Herz in Stücken

9. März 2025. Für seinen neuen Abend nimmt André Kaczmarczyk die Märchen von Oscar Wilde als Grundlage, aber auch die narzisstische Kränkung und widerstreitende Kräfte aus der Biografie des Dichters. Ein besonderer Abend, mit Georgette Dee als Gast.

Von Andreas Wilink

"Die Märchen des Oscar Wilde erzählt im Zuchthaus zu Reading" frei nach Oscar Wilde von André Kaczmarczyk inszeniert am Düsseldorfer Schauspielhaus © Thomas Rabsch

9. März 2025. Ist es nicht erstaunlich, dass der Ästhet und Dichter des Raffinements und der Paradoxie, dass das Originalitäts-Genie in seinen Märchen tiefes Gefühl und Mitgefühl und durch Leiden erworbene Humanität (häufig repräsentiert von Flora und Fauna und unbelebter Natur) zum Ausdruck bringt? "The Happy Prince", der Hof-Zwerg der Infantin, die Nachtigall und die Rose wissen mehr, als die Komödien des Bunburyismus ahnen lassen, teilen dieses Wissen jedoch mit der liebeskranken judäischen Prinzessin Salome.

Was hat den Götterliebling Wilde, wie er sich im Düsseldorfer Schauspielhaus mit einem Rosenbukett vor dem rauschend roten Vorhang zeigt, der in der Abweichung sich selbst erfand und in der Normüberschreitung verwirklichte, dahin gebracht, sich dem Tribunal zu stellen, das ihn gemäß der rigiden Moral des viktorianischen Zeitalters wegen Sodomie 1895 zu zwei Jahren Zuchthaus und Zwangsarbeit verurteilte? Waren es Leichtsinn und sich unberührbar dünkendes Selbstgefühl? War es der Mut, sich stolz zu bekennen und es durchzukämpfen, ein geheimer Impuls zur Selbstbestrafung oder inneres Ahnen, dass es um seine kreative Kraft geschehen sei, ganz gleich ob hinter Gittern oder im Exil? "Die Wahrheit der Absicht ist nur die Tat selbst." Um es mit Hegel zu sagen. Oscar Wilde hat gebüßt, wie André Gide meinte, wegen eines Übermaßes an Geschmack. Aber das ist auch nur ein Aperçu.

Antagonistische Kräfte

Das erste und letzte in Musik gesetzte Wort hat Georgette Dee, die große Diseuse als Gast im Düsseldorfer Ensemble, deren Identität und Karriere ebenfalls aus dem Aufbegehren entsprungen sind. Sie singt Wildes Poem "Each man kills the thing he loves" und entschlüsselt damit "Die Märchen des Oscar Wilde erzählt im Zuchthaus zu Reading", vielleicht sogar entgegen der "Absicht" (siehe oben). Denn als Regisseur steht André Kaczmarczyk dem Autor André Kaczmarczyk, dem die Komplexität des Stoffs und die Abgründigkeit seines Helden bewusst ist, bisweilen im Wege und verstellt ihm den Blick.

Each man kills the thing he loves? André Kaczmarczyks Oscar Wilde Abend am Düsseldorfer Schauspielhaus mit Georgette Dee © Thomas Rabsch

Der Konflikt von poetischer Phantasie und brutaler Wirklichkeit, wie er in Oscar Wilde lebensgeschichtlich und werkgeschichtlich Gestalt wird, so dass der Häftling C33 in dem einen Rettung vor dem anderen sucht, ist der Grund des Theaterabends. Den antagonistischen Schwebezustand zwischen formaler Brillanz und gedanklicher Präzision herzustellen und zu halten, ist schwierig. Es gelingt nur bedingt. Man merkt der Inszenierung die Mühe an.

Kraft der Phantasie

Als wichtigstes Kriterium kann womöglich nicht die Wahrheit, sondern die Schönheit gelten. Und davon abgeleitet die Imagination und ihre Schwester die Selbsttäuschung, die gegenüber der trivialen Lebensprosa triumphieren und noch das eigene Scheitern für aufsehenerregend halten will, wie im Märchen von der "Rakete" (ebenfalls von Georgette Dee champagnergleich gezündet).

