Die Soko tappt im Dunkeln, allerdings mit dem größten Vergnügen: Milan Peschel schickt ein hinreißendes Ensemble auf Spurensuche im Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg. Mit Pollesch im Sinn und dem Osten im Blick. Ein großer Abend.
Von Christian Rakow
"Mord im Regionalexpress" von Milan Peschel am Theater RambaZamba © Philipp Zwanzig
23. Februar 2025. Fehlt eigentlich nur noch, dass Frank Castorf am RambaZamba aufschlägt und seine Regiekohlen in den Kessel schippt. Aber er würde sich strecken müssen, weil: Die haben hier schon mächtig Fahrt aufgenommen, der Tender kocht, das Signalhorn schrillt laut.
Zunächst hat Leander Haußmann das kleine freie Haus im Prenzlauer Berg mit zwei versponnen schönen Abenden ("Einer flog über das Kuckucksnest", "Läuft") und seinem lässigen, nachdenklichen, unbeirrbaren Arsch-in-der-Hose-Stil zur volksbühnenmäßigsten Bühne der Stadt gemacht.
Sonderkommission für unlösbare Widersprüche
Und jetzt kommt Volksbühnen-Seppl Milan Peschel, dieser so wundersam zwischen Quatsch und Underdog-Tiefsinn pendelnde Spaßmacher aus der Castorf-Schmiede, und legt den besten Abend hin, den ich von ihm als Regisseur kenne (ich kenne nicht gar so viele, aber immerhin seine Anfänge am Theater an der Parkaue für Kinder und Jugendliche, dann Sachen am Gorki und am DT).
"Mord im Regionalexpress" nennt Milan Peschel seine Sause. Sie nimmt nur wenige szenische Anleihen beim Krimiklassiker "Mord im Orientexpress", dafür einen gehörigen Schluck aus der René Pollesch-Pulle: Ein Mord ist geschehen, die Leiche fehlt, vielleicht war's auch nur "ein Schauspieler in einer Sinnkrise". Niemand kann es sagen. Jedenfalls formiert sich eine "Sonderkommission für unlösbare Widersprüche" und macht sich auf die Suche.
Und diese Suche führt bald auf neue Gleise: "Peter ist verschwunden!", also der Peter von einem der berühmtesten DDR-Gemälde: "Peter im Tierpark" von Harald Hakenbeck (1960). Das Gemälde hing bis eben noch an der Wand rechts der Spielfläche. Jetzt ist da nur noch ein weißer Körperumriss auf dem Hintergrund. Wie und wann der Junge mit seiner blauen Jacke und der Ohrenklappen-Mütze abhanden kam und ob er etwas mit der Leiche im Regionalexpress zu tun hat, darf getrost offen bleiben. Wer mit seinen Interpretationen verkehrt abbiegt, liegt genau richtig. Denn wie sie wiederholt sagen: "Es gibt keine falsche Richtung, es dauert höchstens etwas länger."
Nur echt mit Sherlock-Mütze: Das Ensemble mit Zora Schemm und Christian Behrend ermittelt © Phillip Zwanzig
Im Sonderkommissariat sind Hieu Pham, Zora Schemm, Franziska Kleinert und Moritz Höhne dabei, die jüngst schon dem Habeck-Krimi "Hauke Haiens Tod" am DT einen Schuss ausgekochten Witz beigemischt haben. Christian Behrend gibt im Karo-Tweedmantel den Sherlock Holmes-Wiedergänger, Joachim Neumann sieht mit schwarzer Sonnenbrille wie ein Blues Brother aus. Was auch gut zur Retro-Musikauswahl des Abends passt, der von Gerry and the Pacemakers ("Walk Hand in Hand") bis Die Anderen ("Freitagabend in Berlin") das Beste aus der Jukebox an den Start bringt.
Sätze wie Kartoffelscheiben
Zwei Akteure gibt's, die wirklich jeder Pollesch-Hirnverknotung bestens anstehen würden: Anil Merickan, ein athletischer, stets halb unter Strom stehender, halb gebremster Lederjackentyp, der mit berückender Sperrigkeit seine Sätze wie Kartoffelscheiben in unsere Hirnschalen fallen lässt. Seine aufwändige, nicht enden wollende Rekapitulation der Haltepunkte des Regionalexpress auf der langen Fahrt zwischen Ludwigslust (oder war es Lichterfelde?) und Schwerin ("Nein, Stralsund!") gehört zu den großen Momenten dieser Theatersaison.
An seiner Seite: der bezwingende Jan Bülow, ein Kraftwerk von einem Spieler, Gaststar und Lokomotive der Veranstaltung. Stets staunensbereit ölt er die Peschel'sche Diskursmaschine, hechtet hierhin, dorthin, rennt sich den Wolf, irrwischelt oder schweigt auch einfach mal, verschwindet dann wieder in der Gruppe, stets zupackend, nie raumgreifend. Wahnsinn.
