Monster's Paradise - Staatsoper Hamburg
Der aufblasbare Tyrann
2. Februar 2026. Elfriede Jelinek hat sich zum dritten Mal den US-Präsidenten vorgenommen: diesmal als Opernlibretto, zur Musik von Olga Neuwirth. Tobias Kratzer inszeniert die Uraufführung von "Monster's Paradise" in Hamburg als Mix aus Trash, politischem Kommentar, Schattentheater und Floßfahrt.
Von Falk Schreiber
Monster an der Opernfassade © Fynn Eckel
2. Februar 2026. Wie um das Klischee zu widerlegen, dass zeitgenössisches Musiktheater eine spröde Angelegenheit sei, hat die PR-Abteilung der Hamburgischen Staatsoper eine Charmeoffensive gestartet, anlässlich der Uraufführung der "Grand-Guignol-Opéra" "Monster's Paradise" von Olga Neuwirth (Komposition) und Elfriede Jelinek (Libretto). Seit Wochen also fluten niedliche Echsenvideos die sozialen Netzwerke, und auf allen Plakatwänden der Stadt turnt ein Fellmonster übers Dach des Weißen Hauses. Motto: Was so cute daherkommt, wird einen schon nicht neutönerisch verschrecken.
Und tatsächlich macht Neuwirths Komposition erst einmal einen zugänglichen Eindruck. Musicalanklänge hört man da, Filmmusik, Mozart und Rossini. Allerdings meist alles gleichzeitig. Und: Das Philharmonische Staatsorchester Hamburg macht unter der Leitung von Titus Engel einen durchaus harmonischen Job, aber immer wieder grätscht eine zu hoch gestimmte E-Gitarre dazwischen oder ein zu tief gestimmtes Klavier, Samples lärmen, und die Stimmen sind elektronisch verfremdet. Also doch spröde. Macht aber trotzdem Spaß.
Vampiretten gegen "König-Präsident"
Weil nämlich auch Elfriede Jelineks Libretto zwar in Abgründe blickt, dabei aber zweifellos Freude am Grauen offenbart. Also: Die "Vampiretten" Vampi und Bampi, doppelt besetzt mit je einer Schauspielerin (Sylvie Rohrer, Ruth Rosenfeld) sowie einer Sopranistin beziehungsweise Mezzosopranistin (Sarah Defrise, Kristina Stanek) und optisch als Doppelgängerinnen von Librettistin und Komponistin angelegt, sind frustriert, weil sich der Kampf gegen den Weltuntergang als erfolglos erweist.
Gedränge im Oval Office: Komparserie, Andrew Watts, Eric Jurenas, Georg Nigl, Sarah Defrise, Kristina Stanek © Tanja Dorendorf
Als letzter Versuch soll einem im vergoldeten Palast kindisch vor sich hinquengelnden "König-Präsidenten" (Georg Nigl, Bariton) das Handwerk gelegt werden, was aber auch scheitert: Vampi und Bampi bekommen nicht einmal ein Attentat hin, stattdessen geht der Unhold gestärkt aus dem Angriff hervor und mobilisiert seine Zombie-Anhänger (Chorleitung: Christian Günther). Das ist nicht weiter schlimm, weil der "König-Präsident" bald darauf vom Seeungeheuer Gorgonzilla (Anna Clementi, elektronisch verfremdeter Mezzosopran, gespielt von Vanessa Konzok) gefressen wird (was langfristig natürlich auch keine Lösung ist). Und Charlotte Rampling rezitiert als "The Goddess" salbungsvoll Kalendersprüche per Videoeinspielung.
Versunkene Elbphilharmonie
Im Gesamtwerk von Nobelpreisträgerin Jelinek ist "Monster's Paradise" nach "Am Königsweg" und "Endsieg" die dritte Auseinandersetzung mit US-Präsident Donald Trump. Und womöglich ist es die schonungsloseste, in ihrer Freude an der Geschmacklosigkeit, am Trash, auch an der Übertreibung – "Grand Guignol", das "große Kasperle", war um die Jahrhundertwende ein Unterhaltungstheater, das mit spekulativen Mitteln die Entgrenzung feierte, in kurzen, dreckigen Stücken, die unter anderem Gewalt, Folter, Morde explizit zeigten und so als Vorläufer des Splatterkinos gelten konnten.
Zweite Hälfte mit friedlichen Apokalypse-Bildern: Ruth Rosenfeld und Sylvie Rohrer als Neuwirth und Jelinek © Still aus dem Video von Janic Bebi und Jonas Dahl
Das hat sich Staatsopern-Intendant Tobias Kratzer in seiner Uraufführungsinszenierung zu Herzen genommen: Zunächst bringt er den Stoff mit den erprobten (und erst einmal wenig spektakulären) Mitteln des Regietheaters auf die Bühne (Ausstattung: Rainer Sellmaier), um nach der Pause auszugreifen, die Grenzen seiner Kunst zu verlassen und zunehmend apokalyptische Bilder zu entwerfen. Der Tod des "König-Präsidenten" wird zu Schattentheater, die Überlebenden wanken durch ein Flammenmeer, irgendwann finden sich Vampi und Bampi beziehungsweise Jelinek und Neuwirth auf einem Floß wieder, das führungslos über die Fluten schlingert, vorbei an einer versunkenen Elbphilharmonie (Video: Jonas Dahl, Janic Bebi). Ein starkes, lang ausgespieltes Bild, das nicht von ungefähr an Géricaults "Floß der Medusa" erinnert, nur dass den Protagonistinnen hier noch ein mechanisches Klavier mitgegeben wurde, das immer enervierender vor sich hinklimpert.