Die von Matts Johan Lenders komponierte, von Streichern und dem Pianisten getragene Kammermusik ist treibende Kraft: nicht lieblich, nicht zärtlich (oder nur selten), sondern harsch, brüsk, drängt sie nervzerrend voran und hindert doch nicht die Spielszenen auf der kreisenden Bühne, sich zu sehr zu verbreitern und zwischendurch nach der Fülle des Wohllauts in revuehaft wirbelnden Momenten zu haschen. Diese dann beherrscht Georgette Dee in ihrer professionellen Präsenz überlegen. Das vielköpfige Ensemble sucht da nicht selten seine Position – und outriert.

Narzisstische Kränkung im Fokus

In die stahlgraue, schattenhafte, uniformierte Kerkerunterwelt bricht hinein das diverse, pfauenprächtige und artifizielle Märchenpersonal, um seine Fabeln zu erzählen und zu besingen. Mit Freude zu sehen sind: Michael Fünfschilling als todunglückliches petit monstre und Häuflein Knochen ("Der Geburtstag der Infantin") und als ballettös trippelnde, liebesenthusiastische Nachtigall im rot-goldenen Gewand sowie Roman Wieland als Schwälberich, der Ironie und Sentiment exakt dosiert. Und wiederum Georgette Dee, die einen Auftritt als Oscars Mutter, Lady Wilde, hat, deren Erscheinen für den von ihr vereinnahmten Sohn mehr Traumbild ist als greifbare Realität.

Oscar Wilde 04 1200 Thomas Rabsch uIm Zelldunkel: Thiemo Schwarz und Yascha Finn Nolting © Thomas Rabsch

Aus dem Kontrast, der gleichzeitig Dialog und Wildes Bilanz ist, sind Stück und Inszenierung konstruiert. So brechen sich die Szenen vor Gericht und im Gefängnis nebst den Parolen ihrer Repräsentanten am Kunstraum der Märchen und ihrer gesegneten Trauer. In der Begegnung des Häftlings Wilde mit seinem lauteren, schlichten Wärter (Thomas Wittmann) treffen sich beide Welten: Dass es im Zellendunkel, das für Wilde den Tod vorwegnimmt, möglich ist, Helligkeit zu erfahren, ist so etwas wie Gnade. Diesem der Liebe würdigen Mister Martin wird er ein Buchexemplar seiner Märchen widmen.

Am Ende Gnade

Wie lässt sich die narzisstische Kränkung ertragen? Die Doppelrolle Wildes als exaltierten Gentleman, dessen Kunst-Konzept gegen die rabiate Rhetorik des Gegenanwalts Carson keine Chance hat, und als Ekstatiker des Unglücks in seiner Schuld-Hölle zu gestalten, ist für Yascha Finn Nolting überfordernd. Am nächsten kommt auch er ihr im Gesang: "But strange that I was not told, / That the brain can hold / In a tiny ivory cell / God's Heaven and Hell."

Das Finale erinnert an das himmlische "Ist gerettet", womit in Goethes "Faust" das auf Erden gerichtete Gretchen frei gesprochen wird. Das Appellative, das sich nun in einem "Ecce Homo"-Bild kund tut, hätte Wilde nicht behagt – außer in seinen Märchen und dem "De Profundis"-Brief an seinen unseligen Lord 'Bosie' Douglas. Für Kaczmarczyk haben sie Vorrang gegenüber den dramatisch gestalteten Situationen und Konstellationen. Dieser Radikalismus des Herzens nimmt ebenso für den Abend ein wie er ihn schwächt.

