Sie bleibt ihm heilig

2. November 2024. Goethes Werther! Das ist Schulstoff, Kanon, Weltliteratur. Liebeshoch und Krankheit zum Tode, Idealisierung und Suizid. In der Version von Lies Pauwels erzählt der ewige Klassiker von den Rätseln der Psyche im Auseinanderfallen von Sex und Gefühl – und geht uns plötzlich wieder an.

Von Martin Krumbholz

"Werther (Love & Death)" von Lies Pauwels am Schauspielhaus Bochum © Fred Debrock

2. November 2024. Da wäre zuerst einmal die Sache mit der unerwiderten Liebe. Liebe Leute, so einfach ist das nicht. Lotte erwidert Werthers Gefühle durchaus, darauf deutet jedenfalls vieles in Goethes Text hin; er ist schlicht zu spät gekommen, schlechtes Timing, Albert, der an diesem Bochumer Abend übrigens gar keine Rolle spielt, war vor ihm da. Künstlerpech, so etwas gibt es im Leben. 

Von der Bereitschaft zur Selbsttäuschung

In Bochum sind die Männer (etwas) älter und die Mädchen jünger als die Originale. Vier männliche Profis und fünf weibliche Laien wirken mit. Man kann das problematisch finden, diesen Rekurs auf das Lolita-Syndrom und auf Lies Pauwels' frühere höchst erfolgreiche Arbeit "Der Hamilton-Komplex" (2018). Die Niederländerin ist eine erfahrene und sehr effektbewusste Regisseurin, und vor allem die Tatsache, dass es hier und heute einige bis zur Hermetik verrätselte Momente (und auch ein paar Durchhänger) gibt, bewahrt das Ganze vor einer gewissen Plattheit.

Natürlich erzählt Pauwels Goethes Novelle "Die Leiden des jungen Werther" nicht einfach nach. Sie löst Fragmente heraus und spitzt sie auf den dramatischen Gegensatz Liebe/Tod hin zu; eine klassische Überschreibung, eine politische Korrektur des Originals ist das nicht, eher ist die These die, dass sich an den grundlegenden Dingen nicht so viel geändert hat. Die menschliche Psyche erweist sich als stabil, vor allem was die erstaunliche Bereitschaft zur Selbsttäuschung betrifft. Goethes Text wird bisweilen ironisch geplündert, der erste und der letzte Satz werden beispielsweise zitiert wie Ikonen. "Wie froh bin ich, dass ich weg bin!" – "Handwerker trugen ihn, kein Geistlicher hat ihn begleitet." So gekonnt der junge Schriftsteller seine Pointen setzt, so smart weiß Pauwels sie zu servieren. Das ist erst mal nur: tolle Literatur. Die uns, ob wir es mögen oder nicht, eine Menge angeht.

Werther ohne Lotte

"Sie ist mir heilig", sagt Werther über Lotte. "Alle Begier schweigt in ihrer Gegenwart. Ich weiß nie, wie mir ist, wenn ich bei ihr bin; es ist, als wenn die Seele sich mir in allen Nerven umkehrte." Gefühl und Sexualität werden auf die krasseste Weise dissoziiert; darüber können die Mädchen auf der Bühne nur lachen, weil es so durchschaubar ist. Durchschaubar und erbarmungswürdig, aber eine mitfühlende Lotte gibt es hier nicht. Sie taucht nur in Andeutungen auf, in Anspielungen: Einmal verteilen die fünf Mädchen Brotstückchen, die die Männer auffangen, wie Werthers Lotte in der Rolle der Ersatz-Mutter bei der ersten Begegnung (und Werther ist hingerissen) Brot für ihre jüngeren Geschwister schneidet.  

Im Bühnenbild von Johanna Trudzinski: Katharina Klos, Dominik Dos-Reis, Kaja Gruba, Marius Huth, Lukas von der Lühe, Tabea Zoí Sander, Risto Kübar, Şevval Ertürk © Fred Debrock

Die Kinder sind hier Lumpenpuppen, mit denen die Männer ekstatisch tanzen, während die Mädchen sie vor der Rampe (wir sind in den Kammerspielen) anfeuern wie Groupies in einem Popkonzert. Die in einem Endlos-Loop x-fach wiederholte französische Textzeile dazu lautet: "Ihr seid allein, aber ich begehre, bei euch zu sein." Die Playlist des Abends reicht von barocken Arien bis zu Chanson und Rap; die pausenlos unterlegte Musik soll offenbar keinen süffigen Emotionssirup erzeugen, sondern einen augenzwinkernden Kommentar beisteuern. Vor allem macht sie alles eminent genießbar.

In einer anderen Welt

"Wo bin ich?" Mit diesen Worten beginnt Marius Huth (er trägt wie alle Männer Blau-Weiß statt des Werther'schen Blau-Gelb) einen Monolog über Desorientierung und Einsamkeit, aber auch über Transformation. "Wo bin ich?" ist auch der Titel eines Essays von Bruno Latour über den Lockdown. Vielleicht ist das kein Zufall. Dieser Abend hätte gut zum Lockdown gepasst, als Kommentar zum Erwachen in einer ganz anderen Welt, mit unbekannten Regeln. Die Liebe, wenn man sie (zu) ernst nimmt, scheint es, ist so eine Welt.

