Vatermal - Schauspiel Köln
Brief an den Vater
8. Februar 2025. Regisseur Bassam Ghazi hat ein diverses Laien-Ensemble aus der Kölner Stadtgesellschaft zusammengestellt, um Necati Öziris Romandebüt authentisch auf die Bühne zu bringen. Die Biografien aus dem Roman vermischen sich mit denen der Darsteller*innen zu einem explosiven Ganzen.
Von Max Florian Kühlem
"Vatermal" am Schauspiel Köln © Sandra Then
8. Februar 2025. Safa Raif Akşit spielt schon, während die Menschen noch in das Depot 2 des Schauspiels Köln strömen. Die Bühne schimmert durch zwei große Vorhänge im blassen Grün von Operationssälen, Akşit trägt einen Kittel aus einem kräftigeren, leuchtenden Grün. Er liegt nicht bloß apathisch in seinem Krankenbett, fügt sich in das Schicksal seines drohenden Leberversagens. Er stromert unruhig hin und her, seine Figur des Arda hat noch etwas vor: Er will dem seit seiner Geburt abwesenden Vater von seinem Leben berichten – und kaum dass sich die Türen schließen und es dunkel wird im Raum, schießt er los.
"Wenn du das hier liest, Papa – und hier stocke ich schon. Soll ich dich wirklich so nennen? Ich hab’s oft ausprobiert: Papa? Vater? Baba?" Wie das Romandebüt "Vatermal" von Necati Öziri, das auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2023 stand und den Literaturpreis Ruhr gewann, beginnt auch die Stückfassung von Regisseur Bassam Ghazi und Dramaturgin Dominika Široká. Es ist die zweite Adaption nach der Uraufführung am Berliner Gorki Theater und es ist erstaunlich, was sie gleich in den ersten Minuten für eine Wucht entfaltet. Denn Bassam Ghazi hat für seine Inszenierung ein völlig neues Ensemble zusammengestellt, das aus Menschen der Stadtgesellschaft besteht.
Next level Diversität
In diesem Fall sind das keine Experten des Alltags, die mehr oder weniger sich selbst spielen. Es sind interessierte Laien im Alter von 14 bis 56 Jahren, die einem Aufruf gefolgt sind und Lust hatten, drei Monate ihres Lebens der Arbeit an einem Theaterstück zu widmen. Sie spielen hier wie richtige Schauspieler Figurenrollen, bringen aber auch sich selber mit. Es gibt kurze Collage-Szenen, in denen sie aus eigenen Briefen an ihre Väter zitieren oder das Problem des Verstummens in Familiensystemen ansprechen: "In meiner Familie sprechen wir nicht über Gefühle" oder "wir zeigen keine Schwäche".
Arda auf dem Krankenbett © Sandra Then
Bassam Ghazi geht es bei dieser Konzeption um Glaubwürdigkeit und Repräsentation – eine postmigrantische Geschichte verlange ein diverses Ensemble, so der Regisseur. Tatsächlich ist sein Ensemble so divers, wie man es selbst im Jahr 2025 auf deutschen Bühnen kaum einmal sieht. Natürlich gibt es Momente, in denen man merkt, dass hier Laien spielen, dass es stärkere Unterschiede in der Bühnenpräsenz und glaubwürdigen Rollenverkörperung gibt als sonst. Dieser Umstand wird aber locker wettgemacht durch die gelungene Komposition. Hier stimmt so vieles: Das Timing der Dialoge und schnellen Szenenwechsel, das wandelbare Bühnenbild, die Choreographien, die Kostüme.
Die Geschichte verschiedener Migrationshintergründe
Hinter den großen Vorhängen der Bühne von Karolina Wyderka, auf denen manchmal auch große Videoportraits kurze Schnipsel aus der Vorgeschichte der Figuren erzählen, liegt ein Parcours aus vielen Treppen und Plateaus. Mit ein paar Lichtveränderungen kann der alles sein: das türkische Heimatdorf der Mutter des Protagonisten, seine Schule in Deutschland, das Ausländeramt, die Wohnung der Familie, die Wohnung der Pflegefamilie, in die die ältere Schwester irgendwann flieht. Alle anwesenden Mitglieder der Familie gibt es in drei verschieden alten Versionen: Mutter Ümran, Schwester Aylin und den Erzähler Arda, der im Krankenhaus aus seinem Leben berichtet, damit seinem Vater für immer die Möglichkeit genommen wird, "nicht zu wissen, wer ich war". Ardas Anliegen: "Du sollst erfahren, wie es deiner Familie in Deutschland ging."
