Gucken wie vom anderen Stern

19. Januar 2025. Schmutz ist Materie am falschen Ort. Und sie muss weg! Marie Schleef und ihre Schauspieler*innen übersetzen Valeria Gordeevs mit dem Bachmann-Preis ausgezeichneten Text in ein wortfreies Bühnenereignis.

Von Shirin Sojitrawalla

Valeria Gordeevs "Er putzt" von Marie Schleef inszeniert am Staatstheater Wiesbaden © Maximilian Borchardt

19. Januar 2025. Der Schmutz ist der Feind, der vernichtet werden muss, gründlich und um jeden Preis. Wenn alles glänzt wie ehedem, scheint die Sonne. Konstantin heißt der Mann, der in Valeria Gordeevs Text "Er putzt" genau das tut: putzen. Bei ihr gibt er sich anfangs dem Abflusssieb seiner Spüle hin, bei Marie Schleef kommt zuerst ein Kehrset zum Einsatz. Eine Küche im eigentlichen Sinne ist ohnehin nicht zu sehen, bloß die dazugehörigen Kacheln hängen noch oder schon an der Wand.

Die Bühne gleicht einer quietschfarbenen Hubba-Bubba-Welt im Outer Space. Links eine Kommode mit Videokassetten darin, darüber ein Kalender für das Jahr 1997, soweit man das aus Reihe 9 erkennen kann. Rechts eine Tür, darüber eine Uhr, auf der es meist nachmittags ist, später dreht sie sich schnell voran, die Tage vergehen, erst war es März, dann ist es September. Zeit spielt keine Rolle im Kampf gegen Materie am falschen Ort, kurz: Schmutz.

Im Kampf gegen den eigenen Dreck

Während es bei Gordeev nur einen Konstantin gibt, sind es hier zwei (Adi Hrustemović und Jonas Grundner-Culemann). Beide bewegen sich in Super-Slow-Motion, für einen Schritt brauchen sie rund fünf Sekunden. Und wenn sie ihren Kopf bewegen, tun sie das, als hätten sie Puppenschädel. Abwechselnd kommen sie herein, mal mit Gummihandschuhen und Sprühflasche in der Hand oder mit Wischmopp, mal mit Handstaubsauger oder Staubwedel im Arm. Waffen im Kampf gegen den eigenen Dreck.

Doch ihre Putzerei wäre nichts ohne die dazugehörige Soundkulisse. Es handelt sich nämlich um eine ASMR-Performance: Autonome sensorische Meridianreaktion meint das Wahrnehmen als angenehm empfundene Gefühle auf der Haut, ausgelöst von bestimmten Geräuschen. In Wiesbaden kann das Meeresrauschen sein, aber auch Schmatzen, Glitschen, Tropfen, Flüstern, Wischen, Quietschen. Warum gerade Gordeevs Text nach einer solchen Untermalung schreit, weiß vermutlich Marie Schleef. Die wabernden Klangflächen und Geräusche des Abends sind zwar nicht nennenswert angenehm, aber zum Glück hinreichend komisch.

Rückwärtig ein Fenster zur Welt

Wenn die beiden Männer mit Blicken und Robotergesten ihren Wohnraum entdecken, ist das in den besten Momenten herrlichster Slapstick. Der doppelte Konstantin ist nicht nur Putzteufel, sondern auch Clown. Bald taucht auch Lada auf, Konstantins kleine Schwester, die bei der Premiere Victoria Bloss verkörpert. Auch sie schreitet in hingebungsvoller Bedächtigkeit die Bühne ab und guckt wie von einem anderen Stern.

Psst, ich bin's: Alternativbesetzung Ida Rauschnabel als Schwester Lada © Maximilian Borchardt

Die Schwester sitzt meist im Nebenraum und schaut Fernsehen, einmal hört man "Raumschiff Enterprise"; kurz darauf öffnet sich die hintere Wand und ein Raumschiff versucht Kontakt mit dem Bühnenpersonal aufzunehmen, ein verspult toller Moment. Dreimal öffnet sich die Hinterwand auf diese Weise, ist dann Fenster zur Welt, Metapher fürs Fern-Sehen und am Ende Zukunftsvision. Einmal schwebt ein Riesen-Wattestäbchen aus dem Bühnenhimmel. Konstantins Raumschiff zur Dreck-Erkundung. Mit solchen verspielten Ideen hält der Abend bei Laune.

