Magic Maids | Pas Moi | Deeper - Festival Theaterformen
Wo der Hexenbesen kehrt
23. Juni 2025. "Magic Maids", "Pas Moi" und "Deeper": Das Festival Theaterformen lässt in der vorletzten Ausgabe unter der künstlerischen Leiterin Anna Mülter eindringliche Stimmen zu Wort kommen.
Von Jan Fischer
"Magic Maids" von Eisa Jocson und Venuri Perera bei den Theaterformen Hannover © Jörg Baumann
23. Juni 2025. Die vermutlich schönste Content-Warnung der ganzen Theaterformen hat "Magic Maids" der beiden Performerinnen Eisa Jocson und Venuri Perera von den Phillipinen und aus Amsterdam. Blindenführhunde, heißt es da, seien in der Vorstellung selbstverständlich gestattet, "allerdings nicht empfohlen, da am Ende des Stückes gemahlenes Chili, Salz und Kurkuma im Raum verteilt wird". Zum Ende des Tanzstückes verfeinern Jocson und Perera das Rezept noch mit ein wenig Limette.
Davor haben die beiden von billigen Haushaltshilfen von den Philippinen und aus Sri Lanka erzählt, von Missbrauch, Vergewaltigung und Mord. Und sie haben gefegt, erst leise, zaghaft, dann zu brezelnder Elektro-Musik, immer den Besen zwischen die Beine geklemmt, hinten ragt er als reinigender Schwanz hervor, und zwischendrin entwickelt sich – mit teilweise bis zu sechs Besen, die gleichzeitig geschwungen werden – das ganze zu einem regelrechten cirque du balai. Aber eben mit ernstem Hintergrund: Am Ende baumeln die Besen als gehängte Hexen – metaphorisch übereinanderlegt mit den missbrauchten Haushaltskräften – von der Decke.
Einladung zum Mitfegen: "Magic Maids" von Eisa Jocson und Venuri Perera
Immer wieder kommunizieren Jocson und Perera dabei auch mit dem Publikum, von Blicken über Hinknien in Demut bis hin zu der Frage, ob nicht jemand im Publikum zufällig noch eine philippinische Haushaltshilfe benötige, jetzt gleich zum Mitnehmen, jeder brauche schließlich jemanden, der sich kümmere.
"Magic Maids" ist spielerisch, der Besentanz teilweise sehr spaßig mit anzusehen, und Jocson und Perera legen stellenweise eine leichtfüßige Ironie über ihren Tanz. Aber "Magic Maids" ist eben auch bitter, weil es um eine Gruppe von Menschen geht, die oft wie Sklaven gehalten werden – und weil der Widerstand oft scheitert. Als die Gewürze dann mit kreiselnden Besen zu Mandalas verteilt werden, bekommt das Publikum ebenfalls Besen ausgeteilt. Und als die Performerinnen von der Bühne verschwinden und zum Applaus erst einmal nicht wiederkommen, springt das Publikum ein und fegt alles wieder zusammen.
Debatte um Gebärdensprache: "Pas Moi" von Diana Anselmo
Eine andere Art von Sichtbarkeit versucht Diana Anselmo in der Premiere "Pas Moi" herzustellen: In der Lecture Performance aus Italien geht es um Taubheit – und die Geschichte der Gebärdensprache, die lange Zeit als, erklärt Anselmo, sichtbares Zeichen eines von der Norm abweichenden Körpers galt und deshalb oft nicht gelehrt wurde. Ganz besonders hat Anselmo es auf Graham Alexander Bell abgesehen, der einerseits zwar eine Schule für Taube eröffnete, selbst schwerhörig war und gebärden konnte, andererseits aber Gebärdensprache ablehnte und versuchte, Taubheit mit technischen Lösungen zu heilen – und mit Eugenik.