Überholte politische Analyse
Als politischer Kommentar allerdings kommt "Monster's Paradise" ein bisschen spät: Das faszinierte Entsetzen über die ausgestellte Dummheit und die vollkommene Empathielosigkeit Donald Trumps galt eigentlich eher für die erste Amtszeit des US-Präsidenten. Jelinek und Neuwirth (und mit ihnen Kratzer) sehen Trump als Wiedergänger von Alfred Jarrys "König Ubu", und ein Stück weit gehen sie dabei der Strategie des Trumpismus auf den Leim: Seit Trumps Wiederwahl nämlich wird diese Grobheit als Inszenierung deutlich, das Kindische, das Erratische dienen vor allem dazu, den autoritären Staatsumbau der USA zu überdecken. "Monster's Paradise" aber zeigt weiterhin einen Kindskopf, der von einem Seeungeheuer verspeist wird – Leuten wie Vizepräsident J.D. Vance oder Politikberater Stephen Miller dürfte das in den Kram passen.
Monster's Paradise
Von Olga Neuwirth, Libretto von Elfriede Jelinek
Uraufführung
Musikalische Leitung: Titus Engel, Regie: Tobias Kratzer, Co-Regie: Matthias Piro, Bühne und Kostüme: Rainer Sellmaier, Video: Jonas Dahl, Janic Bebi, Live-Elektronik: Markus Noistering, Sounddesign und Samples: Oliver Brunbauer, Olga Neuwirth, Klangregie: Julien Aléonard, Licht: Michael Bauer, Chor: Christian Günther, Kinder- und Jugendchor: Priscilla Prueter, Dramaturgie: Christopher Warmuth.
Mit: Sarah Defrise, Sylvie Rohrer, Kristina Stanek, Ruth Rosenfeld, Georg Nigl, Anna Clementi, Vanessa Konzok, Andrew Watts, Eric Jurenas, Ruben Drole, Charlotte Rampling (auf Video), Lucas Niggli (Drumkit), Seth Josel (E-Gitarre), Elisabeth Leonskaja, Alexandra Stychkina (Pianistinnen "Verstimmte Klaviere"), Chor der Hamburgischen Staatsoper, Alsterspatzen – Kinder- und Jugendchor der Hamburgischen Staatsoper, Philharmonisches Staatsorchester Hamburg.
Premiere am 1. Februar 2026
Dauer: 2 Stunden 50 Minuten, eine Pause
www.die-hamburgische-staatsoper.de
Kritikenrundschau
"Schockierend schwach" findet Daniel Kaiser vom NDR (2.2.2026) das Libretto von Elfriede Jelinek. "Wortgeklingel ohne Tiefe" sei die "selbstreferentielle Vampir-Satire ohne Biss". Atmosphärisch dicht, mit vielen Zitaten und Annäherungen, etwa an Songs von Weill, Strauss oder Schubert, sei die Komposition von Olga Neuwirth. Das Philharmonische Staatsorchester bringe den "rauschhaften, herausfordernden Soundtrack dieser Groteske zum Schwingen". Herausragend findet der NDR-Kritiker Georg Nigl als König-Präsident. Als seine Assistenten buhlten die Counter-Tenöre Eric Jurenas und Andrew Watts mit atemberaubenden Koloraturen um die Gunst des Chefs.
Tranig-trauriges Kasperletheater in fader Überlänge hat Welt-Kritiker Manuel Brug (2.2.2026) gesehen. Mehr als 20 Jahre nach ihren beider Musiktheaterwerke "Bählamms Fest" und "Lost Highway" – knapp kondensierten, surreal schrägen Opernfilmfantasien – gelinge Jelinek und Neuwirth nur ein "Eitelkeitsprojekt mit erschreckend wenig Substanz". "Schlicht" seien die Jelinek-Witze, "dürr die Sottisen, gedrechselt die Verse, dürftig die Moral". Leider kranke auch Neuwirths Partitur, wie schon ihr "Orlando" 2019, "an ungefügter Musiküberfülle": Die Komponistin "stapelt und schichtet alles, was die Musik der Gegenwart in polystilistischer Redundanz so hergibt" und verklebe das mit Zitaten von Bruckner bis Volkstanz". Während sich Dirigent Titus Engel stoisch durch die Partitur ackere, fahre Tobias Kratzer für die (angeblich millionenteure) Produktion "alles auf, was sein Regiemunitionskasten hergibt". Die absurd anmutende Wirklichkeit habe das vor der letzten US-Präsidentenwahl abgeschlossene Libretto längst überholt. "Was soll da noch eine Bühnenfarce ausrichten?"