Die Märchen des Oscar Wilde erzählt im Zuchthaus zu Reading
nach Oscar Wilde
Regie und Autor: André Kaczmarczyk, Musik: Matts Johan Lenders, Bühne: Ansgar Prüwer, Kostüm: Martina Lebert, Licht: Konstantin Sonneson, Dramaturgie, Janine Ortiz.
Mit: Markus Danzeisen, Georgette Dee, Anya Fischer, Michael Fünfschilling, Raphael Gehrmann, Eray Gülay, Elias Nagel, Yascha Finn Nolting, Thiemo Schwarz, Igor Meneses Sousa, Sarah Steinbach, Sebastian Tessenow, Roman Wieland, Thomas Wittmann, Luise Zieger sowie Luke Dopheide / Philipp Jagiela und Rafael Wohlleber / Anton Jäger als die Söhne Wildes.
Musik: Matts Johan Lenders / Hajo Wiesemann, Sophie Moser / Lisa Maria Schumann-Heinen, Zuzana Leharová / Laura Knapp, Viola Maria del Mar Vargas Amezcua / Maurice Maurer, Ella Rohwer / Jola Shkodrani, Max Hilpert / Carl Zinsius.
Premiere am 8. März 2025
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.dhaus.de

 

Kritikenrundschau

Aus dieser Zelle hoch oben über der Drehbühne gebe ein kein Entkommen, so Dorothea Marcus im DLF Kultur heute (9.3.2025). Von hier aus entfalte sich das ganze poetische Universum. "Viele der traurigen und zugleich durch und durch sarkastisch-ironischen Märchen werden von André Kaczmarczyk bunt in Szene gesetzt." Um die Märchen lebendig zu machen, seien 20 Schauspieler auf der Bühne, tanzen, spielen, singen, "ein Fest aus glitzernd-queeren Kostümen". Zusammen mit der Musik werde das zu sienem opulenten Gesamtkunstwerk. Im Zentrum stehe aber vor allem Georgette Dee, "singt betörend melancholisch, mit einer fast schon kitschigen Emphase". Teilweise wirke das alles wie ein Musical. "Die Drehbühne rast, erzeugt immer neue bunte Bilder, zeigt aber auch eine fragile Gerüstlandschaft."

"Nicht leicht für Autor Kaczmarczyk als Regisseur eigene Textpassagen zu kürzen, um dem dreistündigen Abend nicht die Spannung zu nehmen", schreibt Michael-Georg Müller in der Westdeutschen Zeitung (10.3.2025). "Zwar entfacht er hier und da poetische Bilder mit mythologischen Figuren", aber "seltsam langatmig, künstlich aufgesetzt, manchmal sentimental kitschig wirken einige Szenen nach der Pause wie zum Beispiel mit Wildes hektischer Gattin, die ihn kurz vor der Entlassung mit ihren beiden Kindern im Gefängnis besuchen." Fazit: "Bilder aus dem Leben eines an Homosexualität gescheiterten Literatur-Genies. Streckenweise musikalische Doku-Soap, als Vorabendserie geeignet."

Aus dem Setting der Geschichte mache André Kaczmarczyk "eine Collage aus Wilde-Texten, Briefen und Vernehmungsprotokollen, einen bitteren Klageruf, eine Moritat, ein glitzerndes Traumgebilde und manchmal auch ein Märchenschloss", so Lothar Schröder in der Rheinischen Post (10.3.2025). Das Schauspielhaus fährt dafür so ziemlich alles auf, was verfügbar sei. Der Abend gehe auf eine Reise durchs Werk, durch Wildes berühmte Märchen. "Ein glamouröses Fest. Bunt, froh und herzzerreißend."

Bei der Gefängnis-Verurteilung beginne der Abend, für den Kaczmarczyk die große Theatermaschinerie anwerfe, so Axel Hill in der Kölnischen Rundschau (10.3.2025). Der Kammerpop von Matts Johan Leenders nehme bisweilen sakrale Züge, münde dann wieder in eine große Shownummer. Ein Coup sei die Besetzung von Georgette Dee als Wildes Mutter. "Spielt die preisgekrönte Diseuse und Kleinkunst-Ikone diese Rolle, oder wird die Mutter von Dees in rund 45 Jahren erprobter Bühnenfigur auf die Bühne gebracht? Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte, und dort liegt sie goldrichtig." Fazit: "Einhellige, lautstarke Begeisterung und Standing Ovations des Premierenpublikums am Ende dieses tief bewegenden Abends."