Weil's im winzigen RambaZamba keine Drehbühne gibt, legen sie alle selbst Hand an und schieben sich den hölzernen Eisenbahnwagon, der den Raum dominiert (Bühne: Magdalena Musial), zurecht. Locker navigiert man sich. Die Tempowechsel im Ensemble, die Intensität des Miteinanders, da passt alles.
Bruchhaftes Zusammenwachsen
Natürlich ist das Team vordergründig auf Spaßhaben und Rumblödeln aus. Um damit hintergründig dann doch eine sehr berührende Geschichte zu skizzeren: die Geschichte eines Verlusts von Biographie und Bedeutsamkeit, von einem Land und seinen Leuten, von vielen Orten. "Mord im Regionalexpress" ist ein enorm einfühlsamer Abend über das Ausradiertsein von ostdeutscher Erfahrung. So wie von Peter nur noch der weiße Umriss auf seinem Tierparkbild zurückbleibt. Ein Stück, das erzählt, warum das Zusammenwachsen Berlins und Deutschlands so bruchhaft ist. Alles so ungleich vereint.
Warten auf den Anschlusszug in Kostümen von Nicole Timm © Philipp Zwanzig
Einmal erinnert sich Joachim Neumann an seine Auftritte mit einer DDR-Theatergruppe in den 1980ern: "Da sind wir immer rumgezogen, in Krankenhäuser und haben für die kranken Leute gespielt. Die haben sich gefreut, wenn wir vorbeigekommen sind. Im Krankenhaus wird ja wenig gelacht. Wir waren Krankenhausclowns, ja, sowas ähnliches haben wir gemacht." Und genau das sind sie hier und heute für uns: die Krankenhausclowns. Für unser angeschlagenes Gegenwartsempfinden. Unsere Aufmunterer, Mutmacher. Im Geiste der Worte, die Mick Jagger in "Waiting on a Friend" am Schluss dieses denkwürdigen Abends singt: "A smile relieves a heart that grieves" – ein Lächeln erleichtert das Herz voll Kummer. Sie haben uns dieses Lächeln auf die Lippen gezaubert. Es soll von dort nicht weichen!
Mord im Regionalexpress
von Milan Peschel
Regie: Milan Peschel, Bühne: Magdalena Musial, Kostüm: Nicole Timm, Dramaturgie: Juliane Koepp, Technische Leitung: Stephan Lux, Licht: Anton Seidlitz, Ton: Amir Arsalan Shiri Varnamkhasti.
Mit: Christian Behrend, Jan Bülow, Moritz Höhne, Franziska Kleinert, Anil Merickan, Joachim Neumann, Hieu Pham, Zora Schemm.
Premiere am 22. Februar 2025
Dauer: 1 Stunde 25 Minuten, keine Pause
rambazamba-theater.de
Kritikenrundschau
"Tolle Musik, Tricks und Slapsticks sowie aus dem Ärmel geschüttelte sokratische Dialoge", hat Ulrich Seidler mitgenommen und schreibt in der Berliner Zeitung (24.2.2025): "Viele schöne Fragezeichenblicke werden geworfen und verlässlich von breitem Fragezeichengrinsen aufgefangen. Peschel und seine Crew schaffen etwas Seltenes, nämlich dass man richtig gute Laune bekommt, weil man versteht, wie begriffsstutzig und unzulänglich man ist. Ein Muss."
"Milan Peschel zeigt mit seinem herrlich vergnüglichen Debüt an diesem Haus, über Sinnkrisen, Berlingeschichte und zu früh Totgesagte, dass der überbordende Esprit des Ramba-Zamba-Ensembles zur menschenfreundlichen Volksbühnen-Ironie passt wie die Faust aufs Auge", ist auch Barbara Behrendt im RBB Inforadio (24.2.2025) begeistert.
"Wem hier nicht das Herz aufgeht, der hat keines", ruft Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (25.2.2025) aus und nutzt den Besuch des Abends für ein Porträt des unter dem Berliner Spardruck kämpfenden RambaZamba Theaters. "Man muss sich Rambazamba-Schauspieler als glückliche Menschen vorstellen", schreibt er im Anschluss an eine zentrale Szene des Stücks mit Zora Schemm. "Spätestens hier fragt man sich, wie es der Berliner Kultursenator noch schafft, gut zu schlafen, wenn er ausgerechnet diesem Theater das Überleben schwer macht, und wie er das mit seiner christlichen Nächstenliebe in Einklang bringt." Eine Empfehlung hat der Kritiker auch: das RambaZamba möge zumindest teilweise den Prater als Spielstätte zur Verfügung gestellt bekommen. Denn Abende wie auch die von Leander Haußmann könnten dort viel größere Zuschauerzahlen erreichen.
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