Spannend ist "Pas Moi" vor allem, weil die Hauptsprache der Inszenierung Gebärdensprache ist. Wer da nicht mitkommt, bekommt hinterher zwar eine Übersetzung geliefert, aber die wirkt oft fast, als hätte sich jemand nachträglich überlegt, dass "Pas Moi" vielleicht auch barrierefrei für Hörende sein sollte.
Auch hier wird es stellenweise spielerisch auf der größtenteils dunklen Kastenbühne: Die Hörgeräte der drei Darsteller*innen Diana Anselmo, Daniel Bongioanni und Antonio Dominelli werden herausgenommen und erzeugen vor einem Mikrofon quietschendes Feedback, zu brüllend lautem "Freude schöner Götterfunken" tanzen die Drei. Außerdem versuchen sie die Frage zu beantworten, warum eigentlich auf der Voyager eine Schallplatte mitfliegt – schließlich sei es nicht gesagt, dass Aliens hören können. Am Ende ist "Pas Moi" ein Plädoyer für Normalität. Taubsein heilen zu wollen, heißt es in dem Stück, sei ungefähr so, als wolle man Homosexualität heilen.
Nicht allzu tief: "Deeper" von Gosia Wdowik
Ein wenig spröde und stark formalistisch kommt dagegen eine weitere Uraufführung auf den Theaterformen daher: "Deeper" der polnischen Theatermacherin Gosia Wdowik. Mit einer Kamera wird darin ein Mädchen umfahren, das in rotem Pullover, blauem Rock und mit heruntergezogener Unterhose wie tot auf etwas Organisch-Grünem liegt.
"Deeper" von Gosia Wdowik © Katrin Ribbe
Wdowik geht es um Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, um den gnadenlosen male gaze auf Teenagerinnen auf der Straße und um unverlangt verschickte Dick Pics in den sozialen Medien. Dafür hat Wdowik Teenagerinnen befragt, Auszüge aus den Interviews werden abgespielt, während eine Art Essay von Wdowik die Geschichte rahmt.
Wer möchte wie gesehen werden? Wer sind wir, wenn wir auf der Straße sind, wie inszenieren wir uns, was ist falsch, was ist echt? Wdowik umkreist das alles in "Deeper", geht aber dabei nie in die Tiefe: Man hätte sich bei aller Relevanz des Themas mehr von dem Essay gewünscht, mehr Interview, einen etwas schnelleren Rhythmus. Wdowik schneidet viel an und gießt es in eine atmosphärische, formal streng durchkomponierte Inszenierung.
Im Ganzen bemühen sich, wie auch schon in den vergangenen Ausgaben, die Theaterformen unter der künstlerischen Leiterin Anna Mülter um eine große Diversität der Blicke und Herangehensweisen. "Magic Maids", "Pas Moi" und "Deeper" zeigen das exemplarisch.
Festival Theaterformen
in Hannover
Magic Maids
von Eisa Jocson und Venuri Perera
Konzept, Gestaltung, Dramaturgie: Eisa Jocson, Venuri Perera, Lichtgestaltung: Ariana Battaglia, Musikalische Komposition: Soraya Lutangu Bonaventure.
Mit: Eisa Jocson, Venuri Perera.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause
Pas Moi
von Diana Anselmo
Konzept, Visuals: Diana Anselmo, Komposition: Antonio Dominelli.
Mit: Diana Anselmo, Daniel Bongioanni, Antonio Dominelli.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause
Deeper
von Gosia Wdowik
Konzept, Text, Regie: Gosia Wdowik, Lichtdesign: Aleksander Prowaliński , Video: Wim Piqueur, Videoanimation: Karolina Wojtas, Jugendliche Expert*innen Jagoda Szymkiewicz, Stefania Sural, Lisa Coolen, Monica Keys, Gitte Slabbaert, Aiko Benaouisse.
Mit: Jaśmina Polak, Karin Tanghe, Laura Vanborm Musik Teoniki Rożynek.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause
www.theaterformen.de
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Schöne Widmung zu "Magic Maids". Schade, dass das Stück nur zweimal zu sehen war.