Krieg und Frieden - Staatstheater Darmstadt
Als sie sich die Welt aufteilten
23. Februar 2025. Tolstois Riesenwerk liest sich heute wie ein ferner Echoraum auf unsere Gegenwart. Russland im Krieg, die Welt am Abgrund. Regisseur Martin Laberenz hat in Darmstadt die Fäden zur Jetztzeit subtil gespannt. Ein immenser Kraftakt, der viel fordert – und einiges zurückgibt.
Von Michael Laages
"Krieg und Frieden" in der Regie von Martin Laberenz am Staatstheater Darmstadt © Benjamin Weber
23. Februar 2025. Die Lücken in den Reihen des Großen Hauses vom Staatstheater in Darmstadt sind beträchtlich nach der Pause – aber wer aufgegeben hat nach den ersten zwei Stunden "Krieg und Frieden", hat danach sehr viel verpasst. Denn die Spurensuche, zu der das Ensemble des Hauses aufgebrochen ist in der Bühnenfassung der vielen hundert Seiten dieses voluminösen Stückes Weltliteratur, verdichtet und fokussiert sich im zweiten Teil des Abends deutlich stärker und prägnanter als zuvor. Das Abenteuer der Begegnung mit Lew Tolstois Jahrhundertroman ist die immense Kraftanstrengung des Theaters letztendlich aber unbedingt wert.
Die Zukunft steht auf dem Spiel
Acht Personen suchen hier den Autor – und die Atmosphären der Epoche, in der er lebte und schrieb, Mitte des 19. Jahrhunderts. Immer mal wieder (und auch gleich zu Beginn) versammelt sich die Gruppe zum beschwörenden Klagegesang, zur Fürbitte um göttliches Erbarmen – Leben und Zukunft stehen auf dem Spiel, Russland wird gerade angegriffen im Juni 1812, Truppen aus Westeuropa haben die Grenze überschritten, unter Führung von Napoleon Bonaparte ziehen sie auf Moskau zu. Derweil ist der Zar zu Gast bei deutschen Fürsten; das russische Reich ist ohne Führung und nicht vorbereitet auf einen Krieg von diesem Ausmaß.
Wenig vorbereitet ist sicher auch das Publikum auf einen Abend wie diesen. Gerade hier täte das Programmheft gut daran, sich als Materialsammlung zu verstehen, als Serviceleistung und nicht so sehr als ideologische Handreichung zum Krieg um die Ukraine. Hilfe auf dem Weg zum Welt-Panorama von damals wäre eher nötig – denn wer wird den voluminösen Tolstoi-Roman schon jemals von Anfang bis Ende gelesen haben?
Auf der Weltbühne: Ensemble aus "Krieg und Frieden" © Benjamin Weber
Auch die Fassung, die Martin Laberenz für die Inszenierung entworfen hat (unter Benutzung der neuen Übersetzung von Barbara Conrad), stiftet speziell zu Beginn weder Ordnung noch Verständnis. Sie will dem vielköpfigen Personal der Handlung immer im Kollektiv nahekommen, das Ensemble bekommt im Programm nicht einmal Rollennamen verpasst. Und so sollten wir, das Publikum, gedanklich möglichst unablässig in Hab-Acht-Stellung bleiben, um zumindest zu verstehen, wer hier wer ist und warum er (oder sie) was tut. Wer sich dann im Nachhinein zumindest mal irgendeine Zusammenfassung im Netz vornimmt, wird in der Erinnerung vieles wiedererkennen.
Der feine Weltgeist
Pierre immerhin, der nichteheliche und in Paris erzogene Sohn des todkranken Grafen Besuchow, wird immer wieder kenntlich; Niklas Herzberg spielt ihn großäugig und immer ein wenig naiv, und die grundsätzliche Überforderung des ganzen Abends ist besonders ihm eingeschrieben. Auch den Obermilitär Kutusow erkennen wir immer wieder, weil Jörg Zirnstein ihn spielt; und weil ihm Kostümbildnerin Adriana Braga Peretzki so einen schönen Zottelfellmantel verpasst hat. Birte Schnöink, zu Gast in Darmstadt, trägt zwar zu Beginn noch Napoleons Kriegshut, wandelt sich aber mit der Zeit immer regelmäßiger (und immer öfter in einem spektakulären Glitzer- und Flitter-Outfit) zu jenem klugen, feinen Weltgeist, der von den politischen, gesellschaftlichen und familiären Unausweichlichkeiten berichtet.
In höchster Erregung: Niklas Herzberg, Aron Eichhorn, Laura Eichten, Sebastian Graf, Birte Schnöink, Sebastian Schulze © Benjamin Weber
Karin Klein wird im zweiten Teil tatsächlich zum Feldherrn Napoleon, und entwickelt in der Rolle eine Phantasie über die Aufteilung der Welt, die gut zu den aktuellen Interessen von Russland, China und Amerika passt. Sebastian Schulze tritt gleich nach der Pause zum ziemlich ulkigen Duell mit der zentralen Figur Pierre an und scheitert im Finale als hingebungsvoller Kämpfer in der Schlacht bei Borodino; auch Laura Eichten, Sebastian Graf und Aron Eichhorn finden sich zurecht in episodische Profilen; und wir bekommen die Chance, den spielenden Figuren durchaus intensiver zu folgen als den Personen, die sie aus dem Roman herüber holen.