Dieses Auftragswerk sei das ist das Herzstück der ersten Spielzeit des regieführenden Intendanten Tobias Kratzer, schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (3.3.2026). Eine politische Analyse zum Thema jedoch dürfe man nicht erwarten, "was selbst auch schon eine Analyse sein könnte: dass dies ein Augenblick jenseits der üblichen Kategorien ist, auch jenseits der Satire, die weder die Lachhaftigkeit noch das Entsetzliche spiegeln oder toppen kann." Die Wucht des Abends liegt für diese Kritikerin dann auch nicht so sehr "im bösen, aber eben erwartbar bösen Text. Sie liegt in der Gesamtkonstellation und den höchst abwechslungsreichen Beiträgen aus dem Graben. Hier leitet Titus Engel das klassisch besetzte Philharmonische Staatsorchester, dazu kommen Elektronik zum Einsatz und etliche Samples. Es klingt oft wie Filmmusik, es wird gewienerwalzt und geballert, vorm Schubert würde man auch schwören, dass man windschiefen Bruckner gehört hat."
"Wenn die Welt schon untergeht, dann bitte zur Musik von Olga Neuwirth," schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (3.2.206). Mit diesem Abend beschere Tobias Kratzer seinem Haus "ein maximal plakatives, aber auch sehr lustiges Musiktheater-Ausrufezeichen mit erhöhtem Hipness-Faktor. Neuwirths und Jelineks Oper ist ein Weltuntergangs-Oratorium, eine absurde Komödie in Zeiten des Autoritarismus und, na ja, eine Fuck-Trump-Party. Stilistisch bewegt sich das in angemessener Grellheit irgendwo zwischen Comicstrip, Geisterbahn, Godzilla-Film und Grand Guignol, dem blutspritzenden Splatter- und Horrorclown-Theater der vorletzten Jahrhundertwende."
"Diese Oper ist grell überschminkte Verzagtheit, nicht nur, was die Zukunft menschlichen Lebens angeht, sondern auch die Zukunft der Kunst", schreibt Jan Brachmann in der FAZ (2.3.2026). Tobias Kratzer führe "mit bunter Varieté-Reklame, Cheerleader-Bunnys samt Lametta-Püscheln, Kinderchören mit Fridays-for-Future-Transparenten nur eine aufwendig inszenierte Resignation vor."
Von Monstern wie Trump und Putin handele Neuwirths neue Oper, "und von der Rolle der Kunst, der Musik in solch 'entgleister' Wirklichkeit", schreibt Christine Lemke-Matwey in der Zeit (2.2.2026). Das Komponieren als widerständigen Akt - "Neuwirth treibt dieses Prinzip nun auf die Spitze, indem sie sich und ihre Librettistin Elfriede Jelinek indirekt mit auf die Bühne bringt, und zwar in doppelter Ausfertigung." Dass Jelinek sich überhaupt noch einmal zum Schreiben eines Operntextes bewegen ließ, darf durchaus als Sensation gelten. "Dass es niemand wagte, dem Libretto auch nur ein Haar zu krümmen. Das wiederum ist das Problem von 'Monster’s Paradise'."
"Sylvie Rohrer und Sarah Defrise geben als Vampi das Jelinek-Alter-ego der anderen Dimension; Ruth Rosenfeld und Kristina Stanek teilen sich als Bampi die Rolle von Neuwirth. Verkleidet als Miss Piggy und Kermit werden sie sogar zu scheiternden Attentäterinnen", schreibt Joachim Lange im Standard (2.2.2026). "Mit dieser kommentierenden, fragenden Insiderrolle machen sie einen Teil des manchmal gut versteckten, oft aber auch herausprustenden Witzes aus." Allerdings bleibe es bei der Dialektik bei kleinen Schaumkrönchen. "Jelinek und Neuwirth schlagen mehr um sich und schäumen die Oberfläche auf, als in die Tiefe zu tauchen."
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Und die Musik, immer neu, aus den bebendsten Steinen,
baut im unbrauchbaren Raum ihr vergöttlichtes Haus.
Rilke
Die Regie war hier leider ziemlich trashig und stellenweise einfach schlecht, statische Bilder, langweiliges Blocking, keine Wendepunkte, in einer so vollgepackten Satire einfach leider unlustig. Daher kann man den Jelinek Text, der sich wahrscheinlich nicht für die Bühne eignet, weil zu vollgestopft mit Anspielungen (muss wahrscheinlich wirklich gelesen werden, im Sinne von, manches zweimal lesen, zurückblättern, nachdenken, googeln) nicht so recht beurteilen.
Was aber grandios ist, also wirklich phänomenal und innovativ und meisterhaft und ich muss es wirklich sagen, genial, das ist die Musik von Olga Neuwirth. Und es ist wirklich eine Musik die nur live und nur hier so in der Oper möglich ist, das kann man sich nicht zuhause vorstellen, die hunderten Ebenen von Klang, Sound, Effekt, Gesang, Orchester, Chor, und Magic. Das würd ich mir nie zuhause anhören, aber in der Oper in Hamburg ist es genial. Hört es Euch an!