Ensemble aus der Stadtgesellschaft auf Modularbühne von Karolina Wyderka © Sandra Then
Für einen Roman ist das natürlich ein toller Aufhänger, um die Geschichte verschiedener Migrationsgründe zu erzählen: Schon die Eltern der Mutter kamen als Gastarbeiter nach Deutschland. Die Mutter folgt später nach, weil ihr Haus bei einem Erdbeben zerstört wird. Der Vater flieht aus politischen Gründen – und wird in Deutschland so unglücklich, dass er in die Türkei zurückgeht, obwohl er dort erst einmal ins Gefängnis muss.
Sprechende Leerstellen
Wo ein Roman sich mit erzählerischer Kraft auch in verschiedenen Verästelungen von Figuren-Geschichten einen Spannungsbogen aufrecht erhalten kann, muss ein Theaterstück eigentlich stärker fokussieren. Bassam Ghazi konnte sich für seine Kölner Inszenierung allerdings von zu wenigen Nebensträngen trennen. Mindestens in die Erfahrungen von Ardas Schulfreunden hätte er vielleicht nicht mehr so tief einsteigen müssen. Zusammen mit den Textfragmenten der Darsteller wirkt das Stück so manchmal überfrachtet, lässt den roten Faden vermissen.
Energie des zeitüberspannenden Kollektivs © Sandra Then
Dann wieder wirkt es, als wäre genau das Programm: keinen roten Faden zu spinnen. Weil eine Biographie, vielleicht vor allem eine mit Migrationserfahrung, eben zerrissen und fragmentarisch sein kann. Der Abend lebt wie der Roman auch von Leerstellen: Über den Vater erfährt man wenig. Er war und ist eben abwesend, hat sich nur als "Vatermal" in das Gesicht des Erzählers eingeschrieben. Auch die Frage, ob der Brief an den Vater Heilung für Ardas Autoimmunkrankheit gebracht hat, lässt er offen. Einfach erzählen, frei von der Leber weg, und die Leber ist wieder gesund – so einfach ist es manchmal eben nicht. Und genau das beschert diesem tollen Abend noch mehr Glaubwürdigkeit, was bei der Premiere mit Jubel und Standing Ovations belohnt wird.
Vatermal
nach dem Roman von Necati Öziri
Regie: Bassam Ghazi, Bühne: Karolina Wyderka, Kostüm: Justine Loddenkemper, Choreografie: Bahar Gökten, Video: Viktoria Gurina, Lichtdesign: Jan Steinfatt, Dramaturgie: Dominika Široká.
Mit: Raphael Abilgaard, Safa Raif Akşit, Sadaf Alizada-Ahmed, Petrus Altun, Berfin Balta, Jalal Chafik, Ella Dexl, Voula Doulgkeridou, Ahmet İlker Ergin, Christopher Köberlein, Özlenim Meier, Timuçin Ökmen, Akua Saphia, Zoltán Selo, Maximilian Sitner, Rêzan Sönmez.
Premiere am 7. Februar 2025
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause
www.schauspiel.koeln
Kritikenrundschau
Hier fühlten sich "keine staatlich geprüften Fachkräfte in eine postmigrantische Story ein, hier repräsentiert die diverse Gesellschaft sich selbst – was auch ein deutlicher Hinweis darauf ist, wie vergleichsweise wenig divers die meisten Theaterensembles in Deutschland immer noch sind", meint Christian Bos im Kölner Stadtanzeiger (10.2.2025). "Der Regisseur nutzt den ganzen Werkzeugkasten (…), aber er stellt ihn so geschickt in den Dienst des Ensembles und der Story, dass er nahezu unsichtbar bleibt."
"Es gibt sie, diese Theaterabende, denen man als Publikum gebannt und entsprechend angespannt folgt, um am Ende aufzuspringen, um seiner Begeisterung den nötigen Ausdruck zu verleihen", jubelt Axel Hill in der Kölnischen Rundschau (10.2.2025). "Ja, auf dem Weg vom Buch zur Bühnenfassung bleibt manches nur angedeutet, anderes bleibt ganz auf der Strecke." Im Depot falle das aber "nicht weiter ins Gewicht", so der Kritiker. "Über solche Unebenheiten wird einfach energiegeladen hinweggespielt!"
"Während die Erstaufführung des Romans am Maxim Gorki Theater auf ein sehr kleines Ensemble setzte, gelingt es der Kölner Inszenierung mit der großen Gruppe teils sehr begabter, durchweg selbstbewusst aufspielender und klug inszenierter Menschen, einen vielschichten Kosmos zu entwickeln, schreibt Detlev Baur in der Deutschen Bühne (8.2.2025). "Sympathie und Verständnis entsteht so für alle Konfliktparteien."
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