Über die näheren Umstände, in denen Konstantin und seine Schwester leben, erfährt man bei Gordeev nicht viel. Die Mutter arbeitet bis spät in die Nacht, auf dem Speiseplan stehen schon mal Fischstäbchen, und Konstantin putzt wahrscheinlich auch, um die Kontrolle zu behalten. In den alltäglich besonderen Kostümen von Eleonore Carrière trägt er löchrige Socken und Adiletten, und Lada einen abwegig roten Zopf auf dem Kopf.

Übungen in Achtsamkeit

Der Clou: Gordeevs mit dem Bachmann-Preis ausgezeichneter Text kommt gar nicht zur Sprache, was schon ein kecker Umgang mit einem preisgekrönten Werk ist. Für Marie Schleef nicht untypisch, das Magazin Republik nannte das mal "Sprechtheater ohne gesprochene Sprache". Ästhetisch erinnert manches an Susanne Kennedy und an Ersan Mondtag, die Künstlichkeit, die Langsamkeit, die Körperspannung.

Er putzt 2 CMaximilianBorchardt uBegegnung mit dem Staub-Kuschelmonster: Jonas Grundner-Culemann und Adi Hrustemović © Maximilian Borchardt

"Er putzt" gerät dabei fast zur Meditation, eine Übung in Achtsamkeit. Ein Putzen, das Hingabe erfordert. Darauf spielt wahrscheinlich das Happy End an, in dem Konstantin das immer mal wieder vorbeiwehende, sagenhafte Staub-Kuschelmonster umarmt und sich mit der eigenen Endlichkeit versöhnt. Die dazu ertönende Lala-Musik verspricht "Das Leben ist schön". Sehr lieb.

Rückblickend muss man sagen: Fast eine Stunde lang geht alles sehr gut. Bühne, Kostüme, Sound, Licht und Dramaturgie fügen sich zu einer Theatererfahrung, die mit den herkömmlichen Konventionen des Sprechtheaters vielversprechend bricht. Nach hinten raus wird's dann ziemlich fad. Nicht nur, weil man in der Wiederholungsschleife hängt, sondern auch, weil das Ganze auf Dauer zu wenig Substanz besitzt. Valeria Gordeevs Text hätte mehr herzugeben.

Er putzt
von Valeria Gordeev
Uraufführung als ASMR-Performance von Marie Schleef und Team
Inszenierung: Marie Schleef, Bühne: Lina Oanh Nguyen, Kostüme: Eleonore Carrière, Sound: Jae A Shin/Richard Janssen, Licht: Oliver Porst, Dramaturgie: Cosma Corona Hahne.
Mit: Adi Hrustemović, Jonas Grundner-Culemann, Victoria Bloss/Ida Rauschnabel.
Dauer: 1 Stunde und 20 Minuten, keine Pause.

www.staatstheater-wiesbaden.de

Kritikenrundschau

"Natürlich sind Texte in Erzählprosa bühnenfähig und schreien öfter danach, wie Becketts 'Der Verwaiser' oder Heiner Müllers Spiel mit der 'Bildbeschreibung'", schreibt Marcus Hladek in der Frankfurter Rundschau (201.2025). "Wo bei Beckett freilich das Metaphysische, Kosmische und Geistesgeschichtliche durch die Prosa schimmert und Müller sich noch einem Kunstwerk überschreibt, beides Dinge von Gewicht und Würde, da erzählt uns Gordeev seitenlang von verkalkten Abflüssen und Essigreiniger, Silikonabdichtungen und Wattestäbchen, als fürchte sie, einem Jargon der Eigentlichkeit zu verfallen, wenn sie das Konkrete oder die 3. Person überschritte." Wenn Konstantins Putzfimmel trotzdem Deutungen zuließe, interessierten sie Marie Schleef in ihrer Inszenierung nur am Rand. Sie produziere stattdessen "eine präzise Übung in l’art pour l’art, die ihr markantes Prosastück lakonisch-glückhaft in Bühnenzeichen übersetzt".

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