Kommentare  
Oscar Wilde, Düsseldorf: Genuss und Tragik
Dieses Stück bzw. diese Uraufführung ist nicht nur ein opulentes und faszinierendes, die Sinne forderndes Spektakel in bester Tradition der Theaterwunder Robert Wilsons. Es entführt das Publikum mit Verve in diese einzigartige Wilde-Welt, in der höchster Genuss und grausamste Tragik zusammenfinden. Dem Ensemble und namentlich dem Hauptakteur Wilde (Yasha Finn Nolting) gelingt es bewundernswert, beides zu verkörpern und das des öfteren im plötzlichen, überraschenden Umschlag von der einen zur anderen Sphäre.
Fazit: Das Dhaus bietet dem Publikum ein lustvolles Spiel, das zugleich die gesellschaftspolitische Brisanz von Wildes Geschichte aufzeigt – in sehr berührender Weise.
Oscar Wilde, Düsseldorf: Rheinische Post
Lothar Schröder von der Rheinischen Post hat wohl auch denselben Abend gesehen wie wir:

"Ein opulentes Theaterereignis am Düsseldorfer Schauspielhaus (...). Das ist das Setting einer Geschichte, aus der Andre Kaczmarczyk - als Textarrangeur und Regisseur etwas macht, was in keinem Theaterseminar gelehrt wird: eine Collage aus Wilde-Texten, -Briefen und Vernehmungsprotokollen, einen bitteren Klageruf, eine Moritat, ein glitzerndes Traumgebilde, und manchmal auch ein Märchenschloss (...). Fantastische Märchenszenen wechseln sich mit den Kreuzverhören im Gerichtssaal ab, aus denen Wilde geistreich, frech und oft provokant meist als trauriger Sieger nach Punkten hervorgeht, sowie grauen Momenten der Einsamkeit in Isolationshaft (...) und wenn dazu die Musik das Geschehen in eine romantische Stimmung einhüllt, grelle Kostüme für ein paar Szenen die graue Häftlingskleidung vergessen machen, die queere Chanson-Ikone Georgette Dee unter anderem als Wildes Mutter singt. dann ist das keine Aneinanderreihung von Märchen-Trailern. All das dient einer großen Hoffnung, einer fulminanten Idee: Dass vielleicht das Leben doch nur schöne Kunst sein könnte. Dass allein der Poesie - und wenn auch nur für einen Augenblick - die Wahrheit gehört, die, wie es heißt, ,,selten rein und niemals einfach" ist (...). Gerecht ist es nicht, aus diesem Großaufgebot Einzelne hervorzuheben. Und doch wäre es eine noch größere Ungerechtigkeit, den so vielgestaltig spielenden Yascha Finn Nolting als Oscar Wilde, den aufmerksam schweigenden Gefängniswärter Thomas Wittmann, Sebastian Tessenow als kühlen nicht geifernden Ankläger und natürlich Georgette Dee einfach unter den Teppich zu kehren (...). ,'Die Märchen des Oscar Wilde erzählt im Zuchthaus zu Reading' hinterlässt viele Fragen. Sie sind die reichen Hinterlassenschaften eines großen Theaterabends. Ein glamouröses Fest. Bunt, froh und herzzerreißend."
Oscar Wilde, Düsseldorf: Outrieren!
Outrieren! Ein Wort wie ein Porzellantässchen in der faltigen Hand einer Professorenwitwe mit abgespreiztem kleinen Finger! Mit viel Wortgetöse dem Autoren und Regisseur des Oskar Wilde-Stücks am dhaus auf den Leib zu rücken misslingt der Nachtkritik vollends! Dazu ist der Abend zu stark!
Oscar Wilde, Düsseldorf: Schlichtheit
Gäbe es an diesem Abend Georgette Dee nicht und die schönen Gesangsnummern… so bliebe ein sehr schlichter Text, der mit bemerkenswerter Direktheit, aber immerhin mit einigem Aufwand, umgesetzt wird. (Falls man als Theatergänger in Düsseldorf noch Ansprüche hat, wird man, wieder einmal, enttäuscht - es sei denn, man ist schon abgestumpft, dann ist dieser Abend natürlich auch zu ertragen.) Einige der tragenden Schauspieler*innen ließen sich von der Gesamt-Schlichtheit offenbar noch für ihr Spiel anstecken. Aber zum Glück singt ab und zu jemand und manchmal sogar Georgette.
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