Das Bildnis des Dorian Gray - Schauspiel Frankfurt
Fetischträume
13. Dezember 2025. Sweet Dreams are made of this: Ran Chai Bar-zvi dreht in Frankfurt Oscar Wildes "Das Bildnis des Dorian Gray" konsequent auf Camp. Und Marcus Peter Tesch ergänzt das Stück mit einem Epilog zur Feier von Perversion.
Von Falk Schreiber
Ran Chai Bar-zvi zeigt Oscar Wildes "Das Bildnis des Dorian Gray" in Frankfurt © Robert Schittko
13. Dezember 2025. Es ist ja überhaupt nicht das Alter. Häufig wird behauptet, dass es in Oscar Wildes Roman "Das Bildnis des Dorian Gray" ums Altern gehe, der Protagonist besäße ein Gemälde, das an seiner Stelle altere, er selbst aber bleibe jung und schön.
Tatsächlich funktioniert diese Erklärung nur, wenn man mit Altern die Summe der moralischen Verwerflichkeiten, Hässlichkeiten, Bösartigkeiten meint, die wir im Laufe der Jahre ansammeln – sie sind es, die sich in das Bildnis einschreiben, über biologisches Alter ist da erstmal gar nichts gesagt. Und so versteht auch Ran Chai Bar-zvi den 1890 erstmals erschienenen Roman in seiner Bühnenadaption an den Kammerspielen des Schauspiel Frankfurt: Dorian Gray, der zu Beginn noch unschuldig und ein wenig naiv durch die Londoner Oberschicht tänzelt, kostet vom Bösen, wechselt auf die dunkle Seite der Macht. Und das Gemälde verzerrt sich zur Fratze.
Flirts in einer Galerie
In diesem Zurechtrücken der Vorlage ist Ran Chai Bar-zvi also nahe an Wilde, ansonsten aber verzichtet er auf Fin-de-Siècle-Plüsch. Die vom Regisseur selbst gestaltete Bühne betont die Nüchternheit des White Cube (wir befinden uns hier zweifellos im Galerie- und Kunst-Kontext), während die von Belle Santos entworfenen Kostüme die Kälte des Raums fröhlich mit Lack und Latex fetischisieren. Das Setting, das bei Wilde noch zurückhaltend homophil angedeutet wurde, ist hier explizit queer: Dorian (zum Niederknien schön: Mitja Over) steht dem Maler Basil (ernsthaft in Dorian verliebt: Miguel Klein Medina) Modell, während dessen älterer Freund Harry (Stefan Graf) halb belustigt, halb eifersüchtig die Annäherungen der beiden kommentiert. Das ist charmant, weil die Inszenierung hier die von Wilde gepflegten Aphorismen und die Kunst des Smalltalks so glaubhaft wie unterhaltsam in die Welt des Flirts überträgt.
Mitja Over als Dorian Gray im Bühnenbild von Regisseur Ran Chai Bar-zvi © Robert Schittko
Auch wenn insbesondere Harry das nicht wirklich gut bekommt – im Roman ist er eine Figur, die ein wenig außen vor bleibt und die das Geschehen dadurch theoretisch unterfüttern kann. Bei Graf aber ist er ein Ekel, das sein Selbstbewusstsein aus forcierter Souveränität zieht, die auf der Abwertung seiner gutwilligen Freunde fußt. Gerade in Frankfurt hat der Name "Dorian Gray" einen bestimmten Klang – das war in den Achtzigern und Neunzigern eine legendäre Diskothek im Flughafen, in der DJs wie Sven Väth oder Talla 2XLC eine als "Sound of Frankfurt" kommerziell wirkmächtige Techno-Variante prägten. Und Harry ist ein Typ, wie man ihn damals im "Dorian Gray" treffen konnte: koksbefeuert souverän, das schon, aber auch großspurig und ein bisschen provinziell. Gleichzeitig reizvoll und unsympathisch.
Wie in der Diskothek der 90er
Schön ist das nicht, und weil Graf seine Figur außerdem mit gegeltem Haar, einer lächerlichen Sonnenbrille und betont vernuschelter Aussprache ausstattet, rutscht Harry immer weiter in Richtung Karikatur, während Basil und Dorian weiterhin echte Menschen bleiben.