Autowrack aus Kiew
Und leider erst nach der Pause fügen sich die Handlungs- und Erzählungsstränge zu wirklich dichten, zwingenden Bildern. Da ist zunächst die Geschichte vom sehr absonderlichen Duell - bei dem jeder weiß, dass es völlig grundlos vom Zaun gebrochen wurde; und dass es sicher besser wäre, gemeinsam zu rauchen und die blöde Affäre einfach zu vergessen. Darauf folgt schnell der zentrale Diskurs über menschliches Schicksal und göttliche Fügung, eine jener fundamentalen Tolstoi-Beschwörungen des idealen und ausweichlichen Welt-Gefüges.
Und dann bricht auch bald der kriegerische Alltag herein über die Inszenierung – das Wrack eines Autos von heute, wie seit drei Jahren etwa auf den Straßen von Kiew, Odessa oder Charkiw zu finden, steht auf der Drehbühne zwischen den bühnenhohen und tiefroten Wänden, mit denen Oliver Helf den großen Darmstädter Raum zuvor und von Beginn an in immer wechselnden Konstellationen zu einer Art Gefängnis-Kasten gemacht hatte. Die fabelhaften Acht des Ensemble-Kollektivs schieben und rollen die tote Karre schlussendlich gemeinsam durch den Raum, und sie singen dazu zur Gitarre. Mit Bildern wie diesen nimmt die Inszenierung des Publikum letztlich doch noch gefangen. Das ist die Stärke dieses enormen Kraftaktes – dass die Inszenierung von Martin Laberenz zu Bildern von sehr besonderer Klasse gelangt auf Helfs Bühne und mit den extrem prägnanten, profilbildenden Kostümen von Braga Peretzki. Diese szenischen Phantasien helfen uns, dem Publikum, letztlich dann doch dabei, auch Text und Autor auf der Spur zu bleiben. Aber eine leichte Übung ist das nicht, für niemanden, nicht auf der Bühne und nicht im Saal. Aber wer hätte schon "Leichtigkeit" erwartet bei Tolstoi ...
Krieg und Frieden
nach dem Roman von Lew Tolstoi
Regie: Martin Laberenz, Bühne: Oliver Helf, Kostüm: Adriana Braga Peretzki. Musik/Komposition: Johannes Hofmann, Dramaturgie: Marlon Tarnow, Alexander Kohlmann.
Mit: Aron Eichhorn, Laura Eichten, Sebastian Graf, Niklas Herzberg, Karin Klein, Birte Schnöink, Sebastian Schulze, Jörg Zirnstein.
Premiere am 22. Februar 2025
Dauer: 4 Stunden, eine Pause
www.staatstheater-darmstadt.de
Kritikenrundschau
"Heillos überfordernd" findet Bettina Boyens die Inszenierung und schreibt in der Frankfurter Neuen Presse (24.2.2025), der Abend führe "zur langsamen Zermürbung des Zuschauers durch Wirrnis". Der im Programmheft behauptete Ansatz, ohne Belehrung "gemeinsam mit Ihnen die Konfrontation mit einem Stück europäischer Geistesgeschichte zu wagen" werde unzureichend eingelöst. "Vor allem die Frage, inwiefern Putins Vorstellung, sich mit dem verdorbenen liberalen Westen im Gedankenkrieg zu befinden, etwas mit Tolstois Sicht vom "unbewussten Herdenleben der Menschheit" und der Schuldlosigkeit des Einzelnen in der Geschichte zu tun hat, sowie die von Laberenz beschriebene Beobachtung, Putin agiere letztlich wie Kutusow, verlaufen unklar im Sande", so Boyens. Einige große Bilder und die Darsteller Niklas Herzberg, Sebastian Schulze und Birte Schnöink werden immerhin gelobt.
Gemessen an dem Anspruch der Inszenierung, den Tolstoi-Stoff ins aktuelle Licht zu rücken und also Gewalt, Krieg und Gesellschaftsstruktur, "die als Ergebnisse der Zeit nun vor uns liegen", aufzuzeigen, müssen Laberenz' Inszenierung "als misslungen" gelten, schreibt Eva-Maria Magel im Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (24.2.2025). "Jenseits der Beschwörung von Zusammenhängen in den eingeschobenen erläuternden Monologen werden gerade diese Zusammenhänge nicht recht sichtbar. Die Inszenierung verliert sich in Einzelbildern. Die allerdings sind stark – und sie sind auch unterhaltsam."
Stefan Benz ist im Darmstädter Echo (25.2.2025) wenig angetan: "Wirkt immer, als würde gleich Frank Castorf die Regie übernehmen. Doch haut Martin Laberenz gleich wieder die Handbremse rein. Klamauk und Kalauer blitzen kurz auf, wirken dann völlig beliebig gesetzt. Einen szenischen Sog, visuelle Bannkraft, die es brauchte, um diesem Monument von einem Roman Theaterleben zu schenken, entwickelt der Abend nie. Es ruckelt halbwild von Krieg zu Frieden und wieder zurück."
"Langweilig freilich wird es einem in diesen Stunden nicht, die Überzeichnung, die Geschwindigkeit tun viel, sorgen für Unterhaltsamkeit", berichtet Sylvia Staude in der Frankfurter Rundschau (25.2.2025). Und doch bleibt in dem Gewusel eine Frage für die Kritikerin zurück: "Wenn doch das Thema dieses Romans so grausig aktuell ist, warum bringt man ihn als doch eher leichte Unterhaltung auf die Bühne? Kühnheit fehlt dem Abend also nicht, aber ach, Ernst."
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Mein Eindruck: Sehr Konfus, unpassender Klamauk
Allerdings möchte ich die Darsteller sehr positiv bewerten, ihnen zuliebe habe ich bis zum Schluss durchgehalten - und dem zweiten Teil konnte ich sogar etwas abgewinnen.