Eine Arbeiterin - Hessisches Landestheater Marburg
Nackt bis aufs letzte Hemd
1. Dezember 2024. Wie Annie Ernaux hat auch Didier Eribon seiner Mutter ein Buch gewidmet. In "Eine Arbeiterin" rekonstruiert er ihre von Knappheit und Zwängen geprägte Biographie im Milieu der französischen Arbeiterklasse. Sandra Strunz hat ihre Geschichte in Marburg auf die Bühne gebracht.
Von Martin Schäfer
Didier Eribons "Eine Arbeiterin. Leben, Alter und Sterben" von Sandra Strunz am Hessischen Landestheater Marburg inszeniert © Jan Bosch
1. Dezember 2024. Der Schrei ist so erschütternd, dass in dieser Szene mit Saskia Boden-Dilling das halbe Publikum merkbar zusammenzuckt. Jetzt ist klar: Hier geht es richtig zur Sache. Hier geht es nicht nur um das Leben, sondern sein Ende: das Altern in Krankheit im Altersheim. All das, was in unserer Gesellschaft eher an den Rand geschoben wird. Verdrängt. Genauso bei Didier Eribon.
Der französische Autor, Philosoph und Soziologe, ein klassisches Arbeiterkind, hätte auch seiner Mutter Besseres gewünscht. Ganz systemkonform brachte er sie in ein Altersheim. Wollte die Mutter häufig besuchen, schaffte das nur zwei Mal und schrieb ein Buch darüber: "Die Arbeiterin. Leben. Alter. Und Sterben." Erschienen 2023. Das Hessische Landestheater Marburg bringt die von Regisseurin Sandra Strunz und Dramaturg Cornelius Edlefsen transponierte szenische Interpretation auf die Bühne. Und die ist fabulös.
Kreidekreis im Altersheim
Der Schrei kam von der Mutter, einer Arbeiterin, erst Putzfrau, dann wechselte sie in die Fabrik. Jahrzehnte mit einem ungeliebten Mann verheiratet. Da war viel Gewalterfahrung in der Ehe. Sie hatte Angst vor dem Ehemann, aber auch Angst vor einer Zukunft ohne den Ehemann. Das erste Mal fühlte sie sich frei, als er tot war. Doch da war das eigene Älterwerden in Krankheit schon nicht mehr fern. Saskia Boden-Dilling verkörpert diese 87-Jährige mit einer Intensität, die schaudern lässt. Da steht sie, in Sandalen, Nachthemd und Rock (Bühne und Kostüme: Sabine Kohlstedt). Sie zeichnet um ihre Füße einen Kreidekreis, was wohl für ein letztes Stück Refugium steht, das es im Altersheim kaum mehr gibt. Die Mutter zuckt, schreit und krampft, stammelt, ist verwirrt.
Die Mutter im Zentrum: Saskia Boden-Dilling in "Eine Arbeiterin" in Marburg Jan © Bosch
Gespiegelt wird dieses Innenleben von der Tänzerin Chrystel Guillebeaud. Wir sehen und hören von den Alten nur Äußerlichkeiten. Doch was geht in ihrem Inneren vor, wenn das Artikulationsvermögen schwindet? Dem versucht sich Guillebeaud auf wunderbare und behutsame Weise anzunähern. Meist bleibt sie sacht im Hintergrund, oder tritt an die Seite der Mutter. Nur einmal durchbricht sie die Szenerie, als sie bei lauter Musik verzückt über die Bühne tanzt: Auch 80-Jährige haben ein Recht sich zu verlieben. Auch im Altersheim. Ja, das passiert.
Zurück in die Mitte der Gesellschaft
Gerahmt wird das Stück von Didier Eribon selbst (souverän gespielt von Christian Simon). Er betritt die Bühne, tritt ans Pult und stellt in einem akademischen Setting sein Buch vor. Dann aber wechselt er aus dem abstrakten Dozieren szenisch in die Handlung mit der Mutter. Über seine Figur wird auch das Publikum einbezogen. Er richtet sich an das Publikum, gibt Regieanweisung an Musik und Licht, betont die Relevanz des Themas für uns alle. Als Soziologe ordnet Eribon ein: die Biografie seiner Mutter in unserer Klassengesellschaft und das Abschieben der Alten und Beladenen in und aus unserer kapitalistischen Leistungsgesellschaft.
Einmal noch Tanzen: Tänzerin Chrystel Guillebeaud, Saskia Boden-Dilling und Christian Simon © Jan Bosch
Das ist alles wohltemperiert abgestimmt und die Rollen der drei Protagonisten sehr schön choreografiert. Eigentlich eine runde Sache. Dass in der letzten Viertelstunde noch der Themenblock Rassismus abgespult wird, ohne Bezug auf die vorherige Handlung, ist dann aber etwas irritierend. Eribons Mutter äußerte sich häufig rassistisch. Eribon hat das auch analysiert. Schließlich sieht das Wahlverhalten in Frankreich ähnlich dem in Deutschland aus: Rechte, rassistische Parteien haben dort wie hier Anhänger in der Arbeiterschicht und bei alten Menschen. Weniger wäre hier mehr gewesen.
Für die Alten sprechen
Das soll die Leistung der Inszenierung aber nicht schmälern: Ein gesellschaftlich wichtiges, überwiegend beiseite geschobenes Thema wird eindrücklich adressiert. Es betrifft alle Menschen, die Mütter und Väter, Großmütter und Großväter haben. Inspiriert und nachdenklich geht man aus dem Abend. Boden-Schilling beantwortet die Frage, wer denn für die Alten und Kranken sprechen kann, sich für sie einsetzt und engagiert: "Wir müssen für sie sprechen!"
Eine Arbeiterin. Leben, Alter und Sterben
von Didier Eribon,
Aus dem Französischen von Sonja Finck
In einer Bühnenfassung von Sandra Strunz und Cornelius Edlefsen
Regie: Sandra Strunz, Bühne und Kostüme: Sabine Kohlstedt, Musik und Video: Rainer Süßmilch, Dramaturgie: Cornelius Edlefsen.
Mit: Saskia Boden-Dilling, Chrystel Guillebeaud (Tanz), Christian Simon.
Premiere am 30. November 2024
Dauer: 1 Stunden 30 Minuten, keine Pause
www.hltm.de
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