Freilich: In seinem zunehmend angestrengten Bemühen, den Bad Guy zu geben, schafft es Harry dann eben auch, die Saat des Bösen zu säen, zumindest wenn man annimmt, dass Overs Dorian dafür empfänglich ist. Wobei es eine interessante Überlegung ist, was eigentlich wäre, würde der Titelheld nicht auf Harrys um ehrlich zu sein ein bisschen armselige Machtspielchen eingehen? Der hübsch choreografierte Dreier mit sadomasochistischen Elementen wäre dann tatsächlich ein solidarischer Lustgewinn und nicht ein eher schaler Spaß auf Basils Kosten. Und womöglich stünde das auch bei Wilde, wenn man ihn ein bisschen gegen den Strich lesen würde?
Ein bisschen too much camp
Das will diese Inszenierung aber nicht, sie nimmt schon wörtlich, was im Roman geschrieben ist, und dreht es in der Folge konsequent auf Camp. Was dann eben zur Folge hat, dass der arme Basil als Laufbursche losgeschickt wird, aber mit abgespreiztem Finger: "Bring uns was Gekühltes zum Trinken, was mit Erdbeeren drin!" Oder dass in einer Szene die Hymne von (sexuell aufgeladenem) Schmerz, Demütigung und Unterwerfung gespielt wird, "Sweet Dreams (are made of this)" von den Eurythmics: "Some of them want to use you / Some of them want to be used by you." In sich stimmt das alles, aber es stimmt auch ein bisschen zu gut: Diese Inszenierung will unbedingt Camp sein, aber Camp funktioniert nicht so richtig, when you are trying too hard.
Ménage à trois: Miguel Klein Medina, Mitja Over und Stefan Graf spielen in Kostümen von Belle Santos © Robert Schittko
Die angestrebte Camp-Ästhetik verpasst Ran Chai Bar-zvi also haarscharf, was nicht heißt, dass der Abend als mehr oder weniger vorlagentreue Übertragung von Wildes Roman in eine queere Gegenwart nicht seinen Reiz hätte. Nach 75 Minuten dann ist Basil gemeuchelt, der Vorhang fällt, und das Trio spricht chorisch an der Rampe einen Epilog, "Dorian Gray (Extended Version)" von Marcus Peter Tesch. Der will eine Art Feier devianter und perverser Sexualität sein, kommt aber angesichts des Vorangegangenen vor allem brav rüber als seltsam verschämte Szene, in der das Bildnis von der Leinwand steigt und den Protagonisten fickt. Kann man natürlich machen, aber das Spiel mit dem Dunklen deutete sich zuvor, bei Wilde, schon irgendwie reizvoller an.
Das Bildnis des Dorian Gray
nach Oscar Wilde
Deutsch von Eike Schönfeld, für die Bühne bearbeitet von Ran Chai Bar-zvi und Lukas Schmelmer, mit einem Kommentar von Marcus Peter Tesch
Regie und Bühne: Ran Chai Bar-zvi, Kostüme: Belle Santos, Musik: Evelyn Saylor, Dramaturgie: Lukas Schmelmer, Licht: Frank Kraus.
Mit: Stefan Graf, Miguel Klein Medina, Mitja Over.
Uraufführung am 12. Dezember 2025
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause
www.schauspielfrankfurt.de
Kritikenrundschau
"Die am Haus verfertigte Bühnenfassung inszeniert Bar-zvi im eigenen Bühnenbild als glasklaren homosexuellen Dreier. Alles, was dem Text je vorgeworfen wurde (...), ballt sich hier im Thema Queerness zusammen", schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (15.12.2025). "Alles ist also ziemlich direkt. Es ist auch grell, aber auf eine hochintensive und ausgetüftelte Weise. (...) Die drei Schauspieler halten sich und uns am Ball."
Die Frage nach dem Verbindenden und Trennenden der drei Figuren durchziehe diese "kluge Bühnenfassung" von Oscar Wildes "Das Bildnis des Dorian Gray" schreibt Tilman Spreckelsen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (15.12.2025). Von seiner Vorlage entferne sich das Stück mit seiner Schlusswendung, "indem es den im Roman beschriebenen Narzissmus auf die Spitze treibt. Dass dabei von Schuld so gar keine Rede mehr ist, ist unheimlicher als alles andere."
Eine "ästhetisch starke und szenisch überzeugende" Fassung des Wilde-Klassikers sah Bettina Boyens und schreibt in der Frankfurter Neuen Presse (15.12.2025): Es fehle auch der "unwiderstehliche Klassiker" nicht, "dass es nicht gut für die Moral sei, schlechtes Theater zu sehen. In Frankfurt jedenfalls sieht man gutes."
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