Am Schluss, in einer längeren Coda, kommt man auf den Sex zurück. Ein prächtiger Schimmel wird hereingeschoben, aus der Plastikhülle genommen, als Appendix gibt es ein gewundenes Horn. Als Penis will es nicht recht passen, also setzt man es dem Tier auf die Stirn. Und eines der Mädchen liest, stockend, sehr schön, einen Text vor, der von der verzückten Paarung mit dem Einhorn handelt. Das Traumtier als Symbol der Befreiung von Komplexen? Dominik Dos-Reis hatte vorher einen Monolog im Futur zwei. "Ich werde nicht gezögert haben", heißt es optimistischerweise. Schön und irritierend wie vieles an diesem Abend.

 

Werther (Love & Death)
von Lies Pauwels
Regie: Lies Pauwels, Bühne und Kostüm: Johanna Trudzinski, Lichtdesign: Wolfgang Macher, Klanggestaltung: Jordy Zoet, Dramaturgie: Koen Tachelet, Dorothea Neweling.
Mit Dominik Dos-Reis, Sevval Ertürk, Kaja Gruba, Marius Huth, Katharina Klos, Risto Kübar, Tabea Zoí Sander, Helin Su Yusufoglu, Lukas von der Lühe.
Premiere am 1. November 2024
Dauer: 2 Stunden 15 Minuten, keine Pause

www.schauspielbochum.de

Kritikenrundschau

Eine "prachtvolle Performance", "Lies Pauwels mit Abstand beste Bochumer Arbeit" sah Sven Westernströer und schreibt in der WAZ (4.11.2024): Es sei "absolut bemerkenswert", wie das Zusammenspiel der professionellen und der jugendlichen Darsteller*innen nie peinlich oder bemüht wirke, sondern ungeheuer leichtfüßig und charmant daherkomme. "Wenn man der Aufführung etwas vorwerfen möchte, dann ist es ihr leichter Hang zur Überlänge. Wenn alles schon gesagt ist, fällt Lies Pauwels immer noch etwas ein: noch ein kleiner Monolog, noch ein Lied, noch ein Tänzchen mit einem lebensgroßen Stoffbären. Ja, etwas selbstverliebt ist diese Inszenierung durchaus", so Westernströer. Aber er fällt dann wieder ins Schwärmen. "Man braucht nicht alles zu verstehen und zu entschlüsseln an diesem Abend. Einiges bleibt rätselhaft und undurchsichtig - fast wie die Liebe."

"Pauwels 'Werther'-Collage ist ein ausufernder Abend, voller witziger und trashiger Ideen und Kostümwechsel, aber auch mit einer Menge szenischem Material, das besser im Proberaum geblieben wäre", schreibt Sabine Leucht in der taz (4.11.2024). "Sein Grundproblem ist: Gefühlsausbrüche werden hier immer losgelöst von konkreten Situationen und den Menschen gezeigt, auf die sie sich beziehen könnten. Damit bleiben sie meist hohle Behauptungen, und nur wenige, betont schlichte Monologe gehen einem nah."

Tom Thelen von den Ruhr Nachrichten (5.11.2024) erlebte "eine wilde Nummernrevue, bei der es immer um alles geht, um Liebe und um Tod" und die dennoch "schwebend, leicht und (fast) durchgehend unterhaltend" sei. Das Ensemble brilliere.

Nicht die konkrete, feste Geschichte sei Pauwels Thema, "sondern das Ausprobieren und Variieren von Gefühlen und Motiven in einem berühmten, kanonischen Text", so Ralf Stiftel vom Westfälischen Anzeiger (5.11.2024). Der Abend biete ein Wechselbad in Stimmungen, "eine direkte, spontane Poesie, fröhliche Momente und Abgründe an Melancholie". Die Produktion sei von verträumter, manchmal befremdlicher, ergreifender Schönheit.

Kommentare  
Werther (Love & Death), Bochum: Inneres Fragezeichen
Das Stück love and death (Werther) habe ich als eine Einladung über die Verläufe Liebe und Tod seines Lebens nachzudenken gesehen. In sehr eindrucksvoller Arbeit, insbesondere im ersten Teil, wurden auf körperliche, kognitive, verhaltensorientierte und emotionale Art und Weise die Umgehens Weisen in differenzierter Form dargestellt. Im ersten Teil machte es als Zuschauer Spaß sich in die Erlebnisstrukturen der Akteure hinein zu versetzen und diese in sein eigenes Leben zu transferieren. Leider konnte ich diese Form der Darstellung im zweiten Teil (Einhorn) nicht wiederfinden und das Vorlesens des langen Textes reduzierte mein aktives Interesse sehr. Es hatte nicht die Wirkung, des bisher erlebtem. Und so blieb für mich zum Schluss nur ein inneres Fragezeichen.
Werther (Love & Death), Bochum: Ein Problem?
Ich frage mich wirklich ob Nachtkritik ein Problem mit dem Schauspielhaus in Bochum ab. Jede Rezension, jeder Schlusssatz ist ein Schuss gegen dieses Haus. Das merkt man auch bei der Kritik zur kahlen Sängerin, wo angespielt wird dass das Stück lustig sein würde, wenn das Publikum nicht nüchtern wäre.
Kommentar schreiben